Die Standarte der Neith, oder kurz Neith-Standarte, war ein wichtiges Kultobjekt (Fetisch) im Alten Ägypten, das bereits in prädynastischen Epochen Eingang in die Heraldik und Hieroglyphenschrift fand. Sie war das Wappen der altägyptischen Göttin Neith. Die Standarte ist nicht nur für die Ägyptologie von einigem Interesse, sondern auch für die Entomologie, weil sie sich unter anderem aus der Darstellung zweier Schnellkäfer zusammensetzt.
Beschreibung Künstlerische Komposition Die Standarte der Neith setzte sich ursprünglich zusammen aus einem hohen, schlanken und zunächst schmucklosen Standfuß oder Mast. An dessen oberem Ende findet sich die Darstellung zweier Schnellkäfer der Art Agrypnus notodonta (Syn. Lanelater notodonta) (Latreille)Lanelater notodonta (Latreille, 1827). Auf: insecta.pro; abgerufen am 24. Juli 2026.. Die Käfer werden mit eingezogenen Beinen und Fühlern gezeigt, in einer Haltung, die diese Tiere meist einnehmen, wenn sie auf dem Rücken liegen und hochschnellen wollen, um sich wieder aufzurappeln. Die „Click-Beetles“ (deutsch „Klick-Käfer“), wie sie im Angelsächsischen Sprachraum gelegentlich scherzhaft genannt werden, blicken dabei wahlweise einander an oder voneinander weg. Auf prädynastischen Objekten sind die Käfer sehr naturgetreu dargestellt, mit glatten Halsschilden und feinen Längsrillen auf den Flügeldeckeln. Später, besonders dann, wenn die Standarte als Determinativ (Deutzeichen) oder Hieroglyphe Teil von Orts- und Personennamen ist, werden die Käfer so stark stilisiert und schmucklos dargestellt, dass sie wie ein einziges Objekt erscheinen.Hermann Levinson, Anna Levinson: Insekten als Symbole göttlicher Verehrung und Schädlinge des Menschen. München 2001, S. 43–45, 51–59 u. 72.Carolyn Graves-Brown: Dancing for Hathor: Women in Ancient Egypt. London 2010, S. 163–167.Eva-Maria Engel: The early dynastic Neith. Hamburg 2022, S. 68–72, 74–78 u. 80–84.
Zwischen den Käfern befindet sich die Darstellung zweier x-förmig gekreuzter Jagdpfeile und es wirkt oft so, als ob die Käfer die Pfeile festhielten. Die Pfeile werden durch ein langes Schmuckband zusammengehalten, dessen gefranste Enden an einer Seite der Standarte elegant herabhängen. Dabei können die Bänder wahlweise links oder rechts des Wappens zu sehen sein.
Lesung mini|hochkant=0.7|Ein Schnellkäfer
Die korrekte Lesung und Deutung der Neith-Standarte ist mit Unsicherheiten und Komplikationen verbunden. Zunächst ist unbekannt, wie die frühen Ägypter die einzelnen Zeichen, aus denen die Komposit-Darstellung zusammengesetzt ist, selbst gelesen hatten. Auch die altägyptische Lesung des Schnellkäfers ist unbekannt.Susan Tower Hollis: Five Egyptian Goddesses: Their Possible Beginnings, Actions, and Relationships in the Third Millennium BCE. London (UK) 2021, S. 131–133. Daher ist auch nicht festzulegen, mit welchem Wort die Ägypter das Neith-Emblem bezeichneten. Ägyptologen und Linguisten greifen heute daher behelfsmäßig auf den Namen der Göttin Neith zurück, der das Wappen ja gewidmet war. Ihr Name wird mit Nj.t transkribiert und entsprechend „Neith“ gelesen. Dazu orientieren sich die Gelehrten an einer späteren Version des Neith-Emblems, bei der es ohne Standfuß, aber auf einem Fahnenmast mit Räuchernapf erscheint. Diese Version ist seit Beginn des Alten Reiches bezeugt und wird von Hieroglyphen begleitet, die eine Transkribierung in Nj.t erlauben und damit die Lesung „Neith“ bestätigen.
Deutung und Symbolik mini|hochkant=0.7|Heiliger Pillendreher (Scarabaeus sacer)
Hinsichtlich der Deutung sind sich Ägyptologen jedoch einig. Die Standarte der Neith war das exklusive Wappen dieser Göttin und wurde in keinem anderen Zusammenhang gebraucht. Es konnte als rein heraldisches Symbol dienen, zum Beispiel vor der Darstellung eines Heiligtums, Schreins oder Tempels. Es konnte auch als Namenssilbe für Orte oder Personen dienen. Beispiele liefern hier besonders königliche Hofdamen der 1. Dynastie, deren Grabstelen und Rollsiegel aus Abydos, Sakkara, Gizeh und Heluan stammen. Die berühmtesten Hofdamen dieser Epoche sind Neithhotep und Meritneith. Zu guter Letzt konnte es auch als Teil eines administrativen oder religiösen Titels gebraucht werden, besonders für den Priestertitel Hem-netjer Netj (dt. „Gottesdiener der Neith“).
Die exakte mythologische Verknüpfung hinter den Schnellkäfern ist heute verloren, doch es wird angenommen, dass es ihre natürliche Fähigkeit ist, sich zunächst totzustellen und dann mit einem gewaltigen Satz wieder aufzurappeln, was die alten Ägypter faszinierte und beeindruckte. Möglicherweise galten die Schnellkäfer als Symbol der Akrobatik, Geschicklichkeit und auch des Schutzes (wegen ihrer sehr harten Panzer). Alternative Deutungen verweisen auf die Eigenart des Schnellkäfers, sich auch bei Flut durch akrobatische Sprünge und Davonfliegen in Sicherheit zu bringen. Agrypnus notodonta lebt gerne in Ufernähe von Oasen und Flüssen und sieht sich daher regelmäßig mit steigenden Wasserpegeln konfrontiert. Die Göttin Neith wurde in der Frühzeit auch mit der Nilflut assoziiert, was eine mythische Verknüpfung mit den Käfern erklären könnte.
In der Ägyptologie mini|hochkant=0.7|Der Prachtkäfer Steraspis squamosa
Die Standarte der Neith ist in der Ägyptologie innerhalb der Gardiner-Liste (eine codierte Auflistung aller bekannter altägyptischer Hieroglyphen) nur unter den Sonderzeichen zu finden. Sie wird entweder als Gardiner-Sonderzeichen r4Jochem Kahl: Das System der ägyptischen Hieroglyphenschrift in der 0.-3. Dynastie. Harrassowitz, Wiesbaden 1994, S. 687. oder als Sonderzeichen T63A der Extended Library gelistet.Nicolas Grimal et al.: Hieroglyphica. Sign list - Liste de signes - Zeichenliste. 2. überarbeitete und erweiterte Auflage. Center for computer-aided egyptological research (CCER), Utrecht / Paris 2000, ISBN 90-393-2349-6, S. 2 R-6 (online auf: Academia.edu).
Aufgrund der künstlerischen Stilisierung der Käferdarstellung ergaben sich in der frühen Ägyptologie Probleme bei der korrekten Beschreibung und Deutung. Wie bereits erwähnt, sehen die Käfer auf stilisierten Darstellungen wie ein einzelnes Objekt aus – etwas, das nicht nur die Ägyptologie, sondern offenbar sogar die späten Ägypter selbst dazu verleitete, in dem Wappen einen Schild mit gekreuzten Pfeilen zu sehen. Tatsächlich sind ab dem Neuen Reich Darstellungen zu finden, auf denen die Neith-Standarte auch wirklich einen elliptischen oder stelenförmigen Schild mit gekreuzten Pfeilen zeigt.
Erst die Funde frühdynastischer Artefakte mit den naturgetreuen Käfer-Darstellungen klärten den Irrtum auf. Zu den in der Archäologie bedeutsamsten Funden gehören unter anderem zwei Artefakte, die im Grab K-1005 bei Umm el-Qaab stammen und in die Zeit zwischen 3400 und 3000 v. Chr. datieren. Beide Artefakte wurden leider zerbrochen vorgefunden und werden heute in der Ägyptischen Sammlung in Brüssel, Teil des Museum für Kunst und Geschichte (Musees Royaux d’Art et d’Histoire), aufbewahrt. Das erste Objekt, Inventarnummer Brussels E.578, ist eine elliptische Schieferpalette mit erhabenen Reliefs auf der Vorderseite. Die Palette war ursprünglich schätzungsweise etwa 39 cm lang, 18 cm breit und 0,25–0,40 cm dick. Dargestellt sind (bzw. waren) zwei Schnellkäfer, die voneinander weg schauten und von feinen Schnurmustern umgeben waren. Der untere Käfer ist jedoch verloren gegangen und war bereits bei den Ausgrabungen unauffindbar. Der erhaltene Käfer weist zierliche, menschliche Arme auf, die lange Was-Zepter halten. Dies traf vermutlich auch auf den zweiten Käfer zu. Weitere Reliefreste unter dem Käfer lassen vermuten, dass beide Käfer durch die Darstellung x-förmig gekreuzter Pfeile getrennt waren – dem Symbol der Göttin Neith.
Das zweite Artefakt, Objekt mit der Inventarnummer Brussels E.6261, ist eine einstmals rechteckige Schieferpalette, ebenfalls mit erhabenen Reliefs auf der Vorderseite. Von dieser Palette ist jedoch nur noch die linke obere Hälfte erhalten, der Bruch verläuft diagonal durch das Objekt. Das Artefakt hat heute die Maße 10,6 × 10,2 cm bei einer Dicke von etwa 0,8–1,0 cm. Zu sehen ist ganz links die Käfer-Standarte der Neith, an der Oberseite der Palette, rechts der Standarte, sind zwei Schnellkäfer zu sehen, die einer zugewandt sind und einander zu „küssen“ scheinen. In der erhaltenen rechten oberen Ecke ist die Spitze einer dreieckigen Fahne auf einem Mast zu sehen. Es handelt sich um eine frühe Darstellung des Gardiner-Zeichens R8 (wehende Fahne im Wind), welches „Gott(heit)“ oder „göttlich“ bedeutet.Stan Hendrickx: Two Protodynastic objects in Brussels and the origin of the bilobate cult-sign of Neith. In: Journal of Egyptian Archaeology. (JAE) Band 82, Nr. 1, 1996, S. 23–42. Eine der frühesten und somit ältesten Abbildungen der Neith-Standarte als Wappensymbol findet sich auf Elfenbeinetiketten aus dem Grab des Königs Hor-Aha (frühe 1. Dynastie). Dort wird sie zur Kennzeichnung eines Heiligtums der Neith verwendet. Die zweifellos berühmteste Darstellung der Standarte findet sich auf der Grabstele der Meritneith aus ihrem Grab bei Abydos.
Die Schnellkäfer-Darstellungen sind auch für die Entomologie (Insektenkunde) interessant, denn bestimmte Insekten waren für die Frühen und Alten Ägypter von nicht unerheblicher Wichtigkeit. So fanden sich im Grab 294 (Mastaba G-8887) in Gizeh 50 Amulette in Gestalt des Prachtkäfers Steraspis squamosa. Die Ägyptische Honigbiene (Apis mellifera lamarckii) wurde Bija genannt, fand bereits in der frühen 1. Dynastie Einzug in die Hieroglyphenschrift und bildete einen wichtigen Bestandteil des Königstitels Nesut-Bitj (wörtlich „Der von der Binse und der Biene“). Die Honigbiene war ein wichtiges Nutztier und galt als Wappentier von Oberägypten. Dann wäre der Heilige Pillendreher (Scarabaeus sacer) zu nennen. Er wurde Cheper genannt, galt als Symbol der Wiedergeburt und Reinkarnation und wurde ab dem Alten Reich mit dem Sonnengott Ra assoziiert.
Literatur Susan Tower Hollis: Five Egyptian Goddesses: Their Possible Beginnings, Actions, and Relationships in the Third Millennium BCE. Bloomsbury Publishing, London (UK) 2021, ISBN 978-1-7809-3595-9. Hermann Levinson, Anna Levinson: Insekten als Symbole göttlicher Verehrung und Schädlinge des Menschen: ausgewählte Kapitel der kulturgeschichtlichen und angewandten Entomologie (= Spixiana: Supplement. Band 27). Pfeil, München 2001, ISBN 3-931516-98-9. Carolyn Graves-Brown: Dancing for Hathor: Women in Ancient Egypt. Bloomsbury Publishing, London 2010, ISBN 978-1-4411-6122-2. Eva-Maria Engel: The early dynastic Neith. In: Jochem Kahl, Nicole Kloth: Studien Zur Altägyptischen Kultur. Band 50. H. Buske, Hamburg 2022, ISBN 978-3-96769-112-2. Stan Hendrickx: Two Protodynastic objects in Brussels and the origin of the bilobate cult-sign of Neith. In: Journal of Egyptian Archaeology. Band 82, Nr. 1, 1996, S. 23–42, .
Einzelnachweise
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