Therese Münsterteicher (* 4. Februar 1897 bei Hövelhof; † 19. Dezember 1967 in Ahlen) war eine deutsche Judenretterin während der Zeit des Nationalsozialismus.
Leben Therese Münsterteicher wurde 1897 als viertes Kind der Familie Nübel in der Nähe von Hövelhof im Delbrücker Land in eher ärmlichen Verhältnissen geboren. Wie es damals selbstverständlich war, mussten alle Kinder schon früh mitarbeiten. Als Therese 9 Jahre alt war, starb die Mutter. Nach der Schulzeit suchte sie, wie viele andere, Arbeit im Ruhrgebiet, um die Familie unterstützen zu können. Sie zog nach Ahlen, wo bereits ihre ältere Schwester wohnte. Dort lieferte sie für die Bäckerei Breul in der Nordstraße die bestellten Waren aus. Therese war 17, als der Erste Weltkrieg begann. Später fand Therese Arbeit in der Emailfabrik Rollmann & Tovar. Therese heiratete am 3. November 1921 Johann Münsterteicher. Die Ehe blieb kinderlos.Hildegard Offele-Aden: Therese Münsterteicher. „Und wo sind die anderen?“ Stadt Ahlen 2002. ISBN 3-8311-3326-3
Bei der Arbeit bei Rollmann & Tovar lernte sie die 13 Jahre jüngere Rosa Moszkowicz kennen und freundete sich mit der gesamten Familie Moszkowicz an. Da diese Familie in Armut lebte, unterstützte sie die Familie. Rosa wurde zu ihrer besten Freundin. Rosa, eigentlich Rachla, wurde am 18. September 1910 in Skierniewice geboren. Skierniewice gehörte seit 1815 zum zaristischen Kolonialreich. So kam es, dass ihr Vater Benjamin Moszkowicz als polnischer Jude für den russischen Zaren in den Ersten Weltkrieg ziehen musste. Er geriet in deutsche Kriegsgefangenschaft und kam nach Ahlen, wo er Zwangsarbeit auf der Zeche Westfalen leisten musste. Nach dem Krieg holte er die Familie nach Ahlen. Lange Zeit versuchte er, sein Geld als Schuster und Schuhmacher zu verdienen. Die Familie lebte jedoch fast immer unterhalb des Existenzminimums. Hinzu kamen, nach 1933, die immer stärker werdenden Drangsalierungen durch das Nazi-Regime. „Auf der Suche nach Arbeit emigrierte der Vater nach Argentinien und wollte die Familie nachholen. Die Ausreise war für den 10. November 1938 geplant, wurde aber durch das Novemberpogrom zunichte gemacht. In der Pogromnacht wurde die Familie quer durch Ahlen gehetzt…“
Therese gab die Freundschaft zu Rosa nicht auf und hielt zu der Familie, auch als die Nationalsozialisten in ihrer Schreckensherrschaft Menschen jüdischer Herkunft zu Staatsfeinden und Untermenschen degradierten und sogar Mitmenschlichkeit und Freundschaft unter Strafe stellten. Die Familie Moszkowicz musste in ein „Judenhaus“ in Essen ziehen. Therese versprach Rosa, sie weiterhin zu unterstützen und sie und ihre Familie zu versorgen. Regelmäßig fuhr sie nachts mit dem Zug nach Essen, um sich dort heimlich mit der Freundin im dunklen Grugapark zu treffen und ihr die Lebensmittel zu übergeben, die sie mitgebracht hatte. Das tat sie auch, als Hitlerdeutschland in enger Zusammenarbeit mit der Sowjetunion den Zweiten Weltkrieg begonnen hatte. Zu der Gefahr, entdeckt zu werden, kam nun die Gefährdung durch die nächtlichen Bombenangriffe. Therese kam auf die Idee, sich mit Imo, dem jüngeren Bruder von Rosa, in Hamm an einem Bahnsteig zu treffen, um ihm einen Koffer mit Lebensmitteln zu übergeben. Imo hatte helles Haar und fiel nicht auf, weil er sich äußerlich nicht von den „anderen Deutschen“ unterschied. Trotzdem waren alle Beteiligten hochgradig gefährdet.
Am 22. April 1942 wurde Rosa Moszkowicz mit ihrer Familie vom Bahnhof Essen nach Izbica, einem kleinen Ort in der Nähe von Lublin in Polen, deportiert. Lediglich die Brüder Hermann, David und Imo Moszkowicz blieben noch ein Jahr in Essen, da sie dort im Rheinisch-Westfälisches Elektrizitätswerk „kriegswichtige Arbeiten“ zu leisten hatten. Im März 1943 wurde Imo direkt von der Arbeit abgeholt. Er wurde nach Dortmund gebracht und dort in einer der Viehhallen des Schlachthofes untergebracht. Das Deportationsziel war Auschwitz. Nach dem 8. Mai 1945, dem Tag der Kapitulation, kam nur Imo nach Ahlen zu Therese zurück. Imo war der Einzige seiner Familie, der die Deportationen überlebt hatte. Imo Moszkowicz hatte schon als Jugendlicher Interesse am Schauspiel, fand Arbeit bei der Theatergruppe „Junge Bühne“ in Warendorf und zog nach Warendorf. Der Kontakt zu Therese Münsterteicher blieb bestehen.Hans Werner Gummersbach: Der Weg nach Auschwitz begann auch in Ahlen. Vergessene Spuren der jüdischen Gemeinde einer westfälischen Stadt. Verlag B. Sommer, Ahlen, 1988, ISBN 3-9801963-0-5
Erst in den Jahren 2020/21 stellte sich heraus, dass Therese Münsterteicher nicht nur der Familie Moszkowicz beigestanden hatte. Durch die Recherchen des Journalisten Hans-Ulrich Dillmann wurde bekannt, dass die mutige Frau in den Jahren 1943/44 zwei jüdischen Frauen aus Essen geheimen Unterschlupf bei sich gewährt hatte. Beide Frauen, Maria Carsch und ihre Tochter Inge überlebten die schreckliche Zeit und kehrten ebenso wie Imo zu ihrer Retterin nach Ahlen zurück.Hermann Schröter: „Geschichte und Schicksal der Essener Juden. Gedenkbuch für die jüdischen Mitbürger der Stadt Essen“. Stadt Essen 1980, S. 503 und S. 799
1965 wurde Therese Münsterteicher krank. Einige Zeit später erlitt sie einen Schlaganfall. Imo Moszkowicz, der seit langem in der Nähe von München wohnte, bot seine Unterstützung an. Thereses Krankheit dauerte zwei Jahre. Sie starb am 19. Dezember 1967 im Ahlener Krankenhaus St. Franziskus.
Ehrung und Erinnerung
„Bevor ich sterbe, werde ich Therese Münsterteicher ein Denkmal setzen“, sagte Imo Moszkowicz. Am 3. März 1996 wurde der „Therese-Münsterteicher-Platz“ in Ahlen eingeweiht. Anwesend waren Imo Moszkowicz, mittlerweile ein bekannter Regisseur und Schauspieler, und seine Frau Renate. Bei dieser Gelegenheit kam Imo Moszkowicz ausführlich zu Wort. Außerdem waren anwesend der Bürgermeister Günter Harms, der Direktor der Volkshochschule Rudolf Blauth, Marga Spiegel und viele andere. Imo Moszkowicz war mit Marga Spiegel befreundet. Die Geschichte von Marga Spiegel, die die NS-Zeit überleben konnte, weil sie von „einfachen“ Menschen versteckt wurde, wird im Film „Unter Bauern“ dargestellt. Dieser Film spielt hauptsächlich in der Umgebung von Ahlen.
Im März 2006 verlieh die Stadt Ahlen Imo Moszkowicz die Ehrenbürgerwürde.
2014 wurden Stolpersteine für die ermordeten Mitglieder der Familie Moszkowicz verlegt.
2016 wurde ein Stolperstein für den Ahlener Ehrenbürger und Holocaust-Überlebenden Imo Moszkowicz verlegt.
2020 wurden Stolpersteine für Maria und Inge Carsch verlegt.
Durch die Verlegung von Stolpersteinen erinnert die Stadt Ahlen an Menschen, die wegen ihrer „Rasse“ oder aus politischen, religiösen u. a. Gründen vom NS-Regime verfolgt wurden. Mittlerweile sind es 197 Stolpersteine. (Stand 2026)
2021 wurde die Städtische Gesamtschule Ahlen in „Therese-Münsterteicher-Gesamtschule“ umbenannt.
Literatur Hans-Ulrich Dillmann: Schicksale der Jüdinnen und Juden aus Lüdenscheid, HG: Geschichts- und Heimatverein Lüdenscheid 2021 Hans Werner Gummersbach: Der Weg nach Auschwitz begann auch in Ahlen. Vergessene Spuren der jüdischen Gemeinde einer westfälischen Stadt. Verlag B. Sommer, Ahlen, 1988, ISBN 3-9801963-0-5 Manfred Kehr: Ahlen und seine Stolpersteine. Erinnerungskultur in einer westfälischen Industriestadt, Verlag Aschendorff, Münster 2023, ISBN 978-3-402-14290-5 Imo Moszkowicz: Der grauende Morgen. Eine Autobiographie. Boer-Verlag 1996, Erstausgabe, in Deutsch, ISBN 9783924963774 Hildegard Offele-Aden: Therese Münsterteicher. „Und wo sind die anderen?“ Stadt Ahlen 2002. ISBN 3-8311-3326-3 Hermann Schröter: Geschichte und Schicksal der Essener Juden. Gedenkbuch für die jüdischen Mitbürger der Stadt Essen. Stadt Essen 1980
Einzelnachweise
Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1897 Kategorie:Gestorben 1967 Kategorie:Frau