mini|Die "Krumauer Madonna" im Kunsthistorischen Museum in Wien gilt in der kunsthistorischen Forschung als paradigmatisch für den Typus Mit dem Begriff Schöne Madonna bezeichnet die kunsthistorische Forschung einen spezifischen Skulpturentypus der Mariendarstellung. Der Entstehungszeitraum dieser Werkgruppe wird auf das späte 14. und frühe 15. Jahrhundert (ca. 1380–1430) datiert und klassischerweise dem Stil der Internationalen Gotik (auch Weicher Stil) zugeordnet. Formtypisch zeichnen sich Schöne Madonnen durch fließend-weiche, oft detailreich ausgearbeitete Gewänder, eine geschwungene Körperhaltung (die sogennante S-Kurve) sowie rundliche, idealisierend kindliche Gesichtszüge aus.

Im Forschungsdiskurs galt dieser Typus lange als rein stil- und formgeschichtlich gesetztes Phänomen. Im Rahmen kritischer Neubewertungen wird er jedoch zunehmend hinsichtlich seiner Entstehungskontexte, seiner gesellschaftlichen Funktionen und der ihm zugrundeliegenden Geschlechter- und Weiblichkeitsdiskurse befragt. Insbesondere für die feministische Kunstgeschichtsschreibung stellt der Typus ein zentrales Forschungsfeld dar, da an ihm historische Idealvorstellungen von Weiblichkeit und deren ästhetische Konstruktion verhandelt werden.

Forschungsdiskurs Die wissenschaftliche Aufarbeitung der „Schönen Madonnen“ spiegelt die methodische Entwicklung der Kunstgeschichte im 20. Jahrhundert wider.

Wilhelm Pinder (1923): Pinder isolierte die Werkgruppe erstmals monographisch und prägte die Vorstellung von den Schönen Madonnen als identitätsstiftendes Kulturgut, im Sinne seiner klar nationalsozialistisch geprägten Ideologie, und erhöhte die Gruppe als exklusive, erlesene „Kabinettskunst“ für eine höfisch-patrizische Elite. Er betonte das Motiv der „rettenden Kraft der Form“ und sah in dem schwellenden, intimen Stil den Ausdruck einer idealen, aristokratischen Zuständigkeit.

Karl Heinz Clasen (1974): Clasen unternahm den Versuch einer umfassenden Monografisierung und vertrat dabei das Konzept eines einzelnen, genialen Schöpfers („Meister der Schönen Madonnen“), der als überragende Künstlerpersönlichkeit von einem Zentrum aus gewirkt habe.

Bei Pinder und Clasen handelt es sich um Forscher, die während der NS-Zeit nationalsozialistische Ideologie vertraten und dementsprechend auch in ihrer kunsthistorischen Forschung eine nationalistische und völkische Agenda verfolgten.

Herbert Beck und Horst Bredekamp (1975/1977): Einen Wendepunkt markierte der gesellschaftskritische Ansatz von Beck und Bredekamp. Sie interpretierten die Schöne Madonna formanalystisch und sozialgeschichtlich als „bewahrende Aufhebung der Gegensätze“. In einer Zeit gesellschaftlicher Umbrüche um 1400 habe der Typus eine ausgleichende, konfliktdämpfende Funktion zwischen religiösen, sozialen und individuellen Interessen eingenommen.

Helga Möbius (1991): Möbius knüpft an Beck und Bredekamp an, erweitert den Diskurs jedoch um die Kategorie Gender und ordnet den Typus somit im Rahmen feministischer Kunstwissenschaft ein. Sie kritisiert, dass traditionelle Diskurse die Weiblichkeit der Maria als selbstverständlich vorausgesetzt und ausgeblendet haben. Möbius versteht den Skulpturentypus als künstlich konstruiertes „Frauenwunschbild“. Die Vereinigung gegensätzlicher Attribute – jung und mütterlich, keusch und sinnlich-erotisch, distanziert und fürsorglich – diene als ästhetische Projektionsfläche, um historisch spezifische Normen von Weiblichkeit, Affektdämpfung und Unterordnung im Interesse einer patriarchal verfassten Gesellschaft als „naturgegeben“ zu harmonisieren. Zudem weist Möbius darauf hin, dass die Wiederentdeckung und Schwärmerei für diesen Typus in den 1920er/30er Jahren eng mit einem bürgerlich-konservativen Ordnungs- und Harmoniebedürfnis der Weimarer Republik verknüpft war.

Beispiele mini|"Schöne Madonna" in St. Foillan in Aachen Da es sich bei der "Schönen Madonna" um einen von der kunsthistorischen Forschung konstruierten Typus handelt, sind die Zuordnungen keineswegs eindeutig und die Grenzen nicht klar definiert. Zwar weisen die einzelnen Werke formale Parallelen und motivische Vergleiche auf, diese reichen jedoch nicht aus, um eine klar abgrenzbare, geschlossene Werkgruppe zu definieren. Die erhalten Skulpturen unterscheiden sich vielmehr stark hinsichtlich ihrer Materialität, der angewandten Herstellungstechniken sowie ihrer jeweiligen Restaurierungsgeschichte.

Ein prägnantes Beispiel hierfür bietet die "Schöne Madonna" in St. Foillan (Aachen): Ihre heutige Naturholzoptik ist das Ergebnis einer Eingriffsgeschichte, bei der die Reste der ursprünglichen Farbfassung im Zuge der Vorbereitung für die Kölner Ausstellung "Die Parler und der Schöne Stil 1350-1400" (1978/79) entfernt wurden. Zudem ist sie mit einer Höhe von beinahe zwei Metern deutlich größer als andere Mariendarstellungen, die dem Typus der "Schönen Madonna" zugeordnet werden.

Bei genauerer Betrachtung der einzelnen Figuren wird deutlich, dass der Begriff "Schöne Madonna" keine homogene Skulpturengruppe bezeichnet, sondern ein Phänomen beschreibt, das eine erhebliche Heterogenität aufweist.

Die folgenden Skulpturen gelten in der Forschung als dem Typus der "Schönen Madonna" zugehörig: Krumauer Madonna Schöne Madonna von Breslau Schöne Madonna von Danzig Schöne Madonna von Krużlowa Schöne Madonna von Toruń Friesentormadonna Schiffermadonna / Schöne Madonna von St. Maria Lyskirchen (Köln) Schönne Madonna von St. Foillan (Aachen)

Literatur Herbert Beck, Horst Bredekamp: Die internationale Kunst um 1400, in: Dies. / Wolfgang Beeh (Hrsg.): Kunst um 1400 am Mittelrhein. Ein Teil der Wirklichkeit, Frankfurt am Main 1975, S. 1–29. Herbert Beck, Horst Bredekamp: Kompilation der Form in der Skulptur um 1400. Beobachtungen an Werken des Meisters von Großlobming, in: Städel-Jahrbuch, Neue Folge, Bd. 6 (1977), S. 129–15. Karl-Heinz Clasen: Der Meister der Schönen Madonnen. Herkunft, Entfaltung und Umkreis, Berlin/New York 1974. Helga Möbius: „Schöne Madonna“ und Weiblichkeitsdiskurs im Spätmittelalter, in: Frauen Kunst Wissenschaft 12 (1991), S. 7–16. Wilhelm Pinder: Zum Problem der „Schönen Madonnen“ um 1400, in: Jahrbuch der Preußischen Kunstsammlungen, Bd. 44, 1923, S. 147–171. Robert Suckale (Hrsg.): Schöne Madonnen am Rhein [Begleitbuch zur Ausstellung im LVR-LandesMuseum Bonn], Seemann Verlag, Leipzig 2009, ISBN 978-3865022356 Rolf Wallrath: Zwei Rheinische „Schöne Madonnen“ , in: Jahrbuch des Kölnischen Geschichtsvereins, Bd. 21, 1939, S. 256–266. Gundolf Winter: Zur Sinnbestimmung der „Schönen Madonnen“ um 1400. In: Giessener Beiträge zur Kunstgeschichte.Band 6, 1983, S. 1–22.

Einzelnachweise

Kategorie:Marienbildnis Kategorie:Gotik Kategorie:Gotische Skulptur Kategorie:Kunstgeschichte Kategorie:Christliche Kunst