mini|Aziz Mahmud Hüdayi Moschee Istanbul Sayyid Aziz Mahmud Hüdayi (osmanisch-türkisch: عزيز محمود هدایی; türkisch: Seyyid Aziz Mahmud Hüdâyî; DMG: ʿAzīz Maḥmūd Hüdāyī; geb. 1541 in Şereflikoçhisar (Ankara); gest. 1. Oktober 1628 in Üsküdar (Istanbul)) war ein osmanischer Sufi, islamischer Gelehrter, Dichter, Mudarris und Kadı von Bursa, einer der ranghöchsten Provinzrichter des Osmanischen Reiches, sowie Begründer des Ǧalwatiyya-Ordens.

Als Schüler von Mehmed Muhyiddin Üftâde zählt er zu den bedeutendsten Vertretern des Sufismus. Er prägte die religiöse und geistige Kultur des Osmanischen Reiches nachhaltig und stammte von Dschunaid al-Baġdādī ab.

Leben und Ausbildung Seine erste Ausbildung erhielt er in Sivrihisar, wo er seine Kindheit verbrachte. Zur Fortsetzung seiner Studien ging er nach Istanbul und trat in die Küçük-Ayasofya-Madrasa ein, wo er Tafsīr, Ḥadīṯ und Fiqh studierte. Nach Abschluss seiner Ausbildung wurde er Lehrassistent (muʿīd) seines Lehrers Nâzırzâde Ramazan Efendi. Während seiner Studien- und Assistentenjahre besuchte er zugleich die Lehrgespräche von Nûreddinzâde Muslihuddin Efendi, dem Šayḫ der zur Ḫalwatiyya gehörenden Küçük-Ayasofya-Tekke.

Als Ramazan Efendi 1569 zum Professor an der Selimiye-Madrasa in Edirne und 1571 zum Richter in Kairo und Damaskus ernannt wurde, folgte ihm Hüdâyî an diese Wirkungsstätten.

Nach seiner Rückkehr aus Ägypten wurde Hüdâyî 1573 zum Leiter der Ferhâdiye-Madrasa in Bursa sowie zum stellvertretenden Richter (türk. nāʾib) des Câmi-i Atîk-Gerichts ernannt. Als Stellvertreter des Bursaer Richters gehörte er einem der angesehensten Gerichte des Osmanischen Reiches an, dessen Inhaber zu den ranghöchsten Vertretern der osmanischen Elite zählten. Das Amt selbst bekleidete zuerst sein Lehrer Ramazan Efendi und im Anschluss er selbst.

Hüdâyî erlebte während seines nahezu ein Jahrhundert umfassenden Lebens die Regierungszeiten von acht osmanischen Sultanen, von Süleyman I. bis Murad IV.

Zuwendung zum Tasawwuf mini|279x279px|Grabmal seines Lehrers Üftade Der Tod seines Lehrers Ramazan Efendi 1576 markierte einen Wendepunkt in Hüdâyîs Leben. Nachdem er bereits die Predigten sowie Lehrgespräche von Muhyiddin Üftâde besucht hatte, schloss er sich diesem gänzlich an. Er gab kurz darauf alle seine akademischen und richterlichen Ämter auf und widmete sich ganz dem spirituellen Weg. Nach nur drei Jahren (1580) vollendete er seine Ausbildung unter Üftâde und wurde von diesem als dessen Stellvertreter (ḫalīfa) nach Sivrihisar entsandt.

Nach dem Tod Üftâdes hielt sich Hüdâyî einige Zeit in Rumelien auf, bevor er sich schließlich (1584) in Istanbul niederließ.

Im Jahr 1589 erwarb er das Gelände, auf dem sich später (1594) die Hüdâyî-Tekke in Üsküdar befinden sollte. Auf Empfehlung des Schaich al-Islam Sâdeddin Efendi wurde Hüdâyî die Küçük-Ayasofya-Tekke anvertraut, wo er acht Jahre lang wirkte. Ab 1598 wirkte er außerdem als Prediger in der Fâtih-Moschee und unterrichtete Koranexegese und Ḥadīṯ.

1599 gab er seine Tätigkeit als Prediger in der Fâtih-Moschee auf und begann, jeden Donnerstag in der Mihrimah-Sultan-Moschee in Üsküdar zu predigen. Bei der Eröffnung der Sultan-Ahmed-Moschee im Jahr 1616 hielt Hüdâyî die erste Freitagspredigt und übernahm anschließend die Verpflichtung, dort zu predigen.

Lehren Nach Hüdâyî bilden die Liebe zum eigenen Selbst (nafs) und die Liebe zu allem außer Gott (māsiwā) die beiden grundlegenden Schleier, die den Menschen von der wahren Einheit und Erkenntnis Gottes trennen. Diese beiden Schleier müssen beseitigt werden. Erreichbar ist dies nur durch die Befreiung von allem außer Gott und die ausschließliche Hinwendung zu Ihm erreichbar. Er unterscheidet zwischen einem gesprochenen und einem unmittelbaren Verständnis des tawḥīd. Während ersteres den Glauben der Allgemeinheit beschreibt, bezeichnet letzteres die durch, Erkenntnis (ʿirfān) und Enthüllung (kašf) gewonnene Erkenntnis Gottes.

Hüdâyî gilt als Begründer der Ǧalwatiyya (arabisch: جلوتية), die als ein Zweig der Ḫalwatiyya angesehen wird. Während die Ḫalwatiyya den Schwerpunkt auf die ḫalwa (ﺧﻠﻮة), den zeitweiligen Rückzug aus der Welt, legt, bezeichnet ǧalwat (ﺟﻠﻮة) die Rückkehr in die Gemeinschaft. Der Schüler soll sich zunächst in der Einsamkeit von seinen Begierden reinigen, um anschließend als Gott zugewandter Mensch unter den Menschen zu leben. Damit wird die ǧalwat nicht als Gegensatz zur ḫalwa verstanden, sondern als deren Vollendung.

Die spirituelle Praxis der Ǧalwatiyya war von intensivem Gottesgedenken, freiwilligen Gebeten und umfangreichen Fastenübungen geprägt. Daneben legte der Orden großen Wert auf Reue und Umkehr zu Gott, die gewissenhafte Befolgung der Sunna, die Loslösung von weltlichem Besitzstreben sowie eine asketische Lebensführung, die sich insbesondere in Mäßigung beim Essen, Schweigsamkeit und ständiger geistiger Wachsamkeit ausdrückte.

Gottesliebe mini|280x280px|Aziz Mahmud Hüdayi Moschee In seinem Aufsatz Ḥabbat al-maḥabba entfaltet Aziz Mahmud Hüdâyî seine Lehre von der Gottesliebe. Die höchste Stufe dieser Liebe sieht er dort verwirklicht, wo Gott nicht wegen seiner Gaben oder Eigenschaften geliebt wird, sondern allein um Seiner selbst willen. Eine solche Liebe bleibt von wechselnden Erfahrungen von Freude und Leid unberührt und wurzelt letztlich in der göttlichen Liebe zum Menschen.Die Liebe zum Propheten, welches er als die zweite Stufe sieht, ist nicht nur ein Ausdruck der Frömmigkeit, sondern der entscheidende Weg zur Gottesliebe; wahre Liebe zu Gott zeigt sich nach seiner Auffassung in der Nachfolge des Propheten. Nach dem Zitat eines Koranverses (3:31) erklärt er: Als nächsten Schritt knüpft er an die Liebe zur Ahl al-Bayt an, welche er als eine natürliche Folge der Liebe zu Allah und seinem Gesandten sieht.

Verhältnis zum Osmanischen Reich mini|Sultan-Ahmed-Moschee; die Eröffnungspredigt hielt Aziz Mahmud Hüdâyî Hüdâyî stand mit sechs der acht Sultane seiner Lebenszeit in regelmäßigem Kontakt (ausgenommen Süleyman I. und Selim II., die in seine Studienzeit fielen). Die Beziehungen waren unterschiedlich eng: mit einigen hatte er direkten Zugang zum Palast, mit anderen kommunizierte er per Brief oder über Vermittler aus dem Staatsdienst. Zu den osmanischen Herrschern, die Hüdâyî nahestanden, gehörten vor allem Ahmed I., Osman II. und Murad IV. Über Sultan Ahmed I. berichten die Quellen – darunter auch Evliyâ Çelebi –, dass er der Tarīqa Hüdâyîs beigetreten sei.

Als Ausdruck seines hohen Prestiges wird gewertet, dass er die Totengebete für die Schaich al-Islam Hoca Sa'deddin Efendi und Sun'ullah Efendi leitete, oder dass er der Lehrer vom späteren Schaich al-Islam Yahya Efendi war.

Die in einigen Quellen überlieferte Ehe zwischen Aziz Mahmûd Hüdâyî und Ayşe Sultan, der Enkelin von Süleyman I., lässt sich anhand der bekannten historischen Quellen nicht eindeutig nachweisen und gilt daher als unsicher.

Schüler aus Gelehrten- und Beamtenkreisen Zu Hüdâyîs Anhängern und Schülern zählten neben Sufis und Gelehrten, auch Staatsbeamte des Osmanischen Reiches bis hin zu Großwesiren und Schaich al-Islams, was sein Ansehen weiter verdeutlicht.:

Halil Paşa – Mehrfach Großwesir und viermal Großadmiral des Osmanischen Reiches; einer der engsten und einflussreichsten Schüler Hüdâyîs. Nach diversen politischen Rückschlägen zog er sich wiederholt in dessen Tekke zurück und bezeichnete ihn als seinen Meister. Sarı Abdullah Efendi – Bedeutender Staatsbeamter und Schriftsteller. Oğlanlar Şeyhi İbrahim Efendi – Angesehener Sufi-Meister in Istanbul; nahm neben anderen Meistern auch von Hüdâyî spirituelle Unterweisung an. Hocazâde Es'ad Efendi – Schaich al-Islams des Osmanischen Reiches und Schwiegervater Sultan Osmans II.; soll Hüdâyîs Schüler gewesen sein. Außerdem erhielt er die Idschāza und wurde in den Kreis seiner Stellvertreter aufgenommen. Okçuzâde Mehmed Şâhî Efendi – Ranghöchster Beamter des Verwaltungs- und Schriftwesens (رئيس الكتّاب) Gelehrter und Literat; gehörte zu den regelmäßigen Teilnehmern seiner Lehrversammlungen. Nev'îzâde Atâî – Bedeutender Richter, Historiker und Autor des Hadâiku’l-Hakâik. Hüsrevzâde Ali Çelebi – Gelehrter, Sufi und Nachkomme Şeyh Edebalis; stand mit Hüdâyî in persönlichem Briefwechsel. Veysî – Berühmter osmanischer Stilist und Autor; galt als Verehrer Hüdâyîs und gehörte zu seinem weiteren Anhängerkreis.

Silsila Die Silsila der Ǧalwatiyya wird traditionell wie folgt überliefert: Nr. Name 1 Muḥammad Muṣṭafā 2 ʿAlī Murtaḍā 3 Ḥasan al-Baṣrī 4 Ḥabīb al-ʿAǧamī 5 Dāwūd aṭ-Ṭāʾī 6 Maʿrūf al-Karḫī 7 as-Sarī as-Saqaṭī 8 Ǧunayd al-Baġdādī 9 Mamšād ad-Dīnawarī 10 Muḥammad ad-Dīnawarī 11 Muḥammad al-Bakrī 12 Qāḍī Waḥy ad-Dīn 13 ʿUmar al-Bakrī 14 Abū n-Nadschīb as-Suhrawardī 15 Quṭb ad-Dīn al-Abharī 16 Šihāb ad-Dīn at-Tabrīzī 17 Sayyid Ǧamāl ad-Dīn at-Tabrīzī al-Azharī 18 Ibrāhīm Zāhid al-Gīlānī 19 Ṣafī ad-Dīn al-Ardabīlī 20 Ṣadr ad-Dīn al-Ardabīlī 21 ʿAlāʾ ad-Dīn ʿAlī al-Ardabīlī 22 Hamîdüddin Aksarâyî 23 Hacı Bayram Velî 24 Akbıyık Meczûb 25 Hızır Dede 26 Mehmed Muhyiddin Üftâde 27 Aziz Mahmud Hüdâyî

Grabstätte mini|249x249px|Mausoleum von außen Die Grabstätte von Aziz Mahmud Hüdâyî zählt zu den bedeutendsten religiösen Erinnerungsorten Istanbuls. Einer Untersuchung zufolge ist sein Mausoleum in Üsküdar nach dem Grab des Prophetengefährten Abu Ayyub al-Ansari die zweithäufigst besuchte Grabstätte der Stadt.

Besondere Verbreitung fand zudem ein Hüdâyî zugeschriebenes Bittgebet, in dem er Gott um Schutz und einen guten Glaubenszustand am Lebensende für jene bittet, die ihm verbunden sind oder seine Grabstätte besuchen. Die Überlieferung gehört zu den bekanntesten Elementen der um seine Person entstandenen Verehrungstradition. Dieses berühmte „Gebet für seine Liebenden“ wird in den Quellen als eine inständige Bitte Hüdâyîs an Gott beschrieben, die er mit Hoffnung und Demut aussprach.

Werke Aziz Mahmud Hüdâyî verfasste rund dreißig Werke in arabischer und türkischer Sprache. Wie viele Gelehrte seiner Zeit schrieb er den überwiegenden Teil seiner Schriften auf Arabisch. Seine Werke behandeln vor allem Themen des Sufismus, Ethik, Frömmigkeit, Koranauslegung und Ordenspraxis. Daneben hinterließ er ein umfangreiches türkisches Schrifttum, insbesondere Gedichte, Briefe und Predigtsammlungen.

Arabische Werke

Nafāʾis al-maǧālis – Kommentar zu ausgewählten Koranversen. Ǧāmiʿ al-faḍāʾil wa-qāmiʿ al-raḏāʾil – Werk über religiöse, praktische und moralische Tugenden. Miftāḥ al-ṣalāt wa-mirqāt al-naǧāt – Abhandlung über die Vorzüge und die innere Bedeutung des Gebets. Ḫulāṣat al-aḫbār fī aḥwāl al-nabī al-muḫtār – Werk über Schöpfung, Sein und die Wirklichkeit des Propheten. Ḥabbat al-maḥabba – Kurze Abhandlung über die Liebe zu Gott, zum Propheten und zu dessen Familie. Kašf al-qināʿ ʿan waǧh al-samāʿ – Verteidigung des samāʿ und seiner religiösen Legitimität. al-Ṭarīqa al-Muḥammadiyya – Darstellung des spirituellen Weges und der religiösen Lebensführung. Wāqiʿāt – Aufzeichnungen aus den Lehrgesprächen seines Meisters Muḥyiddīn Üftade. al-Fatḥ al-ilāhī – Mystische Abhandlung über die Schöpfung des Menschen. Ḥayāt al-arwāḥ wa-naǧāt al-ašbāḥ – Werk über die Seelen. Fatḥ al-bāb wa-rafʿ al-ḥiǧāb – Abhandlung über die Schöpfung und den Menschen. al-Maǧālis al-waʿẓiyya – Sammlung von Predigten und Ermahnungen. Taǧalliyāt – Aufzeichnungen spiritueller Erfahrungen.

Türkische Werke

Dîvân-ı İlâhiyât – Bedeutendstes türkisches Werk Hüdâyîs. Die Sammlung umfasst etwa 255 ilâhîs sowie Rubâʿîs und andere Gedichtformen. Viele seiner Gedichte wurden vertont und fanden weite Verbreitung in den Tekken des Osmanischen Reiches. Necâtü’l-Garîk fi’l-Cemʿ ve’t-Tefrîk – Versifizierte Abhandlung über die sufischen Begriffe cemʿ und tefrîk. Tarîkatnâme – Darstellung der Regeln, des Adab und der spirituellen Praxis der Ǧalwatiyya. Mektûbât (Tezâkir) – Sammlung seiner Briefe an osmanische Sultane, Staatsmänner und Gelehrte.