Die Wut, die bleibt ist ein Roman der österreichischen Autorin Mareike Fallwickl, der 2022 im Rowohlt Verlag erschien. Er handelt davon, wie die Personen aus dem engeren Umfeld von Helene, die bereits auf der ersten Seite des Buches Suizid begeht, versuchen, ihr Leben ohne die Verstorbene neu zu organisieren. Der Roman greift eine Reihe feministischer Themen wie Mental Load, den Gender-Care-Gap, weibliche Schönheitsideale und sexualisierte Gewalt auf. Er handelt aber auch von Solidarität unter Frauen.
Inhalt Der Roman spielt im Jahr 2021 und damit in der Hochphase der Covid-19-Pandemie. Nachdem ihr Mann Johannes beim Familienabendessen die Frage „Haben wir kein Salz?“ gestellt hat, steht seine Frau Helene wortlos auf und stürzt sich vom Balkon. Die Hinterbliebenen von Helene, neben ihrer Familie auch ihre beste Freundin Sarah, eine erfolgreiche Autorin, sind von ihrem plötzlichen Suizid vollkommen überrascht. Niemand kann sich den Freitod Helenes erklären.
Helenes Tochter Lola, die Helene als Studentin bekommen und zunächst als alleinerziehende Mutter großgezogen hat, trauert nicht nur um ihre Mutter, sondern verspürt auch Wut, da sie unvermittelt von ihr alleingelassen wurde. Kurz nach der Beerdigung von Helene beginnt die Teenagerin mit selbstverletzendem Verhalten.
Lolas Halbbrüder Maxi, ein Junge im Kindergartenalter, und Lucius, 18 Monate alt, gehören ebenfalls zur Familie. Da Helene sich bis zu ihrem Tod hauptsächlich um die drei Kinder gekümmert hat, muss die anfallende Care-Arbeit nun völlig neu aufgeteilt werden. Johannes bittet zunächst seine senile Mutter, auf die Kinder aufzupassen, damit er weiter seiner Vollzeitanstellung nachgehen kann. Aufgrund eines medizinischen Notfalls kann sie dieser Aufgabe aber schon nach kurzer Zeit nicht mehr nachkommen. An die Möglichkeit, die eigene Erwerbsarbeit zu reduzieren, denkt Johannes nicht. Stattdessen bittet er Sarah um Hilfe. Diese willigt ein, die Aufgaben, die bislang Helene erledigt hat, für ein paar Monate zu übernehmen, weist Johannes allerdings darauf hin, dass sie an ihrem neuen Manuskript arbeiten muss und das Arrangement daher nur temporär Bestand haben kann.
Die kinderlose Sarah unterschätzt zunächst, wie anstrengend es sein kann, sich um zwei kleine Kinder zu kümmern und gleichzeitig einen Haushalt zu organisieren. Kochen, Putzen und den Bedürfnissen von Maxi und Lucius gerecht werden ist so zeitaufwendig, dass Sarah deutlich weniger Zeit für ihr Manuskript zur Verfügung steht, als sie zunächst erwartet hat. Für Helene setzt sie ihr Engagement aber fort. Lola ist zwar froh über die Hilfe von Sarah, da sie sich aufgrund von Johannes Abwesenheit oft allein um ihre zwei Halbgeschwister kümmern musste, sie merkt aber auch, dass Sarah ihre Mutter auf emotionaler Ebene nicht ersetzen kann.
Kurz darauf erlebt Lola das nächste traumatische Ereignis: Sie und ihre beste Freundin Sunny werden in einem Skatepark von einer Gruppe männlicher Jugendlicher abgepasst und bedrängt. Es kommt zu körperlichen Übergriffen, jedoch lassen die Angreifer von den beiden Mädchen ab, bevor noch Schlimmeres passiert.
Währenddessen findet sich Sarah immer besser in ihre neue Rolle ein. Die völlige Passivität von Johannes im Hinblick auf die drei Kinder im Haushalt sorgt bei ihr aber für Frustration. Auch mit ihrer Beziehung zu Leon, den sie über Tinder kennengelernt hat, ist Sarah unzufrieden. Zwar stärkt es ihr Selbstbewusstsein, als Ende-Dreißigjährige von einem Mann Mitte 20 attraktiv gefunden zu werden, jedoch lässt Leon ständig achtlos seine Sachen in der gemeinsamen Wohnung, die eigentlich Sarah gehört, herumliegen, reagiert äußerst unsensibel auf Sarahs Unsicherheit im Hinblick auf die Frage, ob sie Kinder will, und gibt ihr allgemein nicht das Gefühl, dass sie ihm besonders wichtig wäre.
Wenn Sarah bei Helenes Familie ist, erscheint ihr die Tote gelegtentlich. Diese ist dabei immer barfuß. Die beiden Freundinnen schwelgen dann gerne in gemeinsamen Erinnerungen, wobei Sarah aber auch immer wieder die Frage quält, was die Gründe für Helenes Suizid waren. Eine Antwort hierauf erhält sie nicht. Je mehr Zeit Sarah mit Helenes Kindern verbringt, desto mehr wird ihr aber bewusst, wie kräftezehrend die Rolle als Mutter ist und wie unzufrieden Helene damit war, dass diese Rolle einen so großen Platz in ihrem Leben einnahm.
Sarah ist bemüht, zu allen Kindern von Helene eine gute Beziehung aufzubauen. Im Fall von Lola gelingt ihr das aber zunächst nicht. Lola hält Sarah für eine Frau, die es sich im Patriarchat gemütlich gemacht habe und nicht genug gegen die Unterdrückung von Frauen rebelliere. Sarah wiederum empört dieser Vorwurf. Sie führt an, dass sie und Helene in Lolas Alter ebenfalls rebellisch gewesen seien, die damalige Zeit aber deutlich konservativer gewesen sei, was ihren Handlungsspielraum deutlich verkleinert habe.
Was weder Sarah noch Johannes bemerken, ist, dass Lola seit dem Tod ihrer Mutter allmählich eine Magersucht entwickelt. Anfangs verzichtet Lola noch aufs Essen, weil der Hunger ihre Wut überlagert und so erträglicher macht. Als sie aber mehr und mehr Gewicht verliert, beginnt sie in der Schule Komplimente für ihre Figur zu bekommen. Dies führt dazu, dass Lola sich zwar bewusst ist, dass sie ihrem Körper schadet, aber weiterhin kaum isst, weil sich die Anerkennung so gut anfühlt.
Als Reaktion auf die Ereignisse im Skatepark beschließen Sunny und Lola, zu einem Selbstverteidigungstraining für Frauen zu gehen. Beide haben das Ziel, sich in Zukunft gegen von Männern verübte Gewalt wehren zu können. Zur Trainingsgruppe gehören auch Alva und Femme, beide hatten Sunny und Lola noch vor dem Übergriff im Skatepark kurz kennengelernt. Bei den Übungen stellt Lola fest, dass diese ein brauchbares Ventil sind, um ihre Wut zu kanalisieren. Kurz nach den ersten Trainings treffen sich die vier Jugendlichen zufällig erneut im Skatepark. Dabei erkennt Lola einen der übergriffigen Jungen wieder. Ohne lange zu zögern beschließen Alva und Femme, ihn zusammenzuschlagen und schreiten sogleich zur Tat. Den beiden trainierten Mädchen gelingt es schnell den Jungen zu überwältigen. Nach kurzem Zögern beginnen auch Lola und Sunny damit, ihn zu schlagen und zu treten. Dieser und ein weiterer Vorfall, bei dem Femme von ihrem Expartner verprügelt und vergewaltigt wird, bewegen die vier Jugendlichen letztlich dazu, eine feste Gruppe zu bilden, die Männern, die sexualisierte Gewalt ausgeübt haben, auflauert und verprügelt. Dies hilft Lola auch dabei, ihre Magersucht zu überwinden, denn um Muskelmasse aufzubauen, ist es notwendig zu essen.
Nachdem Lola wieder merklich Gewicht gewonnen hat, wird sie während einer Sportstunde von ihrer Sportlehrerin so lange aufgrund ihres Gewichts herabgewürdigt, bis sie die Lehrerin würgt. Da Johannes nicht erreichbar ist, fährt Sarah zur Schule, um mit dem Schulleiter den Vorfall zu besprechen. Als sie erfährt, warum Lola handgreiflich geworden ist, stellt sie sich hinter die Jugendliche und droht dem Schulleiter damit, ihre Reichweite als Autorin zu nutzen, um die Öffentlichkeit darüber zu informieren, dass an seiner Schule Lehrkräfte Fatshaming betreiben, falls er Lola in irgendeiner Weise sanktionieren sollte. Dieses Erlebnis schweißt Sarah und Lola zusammen und Letztere revanchiert sich bei nächster Gelegenheit: Sarah hat zwar endlich den Mut gefunden, die Beziehung zu Leon zu beenden und ihn aus ihrer Wohnung zu werfen, jener weigert sich aber auszuziehen. Als Lola dies erfährt, übernimmt sie gemeinsam mit Sunny, Alva und Femme kurzerhand das Packen für Leon. Ihr bedrohliches Auftreten sorgt zudem dafür, dass Leon seinen Widerstand gegen den Auszug schnell aufgibt.
Zum Ende der Erzählung gehen beide Protagonistinnen neue Wege: Sarah kündigt das Arrangement mit Johannes, welches schon deutlich länger als vereinbart lief, auf. Sie wird nur noch einmal die Woche die Verantwortung für Maxi und Lucius übernehmen, weil sie die beiden lieb gewonnen hat. Lola verlässt derweil unbemerkt mit Sunny, Alva und Femme die Stadt, weil einer der von ihnen verprügelten Täter nach ihrer Attacke einen Herzinfarkt erlitten hat und verstorben ist. Die vier Jugendlichen haben nun vor, anderswo Täter für ihre Taten zu bestrafen.
Form Auf der ersten Seite des Romans wird Helenes Suizid geschildert, danach beginnt die eigentliche Handlung. Die letzte Seite handelt von Lolas Geburt. Die Handlung wird abwechselnd aus der Perspektive von Lola und Sarah erzählt. Fallwickl gendert in ihrem Roman, indem sie den Glottisschlag bei Bezeichnungen von Personengruppen in Form eines Punktes ausschreibt (z. B. „Kämpfer•innen“). Außerdem verzichtet sie auf das Wort „man“ als generalisierendes Personalpronomen und ersetzt es durch „eine“ (z. B. „Wenn eine um Hilfe bittet, wird ihr geholfen“). Auffällig ist zudem, dass alle Männer, die im Roman auftauchen, nur eine Nebenrolle spielen. Der gesamte Roman enthält keinen Dialog zwischen zwei Männern, an jedem Gespräch ist mindestens eine Frau beteiligt.
Rezeption Die Wut, die bleibt erhielt überwiegend positive Kritiken. In der FAZ lobte Kevin Hansche, dass Fallwickl überaus subtil in der Lage sei, verschiedene gesellschaftliche Phänomene in ihren Roman einzuarbeiten. Nach der Lektüre ist für Hansche nur ein Schluss möglich: Care-Arbeit muss mehr Anerkennung erfahren und im besten Falle monetarisiert werden. Nach Ansicht von Nina Apin von der taz steht Fallwickl mit ihrer Anklage der Stellung der Frau in der Gesellschaft in der Tradition Simone de Beauvoirs. Dennoch gelinge es ihr, Frauenfiguren mit Schwächen und Widersprüchen zu erzählen und diese dabei nicht zu denunzieren.
Darüber hinaus wurde Die Wut, die bleibt auch als Theaterstück von der Regisseurin Jorinde Dröse adaptiert. Die Inszenierung feierte 2023 bei den Salzburger Festspielen Premiere. Anschließend war sie auch an mehreren anderen Theatern zu sehen. Die Aufführungen im Thalia Theater in Hamburg waren laut Katja Weise vom NDR ein „Publikumsrenner“. Das begeisterte Publikum in Hamburg habe vor allem aus Frauen bestanden und sei auffällig jung gewesen.
Für Aufsehen sorgte Die Wut, die bleibt auch im Zusammenhang mit dem österreichischen Politiker Michael Lindner: Dieser gab im November 2024 überraschend seinen Rücktritt als Landesparteivorsitzender der SPÖ Oberösterreich bekannt. Als Grund nannte er, dass ihn die Lektüre von Die Wut, die bleibt zum Nachdenken gebracht habe. Letztlich habe er entschieden, aus der Spitzenpolitik auszusteigen, um mehr Zeit für seine Familie und seine Kinder zu haben.
Aktuell fördert das Österreichische Filminstitut die Verfilmung des Romans. Die Produktion wird von der Regisseurin Catalina Molina geleitet.
Hörspielbearbeitung 2023: Die Wut, die bleibt. Nach einer Inszenierung von Jorinde Dröse für die Salzburger Festspiele 2023 – Regie: Leonhard Koppelmann (HR/ORF) Erstsendungen: 20. August 2023 (Deutschland, 63:10 Minuten); 26. August 2023 (Österreich, 55:10 Minuten). Es sprachen: Johanna Bantzer (Helene), Sophie Casna (Femme), Fabian Dott (Leon), Nellie Fischer-Benson (Lola), Anja Herden (Sarah), Max Landgrebe (Johannes), Yasmin Mowafek (Alva) und Hanh Mai Ti Tran (Sunny).ARD-Hörspieldatenbank (Die Wut, die bleibt, HR/ORF 2023)OE1-Hörspieldatenbank (Die Wut, die bleibt, HR/ORF 2023)
Einzelnachweise
Kategorie:Literarisches Werk Kategorie:Literatur (21. Jahrhundert) Kategorie:Literatur (Deutsch) Kategorie:Roman, Epik