Underground Railroad ist ein US-amerikanischer Roman des Schriftstellers Colson Whitehead aus dem Jahr 2016 über eine fiktive schwarze Sklavin, die über den gleichnamigen, historischen Weg in die Freiheit flüchtet.

Entstehungsgeschichte

Whiteheads Vorbereitung Whitehead hatte schon 16 Jahre vor der Veröffentlichung die Idee zu seinem Roman, als er Schilderungen über Sklaven aus dem 18. und 19. Jahrhundert wie z. B. von Frederick Douglass, Harriet Jacobs und weiteren gelesen hatte, die in den 1930er Jahren von der Regierung zusammengestellt worden waren. Zusätzlich sah er einen Teil des Films 12 Years a Slave an und informierte sich über Roots. Allerdings hatte er sich zu dem Zeitpunkt der Recherchen noch nicht bereit gefühlt, diese Geschichte selbst aufzuschreiben. Zunächst wollte er einen Mann als Protagonisten nutzen, aber nach einer Schreibpause entschied er sich für Cora, einer jungen Frau mit ca. 25 Jahren.

Historische Underground Railroad Underground Railroad ist eine Metapher und ein Code für ein Netzwerk ab Ende des 18. Jahrhunderts bis zum Amerikanischen Bürgerkrieg bestehend aus Helfern, Verstecken und verschlüsselten Nachrichten mit dem Zweck, entlaufende Sklaven in sichere Staaten zu bringen. Man vermutet, dass zwischen 30.000 und 100.000 Menschen auf diesem Weg ihre Freiheit fanden.

Historische Anleihen an Personen, Figuren und Orte Im North-Carolina-Kapitel verarbeitet Whitehead die Erinnerungen der Sklavin Harriet Ann Jacobs, die sich sieben Jahre lang auf einem Dachboden versteckte sowie Teile des Schicksals der Anne Frank. Er wollte historische Verhältnisse so im Roman verändern, dass sie universell gültig werden konnten und können.

Des Weiteren macht Whitehead gewollt Anleihen an Homers Odysee und Swifts Gullivers Reisen.

Der Freiheitsweg, bei dem Sklaven in Whiteheads Roman in North Carolina an Bäumen hängen, ist laut Martin Ebel vom Deutschlandfunk eine Anspielung auf die Via Appia der Römer, die dies ebenso mit Sklaven machten, die sich dem Spartakusaufstand angeschlossen hatten.

Auch Inspektor Javert aus Victor Hugos Die Elenden (Les Misérables) will Ebel in Coras Sklavenverfolger Ridgeway wieder erkennen.

Inhalt Die Geschichte spielt im Süden der Vereinigten Staaten des 19. Jahrhunderts vor dem Bürgerkrieg. Im ersten Satz des ersten Kapitels tritt die Protagonistin Cora als personale Erzählerin in der 3. Person auf, die zum Fluchtvorschlag „nein“ sagt, sich aber noch am Ende des Kapitels auf ein „Ja“ besinnt. Grund dafür ist die Schilderung über das Schicksal von Coras Großmutter als junges Mädchen, Ajarry, die wie eine Ware nach ihrer Verschleppung mehrfach verkauft, misshandelt, vergewaltigt und am Selbstmord gehindert wird, bis sie aus Erschöpfung von der harten Arbeit stirbt. Auch Coras Mutter Mabel war geflohen und hatte die Tochter zurückgelassen, wofür Cora sie hasst, aber deren Weg sie ebenso, zusammen mit dem jungen Sklaven Caesar, versuchen will.

Coras Flucht durch verschiedene Staaten mit unterschiedlichen Unterdrückungssystemen bis zu einem Treck in die mögliche Freiheit wird gezeigt.

Bevor Coras Flucht gelingt, wird zunächst detailreich das Leben auf Baumwollplantagen mit den möglichen, brutalen bis hin zu sadistischen Vorgehensweisen dargestellt. Es wird dargestellt, wie Sklavenhalter wie Terrance Flüchtige vor mit Essen feierndem Publikum zu Tode foltern, weil sie es können und dürfen. Whitehead will dadurch die Selbstverständlichkeit zeigen, mit der das aus heutiger Sicht unerträgliche Vorgehen vollzogen wurde.

Coras Stationen sind, gleich einer Odysee wie bei Gullivers Reisen, der im Kapitel Caesar als direkte Parallele verwendet wird, in Übereinstimmung mit den Kapitelnamen, Georgia, South Carolina, North Carolina, Tennessee, Indiana und am Ende der (nicht näher definierte) Norden. Erst gemeinsam ergeben die durchreisten Bundesstaaten ein Bild der Vereinigten Staaten zur damaligen Zeit.

Dazwischen finden sich nach Figuren benannte Kapitel: Ridgeway, Stevens, Ethel, Caesar und Mabel. So findet sich im Kapitel Ridgeway der Sklavenfänger Ridgeway, der es zu seinem zentralen Ziel gemacht hat, Cora zu finden, da ihm schon Coras Mutter entkommen war. Caesar gelingt die Flucht in den Norden letztlich nicht.

Beispielhaft werden in den Kapiteln über die Bundesstaaten alle Stationen literarisch zum Leben erweckt wie z. B.: Georgia als eine Art Hölle, in der Cora vor ihrer Flucht einen 12-jährigen Jungen tötet, der sie wieder einfangen will, um sich und Caesar zu retten.

Oder South Carolina, wo die Fliehenden neue Identitäten, Schulbildung und Arbeit erhalten, aber weiterhin als Eigentum der Vereinigten Staaten angesehen werden. Bald stellt sich heraus, dass auch hier die Fassade nicht der Wirklichkeit entspricht. Cora soll nach ihrer Zeit als Kindermädchen im Museum schauspielerisch darstellen, wie das Leben im afrikanischen Dorf, auf dem Sklavenschiff und der Plantage war und darauf achten, dass die Museumsbesucher das Gefühl erhalten, in einem fortschrittlichen Bundesstaat zu leben, bei dem derartige Handlungen nicht geschehen. Gleichzeitig werden schwarze Frauen in South Carolina aber zur Sterilisation genötigt und schwarze Männer mit Syphilis angesteckt, um diese Menschen zu dezimieren, was Cora bemerkt. Sie zieht weiter.

Cora kommt in North Carolina an, wo Sklaverei abgeschafft und Schwarze im Land verboten sind. Entdeckte schwarze Menschen werden vor Publikum am Freiheitsweg aufgehängt und so werden auf dem Weg außerhalb der Stadt Leichen geschildert, die an den Bäumen hängen. Cora wird im Haus der neuen Beschützer Martin und seiner Ehefrau Ethel versteckt und kann es nicht verlassen, was dazu führt, das sie krank, aber durch Ethel wieder gesund gepflegt wird. Die beiden werden hingerichtet, als man ihre Unterstützung für Cora bemerkt.

Ridgeway will Cora zurück nach Georgia bringen und macht einen Umweg über Tennessee, um einen weiteren Sklaven zu seinem Besitzer zurückzubringen. Der Trupp wird angegriffen und Cora befreit. Gemeinsam reisen Cora und die Befreier nach Indiana auf eine Farm, wo einige Freigelassene und Entflohene zusammen leben und arbeiten. Royal, einer der Beschützer, beginnt eine Liebesbeziehung mit der zunächst zögernden Cora. Die Farm wird allerdings bei einem Überfall niedergebrannt und einige Menschen sterben, darunter auch Royal. Ridgeway nimmt Cora erneut gefangen und zwingt sie, ihn zu einem stillgelegten Bahnhof in der Nähe zu bringen. Sie kann sich seiner entledigen und steigt zu einem schwarzen Kutscher auf den Wagen in Richtung Norden. Am Ende reflektiert Cora über den ebenso geflohenen Kutscher. „Sie fragte sich, von wo er geflohen war, wie schlimm es dort war und wie weit er fahren musste, ehe er es hinter sich ließ.“

Rezensionen

Martin Ebel vom Deutschlandfunk spricht die nüchterne Art an, mit der grausame Ereignisse wie Entführung, Vergewaltigung und Misshandlung geschildert werden. Er sieht den Roman als eine Art Enzyklopädie der Entmenschlichung, real in der Geschichte von Schwarzen durch Weiße und allgemeiner von Menschen durch Menschen. Er meint, dass die Stärken des Romans in der Formulierungskraft und der gelungenen Aufarbeitung zwischen Aussichtslosigkeit und Hoffnung liegen, die sich auch in den Geschehnissen der Neuzeit finden. Gabriele von Arnim von Deutschlandfunkkultur merkt an, dass Whitehead die Geschichte der Skklaverei mit fast unerträglicher Genauigkeit erzählt, wie z. B. bei Vergewaltigungen, dem Abschneiden von Zungen oder Geschlechtsteilen, findet den Roman aber großartig und hochaktuell, da sich der heutige Rassismus nur vor dem Hintergrund der Sklaverei verstehen lässt. Er kann nur dann überwunden werden, wenn man genau hinsieht, wie es der Autor in seinem Roman tut. Christina Dittmer von Literaturkritik empfindet den Roman als sprachlich eindringlich und schonungslos in der Darstellung, was sie begrüßt, auch wenn der Roman dadurch schwerer zu lesen ist. Sie hebt hervor, dass Whitehead jede Romantisierung der historischen Geschehnisse unterlässt. Durch die Metapher der Eisenbahn kann der Autor auf lange Schilderungen der Flucht verzichten und sich auf das für ihn Wesentliche konzentrieren. Sie merkt allerdings kritisch an, dass unbedarfte Leser historisch inkorrekte Schilderungen wie Zwangssterilisierungen in South Carolina als Wahrheit sehen könnten, findet aber letztlich die Mischung aus realen Ereignissen und dichterischer Umarbeitung mutig und notwendig. Im Guardian bewertet Alex Preston den Roman als außergewöhnlich bewegend und zugleich unterhaltend geschildert, da die Geschichte leidenschaftlich und sehr einfallsreich sei und spannende neue Perspektiven eröffne. Bei Goodreads erhielt der Roman 4,06 von 5 möglichen Sternen (bei 466.285 Stimmen) für exzellentes Schreiben, ein starkes Konzept und die Darstellung der Geschichte vor dem Amerikanischen Bürgerkrieg, die die Menschen in den Vereinigten Staaten gemeinsam haben (Stand: Juli 2026).

Auszeichnungen

2016: Nationaler Buchpreis für Fiktion und Goodreads Choice Preis 2016: Auf der Liste für Oprah Winfreys Buchclub 2017: Arthur C. Clarke Award 2017: Pulitzer Preis für Fiktion und Platz auf Ex-Präsident Obamas (in den USA veröffentlichten) Leseliste 2017: Andrew Carnegie Exzellenz-Medaille 2017: Auf der Longlist-Leserliste für den Man Booker Prize 2019: Dreizehnbestes Buch des Guardians auf der Liste der 100 besten Bücher des 21. Jahrhunderts 2020: Namensgebung eines Kraters auf dem Mond Charon des Zwergplaneten Pluto durch die Arbeitsgruppe für die Nomenklatur des Planetensystems der Internationalen Astronomischen Union nach der Romanfigur Cora. 2024: Siebtbestes Buch der New York Times auf der Liste der 100 besten Bücher des 21. Jahrhunderts Der Roman wurde in über 40 Sprachen übersetzt.

Fernsehserie Die TV-Serie wurde ab März 2017 von Barry Jenkins geschrieben und gedreht und ab 14. Mai 1921 auf Amazon Prime gezeigt.

Siehe auch Underground Railroad

Literatur

The Underground Railroad. Doubleday, New York 2016, ISBN 978-0-385-54236-4. (Originalausgabe)

Underground Railroad. Carl Hanser Verlag, München 2017, ISBN 978-3-446-25655-2. (übers. von Nikolas Stingl, Hardcover) Underground Railroad. Fischer Taschenbuch, Frankfurt a. M. 2029, ISBN 978-3-596-70253-4. (übers. von Nikolas Stingl, Taschenbuch) Underground Railroad. Carl Hanser Verlag, München 2017, ISBN 978-3-446-25774-0. (übers. von Nikolas Stingl, E-Book. 3503 KB) Underground Railroad. Hörbuch Hamburg HVV, Hamburg 2017, ISBN 978-3-8449-1686-7. (übers. von Nikolas Stingl, gesprochen von Helene Grass, MP3, 8 Stunden 52 Minuten, leicht gekürzte Ausgabe)

Weblinks

Whitehead über seinen Roman auf YouTube, 2018, 58:17 Min.

Einzelnachweise

Kategorie:Literatur (21. Jahrhundert) Kategorie:Roman, Epik Kategorie:Literatur (Englisch) Kategorie:Literarisches Werk