Der Voiceverse-NFT-Plagiatsskandal ist die im Januar 2022 aufgedeckte unberechtigte kommerzielle Nutzung fremder KI-Technologie zur Herstellung von Non-Fungible Tokens (NFTs) durch das Unternehmen Voiceverse. Ablauf Im Januar 2022 entdeckte 15 – eine unter diesem Pseudonym auftretende Person, die am Massachusetts Institute of Technology (MIT) zu künstlicher Intelligenz forschte und das nichtkommerzielle Forschungsprojekt 15.ai zur generativen künstlichen Intelligenz und Sprachsynthese entwickelte –, dass das blockchainbasierte Technologieunternehmen Voiceverse Inhalte der Plattform plagiiert hatte. Voiceverse vermarktete sich als Dienst, der KI-Technologie zum Klonen von Stimmen in Form von Non-Fungible Tokens (NFTs) zum Kauf und Handel anbot.
Inmitten einer verschärften Kontroverse über NFTs in der Videospielbranche kündigte der Synchronsprecher Troy Baker (der als einer der bekanntesten Sprecher in Videospielen bezeichnet wurde) am 14. Januar 2022 seine Partnerschaft mit Voiceverse an. Unmittelbar darauf setzte Kritik ein, die sich auf die Umweltauswirkungen von NFTs, das Betrugspotenzial, ausbeuterische Monetarisierungsmodelle in Videospielen sowie die Möglichkeit bezog, dass KI menschliche Synchronsprecher verdrängen und damit technologisch bedingte Arbeitslosigkeit verursachen könnte. Noch am selben Tag belegte 15 anhand von Serverprotokollen, dass Voiceverse Sprachzeilen mit der kostenlosen Text-zu-Sprache-Plattform von 15 erzeugt, deren Tonhöhe zur Verschleierung ihrer Herkunft verändert und die Beispiele anschließend wahrheitswidrig als eigene Technologie vermarktet hatte, bevor sie als NFTs verkauft wurden. Weniger als eine Stunde nach der Konfrontation mit den Belegen räumte Voiceverse den Vorgang ein und erklärte, das Marketingteam habe 15.ai ohne ordnungsgemäße Namensnennung verwendet, weil es in Eile eine Technologiedemonstration passend zur Ankündigung der Partnerschaft mit Baker erstellen wollte. Dadurch verschärfte sich die bereits negative Aufnahme der ursprünglichen Ankündigung weiter. 15 antwortete darauf mit „Go fuck yourself“ („Fick dich“); der Austausch verbreitete sich viral und brachte 15 breite Unterstützung ein. Nachrichtenmedien bezeichneten den Vorfall übereinstimmend als einen Fall, in dem Voiceverse Inhalte von 15.ai „gestohlen“ habe.
Am folgenden Tag trat Baker in einem Podcast auf und erklärte, er habe unabhängigen Kreativen helfen wollen, die sich professionelle Synchronsprecher nicht leisten könnten. Nach anhaltender Kritik und der Aufdeckung des Plagiats beendete Baker am 31. Januar 2022 seine Partnerschaft mit Voiceverse. Der Vorfall wurde später in mehreren Datenbanken zur KI-Ethik, in Kritiken an ausbeuterischer Monetarisierung in Videospielen und in Rückblicken als einer der frühesten Fälle von Plagiat und Diebstahl im Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz während des KI-Booms dokumentiert. Nachdem die Muttergesellschaft LOVO, Inc. ein Insolvenzverfahren nach Chapter 7 beantragt hatte, stellte Voiceverse am 27. Mai 2026 den Betrieb vollständig ein.
Hintergrund
Troy Baker
Troy Baker ist ein Synchronsprecher in der Videospielbranche, der vor allem für seine Sprechrolle als Joel Miller im The Last of Us-Franchise bekannt ist. Polygon bezeichnete Baker als „allgegenwärtig“, Eurogamer als „einen der profiliertesten und produktivsten Sprecher in Videospielen“ und GameGuru als „wohl den berühmtesten Sprecher der Videospielbranche“. Zu seinen weiteren bekannten Rollen gehören Agent John „Jonesy“ Jones in Fortnite, Booker DeWitt in BioShock Infinite sowie Batman und Joker in mehreren Batman-Videospielen. Mit Stand Oktober 2025 hält Baker mit fünf Nominierungen zwischen 2013 und 2021 den Rekord für die meisten Nominierungen in Schauspielkategorien bei den BAFTA Games Awards.
Voiceverse Voiceverse war ein auf Blockchain-Technologie beruhendes Start-up, das vom Bored Ape Yacht Club gegründet worden war und sich als Anbieter von KI-Technologie zum Klonen von Stimmen in Form von NFTs vermarktete. Vor der Ankündigung der Partnerschaft mit Baker hatte Voiceverse mit LOVO, Inc. zusammengearbeitet, einer KI-Stimmenplattform, die nach Angaben von LOVO menschenähnliche Stimmen erzeugen konnte. Voiceverse erklärte, jeder Käufer eines Stimmen-NFTs erhalte unbegrenzten und dauerhaften Zugriff auf das jeweilige Stimmmodell, mit dem sich Inhalte wie Hörbücher, YouTube-Videos, Podcasts, E-Learning-Materialien, Sprachchats in Spielen und Zoom-Anrufe erstellen ließen. Voiceverse versprach den Käufern, sie würden das gesamte geistige Eigentum an den mit diesen Stimmen erstellten Inhalten „BESITZEN [sic]“. Die Roadmap von Voiceverse sah die Veröffentlichung von zunächst 8.888 Stimmen-NFTs, eine Funktion zum Hinzufügen von Emotionen zu bestehenden Stimmen sowie die Möglichkeit vor, dass Nutzer ihre eigenen Stimmen als NFTs prägen konnten. Bereits vor der Partnerschaft mit Baker hatte Voiceverse außerdem mit den Sprechern Charlet Chung, der Stimme von D.Va in Overwatch, und Andy Milonakis aus The Andy Milonakis Show zusammengearbeitet.
15.ai
15.ai ist eine 2020 veröffentlichte kostenlose Webanwendung, die mithilfe künstlicher Intelligenz Sprachausgaben in den Stimmen fiktiver Figuren aus populären Medien erzeugt. Sie wurde von einer unter dem Pseudonym 15 auftretenden Person aus der KI-Forschung entwickelt, die bereits im ersten Studienjahr während ihrer Forschungstätigkeit am MIT mit der Entwicklung der Technologie begonnen hatte. 15.ai war ein frühes Anwendungsbeispiel generativer künstlicher Intelligenz in der Anfangsphase des KI-Booms. Die Plattform zeigte, dass tiefe neuronale Netze emotional ausdrucksstarke Sprache anhand von lediglich 15 Sekunden Sprachmaterial erzeugen konnten. Der Name „15.ai“ nimmt auf eine Aussage von 15 Bezug, eine Stimme lasse sich mit nur 15 Sekunden Audiomaterial überzeugend klonen, während zuvor Datenmaterial im Umfang von mehreren Dutzend Stunden erforderlich gewesen war. Anfang 2021 wurde 15.ai zu einem Internetphänomen, als damit erstellte Inhalte in sozialen Medien viral gingen und die Anwendung rasch in verschiedenen Internet-Fandoms weit verbreitet wurde. 15 betonte, dass der Dienst kostenlos und nichtkommerziell bleiben solle; bei der Erstellung von Inhalten sei lediglich eine ordnungsgemäße Namensnennung erforderlich.
NFTs in der Videospielbranche
Bis Anfang 2022 waren NFTs in der Videospielbranche stark umstritten. Kritiker verwiesen wegen des erheblichen Energieverbrauchs der Blockchain-Technologie auf ihre Umweltauswirkungen. Darüber hinaus führten die Verbreitung von Betrugsmaschen und möglicher Geldwäsche im Zusammenhang mit NFT-Verkäufen sowie die Sorge, NFTs seien nach der zunehmenden Verbreitung von Lootboxen eine neue Form ausbeuterischer Monetarisierung, zu deutlichem Widerstand aus der Spielergemeinschaft. Mehrere große Spieleunternehmen prüften bereits die Integration von NFTs in ihre Produkte, doch der Widerstand von Fans hatte schon zur Einstellung einzelner Projekte geführt. Am 16. Dezember 2021 kündigten die Entwickler von S.T.A.L.K.E.R. 2: Heart of Chernobyl an, NFTs in das Spiel aufzunehmen; wegen der sofortigen und einhelligen Kritik nahmen sie die Ankündigung jedoch innerhalb einer Stunde zurück. Zugleich weckte der Aufstieg KI-gestützter Stimmtechnologie unter Synchronsprechern Befürchtungen vor Arbeitsplatzverlusten und einer Entwertung ihrer Arbeit, während die Branche weiterhin um bessere Vergütung und Arbeitsbedingungen rang.
Ankündigung der Partnerschaft und Reaktionen hochkant=0.8|mini|Troy Baker
Am 14. Januar 2022 um 1:02 Uhr EST gab Baker auf Twitter bekannt, er gehe eine Partnerschaft mit Voiceverse ein, „um Möglichkeiten zu erkunden, wie wir gemeinsam neuen Kreativen neue Werkzeuge an die Hand geben können, damit sie Neues schaffen und jeder die Chance erhält, das von ihm geschaffene geistige Eigentum zu besitzen und darin zu investieren“. Die Ankündigung endete mit den Worten: „Du kannst hassen. Oder du kannst erschaffen.“ Welche konkrete Rolle Baker bei Voiceverse übernehmen sollte, war zum Zeitpunkt der Ankündigung unklar.
Zusammen mit Bakers Ankündigung bewarb Voiceverse seine angebliche KI-Stimmtechnologie auf Twitter mit animierten Videos, in denen eine von der NFT-Firma Chubbiverse geschaffene Katzenfigur zu sehen war. Die Videos endeten mit dem Text „The Voice Powered By Voiceverse“ („Die Stimme – erzeugt mit Voiceverse“). Voiceverse erklärte auf Twitter, die Stimmen in den Animationen seien mit der eigenen KI-Technologie zur Sprachsynthese erzeugt worden, und präsentierte die Videos als Technologiedemonstration seiner Fähigkeiten im Bereich der Stimmen-NFTs.
Die Ankündigung löste in der Spielergemeinschaft sofortige und weitreichende Gegenreaktionen aus. Bakers Tweet erhielt Tausende Antworten und Zitat-Retweets, von denen die überwiegende Mehrheit negativ war. Die Zahl der Antworten und Zitat-Retweets lag deutlich über der Zahl der Likes. Michael McWhertor von Polygon bezeichnete dies als „Lehrbuchbeispiel für eine sogenannte Ratio“, bei der die negativen Reaktionen die Zustimmung deutlich übertreffen, und schrieb, der letzte Teil von Bakers Ankündigung habe die Reaktionen zusätzlich verstärkt. Michael Beckwith von Metro nannte Bakers Vorgehen „bizarr aggressiv“.
Noch am selben Tag reagierte Baker auf die Kritik und entschuldigte sich für seine Wortwahl. Er erklärte, er schätze die Ansichten der Menschen, und räumte ein, die Formulierung „hassen/erschaffen“ sei möglicherweise etwas antagonistisch gewesen; er bezeichnete ihn als „misslungenen Versuch, die Sache aufzulockern“. Trotz der Entschuldigung distanzierten sich Baker und die anderen beteiligten Sprecher zu diesem Zeitpunkt nicht von Voiceverse. Gleichzeitig versuchte Voiceverse, auf die Kritik einzugehen. Das Unternehmen erklärte, es arbeite an einem Wechsel zu umweltfreundlicherer Blockchain-Technologie; außerdem sollten Synchronsprecher Tantiemen aus NFT-Verkäufen erhalten und von möglichen Wertsteigerungen der NFTs profitieren.
Aufdeckung des Plagiats
{ "character": "Twilight Sparkle", "text": "Hi Frens! We giggle in the Chubbiverse, we eat jpegs and fast foods, then we vomit memes and fart rainbows.", "ip": [REDACTED], "timestamp": "2022-01-04T02:20:01.651Z"
"character": "Rainbow Dash", "text": "Hi Frens! i got an alpha drop for you?!? I am made with love and my voice is ai! Yeah for real lets build the chubbiverse - reply below and comment alpha.", "ip": [REDACTED], "timestamp": "2022-01-04T08:16:16.664Z" } Ausschnitt aus den von 15 veröffentlichten Protokolldateien. Er zeigt, dass Voiceverse mit 15.ai die Stimmen von Twilight Sparkle und Rainbow Dash erzeugt hatte; die Texte stimmen mit den im Chubbiverse-Werbevideo gesprochenen Passagen überein. Am 13. Dezember 2021 erklärte die unter dem Pseudonym 15 bekannte Person hinter 15.ai angesichts der zunehmend ablehnenden Haltung der Öffentlichkeit gegenüber NFTs, sie habe „kein Interesse daran, NFTs in irgendeinen Aspekt [ihrer] Arbeit einzubeziehen“.