Sak Tahn Waax (klassisches Maya, etwa „weißbrüstiger Fuchs“; hieroglyphische Schreibung SAK-TAHN-wa-xi) ist der Name einer Person des späten 8. Jahrhunderts, der eine astronomisch-kalendarische Rechenformel aus der Maya-Ruinenstätte Xultún im nordöstlichen Guatemala ausdrücklich zugeschrieben wird. Die als „Text 19“ bezeichnete, mit schwarzer Farbe auf die Ostwand des Gebäudes 10K-2 gemalte Inschrift verbindet fünf Kalenderdaten zu einer Berechnung von insgesamt 2920 Tagen und schließt mit einer Autorennennung. Nach der 2026 vorgelegten Entzifferung durch Franco D. Rossi, David Stuart und Heather Hurst ist dies der bislang einzige bekannte Fall, in dem im Maya-Tiefland der klassischen Periode (250–900 n. Chr.) eine mathematisch-astronomische Arbeit namentlich einem Urheber zugeordnet wird.

Überlieferung

Fundort und Kontext Die Inschrift befindet sich in einer kleinen Steinkammer, die als Struktur 10K-2 bezeichnet wird und 2010 im Rahmen des Proyecto Regional Arqueológico San Bartolo–Xultun freigelegt wurde. Die vier Innenwände der Kammer sind mit Darstellungen sitzender und kniender Männer unterschiedlichen Alters und Ranges bemalt, die durch beigeschriebene Hieroglyphentexte den Titel taaj („Obsidian“) tragen; in einer Nische der Nordwand ist der Xultún-Herrscher Yax We’n Chan K’inich abgebildet. Über die Wandmalereien hinweg wurden später zahlreiche kleinformatige „Mikrotexte“ aufgebracht, teilweise auf neu aufgetragenen Kalkputzflicken. Insgesamt sind rund 52 solcher Texte bekannt, darunter eine Mondtafel, eine sogenannte Ringzahl sowie Kolumnen sehr großer Zahlen; sie befassen sich überwiegend mit der Mechanik von Himmelszyklen und deren Abstimmung auf die Kalender.

Inhalt und Anlage dieser Texte sowie in der Kammer und ihrem Umfeld gefundene Geräte zur Papierherstellung sprechen dafür, dass der Raum in der Mitte des 8. Jahrhunderts als Arbeits- und Ausbildungsraum von Spezialisten diente, die Faltbücher (Codices) herstellten. Keramik- und Radiokohlenstoffdatierungen weisen auf eine Nutzung des Hausbereichs etwa zwischen 650 und 950 n. Chr. hin.Franco D. Rossi, William A. Saturno, Heather Hurst: Maya codex book production and the politics of expertise. Archaeology of a Classic period household at Xultun, Guatemala. In: American Anthropologist. Band 117, Nr. 1, 2015, S. 116–132. Die Kammer wurde vermutlich noch im mittleren bis späten 8. Jahrhundert verfüllt und blieb dadurch erhalten.

Dokumentation und Entzifferung Der Erhaltungszustand der bemalten Kalkputzflächen ist wegen Wurzelwuchs, Wassereintrag und geringer Überdeckung insgesamt schlecht; die Kammer wurde nach Abschluss der Dokumentation zum Schutz wieder verfüllt. Text 19 wurde mit einem Flachbettscanner bei 400 dpi erfasst, zusätzlich fotografisch, im Infrarotbereich und multispektral aufgenommen sowie mit einer Software nachbearbeitet. Auf dieser Grundlage konnten elf Glyphenblöcke unterschieden und ein Teil der stark abgeriebenen Zeichen anhand der Regeln der Maya-Kalenderrechnung rekonstruiert werden.

Text 19

Aufbau Text 19 steht in der Mitte der Ostwand und besteht aus elf Glyphenblöcken, die in Form eines um 180° gedrehten „L“ angeordnet sind. Die Inschrift ist rund 192 mm hoch; ihre Breite beträgt an der untersten Glyphe etwa 28 mm und im oberen Bereich etwa 80 mm. Auf eine Folge von fünf Datumsangaben, die durch Distanzzahlen verbunden sind, folgen zwei nichtkalendarische Glyphen mit der Autorennennung.

Inhalt der Formel Die Gesamtsumme der Formel beträgt 2920 Tage (in Maya-Notation 8.3.0). Dieser Wert ist das kleinste gemeinsame Vielfache der synodischen Periode der Venus von 584 Tagen und des 365-tägigen Haab-Jahres; er entspricht acht Sonnenjahren und fünf Venusperioden und ist aus zahlreichen Maya-Inschriften sowie aus den Venustafeln der Dresdner Maya-Handschrift bekannt. Das Besondere an Text 19 ist nicht dieser Zyklus selbst, sondern seine Unterteilung: Innerhalb der 2920 Tage werden sechs weitere Zeiteinheiten sichtbar gemacht, nämlich der Uinal (20 Tage), der Tzolkin (260 Tage), der Tun (360 Tage), das Haab-Jahr (365 Tage), das Venusjahr (584 Tage) und das Marsjahr (780 Tage).

Die rekonstruierte Datenfolge lautet: Ausgehend von 4 Akbal 6 Muan führt ein Intervall von einem Uinal (20 Tage) zu 11 Akbal 6 Pax, von dort ein Intervall von 13 Uinal – also 260 Tage oder ein vollständiger Tzolkin – zu 11 Akbal 1 Zac. Der Abstand zum folgenden Datum 11 Akbal 1 Pax beträgt 1560 Tage und entspricht zwei synodischen Perioden des Mars von je 780 Tagen; dass die Gelehrten von Xultún mit diesem Zyklus rechneten, belegen weitere Zahlenkolumnen an der Nordwand derselben Kammer. Eine abschließende Distanzzahl von drei Tun (1080 Tage) führt zum Enddatum 12 Akbal 6 Muan, das im Haab-Kalender auf denselben Tag fällt wie der Beginn der Rechnung.

Mehrfach verzichtete der Schreiber auf die Wiederholung bereits genannter Tzolkin-Positionen und an einer Stelle auch auf die Angabe einer Distanzzahl – Kürzungen, wie sie in der Maya-Schrift häufig vorkommen und die Teil der Rekonstruktion sind. Die Koeffizienten der aufeinanderfolgenden Intervalle steigen in der Reihe 1, 1, 2, 3 an, was formal einer Fibonacci-Folge entspricht; die Autoren weisen jedoch ausdrücklich darauf hin, dass unbekannt ist, ob dieses Muster den Maya-Rechnern bewusst war. Auch die Beschränkung des mathematischen Teils auf neun Glyphen halten sie für möglicherweise absichtsvoll, da der Zahl Neun im Denken der Maya besondere Bedeutung zukam.

Datierung Aus den erhaltenen Kalenderangaben, den Distanzzahlen und der Paläographie der gemalten Zeichen wird als Anfangsdatum der Formel die Lange Zählung 9.17.10.17.3, 4 Akbal 6 Muan geschlossen. Dies entspricht dem 7. November 781 n. Chr. des julianischen bzw. dem 11. November 781 des gregorianischen Kalenders.

Die Namensnennung Die beiden letzten Glyphenblöcke enthalten keine Kalenderangaben. Der erste ist che-he-na (cheheen) zu lesen, ein aus anderen Maya-Inschriften bekanntes Zitatpartikel mit der Bedeutung „so sagt (es)“.Nikolai Grube: Speaking through stones. A quotative particle in Maya hieroglyphic inscriptions. In: Sabine Dedenbach-Salazar Sáenz u. a. (Hrsg.): 50 years of Americanist studies at Bonn. Anton Saurwein, Markt Schwaben 1998, S. 543–558. Darauf folgt der Personenname SAK-TAHN-wa-xi, Sak Tahn Waax, übersetzt „weißbrüstiger Fuchs“. Die Schlussformel wird daher als Zuschreibung der vorangehenden Rechnung an diese Person verstanden.

Offen bleibt, ob Sak Tahn Waax die Formel selbst berechnet und aufgemalt hat oder ob ein anderer Schreiber sie unter Berufung auf einen bekannten Fachmann festhielt. In beiden Fällen liegt nach Einschätzung der Bearbeiter eine direkte persönliche Zuschreibung mathematisch-astronomischer Arbeit vor, die im bekannten Bestand klassischer Maya-Texte ohne Parallele ist. Da mehrere Texte der Kammer stilistisch derselben Hand zugeordnet werden können, wäre Sak Tahn Waax gegebenenfalls auch der Urheber weiterer Inschriften des Raumes.

Einordnung und Bedeutung Hieroglyphentexte der klassischen Maya-Zeit berichten überwiegend von Herrschern, Höflingen und Gottheiten; Aufzeichnungen mit rein funktionalem oder alltäglichem Charakter sind selten. Im 8. Jahrhundert begannen Maler und Bildhauer vermehrt, ihre Werke zu signieren, doch war bis zur Entzifferung von Text 19 keine entsprechende Nennung für einen Mathematiker oder Astronomen bekannt. Bezeichnungen wie „Mathematiker“ oder „Astronom“ sind dabei moderne Hilfsbegriffe, die es in dieser Form bei den klassischen Maya nicht gab.

Warum gerade Text 19 mit einer Zuschreibung versehen wurde, ist unklar. Als Erklärung wird erwogen, dass es sich – anders als bei den übrigen, meist fragmentarischen Rechenhilfen des Raumes – um eine in sich geschlossene und auf andere 2920-Tage-Abschnitte übertragbare Formel handelt, deren ungewöhnliche, beinahe spielerische Anordnung als eigenständige gedankliche Leistung galt.

Literatur

Franco D. Rossi, William A. Saturno, Heather Hurst: Maya codex book production and the politics of expertise. Archaeology of a Classic period household at Xultun, Guatemala. In: American Anthropologist. Band 117, Nr. 1, 2015, S. 116–132.

Weblinks Franco D. Rossi, David Stuart, Heather Hurst: The identification and work of an eighth-century Maya mathematician – Volltext bei Cambridge Core (englisch)

Einzelnachweise

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