Saint-Martin-de-Ré ist eine französische Gemeinde mit Einwohnern (Stand ) an der französischen Atlantikküste im Département Charente-Maritime. Sie liegt auf der Insel Île de Ré.
Geschichte Die Geschichte der historischen Hauptstadt der Île de Ré begann mit einem kleinen Dorf im 10. Jahrhundert,Tourismusbüro Destination Île de Ré: SAINT-MARTIN-DE-RÉ, UNESCO-Weltkulturerbe dem 1212 das Stadtrecht zuerkannt wurde.Réseau des sites majeurs Vauban: Saint-Martin-de-Ré
Im Mittelalter bildet der Hafen den Mittelpunkt der Stadt und war Ausgangspunkt für den Export von Wein und Salz und den Import von Getreide und Holz. Die gesamte Île de Ré war jedoch auch während des Hundertjährigen Krieges zwischen Engländern und Franzosen ein umkämpftes Gebiet und „wurde zu einem strategischen Standort für die französische Seeverteidigung gegen die englischen und protestantischen Ideen, die sich im 16. Jahrhundert verbreiteten“.
Im Zuge dieser Auseinandersetzungen wurde 1625 unter Ludwig XIII. mit dem Bau der ersten modernen Befestigungsanlage in Saint-Martin begonnen, die im Frühjahr 1627 fertiggestellt wurde.
mini|Tafel zum Gedenken an Jean de Saint-Bonnet de Toiras an der heutigen Zitadellenmauer Kurz nach der Fertigstellung wurde die Zitadelle ihrer ersten Bewährungsprobe ausgesetzt. Am 10. Juli 1627 landete in Saint-Martin der Herzog von Buckingham mit 5.000 Soldaten und 100 Reitern zur Unterstützung der französischen Protestanten in La Rochelle.
Die Franzosen konnten sich unter dem Kommando von Marschall de Toiras behaupten und schlugen schließlich die Engländer in die Flucht.
Um die Zufahrten nach La Rochelle und Rochefort vor feindlichen Angriffen zu schützenChemins de Mémoire: Die Befestigungsanlagen von Saint-Martin-de-Ré, entstanden 1672 erste Pläne für einen besseren Schutz von Saint-Martin, die aber zunächst nicht verwirklicht wurden. Auf sie griff aber 1681 der Ingenieur François Ferry (1649–1701) zurück, der sie in modifizierter Form und unter der Leitung von Sébastien Le Prestre de Vauban in die Arbeiten zur Befestigung der Stadt und der Erneuerung Zitadelle einfließen ließ.
Faktisch führten die bis 1685 durchgeführten Arbeiten zu einem Neubau der Zitadelle und einer rundum Befestigung der Stadt. „Die quadratisch angelegte Zitadelle, die an Stelle einer Festung aus dem Jahr 1627 errichtet wurde, nimmt den östlichen Teil der Stadt ein. Ihr Verteidigungssystem besteht aus vier Bastionen, drei Außenwerken und einem Vorwerk, die von einem Graben und einem überdachten Wehrgang umgeben sind. Sie verfügte über ein Arsenal, Lebensmittellager und Pulvermagazine, Kasernen und Offiziersunterkünfte... Zum Meer hin kann man die Zitadelle über einen kleinen befestigten Hafen verlassen.“Die Zitadelle wird „in etwa zweihundert Metern Entfernung von einer großen Kaserne flankiert […]. Beide sind eins mit den Stadtmauern, die die Stadt schützen.“Jean-Marie Renouard: Le grand secret de l'île de Ré In einer Broschüre des Musée Ernest Cognacq heißt es, die Zitadelle sei „eine Stadt in der Stadt, eine kleine Festung, die in die Gesamtheit der Festung integriert ist und die Überwachung der Stadt gewährleistet, aber auch als letzter Verteidigungspunkt im Falle einer Belagerung dient. Sie wurde als autonome Festung konzipiert und beherbergt die 1400 Soldaten der Garnison.“Musée Ernest Cognacq: Les Fortifications de Saint-Martin-de-Ré. „La citadelle est une ville dans la ville, petite forteresse intégrée à l’ensemble de la place forte qui permet d’assurer la surveillance de la ville mais aussi d’en être l’ultime point défensif en cas de siège. Conçue pour être autonome, elle accueille les 1400 soldats de la garnison, dispose de son puits, son arsenal et son magasin à poudre. La citadelle est desservie par le petit port fortifié qui lui fait face, destiné uniquement aux petites embarcations en cas de conflit.“ Die für die Befestigung der Stadt realisierte „Anlage verfügt über einen weiten Festungsgürtel, der die Bevölkerung der Insel aufnehmen kann, d. h. etwa 16 000 Bewohner einschließlich des Viehs, und in dem im Fall eines feindlichen Angriffs Lebensmittel und Viehfutter untergebracht werden können. Es besteht zur Landseite als kreisförmige Anlage aus Bastionen, Halbbastionen mit Bollwerksohren, Außenwerken und einem Vorwerk. Zwei monumentale Tore, die Porte Toiras und die Porte des Campani, bilden die Eingänge. Die auch von einem Graben und einem Wehrgang gesäumte Anlage ist im Übrigen von einem Glacis mit einer nach der Außenseite der Wälle einen Kanonenschuss weit geneigten Fläche umgeben.“
Die Befestigungsanlagen von Saint-Martin bilden einen Halbkreis mit einem Radius von 1,5 km und einer Länge von mehr als 14 km. Sie sind bis heute in intaktem Zustand und gehören seit 2008 zusammen mit anderen Werken in ganz Frankreich zum UNESCO-Weltkulturerbe „Festungsanlagen von Vauban“. Über die weitere Entwicklung der Stadt liegen nur wenige belastbare Informationen vor. Am 15. und 16. Juli 1696 sei Saint-Martin durch eine englisch-niederländische Flotte beschossen wordenZUM: Die Festungen Vaubans – Saint Martin de Ré, und die Stadt sei „einst eine mächtige Militärhochburg“ gewesen. Bei Renouard dagegen heißt es, „dieses Flaggschiff der Militärarchitektur des 17. Jahrhunderts“ sei nie im Krieg eingesetzt worden und habe nur dem Zweck des Einsperrens gedient. Letzteres bezieht sich vermutlich hauptsächlich auf die Zitadelle und die Kaserne, die im 19. Jahrhundert in ein Gefängnis umgewandelt wurden. Der Ort Saint-Martin scheint von da an eine eigene Entwicklung genommen zu haben.
Der Gefängnis- und Internierungsort Saint-Martin bis 1938 Bei der zuvor erwähnten Umwandlung in ein Gefängnis ist nicht klar, ob diese von Anfang an Zitadelle und Kaserne betraf oder nur die Kaserne, die zu Ehren von Marschall de Toiras den Namen Caserne Toiras trägt. Auf einer Webseite der Région Nouvelle-Aquitaine heißt es, dass „diese Kaserne […] bis zu ihrer Umwandlung in eine Strafvollzugsanstalt keine nennenswerten Veränderungen erfahren zu haben“ scheint.Patrimoine et Inventaire de Nouvelle-Aquitaine: Caserne Toiras (Suchbegriff: Caserne Toiras) Erste Umbauarbeiten sind für das Jahr 1835 dokumentiertMinistère de la Culture: Caserne Toiras, doch zum Beginn der Nutzung als Gefängnis gibt es keine genauen Angaben. Bei Schramm heißt es, die Nutzung der Zitadelle als Gefängnis habe 1871 begonnenHeinz Schramm: Spätsommerliche Reise zu ausgewählten Befestigungsanlagen der Ile de Ré, aber Renouard verweist auf bereits früher erfolgte Inhaftierungen:
Renouard legt Wert darauf, dass es nie eine Strafkolonie auf der Île de Ré gegeben habe; sondern nur ein kleines Gefangenenlager, das von etwa dreißig Beamten geführt wurde. Zweimal im Jahr seien hier für etwa zwanzig Tage Sträflinge vor ihrer Abreise nach Cayenne untergebracht worden. Die wohl bekanntesten Häftlinge aus dieser Epoche, die nach Schramm von 1898 bis 1938 dauerte, waren 1895 Alfred Dreyfus nach seiner Verurteilung in der Dreyfus-Affäre und Henri Charrière, der seinen Aufenthalt in Saint-Martin in seinem Buch Papillon schilderte.
Von 1914 bis 1918 wurden in der Zitadelle deutsche Kriegsgefangene interniert, und während der Ruhrbesetzung wurden zahlreiche deutsche politische Gefangene in der Zitadelle inhaftiert.Gustav Ritter und Edler von Oetinger: In Ketten vom Ruhrgebiet nach Saint=Martin de Ré. Erlebnisse politischer Gefangener im Ruhrgebiet, im Rheinland und in Frankreich 1923/24. Unter Hinzuziehung von amtlichem Material, Verlag Julius Hergt, Essen 1925
1940–1944: Internierungslager Saint-Martin Ab dem 10. März 1940Michel Annet: CAMP DE ST-MARTIN-DE-RE war die Zitadelle ein Internierungslager und firmierte offiziell als Centre de séjour surveillé (CSS, Zentrum für überwachten Aufenthalt).AFMD: Les lieux de détention en Charente maritime Zuvor waren hier aber schon Menschen festgehalten worden, die nach Allgemeinem Recht (droits communs) inhaftiert worden waren. 200 von ihnen wurden 1940 auf das Festland verlegt, um Platz zu schaffen für Gefangene, die aus politischen Gründen von den Behörden verfolgt wurden. Zu diesen unerwünschten Franzosen zählten ehemalige Gewerkschafter, Mitglieder der Kommunistischen Partei, einige Sozialisten und Anarchisten, Freimaurer, Gegner des Vichy-Regimes und nach der Deutschen Besetzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg Personen, die sich weigerten, für die Deutschen zu arbeiten.
Am 23. Juni 1940 waren 49 Personen in Saint-Martin interniert, am 12. Juli 1941 noch 21: 18 Kommunisten (darunter 2 Spanier), 2 unerwünschte Russen und 3 sonstige. Im August 1941 wurde der größte Teil der Internierten von Saint Martin in das Internierungslager Camp de Mérignac, das Camp de Choisel in Châteaubriand und in andere Haftorte verlegt.
Ab September 1941 stand das Lager unter deutscher Verwaltung, wofür die Organisation Todt (OT) zuständig war, die die Internierten auch zu den Arbeiten am Atlantikwall heranzog.
Am 25. Februar 1944 trafen 100 politische Häftlinge aus dem Camp de transit de Pithiviers in Saint-Martin ein und wurden in beschlagnahmten Häusern und in der Zitadelle untergebracht. Sie mussten für die OT arbeiten. Bereits im Mai 1944 wurden sie aber nicht mehr benötigt und sollten von den französischen Behörden auf Wunsch der Deutschen außerhalb des Departements untergebracht werden. Da dies nicht mehr möglich war, wurden sie schließlich in das Lycée Fromentin nach La Rochelle verlegt.
Im November 1944 gab es eine deutsch-französische Übereinkunft über die Freilassung von 169 Internierten. In Saint-Martin folgten ihnen als Gefangene Soldaten polnischer Herkunft, die sich weigerten, in der deutschen Armee zu kämpfen.
Die AFMD unterscheiden auf ihrer Webseite zwischen dem Centre de séjour surveillé und einem offenbar erst 1944 eingerichteten Camp de travailleurs surveillés (überwachtes Arbeiterlager). Es ist nicht auszuschließen, dass es sich dabei um das zuvor von Annet erwähnte Lager für Arbeiter der Organisation Todt handelt, dessen Beginn ja auch auf das Jahr 1944 datiert wurde. Allerdings gehen die AFMD von deutlich höheren Belegungszahlen aus.
Entgegen der offiziellen Bezeichnung des Lagers als Camp de travailleurs surveillés hätten die Bewohner der Insel es als Konzentrationslager (Camp de concentration) bezeichnet. Es befand sich innerhalb der Zitadelle, „im ehemaligen Strafvollzugszentrum, einem befestigten Zentralhaus, das von einer sehr breiten Mauer und tiefen Gräben umgeben ist“. Ihre Bewachung erfolgt durch 23 französische Gendarmen, die dem Kommando von 2 deutschen Soldaten unterstanden.
Über das genaue Ende dieser Internierungen gibt es keine Hinweise.
Parallel zur Nutzung der Zitadelle als Internierungslager fand ab 1942 auch noch deren Reaktivierung als militärische Anlage statt. Die deutschen Besatzungstruppen machten die Zitadelle zu einem Bestandteil des Atlantikwalls. „Die daraus resultierenden baulichen Maßnahmen zogen erfreulicherweise keine nachhaltigen Eingriffe in die historische Bausubstanz des Forts nach sich.“
Das Maison Centrale de Saint-Martin-de-Ré Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren in der Caserne Toiras Menschen inhaftiert worden, die der Kollaboration mit den Deutschen beschuldigt worden waren.Jean-Claude Vimont: Saint-Martin-de-Ré, prison politique, führt das nicht weiter aus, sondern verweist auf das 1948 erschienene Buch Je Sorts du Bagne von Pierre Malo.
1946 wurde in der Zitadelle beziehungsweise den dazugehörigen Kasernengebäuden das Maison Centrale de Saint-Martin-de-Ré eröffnet, eines von heute fünf französischen Gefängnissen für Gefangene, die zu langen Haftstrafen verurteilt worden waren.Ministère de la Justice: Annuaire des maisons centralesSiehe auch: :fr:Maison centrale de Saint-Martin-de-Ré