Gongqin () ist der Oberbegriff für unterschiedliche, mit dem Mund verstärkte einsaitige Musikbögen mehrerer indigener Völker in Taiwan, die traditionell von jungen Männern zur Brautwerbung und heute zur eigenen Unterhaltung vor allem von den Bunun (latuk), Amis (fusili), Tsou (yutngotngo), den Paiwan (ljaljetjukan) und Rukai (tongaton) gespielt werden. Die aus einem gebogenen Bambusrohr oder -stab als Saitenträger bestehenden Mundbögen sind durchschnittlich 45 bis 65 Zentimeter lang. In den austronesischen Sprachen der einzelnen Völker werden sie mit eigenen Namen benannt. Einer Ausbreitungstheorie zufolge gehörten Mundbögen zu den Kulturgütern, die in prähistorischer Zeit von Taiwan nach Ozeanien mit der „austronesische Expansion“ genannten Besiedlung der Inseln gelangten. mini|hochkant=1.3|Links ein taiwanischer Mundbogen, wahrscheinlich ein latuk der Bunun, und rechts eine Bambusrahmenmaultrommel. Abbildung im ethnographischen Bericht, herausgegeben von einer japanischen Polizeibehörde, 1935

Herkunft und Verbreitung Musikbögen kommen heute in Subsahara-Afrika und dort besonders bei den Khoisan und anderen Völkern im südlichen Afrika (etwa umqangala und mtyangala), auf dem amerikanischen Kontinent (berimbau in Brasilien), in Ozeanien (Mundbogen ʻukēkē auf Hawaii) und vereinzelt in Indien vor (viladi vadyam in Südindien, dhankul in Zentralindien). In China sind und waren Musikbögen unbekannt, ebenso in Zentral- und Nordasien, mit Ausnahme weniger nahezu verschwundener Mundbögen bei einigen Völkern in Sibirien und dem kon-kon der Mari, dem einzigen im europäischen Teil Russlands gespielten Mundbogen. Der seltene japanische Musikbogen azusa yumi wird nur bei Ritualen der Shintō-Religion verwendet. Sein Stab liegt beim Spiel zur Klangverstärkung waagrecht auf einem Resonanzkasten.

In Afrika gelten kalebassenverstärkte Musikbögen und besonders Mundbögen gänzlich oder überwiegend als Musikinstrumente der Frauen,Ulrich Wegner: Musikbögen und Musikstäbe. III. Instrument und Gesellschaft. In: MGG Online, November 2016 auch auf den anderen Kontinenten gehören sie meist zur weiblichen Sphäre. Curt Sachs (1928) erwähnt als Beispiele Ostafrika, südliches Afrika, Mexiko, Neuguinea und die Salomonen. Diese Vorstellung wird durch entsprechende Ursprungsmythen gefestigt.Vgl. Werner Danckert: Wesen und Ursprung der Tonwelt im Mythos. In: Archiv für Musikwissenschaft, 12. Jahrgang, Heft 2, 1955, S. 97–121, hier S. 110

mini|Ein Bunun-Mann mit einem Jagdbogen (busul kavika, „Bogen und Pfeil“)Rik L.J. De Busser: Towards a grammar of Takivatan Bunun. Selected Topics. (Dissertation) La Trobe University, Bundoora, Victoria (Australien) 2009, S. 507 aus einem etwa 1,5 Meter langen Bambusrohr, wesentlich größer und solider als der Bunun-Mundbogen. Pfeil aus Bambus mit Metallspitze. Aufnahme von 1927 Musikbögen mit einem gebogenen Saitenträger und Musikstäbe mit einem geraden Stab, deren Saite in der frühesten Form aus dem Stab selbst herausgeschnitten (idiochord) ist, gehören instrumentenkundlich, nach Verwendung und Alter zusammen und bilden die Gruppe der Stabzithern. Die häufig vermutete ursprüngliche Herkunft der Musikbögen aus Jagdbögen ist allenfalls bei gebogenen Instrumenten denkbar, aber unwahrscheinlich bei kleinen leichten Mundbögen und ausgeschlossen für die gesamte Instrumentengruppe.Vgl. Paul Collaer: Musikgeschichte in Bildern. Band I: Musikethnologie. Lieferung 1: Ozeanien. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1974, S. 154 Curt Sachs (1928) möchte daher Musikbögen auf die bis heute vereinzelt in Südostasien vorkommende Erdzither zurückführen.Curt Sachs: Geist und Werden der Musikinstrumente. Reimer, Berlin 1928 (Nachdruck: Frits A. M. Knuf, Hilversum 1965), S. 63

Eine historische Verbindung der taiwanischen Musikbögen mit dem ostasiatischen Festland lässt sich nicht aufzeigen. Lediglich einer Beschreibung zufolge könnten die Li, ein Minderheitenvolk auf der südchinesischen Insel Hainan, vor 1990 einen den taiwanesischen entsprechenden, aber kleineren Mundbogen ähnlich einer Maultrommel besessen haben.Yang Mu: On Musical Instruments of the Li People of Hainan (China). In: The World of Music, Band 39, Nr. 3, 1997, S. 91–112, hier S. 110

Taiwanische Mundbögen sind möglicherweise mit Mundbögen in Ozeanien verbunden. In Mikronesien, Westpolynesien und auf den zu Melanesien gehörenden Fidschi-Inseln fehlen Musikbögen fast völlig. Die Ausnahme ist ein Musikbogen mit einer Kalebasse als Resonanzkörper auf den zu Mikronesien gehörenden Marianen. Im übrigen Melanesien einschließlich Neuguineas kommen dafür vereinzelt Mundbögen vor.Ulrich Wegner: Musikbögen und Musikstäbe. II. Verbreitung. In: MGG Online, November 2016

Taiwan gilt als Urheimat der Austronesier, wie die Sprecher von über 1000 austronesischen Sprachen zusammenfassend bezeichnet werden. Die Austronesier haben sich der gängigen, in den 1980er Jahren eingeführten und auf linguistischen Untersuchungen basierenden Theorie zufolge in prähistorischer Zeit möglicherweise von Taiwan ausgehend (Out of Taiwan-Theorie) mit der „austronesischen Expansion“ nach Neuseeland, über die südostasiatischen Inseln und die zuvor unbesiedelten Inseln Ozeaniens bis nach Madagaskar verbreitet. Demnach erreichten ab 3000 v. Chr. indigene Völker Taiwans mit Segelbooten zunächst die Philippinen und danach entferntere Inseln. Gen-AnalysenVgl. Daniel Schütz: Strukturierung pazifischer Populationen im Kontext der Dynamik der Austronesischen Expansion. (Dissertation) Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, 2021 liefern weitere Daten zu diesen weitreichendsten prähistorischen Wanderungsbewegungen.J. Stephen Lansing, Murray P. Cox, Therese A. de Vet, Sean S. Downey, Brian Hallmark, Herawati Sudoyo: An ongoing Austronesian expansion in Island Southeast Asia. In: Journal of Anthropological Archaeology, Band 30, Nr. 3, September 2011, S. 262–272 (Abstract)

Zwar sind die „Austronesier“ ein primär linguistisches Konzept, für das aber auch ethnologische Beobachtungen, etwa die Verbreitung von Musikinstrumenten, herangezogen werden können. Während auf den südostasiatischen Inseln außergewöhnlich viele unterschiedliche Musikinstrumente und große Ensembles mit Perkussionsinstrumenten (Gamelan in Indonesien) gespielt werden, dominieren in China und Japan Ensembles mit Saiteninstrumenten und Blasinstrumenten. Demgegenüber verwendet die indigene Bevölkerung Taiwans nur wenige Musikinstrumente, die sie meist solistisch zur eigenen Unterhaltung oder bei Ritualen spielen. Melodien beschränken sich bei der Mehrheit der indigenen Gruppen auf drei bis vier Tonstufen, die einem mehrstimmigen Chorgesang zugrunde liegen.Die Existenz dieses Chorgesangs wurde 1952 durch Takamoto Kurosawa westlichen Musikethnologen bekannt, vgl. Curt Sachs: The Wellsprings of Music. Hrsg. von Jaap Kunst. Martinus Nijhoff, Den Haag 1962, S. 178 Nur diese Musik konnten die ersten Migranten nach Ozeanien mitführen. Musikalische Bindeglieder für die gesamte Region sind Rahmenmaultrommeln, die sich mutmaßlich von Südchina und Taiwan über Südostasien (genggong) und Melanesien (susap) verbreitet haben, ebenso kleine Schlitztrommeln aus Bambus und Stampfrohre.Roger Blench: Musical aspects of Austronesian culture. Paper für: European Association of Southeast Asian Archaeologists 10th International Conference, London 14–17 September 2004, 2004, S. 1–10, hier S. 1f, 7

Maultrommeln, Bambusschlitztrommeln, Stampfrohre, Mundbögen und mehrstimmiger Chorgesang in Ozeanien gehören Roger Blench (2006) zufolge demnach zum frühen Erbe aus Taiwan. Der in Ozeanien singuläre Kalebassen-Musikbogen (belembao) der Chamorro auf den Marianen wurde später eingeführt. Nach der Datierung archäologischer Funde erfolgte die Besiedlung der Marianen Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr.Michael Clement: Micronesia. IV. Mariana Islands. 1. Northern Mariana Islands. In: Grove Music Online, 2001: früheste Radiokarbondatierung von Artefakten der Chamorro um 1500 v. Chr. Ein solcher Musikbogen wird ansonsten in der Region bis heute nur von einer indigenen Bevölkerungsgruppe auf der nordphilippinischen Insel Luzon gespielt. Der in Taiwan nicht vorkommende Kalebassen-Musikbogen scheint daher für Roger Blench (2006) mit den ersten Migranten von den Nordphilippinen auf die Marianen gelangt zu sein.Eine indirekte Herkunft aus Indien im 1. Jahrtausend n. Chr. ergäbe sich, wenn der spieltechnisch unter anderem der kambodschanischen kse diev und der Stabzither suleppe von Halmahera entsprechende belembao mit der indischen tuila in Verbindung gebracht wird. Vgl. Henry Balfour, 1899, S. 70f; Walter Kaudern: Ethnographical studies in Celebes: Results of the author’s expedition to Celebes 1917–1920. III. Musical Instruments in Celebes. Elanders Boktryckeri Aktiebolag, Göteborg 1927, S. 298, 301. Michael Clement (2001) hält des Weiteren eine Einführung des belembao aus Südostasien oder aus Afrika über Südamerika (berimbau), das heißt erst ab dem 16. Jahrhundert, für möglich. So auch: Belembaotuyan. Guampedia Der Mundbogen ʻukēkē auf Hawaii und die anderen Musikbögen Polynesiens sind mit denen in Taiwan nicht verwandt.Hans Fischer: Polynesische Musikinstrumente: Innerpolynesische Gliederung – außerpolynesische Parallelen. In: Zeitschrift für Ethnologie, Band 86, Heft 2, 1961, S. 282–302, hier S. 292 Ebenso stehen die philippinischen Musikbögen und die wenigen Mundbögen in der Musik Neuguineas, die dort nur im zentralen Bergland vorkommen und daher ebenfalls als alt gelten, nicht in einer Beziehung.Roger Blench: Musical instruments and musical practice as markers of the Austronesian expansion post-Taiwan. In: Proceedings of the 18th Congress of the Indo-Pacific Prehistory Association, Manila, Philippines, 20 to 26 March 2006. Revised version, Cambridge, Januar 2007, S. 1–13, hier S. 7, 11

Als Weiterentwicklung des einfachen Mundbogens erscheint ein Mundbogen mit zwei Saiten, von denen eine mit einer Stimmschlinge in der Mitte an den Bogen herangezogen ist. Ein solches Instrument namens pangolo war bis Ende des 19. Jahrhunderts, als es durch Maultrommeln abgelöst wurde, auf Neubritannien gebräuchlich.Henry Balfour, 1899, S. 73f Von den mutmaßlich auf alte Migrationsbewegungen aus Taiwan zurückgehenden Mundbögen sind Musikstäbe in Form von idiochorden Bambusröhrenzithern (wie die philippinische kolitong) zu unterscheiden, die in jüngerer Zeit von Indonesien zu einigen westlichen Inseln Ozeaniens gelangten.Hans Fischer: Schallgeräte in Ozeanien. Bau und Spieltechnik – Verbreitung und Funktion. (Sammlung musikwissenschaftlicher Abhandlungen, Band 36). Verlag Heitz, Baden-Baden 1958, S. 36

Gemäß der generellen Entwicklungslinie der Saiteninstrumente von einfacheren zu komplexeren Formen stellt Rault-Leyrat (1989) die taiwanischen Mundbögen an den Beginn der Entwicklung hin zu den einsaitigen chinesischen Kastenzithern duxianqin (auch yixianqin) der Zhuang und anderer Ethnien, die in der südostchinesischen Provinz Guangxi leben. Deren vietnamesische Entsprechung ist die Kastenzither đàn bầu. Diese Kastenzithern mit einer an einem elastischen Stab befestigten Saite stellen ein Bindeglied zu den chinesischen Wölbbrettzithern (guzheng) darLucie Rault-Leyrat: Autour du zheng. Un essai de filiation de quelques cithares d’Asie orientale. In: Cahiers d’ethnomusicologie, Band 2, 1989, S. 63–73, hier S. 65 und sind auch als Weiterentwicklung der Erdzither vorstellbar.

Wortbedeutung mini|hochkant|Eine Bunun-Frau spielt einen Mundbogen latuk, 2017 Chinesische Sprache