Die Anden-Blattohrmaus (Phyllotis vaccarum) ist eine Nagetierart aus der Gattung der Blattohrmäuse (Phyllotis) innerhalb der Familie der Wühler (Cricetidae). Sie kommt in den zentralen Anden Nordchiles und Nordwestargentiniens vor, wo ihr Verbreitungsgebiet von der Küstenwüste auf Meereshöhe bis in die Gipfelregionen der höchsten Andenvulkane reicht. Damit besitzt die Art nicht nur die größte bekannte Höhenverbreitung aller Säugetiere, sondern hält mit einem Nachweis auf dem 6739 Meter hohen Gipfel des Vulkans Llullaillaco auch den Höhenweltrekord für frei lebende Säugetiere. Bis vor wenigen Jahren wurde sie meist als Unterart oder Synonym der Gelbsteiß-Blattohrmaus (Phyllotis xanthopygus) angesehen und erst 2021 anhand molekulargenetischer Untersuchungen als eigenständige Art bestätigt.
Merkmale Wie andere Blattohrmäuse besitzt auch die Anden-Blattohrmaus große, dreieckige, blattförmige Ohren, denen die Gattung ihren deutschen Namen verdankt, sowie einen im Vergleich zur Kopf-Rumpf-Länge kürzeren Schwanz mit einem pinselartigen Haarbüschel an der Spitze. Innerhalb der Gattung erreichen die Tiere eine Kopf-Rumpf-Länge von etwa 7 bis 15 Zentimetern bei einem Gewicht zwischen 20 und 100 Gramm. Die nahe verwandte, bis 2021 nicht von ihr unterschiedene Gelbsteiß-Blattohrmaus wird rund 55 Gramm schwer und besitzt etwa 27 Millimeter lange Ohren. Die Oberseite des dichten Fells ist graubraun bis sandfarben, die Unterseite heller, wodurch eine für kleine Säugetiere typische Gegenschattierung entsteht, die der Tarnung vor Fressfeinden wie Greifvögeln dient. Äußerlich ist die Art nur schwer von anderen Mitgliedern des früheren Phyllotis-xanthopygus-Artkomplexes zu unterscheiden; eine sichere Bestimmung gelingt in der Regel erst anhand genetischer Merkmale.
Verbreitung und Lebensraum Die Anden-Blattohrmaus ist von der hyperariden Küstenwüste Nordchiles über die trockene Hochpuna des Altiplano bis zu den Kämmen und Gipfeln der Anden verbreitet und besiedelt damit Höhenlagen vom Meeresspiegel bis über 6700 Meter. Am dichtesten besiedelt sie den Höhenbereich zwischen etwa 2500 und 4500 Metern; an den Extremen ihres Verbreitungsgebiets kommt sie dagegen nur in geringer Populationsdichte vor. Ihr Kernlebensraum, die Puna de Atacama im Grenzgebiet zwischen Nordchile und Nordwestargentinien, ist eine ausgedehnte Hochgebirgssteppe mit Grasland, Strauchvegetation, Salzseen und schneebedeckten Vulkanen.
mini|Fang eines Exemplars vom Phyllotis vaccarum auf dem Gipfel des Llullaillaco (6739 m), Februar 2020 Im Februar 2020 gelang einer Expedition um den Evolutionsbiologen Jay F. Storz der Fang eines lebenden Exemplars auf dem Gipfel des 6739 Meter hohen Vulkans Llullaillaco an der chilenisch-argentinischen Grenze. Dieser Nachweis übertraf den bisherigen dokumentierten Höhenrekord für Säugetiere – zuvor durch den Großohr-Mausohrpfeifhasen (Ochotona macrotis) im Himalaya bei rund 5182 Metern belegt – deutlich und gilt seither als Höhenweltrekord für Säugetiere. In den folgenden Jahren wurden Anden-Blattohrmäuse auch auf den Gipfeln weiterer über 6000 Meter hoher Vulkane wie Ojos del Salado, Copiapó, Púlar und Salín nachgewiesen. Auf dem Gipfel des Llullaillaco herrschen praktisch durchgehend Temperaturen unter dem Gefrierpunkt, und aufgrund des geringen Luftdrucks enthält jeder Atemzug nur rund 44 Prozent des auf Meereshöhe verfügbaren Sauerstoffs – Bedingungen, die nach bisherigem Kenntnisstand ein dauerhaftes Überleben von Säugetieren als unvereinbar erscheinen ließen.
Mumienfunde und Entdeckungsgeschichte Bereits Jahrzehnte vor dem Fang lebender Tiere waren auf mehreren Andenvulkangipfeln mumifizierte Mäusekadaver entdeckt worden. Da man davon ausging, dass diese Höhenlagen für Säugetiere unbewohnbar seien, wurden solche Funde lange als Überreste von Tieren gedeutet, die von Menschen – etwa im Zusammenhang mit vorspanischen Ritualen der Inka – auf die Gipfel gebracht worden waren. Radiokarbondatierungen und genetische Analysen der Kadaver ergaben jedoch, dass viele der Mumien deutlich jünger als die Inkazeit sind und sich ihr Erbgut eindeutig lokalen, sich selbst erhaltenden Populationen zuordnen lässt, statt auf einen Ferntransport durch Menschen hinzuweisen. Auf Vulkangipfeln in Höhen zwischen etwa 6000 und 6200 Metern gefundene Mumien erwiesen sich zudem als bis zu 350 Jahre alt, was auf eine über lange Zeiträume andauernde Besiedlung dieser Extremstandorte hindeutet. Eine erste Sichtung eines lebenden Tieres in großer Höhe gelang bereits 2013, als Bergsteiger auf dem Llullaillaco in 6205 Metern Höhe eine über ein Schneefeld laufende Blattohrmaus filmten – ein Fund, der die spätere wissenschaftliche Expedition von 2020 motivierte.
Ernährung Wie andere Blattohrmäuse ernährt sich die Anden-Blattohrmaus opportunistisch von einer Vielzahl pflanzlicher und tierischer Nahrungsquellen. Untersuchungen von Mageninhalten mittels Metagenomik und DNA-Metabarcoding sowie Analysen stabiler Isotope zeigten, dass Tiere aus Populationen nahe der oberen Vegetationsgrenze, etwa in rund 5100 Metern Höhe, einen deutlichen Anteil tierischer Beute wie Insekten in ihre Nahrung aufnehmen. Bei einem auf dem Gipfel des Llullaillaco in 6739 Metern Höhe – oberhalb jeder bekannten Pflanzengrenze – gefangenen Tier fand sich dagegen ausschließlich pflanzliche und flechtenbürtige Erbinformation im Verdauungstrakt, jedoch kein Hinweis auf tierische Nahrung. Damit widerlegten die Untersuchungen die zuvor diskutierte Hypothese, wonach sich Gipfelpopulationen überwiegend von durch Wind in Schneefelder verfrachteten Insekten ernähren könnten; stattdessen dürften an Felsen wachsende Flechten eine wichtige Nahrungsquelle in den vegetationsfreien Gipfelregionen darstellen.
Anpassungen an extreme Höhenlagen Die außergewöhnliche Höhenverbreitung der Anden-Blattohrmaus macht sie zu einem bevorzugten Modellorganismus für die Erforschung physiologischer Anpassungen an Kälte und Sauerstoffmangel (Hypoxie). In vergleichenden Laborversuchen, bei denen Bedingungen bis zu einer simulierten Höhe von 7000 Metern nachgestellt wurden, zeigten Tiere aus Hochlandpopulationen eine deutlich geringere hypoxiebedingte Verschlechterung ihrer Wärmeproduktionsfähigkeit als Artgenossen aus dem Tiefland und als die eng verwandte, ausschließlich im Tiefland vorkommende Darwin-Blattohrmaus (Phyllotis darwini). Diese verbesserte Leistungsfähigkeit geht mit einer höheren Dichte an Mitochondrien und einer gesteigerten Aktivität von Stoffwechselenzymen in der Skelettmuskulatur der Hochlandtiere einher, wodurch mehr Energie für die kälteinduzierte Wärmeerzeugung durch Muskelzittern bereitgestellt werden kann; auch das braune Fettgewebe, das der zitterfreien Wärmebildung dient, ist bei Hochlandtieren aktiver als bei Tieflandtieren.
Anders als viele andere hochlandangepasste Säugetiere zeigt die Anden-Blattohrmaus keine erhöhte Sauerstoffbindungsaffinität ihres Hämoglobins. Stattdessen dürfte eine gesteigerte Atemfrequenz helfen, trotz Sauerstoffmangels eine ausreichende Sauerstoffsättigung des Blutes aufrechtzuerhalten. Da ein verstärktes Abatmen von Kohlendioxid normalerweise zu einer gesundheitsschädlichen Verschiebung des Säure-Basen-Haushalts führen würde, verfügen die Tiere über eine im Vergleich zu Verwandten verringerte Aktivität des Enzyms Carboanhydrase in den roten Blutkörperchen, was den CO2-Verlust über die Atmung abmildert.
Genomanalysen an über 100 Tieren aus dem gesamten Höhenverbreitungsgebiet ergaben überraschend, dass zwischen Populationen vom Meeresspiegel bis zum Gipfel nur eine sehr geringe genetische Differenzierung besteht, was für einen ausgeprägten Genfluss über die Höhenstufen hinweg spricht. Eine lokale Anpassung an unterschiedliche Höhenlagen erfordert unter diesen Umständen eine besonders starke Selektion, um dem ausgleichenden Effekt des Genflusses entgegenzuwirken. Als Kandidatengene für die Anpassung an große Höhen identifizierten die Forschenden unter anderem Gene, die am Fettstoffwechsel und an der mitochondrialen Energiegewinnung beteiligt sind, was mit den gemessenen physiologischen Unterschieden übereinstimmt. Unerwartet fanden sich zudem deutliche Selektionssignale in Genen, die dem Abbau pflanzlicher Giftstoffe und anderer Fremdstoffe dienen. Da sich die Zusammensetzung der als Nahrung verfügbaren, teils chemisch gegen Fressfeinde geschützten Pflanzenarten entlang des Höhengradienten stark verändert und vulkanische Böden der Puna de Atacama zudem hohe natürliche Arsenkonzentrationen aufweisen können, wird vermutet, dass die Anden-Blattohrmaus sich sowohl an eine potenziell giftige Nahrung als auch an Kälte und Sauerstoffmangel anpassen musste.
Systematik Die Anden-Blattohrmaus wurde 1912 durch den britischen Zoologen Oldfield Thomas anhand eines bei Las Vacas (Punta de Vacas) auf argentinischer Seite der Cordillera in rund 2500 Metern Höhe gesammelten Exemplars als Unterart der Darwin-Blattohrmaus unter dem Namen Phyllotis darwini vaccarum beschrieben.Oldfield Thomas: New bats and rodents from South America. In: Annals and Magazine of Natural History. (8)10(58), 1912, S. 403–411. In der Folge wurde das Taxon meist als Synonym oder Unterart der weiter verbreiteten Gelbsteiß-Blattohrmaus, teils unter der Bezeichnung Phyllotis xanthopygus rupestris, behandelt – so auch in den ersten Publikationen zum Höhenrekord auf dem Llullaillaco von 2020. Molekulargenetische Untersuchungen zeigten jedoch, dass es sich beim vermeintlichen Taxon Phyllotis xanthopygus tatsächlich um einen Komplex mehrerer, teils kryptischer Arten handelt. Auf dieser Grundlage wurde Phyllotis vaccarum 2021 von Agustina A. Ojeda und Kollegen sowie unabhängig davon von J. Pablo Jayat und Kollegen als eigenständige Art bestätigt beziehungsweise neu abgegrenzt. Zu den Synonymen der Art zählen unter anderem Phyllotis ricardulus Thomas, 1919, Phyllotis oreigenus Cabrera, 1926, und Phyllotis wolffhuegeli Mann, 1944.Mammal Diversity Database: Phyllotis vaccarum O. Thomas, 1912. Abgerufen am 13. Juli 2026.
Gefährdung Da die Anden-Blattohrmaus erst 2021 als eigenständige Art von der weiter verbreiteten Gelbsteiß-Blattohrmaus abgegrenzt wurde, ist sie von der International Union for Conservation of Nature (IUCN) bislang nicht gesondert bewertet worden (Status „Not Evaluated“). Die frühere Sammelart Phyllotis xanthopygus wird von der IUCN als nicht gefährdet („Least Concern“) eingestuft. Angesichts ihres großen, weitgehend unzugänglichen Verbreitungsgebiets in dünn besiedelten Hochgebirgsregionen gibt es derzeit keine Hinweise auf eine unmittelbare Gefährdung der Art.
Literatur
Weblinks Phyllotis vaccarum in der Mammal Diversity Database Wie das höchstlebende Säugetier der Welt überlebt auf wissenschaft.de
Einzelnachweise
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