mini|Tannhäuser und Venus (Otto Knille, 1873) mini|Tannhäuser und Venus (Gabriel von Max, 1878) mini|Tannhäuser und Frau Venus (John Collier, 1901) Die Tannhäuser-Sage ist eine deutsche Sage bzw. Legende mit mittelalterlichen Wurzeln und zugleich Stoff für zahlreiche Werke der Literatur, Musik und der Bildenden Kunst. Namengebende Hauptfigur der Sage bzw. Büßerlegende ist der Minnesänger Tannhäuser mit verschiedenen Schreibungen des Namens in der Überlieferung. Weitere Elemente der Sage sind der Venusberg, in dem Tannhäuser bei Frau Venus lebt, dann der Getreue Eckart als Wächter und Warner vor dem Eingang zum Venusberg, Papst Urban in Rom, bei dem Tannhäuser vergebens Vergebung sucht und schließlich das sogenannte Stabwunder, bei dem ein dürrer Stecken grünt zum Zeichen, dass Gott dem Tannhäuser vergeben hätte.
Ursprünge Der früheste Nachweis einer möglichen Verbindung zwischen dem Minnesänger und dem Bewohner des Venusbergs ist das in der Jenaer Liederhandschrift enthaltene unter dem Titel Der Tanuser überlieferte sogenannte „Bußlied“.Der Tannhäuser: Das Bußlied. In: Jenaer Liederhandschrift, S. 42v–43v, . Dabei ist unklar, ob der Titel hier auf den tatsächlichen Autor oder nur den Tonautor verweistDafür spräche, dass die Jenaer Liederhandschift nach Tönen bzw. Tonautoren geordnet ist. oder ob es sich mit Tannhäuser als angeblichem Autor schon um ein Beispiel der sich entwickelnden Sage handelt.
Die Wurzeln der Sage reichen aber weiter zurück. Das Motiv des Venusbergs in die Welt der bretonischen Feensage und der keltischen Sagen, bei denen der Held von einer Fee in einen Zauberberg gelockt wird, die Figur des Getreuen Eckart in die Welt der deutschen Heldensagen um Dietrich von Bern und die Nibelungen. Frau Venus rückt in der deutschen Volksage in die Nähe der Frau Holle und der Venusberg wurde mit dem Hörselberg in Thüringen identifiziert.
In mittelalterlichen italienischen Entsprechungen der Sage wird das unterirdische Zauberreich allerdings in den Sibillinischen Berge verortet und die Herrscherin ist dementsprechend nicht Frau Venus, sondern die Cumäische Sibylle, die von ihrem ursprünglichen Wohnsitz bei Cumae nun umgezogen sei in die Berge des Apennin, jedenfalls laut Il Guerrin Meschino, einer Erzählung von Andrea da Barberino von 1410, bei der ein frommer Ritter im Berg der Sibylle nicht Wollust, sondern Informationen über seine Abstammung sucht und den Versuchungen widersteht, weshalb der Papst auch keine Anstände macht, ihm die Absolution zu erteilen. Problematischer wird es in der von Antoine de La Sale verfassten Schrift Le Paradis de la reine Sibylle. In der Sage, die der provenzalische Autor um 1420 von den Einwohnern von Montemonaco gehört haben will, zögert der Papst mit der Vergebung der Sünden, da der Ritter und sein Knappe sich aus Neugier und Lüsternheit in den Berg begeben haben und erst nachdenklich wurden, als sie beobachteten, dass die gastgebenden Damen sich jede Samstagnacht in Schlangen und Skorpione verwandeln. Als der Ritter meint, dass der Papst ihm nicht vergeben will, kehrt er trotz dieses Umstands in den Berg der Sibylle zurück.James Richards, Luca Pierdominici: The Sibyl of the Apennines / La Sibilla Appenninica – Two texts by Andrea da Barberino and Antoine de La Sale. Edizioni Simple, Macerata 2014.
In den weiteren Umkreis des Tannhäuser-Stoffes gehört Hermann von Sachsenheims Verserzählung Die Mörin., belegt um 1453. Darin wird ein betagter Ritter in das Inselreich der Königin Minne-Venus entführt. Dort wird er vor Gericht gestellt. Anklägerin ist die Königin, vertreten durch die titelgebende „Mörin“ (also dunkelhäutige) Brunhilt, vorsitzender Richter ist Tannhäuser, der Gemahl der Königin, und Verteidiger des Ritters ist Eckart. Der Prozess der Mörin als Stellvertreterin der Frauen gegen den der Untreue angeklagten Ritter als Stellvertreter der Männer zieht sich über mehrere Tage hin. Am Ende wird der Ritter freigelassen, nachdem er sich durch Eid verpflichtet hat, sich auf Vorladung hin in den aufgrund ihrer Fastnachtssitten der Venus hörigen Städten Köln, Straßburg, Basel oder Konstanz zu stellen.Dietrich Huschenbett: Hermann von Sachsenheim. In: Burghart Wachinger u. a. (Hrsg.): Verfasserlexikon. Band 3. 2. Auflage. De Gruyter, Berlin 1981, ISBN 978-3-11-022248-7, Sp. 1096–1101.
mini|Die Buße des Heiligen Chrysostomus (Albrecht Dürer, um 1497) Für den Aspekt der Büßerlegende in der Tannhäuser-Erzählung als Vorbild gilt die Waldbüßer-Episode im Passional Der Heiligen Leben, einer spätmittelalterlichen Legendensammlung. Darin geht es um einen mit dem Kirchenvater Johannes Chrysostomos identifizierten Priester, der zum Einsiedler wird und sich dann schwer versündigt, indem er eine Jungfrau schändet und vermeintlich ermordet, dann den Papst um Vergebung ersucht, der sie ihm verweigert. Der Einsiedler wird zum Waldbüßer. Er zieht in den Wald, um auf allen Vieren wie ein Tier zu leben, bis ihm Gott anzeigen wird, dass ihm vergeben ist. Dann geschieht das Wunder, dass das von der Jungfrau als Folge der Schändung geborene Kind spricht und vom Papst verlangt, dass nicht er, sondern der Waldbüßer es taufen soll. Die Legende war im Spätmittelalter und in der Reformationszeit wohlbekannt. Albrecht Dürer schuf einen die Legende illustrierenden Kupferstich, im Vordergrund die geschändete Jungfrau, welche dem neugeborene Knaben die Brust gibt, links im Hintergrund auf allen Vieren der Heilige Chrysostomos. Die populäre, aber recht unglaubwürdige Erzählung wurde von Martin Luther 1537 mit sarkastischen Anmerkungen versehen unter dem Titel Die Lügend von S. Johanne Chrysostomo veröffentlicht.
Tannhäuser-Ballade
mini|Tannhäuserlied aus dem Essener Liederheft (um 1450) Ihre erste prägende Formung fand die Sage in der sogenannten Tannhäuser-Ballade, die ab der Mitte des 15. Jahrhunderts sowohl in hoch- als auch niederdeutschen und niederländischen Fassungen in zahlreichen Handschriften und Drucken überliefert ist. Philip Stephan Barto druckt im Anhang seiner Tannhäuser-Monographie 32 dieser verschiedene Versionen ab, darunter auch einige nur thematisch verwandte.
Der typische Aufbau dieser Ballade ist folgender: Es beginnt mit den Eingangstrophen, in denen Tannhäuser in den Venusberg zieht, gefolgt von dem als Dialog wiedergegebenen Streit zwischen Venus und Tannhäuser, der in die Welt zurückkehren will. Tannhäuser verlässt schließlich den Berg und zieht nach Rom, um vom Papst Vergebung zu erbitten. Der weist ihn aber ab, weist auf einen dürren Stecken und sagt, so wenig dieser je grünen wird, so wenig wird Tannhäuser jemals Vergebung finden. Niedergeschmettert zieht Tannhäuser zurück in den Venusberg. Nach 3 Tagen beginnt der Stab zu grünen, der Papst lässt Tannhäuser suchen, aber es ist zu spät.
Burghart Wachinger ordnet im Verfasserlexikon die diversen Fassungen nach Sprache und Strophenzahl chronologisch in 4 Gruppen: Fassung A: Ältere niederdeutsche Fassung mit 23 Strophen. Beispiel: Essener Liederheft, vermutlich um 1450 vom Essener Stadtschreiber Johann von Horle verfasst.Essener Stadtarchiv Rep. 100 Nr. 2593 (Eintrag im Handschriftencensus). Vgl. Manuskripte und Drucke aus dem Haus der Essener Geschichte/Stadtarchiv, abgerufen am 21. Juli 2026. Fassung B: Hochdeutsche Fassung mit 26 Strophen. Beispiel: Flugblatt von 1515, Jobst Gutknecht, Nürnberg Fassung C: Jüngere niederdeutsche Fassung mit 29 Strophen. Beispiel: Fliegendes Blatt, ca. 1550 Fassung D: Niederländische Fassung mit 21 Strophen, in denen der Held Herr Daniel heißt. Beispiel: Jan Roulans: Liedekens-Boeck. Antwerpen 1544.
Neben diesen Gruppen mit gleicher Strophenform, also kreuzreimendem Vierzeilern, gibt es weitere Beispiele von Überlieferungen mit abweichenden Strophenformen bzw. mehr oder minder stark abweichendem Inhalt.
Für die weitere Rezeption werden dann zwei Abdrucke wichtig, nämlich Heinrich Kornmanns Mons Veneris, Fraw Veneris Berg von 1644Heinrich Kornmann: Mons Veneris, Fraw Veneris Berg. Das ist, Wunderbare vnd eigentliche Beschreibung der alten Haydnischen vnd Newen Scribenten Meynung von der Göttin Venere, ihrem Vrsprung, Verehrung, vnd Königlicher Wohnung, vnd deren Gesellschaft, wie auch von den Wasser, Erd, Lufft vnd Fewer, Menschen, sampt vielen anderen wunderbaren Geschichten ; In vnd auff den Bergen vnd Hölen hin vnd wider in der Welt, so am folgenden Blat zu ersehen, ganz lustig vnd mit Verwunderung zulesen. Fischer, Frankfurt am Main 1644, Cap. XIV, S. 126–132 (). und davon abhängig die Blockes-Berges Verrichtung des Johannes Praetorius von 1668.Johannes Praetorius: Blockes-Berges Verrichtung oder ausführlicher geographischer Bericht von den hohen trefflich alt- und berühmten Blockes-Berge: ingleichen von der Hexenfahrt und Zauber-Sabbathe, so auff solchen Berge die Unholden aus gantz Teutschland Jährlich den 1. Maij in Sanct-Walpurgis-Nachte anstellen sollen; Aus vielen Autoribus abgefasset und mit schönen Raritäten angeschmücket sampt zugehörigen Figuren; Nebenst einen Appendice vom Blockes-Berge wie auch des Alten Reinsteins und der Baumans Höle am Hartz. Scheibe, Leipzig; Arnst, Frankfurt am Main 1668, S. 19–25 ().
Von Praetorius wurde die Ballade 1806 in die Sammlung Des Knaben Wunderhorn von Achim von Arnim und Clemens Brentano übernommenAchim von Arnim und Clemens Brentano: Des Knaben Wunderhorn. Hrsg. von Heinz Rölleke. Band 1. Kohlhammer, Stuttgart u. a. 1979, . und 1816 erschien der Inhalt der Tannhäuser-Ballade in Prosafassung in den Deutschen Sagen der Brüder Grimm.Brüder Grimm: Der Tannhäuser. In: (dies.): Deutsche Sagen. Band 1. Nicolai, Berlin 1816, Nr. 170, S. 246f. Ludwig Bechstein gibt 1853 eine um mehrere Elemente bereicherte und ausgeschmückte Sage, insbesondere werden die Sünden des Papstes Urban aufgezählt, was der sich sonst so alles zu Schulden habe kommen lassen.Ludwig Bechstein: Deutsches Sagenbuch. Hrsg. von Karl Martin Schiller. F. W. Hendel, Meersburg und Leipzig 1930,
1837 hatte Heinrich Heine im zweiten Teil seiner Elementargeister die Frage behandelt, ob und wenn ja inwiefern Frau Venus eine Teufelin sei und dabei nicht nur den Text der Ballade wiedergegeben, sondern eine eigene, erweiterte und mit einem satirischen Schluss versehene Fassung geliefert.
Adaptionen Die lange Folge der Adaptionen des Stoffes hatte da jedoch schon längst begonnen. Ludwig Tieck hatte schon 1799 mit Der getreue Eckart und der Tannhäuser eine Prosafassung der Sage veröffentlicht, bei welcher anders als in der Volksballade, wo der Getreue Eckart nur ganz undeutlich im Hintergrund erscheintDer Getreue Eckart wird in der Ballade nicht namentlich genannt. Die Verse „Tannhäuser wollt Ihr Urlaub han, / Nehmt Urlaub von den Greisen“ (Fassung von Des Knaben Wunderhorn) könnten sich auf ihn beziehen., die Gestalt titelgebend im Vordergrund steht. Tannhäuser wird bei Tieck laut John Wesley Thomas zum Archetypen des romantischen Helden: Der Gesellschaft entfremdet, von nicht nennbarer Sehnsucht getrieben, im Leid eher als in der Freude daheim und schwankend am Rande des Wahnsinns.
mini|Joseph Tichatschek und Wilhelmine Schröder-Devrient in der Uraufführung von Wagners Tannhäuser 1845