Apocorophium lacustre ist eine in Süß- und Brackwasser verbreitete Flohkrebsart in Europa und Nordamerika. Die nur bis zu sechs Millimeter großen Tiere leben vorwiegend auf festen Substraten vor allem im Brackwasser und bauen dort Schlammröhren. Sie ernähren sich von Nahrungspartikeln in einem Wasserstrom, den sie mit ihren Schwimmbeinen am Hinterleib, den Pleopoden, erzeugen.

Vor allem in den Vereinigten Staaten breitet sich die Art über ihr ursprüngliches Verbreitungsgebiet in den Ästuaren der Küsten als Neozoon in Flüssen und vor allem dem Mississippi-Flusssystem in Richtung der Großen Seen aus, aber auch in Europa ist sie vor allem in der salzbelasteten Werra als Neozoon zu finden.

Merkmale Apocorophium lacustre erreicht eine Körperlänge von etwa sechs Millimetern. Der Körper ist annähernd zylindrisch und wie bei anderen Corophiidae etwas dorsoventral abgeflacht, anders als viele seitlich stark zusammengedrückte Flohkrebse wirkt die Art daher im Querschnitt vergleichsweise rundlich. Er ist weißlich bis nahezu farblos, der Rücken erscheint grau bestäubt, besonders in der Mitte der Segmente, so dass Querbinden entstehen, in denen noch dunklere Pigmentflecke auftreten können.

mini|links|Details zur Morphologie des Männchens: Abb. 1: letzte Abdominalsegmente, Abb. 2: erste Antenne, Abb. 3: zweite Antenne, Abb. 4: Endklaue des 2. Gnathopoden; aus Vanhöffen 1911 Der Kopf trägt kleine, ungestielte schwarze Augen auf seitlichen Kopflappen sowie ein dreieckiges Rostrum, das bei den Männchen deutlicher hervortritt. Zwischen den Augen existiert ein pigmentierter Strich. Die beiden Antennenpaare unterscheiden sich deutlich und zeigen zudem einen ausgeprägten Geschlechtsdimorphismus. Auffällig ist insbesondere das große, beinartig ausgebildete zweite Antennenpaar, durch das sich die Art bereits äußerlich von vielen anderen Flohkrebsen unterscheiden lässt. Bei adulten Weibchen trägt das erste Stielglied der ersten Antenne eine einzelne kräftige ventrale Borste, während dorsomediale kräftige Borsten fehlen. Das vierte Stielglied der zweiten Antenne besitzt keine kräftigen Borsten. Bei den Männchen ist das erste Antennenpaar dichter beborstet und das zweite Antennenpaar ist stärker umgebildet: Am vierten Stielglied befinden sich distal ein großer und ein kleiner Fortsatz, am fünften Stielglied liegt ein kleiner proximaler Fortsatz.

Das erste Paar der Gnathopoden besitzt eine quer verlaufende, gleichmäßig konvexe Palma als Kontakt- und Schließkante des Propodus, gegen die der Dactylus geklappt wird. Bei den Weibchen sind die Endglieder der dritten und vierten Peraeopoden kürzer als Carpus und Propodus zusammengenommen, wodurch sich A. lacustre neben den Antennenmerkmalen unter anderem von der ähnlichen Art Apocorophium simile unterscheiden lässt, bei der der Dactylus länger ist. Wie andere Ranzenkrebse besitzen die Weibchen an der Bauchseite Oostegite, die gemeinsam einen Brutraum, das Marsupium, bilden. Darin werden die Eier getragen.

Das Pleon entspricht grundsätzlich dem sechssegmentigen Hinterleib der Amphipoden. Besonders charakteristisch ist bei A. lacustre das Urosom, also der hintere Abschnitt des Pleon. Seine drei Segmente sind miteinander verschmolzen und seitlich befindet sich eine deutliche Längsleiste. Anders als bei nahe verwandten Arten gibt es an der durch die Verschmelzung gebildeten Abdominalplatte keinen Ausschnitt für das erste Uropodenpaar, die ersten beiden Uropodenpaare setzen überwiegend ventral an und die Abdominalplatte ist in ihrer ganzen Länge ziemlich gleich breit, schwach gerundet an den Seiten und zeigt nur je zwei kurze lappenartige Vorsprünge am hinteren Ende, wo das zweite und dritte Uropodenpaar eingelenkt sind, während die Einlenkung des ersten Uropoden verdeckt ist. Der Stiel des ersten Uropoden trägt am Außenrand sieben bis acht kräftige Borsten und am Innenrand eine einzelne distale kräftige Borste. Am Stiel des zweiten Uropoden befinden sich außen drei bis fünf Borsten und innen eine distale kräftige Borste. Das Telson ist klein und schmal und hat am Ende einen herzförmigen Ausschnitt, der an den Seiten von Zähnchen tragenden Rändern begrenzt wird.

Verbreitung Das ursprüngliche Verbreitungsgebiet der Art umfasst küstennahe Brackwassergebiete auf beiden Seiten des Nordatlantiks. Die Art wurde ursprünglich aus dem Frischen Haff beschrieben und kommt außerdem in Teilen der Ostsee, der Nordsee und des Ärmelkanals vor. An der nordamerikanischen Atlantikküste reicht ihr als natürlich angesehenes Verbreitungsgebiet von der Bay of Fundy bis zum Ästuar des St. Johns River in Florida.

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich A. lacustre sowohl in Europa wie auch in Nordamerika in neue Gewässersysteme ausgebreitet. In Deutschland wurde die Besiedlung der Werra mit der vor allem aus den durch Abwässer der Kaliindustrie erhöhten Salzbelastung des Flusses in Verbindung gebracht. Bei einer Auswertung von Monitoringdaten aus den Jahren 2007 bis 2009 gehörte die Art gemeinsam mit dem Getigerten Flohkrebs (Gammarus tigrinus) und der Neuseeländischen Zwergdeckelschnecke (Potamopyrgus antipodarum) zu den gebietsfremden Arten, die für Standorte mit hohem Salzgehalt und entsprechender elektrischer Leitfähigkeit charakteristisch waren. Die anthropogene Versalzung gilt deshalb als ein wesentlicher Faktor, der die Ansiedlung und Ausbreitung der Arten in der Werra begünstigt hat.

In den Vereinigten Staaten ist die Art spätestens seit 1982 auch im Golf von Mexiko etabliert und wurde später in das Einzugsgebiet des Mississippi eingeschleppt, wo sie ab 1987 nachgewiesen wurde. Zu diesem Zeitpunkt war die Art bereits etwa 820 Kilometer flussaufwärts von der Mündung verbreitet und erreichte örtlich Dichten von bis zu 38.937 Individuen je Quadratmeter. Anschließend breitete sie sich rasch in großen Teilen des Einzugsgebiets des Mississippi aus. Die frühe Ausbreitung im Ohio- und Mississippi-System erfolgte offenbar in mehreren sprunghaften Schritten. Nach ersten Funden im unteren Ohio River im Jahr 1996 wurde die Art bereits im folgenden Jahr weit flussaufwärts nachgewiesen. Den Illinois River erreichte die Art spätestens 2003. Untersuchungen aus den Jahren 2004 bis 2006 wiesen im Ohio River und im oberen Mississippi adulte Männchen, eiertragende Weibchen und Jungtiere nach. Dies belegte sich fortpflanzende Populationen und deutete auf eine dauerhafte Etablierung hin. Die Ausbreitung erfolgte offenbar in sprunghaften, wahrscheinlich durch den Schiffsverkehr verursachten Ferntransporten. Von neu besiedelten flussaufwärts gelegenen Abschnitten breitete sich die Art anschließend überwiegend flussabwärts aus. Im oberen Mississippi lebte sie vor allem auf größeren Steinen und Totholz, im Ohio River dagegen überwiegend auf Sand und Totholz, was auf eine flexible, vom verfügbaren Substrat abhängige Habitatnutzung hinweist.

Im Jahr 2005 wurde sie im Dresden Island Pool des oberen Illinois River nachgewiesen, weniger als 100 Flusskilometer vom Michigansee entfernt. Da sich die Tiere an Schiffsrümpfen anheften können, gilt die Verschleppung durch den Boots- und Schiffsverkehr als wahrscheinlichster Ausbreitungsweg innerhalb des Flusssystems. Besondere Aufmerksamkeit gilt einer möglichen weiteren Ausbreitung von A. lacustre im Illinois River, da das Chicago Area Waterway System eine direkte Kanalverbindung zu den Großen Seen herstellt, wobei das Wasser vom Michigansee über verschiedene weitere Flüsse in Richtung des Illinois River fließt; vom Dresden Island Pool müssten nur noch etwa 100 Kilometer Wasserwege bis zum Michigansee überwunden werden. Eine 2024 veröffentlichte Untersuchung mit Besiedlungssammlern an 370 Standorten des Illinois Waterway wies A. lacustre in dessen sechs unteren Stauhaltungen nach. Dort war die Art zu dem Zeitpunkt der häufigste erfasste Flohkrebs. Oberhalb des Dresden Island Pool wurde sie weiterhin nicht gefunden; innerhalb dieses Staubereichs lag der oberste Nachweis jedoch etwa elf Flusskilometer weiter flussaufwärts als bei früheren Untersuchungen.

Lebensraum und Lebensweise Apocorophium lacustre kommt überwiegend im Brackwasser von Ästuaren vor, kann dort jedoch bis in vollständig süßwassergeprägte Bereiche vordringen und sich dort etablieren. Sie ist entsprechend euryhalin und kommt vom Süßwasser bis in Brackwasser mit Salzgehalten von etwa 30 ‰ vor, wobei sie überwiegend salzarme Gewässerbereiche besiedelt. Die Fundorte lagen in der Regel in Wassertiefen von weniger als einem Meter bis zu etwa 10 Metern Wassertiefe. Sie errichtet Schlammröhren auf festen Substraten, Wasserpflanzen und anderen untergetauchten Oberflächen. In Flüssen wird die Art vor allem auf Steinen, Geröll und Totholz nachgewiesen, kann jedoch auch sandige Böden sowie Kolonien von Dreikantmuscheln besiedeln. Nachweise liegen aus Gewässern mit mittleren Temperaturen von etwa 1 bis 31,4 °C und Sauerstoffkonzentrationen von 1,2 bis 6,9 mg/l vor.

Bei einer Untersuchung des Illinois Waterway war die Häufigkeit der Art positiv mit der Wassertemperatur und mit der Nähe zum jeweils flussabwärts gelegenen Wehr verbunden. Negative Zusammenhänge bestanden mit der Wassertrübung, der Konzentration fluoreszierender gelöster organischer Substanz und der Dichte der Wasservegetation. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass neben der Wasserqualität und dem Nahrungsangebot auch die durch Stauanlagen veränderten Habitatbedingungen die räumliche Verteilung der Art beeinflussen. Experimentelle Untersuchungen deuten zudem darauf hin, dass bislang vor allem die belastete Wasserqualität im Chicago Sanitary and Ship Canal die weitere Ausbreitung begrenzt. Elektrische und mit Kohlendioxid arbeitende Barrieren zeigten erst bei praktisch kaum einsetzbaren Intensitäten eine deutliche Wirkung.

Ernährung Die Art ernährt sich als Filtrierer und ist ein Suspensions-, Detritus- und Oberflächenablagerungsfresser von Bakterien, Protozoen, Algen und Detritus. Durch Bewegungen der Pleopoden erzeugt das Tier in seiner Wohnröhre einen Wasserstrom. Schwebende Nahrungspartikel werden mit beborsteten Filterstrukturen an den zweiten Gnathopoden aus dem Wasser zurückgehalten. Der Abstand zwischen den Filterborsten betrug bei untersuchten Populationen etwa 1,4 bis 5,8 Mikrometer. Die Maschenweite nahm tendenziell mit der Körpergröße zu und unterschied sich zwischen den untersuchten Populationen.

Ökologie Im Ostseeraum überschneidet sich die trophische Nische der Art insbesondere mit derjenigen des eingeschleppten Süßwasser-Röhrenkrebses (Chelicorophium curvispinum). Beide Arten besiedeln bevorzugt feste Substrate und nutzen Nahrungspartikel ähnlicher Größe. Dies deutet auf eine mögliche Konkurrenz um Nahrung und Besiedlungsraum hin.

A. lacustre dient seinerseits verschiedenen wirbellosen Räubern und Fischen als Nahrung; im mittleren Mississippi bildete sie zeitweise einen bedeutenden Anteil der Nahrung des Schaufelstörs (Scaphirhynchus platorynchus). Ein nachgewiesener Fressfeind ist der polyclade Strudelwurm Euplana gracilis. In Laborversuchen erbeutete er Apocorophium lacustre gezielt und drang dabei auch in dessen Wohnröhren ein. Die Röhren boten gegenüber diesem Prädator nur geringen Schutz. In einem Nebenästuar der Chesapeake Bay waren die Bestandsdichten beider Arten positiv miteinander korreliert, eine populationsbegrenzende Wirkung des Strudelwurms ist jedoch nicht nachgewiesen.

Fortpflanzung und Entwicklung Die Tiere sind getrenntgeschlechtlich, ihre Fortpflanzungsbiologie entspricht der anderer Amphipoden. Die Weibchen tragen Eier und Embryonen in einem an der Körperunterseite gelegenen Brutraum, dem Marsupium, aus dem kriechfähige Jungtiere schlüpfen.

Systematik