Scotland Yards seltsamster Fall (Originaltitel Hangover Square) ist ein US-amerikanischer Film noir aus dem Jahr 1945, der unter der Regie von John Brahm entstand und auf dem gleichnamigen Roman von Patrick Hamilton basiert. In der Hauptrolle verkörpert Laird Cregar, der noch vor Premiere des Films starb, einen talentierten Komponisten, der in Phasen des Wahnsinns zum Mörder wird.
Handlung London im Jahr 1903: Ein Ladeninhaber in Fulham wird von einem Mann erstochen, der anschließend den Laden in Brand setzt und flüchtet. Der Mörder kehrt in seine Souterrainwohnung am Hangover Square im Stadtteil Chelsea zurück. Erst dort kommt er langsam zur Besinnung. Es handelt sich bei ihm um George Harvey Bone, einen jungen Komponisten von vielversprechendem Ruf. Seiner Freundin, Nachbarin und Klavierschülerin Barbara Chapman gesteht er unter vier Augen, dass er sich nicht an die Ereignisse eines ganzen Tages erinnern kann. Schockiert bemerkt er Blut an seinem Hals und dass er ein Messer bei sich trug.
Als die Zeitungen über den Mord und den Brand berichten, besuchen der beunruhigte George und Barbara den bekannten Psychologen Dr. Allan Middleton auf, der bei Scotland Yard arbeitet. George berichtet Middleton, dass er in Phasen großer Anspannung oder Überarbeitung unter Gedächtnisverlust leidet, der durch disharmonische Geräusche ausgelöst wird. Er gesteht Middleton auch, dass er nicht ausschließen könne, den Mord begangen zu haben. Middleton beruhigt ihn jedoch und die Polizei hat andere, vielversprechendere Spuren. Er gibt dem Komponisten den Rat, Pausen in sein musikalisches Schaffen zu legen und mehr Zeit draußen unter den Menschen zu verbringen.
Diesem Rat folgend, begibt sich George eines Abends in einen billigen Pub, in dem die Arbeiter im Publikum der schönen jungen Sängerin Netta Longdon zujubeln. Sie ist zwar nur mäßig talentiert, aber ehrgeizig und hat große Pläne. Der Klavierspieler Mickey stellt George und Netta einander vor. George verliebt sich sofort in sie. Netta hingegen findet George insgeheim langweilig, nutzt ihn jedoch in der Folgezeit berechnend aus: Mit falschen Versprechungen gemeinsamer Liebe verleitet sie den klassischen Musiker immer wieder dazu, populäre Songs zu komponieren, die sie gewinnbringend für ihre zunehmend florierende Gesangskarriere nutzt. Barbara ist von Georges Interesse an der Barsängerin Netta abgestoßen. Als George erneut einen Anfall von Gedächtnisverlust erleidet, würgt er Barbara hinterrücks beinahe zu Tode, ohne dass sie ahnt, wer der Täter war.
Nach ein paar Monaten ihres wechselhaften Verhältnisses bringt es George übers Herz, Netta einen Heiratsantrag zu machen. Doch diese erklärt urplötzlich, schon verlobt zu sein und dass nächste Woche ihre Heirat mit dem Musikverleger Eddie Carstairs anstehe. In seiner Wut attackiert George den Verlobten und lässt erst im letzten Moment von ihm ab. Später, zurück in seiner Wohnung, erleidet George wieder einen Anfall von Wahnsinn. Er kehrt zur Wohnung von Netta zurück und erwürgt diese. Auf den Straßen wird die Guy Fawkes Night gefeiert: Und so trägt er ihren in Tücher gewickelten Leichnam durch die Straßen, die voller Menschen sind, und legt ihn auf eines der Freudenfeuer.
In den folgenden Wochen wird Netta vermisst und die Polizei hält einen Mord für wahrscheinlich. Kein Leichnam ist auffindbar. George wird zwar von Scotland Yard verdächtigt, insbesondere durch Dr. Middleton, aber ein Beweis fehlt. Auch George scheint insgeheim seine Tat zu ahnen, hat aber wieder keine genauen Erinnerungen. Am Abend der Uraufführung von Georges erstem großen Klavierkonzert stellt Middleton ihn zur Rede und besteht darauf, ihn zu seinem eigenen Schutz in Gewahrsam zu nehmen. George schließt Middleton jedoch in seiner Wohnung ein und führt das Konzert wie geplant auf. Das Klopfen Middletons wird von einem Arbeiter in der Nachbarschaft gehört, der ihn befreit. Mitten während der Aufführung betritt Middleton gemeinsam mit mehreren Polizisten den Konzertsaal. Ihr Erscheinen löst bei George erstmals eine klare Erinnerung an seine Verbrechen aus. Er bricht sein Spiel ab und bittet Barbara, das Konzert fortzuführen.
In einem Nebenraum gesteht George der Polizei seine Taten in geistiger Umnachtung, weigert sich jedoch, vor Ende des Konzerts abgeführt zu werden. Er schleudert eine Gaslampe umher, wodurch das Gebäude in Brand gerät. Während Publikum und Musiker in Panik vor dem Feuer fliehen, kehrt George in den Konzertsaal zurück und setzt sich erneut ans Klavier. Barbara flehnt ihn verzweifelt an, sich zu retten, aber er spielt unbeirrt weiter. Dr. Middleton rettet Barbara aus dem Gebäude. Als Barbaras Vater Sir Henry fragt, warum George nicht versucht habe zu entkommen, antwortet Middleton, dass es so besser sei. Während der Konzertsaal sich mit Flammen und Rauch füllt, spielt George die letzten Takte seines Konzerts.
Produktionshintergrund
Vorlage und Vorgeschichte Der Roman Hangover Square von Patrick Hamilton war 1941 erschienen und wurde von Laird Cregar gelesen, der ihn seinem Studio 20th Century Fox zur Verfilmung vorschlug. Mit dem Drehbuch wurde der in London geborene und aufgewachsene Dramatiker Barré Lyndon (1896–1972) beauftragt, der auch persönlich mit Hamilton bekannt war. Er nahm im Vergleich zur Romanvorlage einige Änderungen vor, darunter die Verlegung des Romans von 1937 in das Edwardianische Zeitalter. Im Roman ist George auch kein Komponist und auch das Ende ist anders. Hamiltons Roman gilt heute als Klassiker der englischen Kriminalliteratur.
Hangover Square wird oft auch als „Nachfolgerfilm“ des Thrillers Scotland Yard greift ein (Originaltitel The Lodger) bezeichnet, der im Vorjahr ein Erfolg an den Kinokassen gewesen war und zu dem es viele Parallelen gibt: Wieder gab es ein Drehbuch von Lyndon, wieder führte der deutsche Emigrant John Brahm die Regie, und wieder übernahmen Laird Cregar und George Sanders tragende Rollen. Auch Scotland Yard greift ein zeigte einen Serienmörder im London einer vergangenen Zeit (in diesem Fall das viktorianisches England), und auch hier mit Cregar als psychisch krankem Mordverdächtigen und Sanders als dem Mann, der ihm auf die Schliche kommt.
Besetzung Cregar hatte dem Studio zwar die Verfilmung vorgeschlagen, nahm aber zeitweise wieder von der Hauptrolle Abstand. Er galt als aufstrebender und sehr talentierter Darsteller, zugleich sorgte sein Übergewicht dafür, dass er statt auf die für populäre Filmstars typischen Helden- oder Liebhaberrollen vorwiegend auf Schurken oder Sonderlinge besetzt wurde. Mehrere Rollen, um die er sich bemüht hatte, verlor er – darunter auch die des Lord Henry Wotton in Das Bildnis des Dorian Gray, die an seinen Mitdarsteller George Sanders ging. Daher wurde in der Presse zeitweise verlautbart, Glenn Langan würde die Hauptrolle des George spielen. Im späteren Film ist Langan jedoch nur in der Nebenrolle von Nettas Verlobten Eddie zu sehen. Offenbar wollte Cregar die Rolle dann doch übernehmen, weil sie ihm die Chance bot, sich neben der erneuten Darstellung eines psychisch kranken Mörders auch als Liebhaber in einigen Szenen zu präsentieren. Dies ging einher mit einem starken Gewichtsverlust von über 50 Kilo, zu dem ihm viele geraten hatten, um zukünftig mehr dem klassischen Aussehen eines Hollywood-Hauptdarstellers zu entsprechen und damit Chancen auf andere Rollen zu haben. Cregar starb jedoch nur einige Wochen nach Beendigung der Dreharbeiten im Alter von 31 Jahren an einem Herzinfarkt, offenbar an gesundheitlichen Auswirkungen der radikalen Diät.
miniatur|Linda Darnell im Yank Magazine, 1944 Für die Rolle der Netta war zeitweise Marlene Dietrich im Gespräch, ehe die Wahl auf den jungen Fox-Studiostar Linda Darnell fiel. Für Faye Marlowe als Barbara war es ihr Filmdebüt. In kleinen, im Abspann ungenannten Rollen sind u. a. Wilson Benge, Ann Codee, Charles Coleman, Leslie Denison, Franklyn Farnum, Francis Ford, Leyland Hodgson, David Leland und J. Farrell MacDonald zu sehen.
Dreharbeiten und Stab Cregars Diät fand auch während der Dreharbeiten noch statt, weshalb der Film in Reihenfolge der Szenen gedreht werden musste, um die Gewichtsschwankungen der Hauptfigur George im Film nicht unglaubwürdig wirken zu lassen. Insgesamt liefen die Dreharbeiten keineswegs harmonisch ab. Cregar war auch im echten Leben ein guter Pianist und wollte die Klavierstücke selbst einspielen, wofür er stark übte. Mit dieser Aufgabe war jedoch der Konzertpianist Ignace Hilsberg betraut worden, Cregar musste lediglich die Hände passend bewegen. Hierüber gab es Streit mit Regisseur Brahm. Auch George Sanders, der zu dieser Zeit mit 20th Century im Streit lag, war nicht einfach zu händeln. Er setzte eine Abänderung der Schlusszeile von He's better off this way zu It's better this way durch, um den Satz weniger wie eine Rechtfertigung des Todes von George klingen zu lassen, indem er zuvor mehrfach den Satz bewusst falsch aufsagte. Da die Schlussszene mit dem Feuer ohnehin schwer zu drehen war, kostete dies am Filmset einige Nerven. In dem Streit um die Zeile kam es sogar dazu, dass der Produzent Bassler Sanders auf unflätige Weise beleidigte und dieser ihn daraufhin schlug.
Die für den Film sehr wichtige Musik schrieb Bernard Herrmann, darunter auch das Schlusskonzert. Dieses lernte der damals 15-jährige spätere Komponist Stephen Sondheim nach eigenen Angaben so gut wie möglich auswendig durch den Besuch mehrerer Kinovorstellungen und schrieb Herrmann einen bewundernden Brief, auf den er auch Antwort erhielt. Einige Passagen in Sondheims berühmten Musical Sweeney Todd sind von Herrmanns Filmmusik für Hangover Square beeinflusst. Der Soundtrack zu Hangover Square inklusive des Klavierkonzertes wurde 2010 beim britischen Label Chandos als CD veröffentlicht. Die Ausstattung des Films übernahmen die Artdirektoren Maurice Ransford und Lyle R. Wheeler, das Set-Design stammte von Thomas Little. Für die Kostüme waren René Hubert und Kay Nelson verantwortlich. Die Maskenabteilung wurde von Ben Nye geleitet.
Nachdem die Dreharbeiten von Ende August bis November 1944 stattfanden, hatte der Film am 6. Februar 1945 seine Premiere.
Kritiken Der Film erwirtschaftete an den Kinokassen einen kleinen Profit und erntete gemischte bis positive Kritiken. Viele Kritiker bedauerten noch einmal Cregars Tod und dass dieser einen Verlust für die Filmwelt darstellte. Das Branchenmagazin Variety lobte Hangover Square als „unheimliches Mordmelodram aus dem London der Gaslichtära“, das typisch für die Geschichten Patrick Hamiltons sei. Besonders hervorgehoben wurden die hochwertige Produktion, die Regie von John Brahm sowie die Filmmusik von Bernard Herrmann. Zudem wurde angemerkt, dass der Film keinen klassischen Kriminalfall mit unbekanntem Täter erzähle, da der Mörder bereits zu Beginn der Handlung feststehe. Der Filmkritiker und Schriftsteller James Agee urteilte 1945: „Hangover Square ist ein überdurchschnittlicher Horrorfilm, aber nur bis zu seinem wild überladenen Finale.“James Agee: Agee on Film, 1958.
Laut der Webseite Der Film noir war der Film über Jahrzehnte „so gut wie vergessen“, ehe er über langen Weg auf die Filmfestivals und die Bildschirme des Heimkinos wieder zu Bekanntheit gelangt sei. Auch Playbill schrieb noch 2004 davon, dass der Film nur schwer zugänglich sei, er aber von denen, die ihn hätten sehen können, zumeist für seine Atmosphäre, die straffe Regie sowie die Leistungen der Schauspieler gelobt werde. Inzwischen ist der Film im Internet sowie auf DVD und Blu-ray auffindbar, im englischsprachigen Raum erschien 2017 eine Blu-ray-Ausgabe von Kino Lorber mit diversen Extras.