mini|Denis Diderot, Gemälde von Louis-Michel van Loo, 1767 (unten die Unterschrift Diderots).200px|rechts|klasse=skin-invert-image|Signatur mini|alternativtext=|Denis Diderot, Büste von Marie-Anne Collot (Sammlung von Jacques Doucet)

Denis Diderot [] (* 5. Oktober 1713 in Langres; † 31. Juli 1784 in Paris) war ein französischer Abbé, Schriftsteller, Übersetzer, Philosoph, Aufklärer, Literatur- und Kunsttheoretiker, Kunstagent der russischen Zarin Katharina II. und einer der wichtigsten Organisatoren und Autoren der Encyclopédie. Er gilt darüber hinaus als ein wichtiger Wegbereiter der Französischen Revolution.

Zusammen mit Jean-Baptiste le Rond d’Alembert war Diderot, der über ein herausragendes universales, laut Voltaire „pantophiles“Gerhard Rudolph: Diderot, Denis. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin und New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 305. Wissen verfügte, Herausgeber der großen französischen Encyclopédie, zu der er selbst als Enzyklopädist etwa 6000 von insgesamt 72.000 Artikeln beitrug. Als Autor von Bühnenwerken und theaterästhetischen Schriften hatte er großen Anteil an der Entstehung eines bürgerlichen Dramas. Seine Romane und Erzählungen – zumeist, wie La religieuse, Jacques le fataliste oder Le Neveu de Rameau, postum erschienen – leisteten in verschiedener Weise ihren Beitrag zu den großen Themen der Zeit der europäischen Aufklärung, so u. a. zu den Fragen der Selbstbestimmung des Menschen, des Leib-Seele-Problems und des Gegensatzes von Determinismus und Willensfreiheit sowie zur Kritik an der Religion.

In seinen Werken wird eine deutliche Entwicklung von einer theistischen über eine deistische zu einer atheistischen Haltung erkennbar. Doch gibt es auch Hinweise darauf, dass seine materialistischen und atheistischen Vorstellungen schon in den frühen Werken, so z. B. in den Pensées philosophiques (1746),F. Venturi: Jeunesse de Diderot. 1939, S. 12. kenntlich werden.U. Winter: Der Materialismus bei Diderot. 1972, S. 8. Diderots philosophische Gedanken, die sich fast immer auf die Erfahrung individueller Sinneseindrücke oder Wahrnehmungen beziehen, lassen sich in die Kategorie des Sensualismus einordnen.Cordula Neis: Anthropologie im Sprachdenken des 18. Jahrhunderts: die Berliner Preisfrage nach dem Ursprung der Sprache (1771) (= Studia linguistica Germanica. Band 67). De Gruyter, Berlin 2003, ISBN 3-11-017518-5, S. 63. Der Begriff „Sensualismus“ war zum ersten Mal 1804 von dem Franzosen Joseph Marie Degérando in seiner Geschichte der Philosophie verwendet worden. Er bezeichnete damit neuzeitliche Erkenntnistheorien, die physisches Empfinden als Ursprung allen Denkens und Handelns auffassten. In der Folge wurde die Bezeichnung „Sensualismus“ als philosophiehistorische Kategorie genutzt und auch auf vergleichbare Sichtweisen antiker Philosophen angewendet. Der Sensualismus ist eine besonders in England im 17. Jahrhundert einflussreiche Geistesströmung der Aufklärung. Davon ausgehend ist er aber auch eine in Frankreich heimische philosophische Richtung.

Diderot trat in seinen Spätwerken für die Popularisierung der Aufklärung, des Atheismus und gegen die seiner Ansicht nach noch zu verbreiteten Erscheinungen des Aberglaubens und der Bigotterie ein. Diderot und seine Mitstreiter, die philosophes, überließen in ihren Werken nicht mehr den religiösen Institutionen und verschiedensten Agenturen die alleinige Deutungshoheit über die Welt und die Wissenschaften. Somit gab es für den Glauben an übernatürliche und irrationale Kräfte im unter aufklärerischen Einfluss stehenden Europa sowie im davon beeinflussten Nord- und Südamerika weniger Raum.Vergleiche auch die Atlantische Revolutionen und Aufklärung in Lateinamerika

Im Zentrum von Diderots Denken stand das für seine Zeit typische Spannungsfeld zwischen Vernunft und Sensibilität (sens et sensibilité). Vernunft zeichnete sich für Diderot durch die Suche nach wissenschaftlich fundierten Erkenntnissen und der Überprüfbarkeit der empirisch beobachteten und bewiesenen Fakten aus, ohne dabei in der rein quantitativen Erfassung der Wirklichkeit, in mathematischen Aussagen, befangen zu bleiben. In den Jahren 1754 bis 1765 entwickelte er daneben die Lehre einer universellen Sensibilität (sensibilité universelle).

Die Naturwissenschaften waren nach Diderot dadurch charakterisiert, dass sie nicht nach einem Warum fragen, sondern auf die Frage nach dem Wie eine Antwort suchen. Er beschäftigte sich mit vielen Wissensgebieten, darunter Chemie, Physik, Mathematik, vor allem aber Naturgeschichte sowie Anatomie und Medizin. Als philosophische Position erarbeitete er sich – so zu erkennen in seinen späteren Werken – eine (undogmatische) materialistische Geisteshaltung. Obgleich Diderot kein Philosoph war, der sich mit „begründungstheoretischen“ Problemen oder systematisierenden, analytischen Reflexionen beschäftigte, zählt er zu den vielfältigsten und innovativsten philosophischen Autoren des 18. Jahrhunderts.

Diderot und seine Weggefährten sahen sich durch ihre aufklärerischen Überlegungen und Publikationen wiederholt mit den herrschenden Vorstellungen des Ancien Régime konfrontiert und waren deshalb zahlreichen Repressionen ausgesetzt. Seine Inhaftierung im Jahr 1749 ließ Diderot gegenüber weiteren Kontrollen und Überwachungen durch die verschiedenen Agenturen aufmerksam werden, obwohl ihm und den Enzyklopädisten einige Personen aus dem Kreis der Einflussreichen und Herrschenden – darunter Mme de Pompadour, die Mätresse Ludwigs XV., und auch einige Minister und vor allem der Chefzensor Chrétien-Guillaume de Lamoignon de Malesherbes – insgeheim zur Seite standen. Dennoch war den interessierten Zeitgenossen Diderots, die ihn ausschließlich durch seine Publikationen kannten, nur eine begrenzte Auswahl an Essays, Romanen, Dramen zugänglich, wohl aber alle seine Beiträge zur Encyclopédie.

Diderot und seine Epoche Diderots persönliche intellektuelle und schriftstellerische Emanzipation fand vor dem Hintergrund eines allgemeinen Wandels in Wirtschaft und Gesellschaft des Ancien Régime im Gefolge des Grand Siècle statt: Noch um das Jahr 1700 war das französische Wirtschaftssystem fast zur Gänze der Stufe der Subsistenzwirtschaft verhaftet. Fast die gesamte Produktion diente also der unmittelbaren Deckung des Eigenbedarfs, und nur ein relativ geringer Anteil der Gesamtleistung wurde als Überschuss für den Markt produziert. Der wichtigste Sektor war noch immer die Landwirtschaft, die durch die traditionellen, wenig technisierten Anbaumethoden auf meist kleinbäuerlichen Betrieben vergleichsweise geringe Erträge erwirtschaftete und stark von zyklischen Produktionskrisen abhängig war.Zu den klimatischen Hintergründen hierzu siehe auch die Kleine Eiszeit.

Das Handwerk blieb während des späten Ancien Régime ohne nennenswerte quantitative oder qualitative Veränderungen. Manufakturen entwickelten sich im Frankreich des 18. Jahrhunderts zögerlich. Immerhin wurden die Zunftschranken zu Beginn des Jahres 1770 gelockert. Doch konnte Anne Robert Jacques Turgot, der als Contrôleur général des finances in der Zeit zwischen 1774 und 1776 eine gänzliche Abschaffung der Zünfte (corporations) anstrebte, um die handwerkliche Produktion im Sinne einer merkantilistischen Wirtschaftsförderung zu reformieren, sein Vorhaben nicht durchsetzen. Zugleich erhielt das französische Bürgertum, vor allem in den Metropolen wie Paris, Bordeaux oder Marseille, starke Impulse durch eine Zunahme des außereuropäischen Außenhandels. Es kam zu einer Schwerpunktverlagerung vom Mittelmeer- hin zum Atlantikhandel. Kolonialgebiete wurden so in das europäische Wirtschaftssystem integriert. Eine Voraussetzung für den Aufbau dieser Fernhandelsbeziehungen und vor allem des Seehandels war die schnelle Verfügbarkeit von Kapital durch unkomplizierte Zahlungsverfahren mit Bankkrediten. Profiteure dieser Entwicklung waren die Kaufleute und Handelsgesellschaften (Französische Ostindienkompanie bzw. Französische Westindienkompanie) in den Handelsmetropolen an den Küsten.

Der meinungsbildende Einfluss der hochadeligen höfischen Kultur und ihrer Institutionen verringerte sich in dem Maße, in dem dieses Bürgertum an Konturen gewann. Die Vielzahl an Publikationen (Zeitungen, Intelligenzblätter) bei gleichzeitig vermehrter Lesekompetenz, ferner die Salons und Cafés bestimmten das geistige Leben in vermehrtem Maße. An diesen Orten trafen sich Adel und Bürgertum in einem diskursiven Prozess. Die Diskussionen klärten die eigenen Positionen, sie halfen, Wertvorstellungen und Motive, Einstellungen und Anschauungen weltanschaulich-religiöser wie naturwissenschaftlich-technischer Art zu verändern und diese Veränderungen öffentlich zu machen.

Das entstehende Bürgertum und der komplexe Wandel der ökonomischen und sozialen Situation für weite Teile der französischen Gesellschaft stellten das bestehende politische System des Ancien Régime zunehmend in Frage. Schon in seinem 1751 erstellten Enzyklopädieartikel über die politische Autorität (Autorité politique), lehnte Diderot das Gottesgnadentum ebenso ab wie eine naturrechtliche Ableitung der monarchischen Autorität.

Hinsichtlich seiner politischen Vorstellungen setzte Diderot auch nach seiner Rückkehr aus Russland im Jahr 1774 noch gewisse Hoffnungen in den aufgeklärten Absolutismus, also in die Idee einer Monarchie, in der die intellektuellen Eliten dazu beitragen würden, Vorstellungen der Aufklärung gewissermaßen von „oben nach unten“ einzuführen. Diese Hoffnungen gab er im Wesentlichen in den Jahren 1770 bis 1774 auf.Daniel Mornet: Les origines intellectuelles de la Révolution française 1715–1787. A. Collin, Paris 1933, Lyon 1989, Paris 2009. mini|Territoriale Organisation Europas im Jahre 1714; differenziert in Monarchien, Republiken und kirchliche Ländereien.

Leben Jugendjahre in Langres (1713 bis 1729) Diderot war das zweitälteste Kind des wohlhabenden jansenistischenDer Jansenismus, benannt nach dem Bischof Cornelius Jansen (1585–1638), war eine Bewegung in der katholischen Kirche des 17. und 18. Jahrhunderts, die sich auf die Gnadenlehre des Augustinus gründete. Messerschmiede­meisters Didier Diderot aus Langres (damals Hauptort des Bistums Langres, heute Haute-Marne) und von dessen Ehefrau Angélique Vigneron (12. Oktober 1677 – 1. Oktober 1748), der dreizehnten Tochter eines Gerbers. Sein Großvater Denis Diderot (1654–1726) hatte am 20. Juni 1679 Nicole Beligné (1655–1692), die Tochter des Messerschmiedemeisters François Beligné (1625–1697) und dessen Ehefrau Catherine Grassot, geheiratet. Das Paar hatte insgesamt neun Kinder, unter ihnen der Vater von Denis Diderot, der Handwerksmeister (maître de guilde) Didier Diderot.

Denis Diderot wurde am Donnerstag, dem 5. Oktober 1713, geboren und schon am nächsten Tag in der Église paroissiale Saint-Pierre-Saint-Paul zu Langres nach römisch-katholischem Ritus getauft. Diderot hatte noch fünf jüngere Geschwister, von denen jedoch zwei im Kindesalter starben. Zu seiner Schwester Denise Diderot (1715–1797) hatte er zeitlebens ein sehr gutes Verhältnis, er nannte sie Sœurette. Zu seinem jüngeren Bruder Didier-Pierre Diderot (1722–1787), einem späteren Geistlichen und Stiftsherrn von Langres, war seine Beziehung konfliktbeladen. Eine weitere Schwester, Angélique Diderot (1720–1749), trat dem Ursulinen-Orden bei.

Geboren wurde Denis Diderot in einem Haus im Zentrum von Langres, n° 9 de la place dans le centre ville de Langres. Der Platz trägt heute seinen Namen.