Quintet (Basel) 1977 ist ein Musikalbum von Anthony Braxton. Die am 2. Juni 1977 als eine Produktion von Radio DRS live im Haus der Safranzunft in Basel entstandenen Aufnahmen erschienen 2001 auf HatHut Records. 2016 wurde das Album nach einem Remastering mit veränderter Covergestaltung wiederveröffentlicht.
Hintergrund 1976 kam es zur Zusammenarbeit Braxtons mit dem Posaunisten George Lewis, zunächst im Creative Orchestra, dann im Duo bei Gastspielen auf dem Moers Festival (Elements of Surprise) und den Donaueschinger Musiktagen (Donaueschingen (Duo) 1976), schließlich in Quartettbesetzung bei mehreren Konzerten in Mitteleuropa (The Montreux/Berlin Concerts, Dortmund (Quartet) 1976, Quartet (Graz) 1976), gemeinsam mit dem Bassisten Dave Holland und dem Schlagzeuger Barry Altschul, zu Beginn des Jahrzehnts Braxtons Mitstreiter in der Gruppe Circle mit Chick Corea.
Ein Jahr später spielten Braxton und Lewis erneut zusammen, diesmal in einem Quintett, das durch den Pianisten Muhal Richard Abrams, den Bassisten Mark Helias und den Schlagzeuger Charles „Bobo“ Shaw ergänzt wurde, die auch an anderen Projekten Braxtons mitgewirkt hatten.
Titelliste Anthony Braxton: Quintet (Basel) 1977 (hatOLOGY 545) Composition 69 J 16:25 Composition 69 N/G 26:02 Composition 69 M 12:52 Composition 40 B 18:16
Die Kompositionen stammen von Anthony Braxton.
Rezeption mini|Muhal Richard Abrams (2009) Steve Loewy verlieh dem Album in Allmusic viereinhalb Sterne und meinte, dieser erst über zwei Jahrzehnte nach ihrer Entstehung veröffentlichte Mitschnitt eines Live-Konzerts aus den späten 1970er-Jahren würde eine der wichtigsten Besetzungen kleiner Ensembles Anthony Braxtons dokumentieren. Posaunist George Lewis habe sich zuvor bereits als einer der aufregendsten Partner des Saxophonisten erwiesen und beeindrucke auch hier wieder mit seiner enormen Technik, gepaart mit einer für ihn ungewohnten emotionalen Wagemut. Die Aufnahme sei in einer Zeit entstanden, in der Braxtons Kompositionen noch teilweise von der Hard-Bop-Ästhetik geprägt waren, obwohl sein Umgang mit dem Genre völlig originell war und postmoderne Konzepte integrierte. Es sei ein wahrer Genuss, dass die beiden Bläser am Klavier von Muhal Richard Abrams begleitet würden, einem prägenden Musiker der Free-Jazz-Geschichte und ein wichtiger früher Einfluss auf Braxton und Lewis. Der Pianist würde die Gelegenheit genießen, sich mit anspruchsvollen, mitunter komplexen Strukturen zu entfalten. Ein weiteres ungewöhnliches Gruppenmitglied, Schlagzeuger Charles „Bobo“ Shaw, verleihe dem Quintett mit seinem aggressiven Stil, der noch aus seiner Zeit beim in St. Louis ansässigen Human Arts Ensemble stamme, zusätzliche Energie. Dieses herausragende Quintett erfülle die Erwartungen, und das historisch bedeutsame Album dürfte einen gewissen Kritiker-, wenn nicht gar Kultstatus erreichen.
Trotz des schlechten Klangs [der ersten Auflage] habe Art Lange nicht Unrecht, wenn er [in den Liner Notes] feststelle, dass dieses „temporäre, ja flüchtige Ensemble“ zu Anthony Braxtons stärksten gehörte, schrieb Thomas Conrad in JazzTimes. Schon der erste Titel, „Composition 69 J“, beweise, dass George Lewis der beste Musiker ist, der je Avantgarde-Jazz auf der Posaune gespielt hat. Er sei so schnell (und furchtlos und ungestüm) wie jeder Trompeten-Virtuose. Schlagzeuger Charles „Bobo“ Shaw und Bassist Mark Helias hätten selten mit Braxton zusammen arbeitet. Shaws Spiel wirke mitunter etwas statisch, aber Helias verleihe der Musik neuen Schwung. Die eigentliche Entdeckung aber sei Muhal Richard Abrams, denn nur wenige Braxton-Bands hätten einen Pianisten gehabt. Die harmonische Relativität von Braxtons Musikwelt schließe Pianisten fast aus. Doch Abrams eröffne neue Perspektiven auf jedes Braxton-Stück, das er anfasse – oder besser gesagt, auf jeden Braxton-Song, „den er in wilden lyrischen Anstürmen ertränkt“.
Wie alle Musik Braxtons sei auch diese Live-Konzertaufnahme desorientierend, anstrengend und erhebend zugleich, so Conrad weiter. Es sei ein befreiender Rausch, wenn eine so manische Band plötzlich Bebop entdeckt, so atonal er auch sein mag, und swinge, wie etwa bei „Composition 69 N/G“. Braxtons Priorität liege auf dem Zusammenspiel der Gruppe, doch es gebe hier einige wahrhaft erschütternde Soli. Braxtons schrilles, zwanghaft repetitives Sopraninosaxophon könne einen zermürben, bis er „eine blendend helle Schönheit entdeckt“. Lewis' waghalsige Läufe würden wild umher rasen, ohne jemals ganz zu kippen. Ein Braxton-Konzert sei „eine seltsame Séance, keine Show. Wäre es eine Show, würden Abrams und sein gewaltiges, stürmisches, erhabenes Klavierspiel sie stehlen“. mini|George Lewis
Man mag sich fragen, warum diese Aufnahme so lange brauchte, um aus den Archiven wieder aufzutauchen, doch diese Live-Aufnahme des „Anthony Braxton Quintet“ aus Basel von 1977 dürfte als Meilenstein des Modern Jazz gelten und unterstreiche erneut den oft brillanten Kompositionsstil des Bandleaders. schrieb Glenn Astarita in All About Jazz. Obwohl Braxton im Laufe der Jahre mit verschiedenen Pianisten aufgetreten ist, sei dieses Instrument – abgesehen von Marilyn Crispell und/oder vereinzelten Gastauftritten und Kollaborationen mit anderen namhaften Musikern – nie ein fester Bestandteil seiner verschiedenen Formationen gewesen.
Diese Darbietung würde so innovativ wie zur Zeit der Aufnahme klingen, so Astarita. In „Composition 69 J“ erforsche das Quintett kreisförmige Bewegungen inmitten wiederkehrender Themen und versetzter Refrains. Die telepathische Interaktion der Gruppe biete dem Zuhörer ein wahrhaft erhabenes Erlebnis, „fast so, als stünden die Musiker unter dem wachsamen Auge der modernen Jazzgötter“. Das Stück würde durch einen atemberaubenden Puls bestechen, geprägt von Braxtons virtuosen Sopraninosaxophon-Linien, die Abrams’ wirbelnden Clustern und eindringlichen Aussagen gegenübergestellt werden. Manchmal würden die Musiker das Hauptthema auf subtile Weise wieder aufgreifen. Braxtons bemerkenswert komplexe Gedankengänge implizierten verschiedene Formulierungen und Andeutungen im Kontext der Gruppenimprovisationen, Soli und der unglaublich schwer zu spielenden Unisono-Linien in ungeraden Taktarten. Insgesamt würden diese erstaunlich frischen und neuartigen Darbietungen von einem Musiker zeugen, der in den letzten drei Jahrzehnten den modernen Jazz und die Komposition beinahe im Alleingang revolutioniert habe. „Absolut empfehlenswert!“
In den letzten zwei Jahrzehnten habe sich Anthony Braxtons Schaffen von formalisierten Gruppen hin zu einem lockeren Netzwerk von Ensembles verlagert, die sich um einen Pool jüngerer Musiker drehen, deren Instinkt er vertraut, schrieb Philip Clark in Jazzwise. Bereits 1977, als er in Basel einen Auftritt absolvieren musste, habe Braxton kurzerhand ein Ensemble für einen einzigen Abend zusammengestellt, indem er in seinem Telefonbuch blätterte – und damit ungewollt den Weg für eines seiner zugänglichsten Alben gestellt. Doch gemeinsam würden die unterschiedlichen Stimmen [der Mitmusiker] Braxtons Arrangements eine überschäumende Lebensfreude verleihen, die sich unmittelbar auf das Publikum übertrug. In den Liner Notes sei zu lesen, dass „Composition No. 69J“ eine „einzeilige Struktur“ sei, die sich in offene, leichte Improvisation verwandelt, bevor „thematische, räumliche Taktiken“ einsetzen. Doch beim Hören klinge die Musik hingegen wie eine gelenkige, lockere Marching Band, und die Direktheit der Harmonik entfessle ein meisterhaftes Sopranino-Solo Braxtons, das mit dem Rhythmus kollidiere und sich verändere „wie eine Fliege im Marmeladenglas“. Die darauffolgenden Mutationen von „Composition No. 69“ würden an rasante Bebop-Ableitungen erinnern, und die Informationsdichte von Abrams’ Klavierspiel sei atemberaubend. Mauern der Atonalität würden sich plötzlich auflösen, und man würde den harmonischen Bauplan darunter hören; gelegentlich blitze ein Stride-Piano auf, was für die an Charles Mingus erinnernde Zugabe „Composition 40B“ beruhigend passend wirke.
Einzelnachweise
Kategorie:Album (Jazz) Kategorie:Album (Neue Improvisationsmusik) Kategorie:Album 2001 Kategorie:Livealbum Kategorie:Anthony-Braxton-Album