Der Briefwechsel über das Trauerspiel wurde von Mai 1756 bis Mai 1757 zwischen Gotthold Ephraim Lessing und seinen Freunden, dem Philosophen Moses Mendelssohn und dem Verleger und Schriftsteller Friedrich Nicolai, geführt. Gedruckt wurde der ursprünglich private Briefwechsel erstmals 1789 bei Christian Friedrich Voß in Berlin. Gegenstand der Diskussion ist die Theorie des um die Jahrhundertmitte neu aufkommenden bürgerlichen Trauerspiels. Mit seiner 1755 uraufgeführten Miss Sara Sampson hatte Lessing ein solches Trauerspiel auf die Bühne gebracht.

Theorie des bürgerlichen Dramas im Briefwechsel Mitte des 18. Jahrhunderts entstand mit dem bürgerlichen Trauerspiel ein neuer Dramentypus in Abgrenzung zur klassischen Konzeption der Tragödie in der Poetik des Aristoteles: Nach Aristoteles bewirkt die Tragödie durch die ausgelösten Emotionen des „Mitleids“ und der „Furcht“ eine Reinigung, die Katharsis. Nach Fick (2016) erschien mit J. G. Pfeils Schrift Vom bürgerlichen Trauerspiele 1755 die „erste einschlägige theoretische Schrift in deutscher Sprache“. Pfeil bezeichnet das bürgerliche Trauerspiel als „Nachahmung einer Handlung […], wodurch eine Person bürgerlichen Standes auf dem Theater als unglücklich vorgestellet wird“ und deutet an, dass die bürgerliche Tragödie vom aristotelischen Konzept abweichen könnte., zitiert nach Karl Eibl: Gotthold Ephraim Lessing: „Miss Sara Sampson“. Ein bürgerliches Trauerspiel. Erläuterungen und Dokumente. Frankfurt am Main, 1971, S. 173–189

Nicolai und Mendelssohn hatten jeweils Beiträge zur Diskussion veröffentlicht: Nicolais Abhandlung vom Trauerspiele erschien 1757. Vor dem Erscheinen seiner Abhandlung fasste Nicolai seine Gedanken in einem Brief an Lessing zusammen. Mendelssohn hatte schon 1755 [Briefe] Über die Empfindungen veröffentlicht. Lessing formulierte im Gedankenaustausch mit den Freunden seine Theorien: Die Tragödie hat unmittelbare moralische Wirkung Die Wirkung beruht auf dem Mitleid, das sie erweckt, indem sie unabhängig von der Vernunft den Menschen unmittelbar anspricht und bessert Schrecken und Bewunderung sind dem Mitleid untergeordnet

Fick (2016) sieht Lessings „Mitleidskonzeption […][als] brisant“ und „wesentlich von der Affektregie der zeitgenössischen (bürgerlichen) Trauerspiele [unterschieden], die Liebe zur Tugend, Abscheu vor dem Laster hervorrufen sollen. Das Mitleid durchkreuzt die Einteilung der Personen in tugend- und lasterhafte.“ Lessing führte seine Ideen 1767–1769 in der Hamburgischen Dramaturgie weiter aus.

Vom Briefwechsel zur Hamburgischen Dramaturgie Der Briefwechsel von 1756–57 erschien als ursprünglich private Korrespondenz erst acht Jahre nach Lessings Tod im Druck. In seiner Hamburgischen Dramaturgie (1767–1769) entwickelte Lessing seine Theorie weiter. Nach Nisbet (2008) hielt Lessing im Briefwechsel „de[n] Begriff der ästhetischen Illusion für das Drama nicht eigentlich [für] relevant.“ Ab 1768 hatte er sich wieder mit der Poetik des Aristoteles beschäftigt. Im Briefwechsel hatte er die Wirkung des Trauerspiels vor allem dem Mitleid zugeschrieben, die Furcht als nachrangig eingeschätzt und den Begriff der Katharsis „so gut wie ignoriert“. Das Leiden eines tugendhaften Menschen erwecke nicht Schrecken und Abscheu, sondern Mitleid, vorausgesetzt, dass zwischen dem Charakter und dessen Unglück eine ursächliche Verbindung zu erkennen sei. In der Hamburgischen Dramaturgie lege Lessing mehr Gewicht auf die mäßigende Wirkung der Furcht auf das Mitleid. Er argumentiere, dass der aristotelische Begriff „phobos“ nicht „als ‚Schrecken‘ übersetzt werden solle, sondern als ‚Furcht‘ im Sinne einer weniger unmittelbaren Angst vor einer möglichen Katastrophe, die hereinbrechen könnte.“ Im Briefwechsel behandele Lessing die Furcht noch als eine „sympathetische Empfindung […] die wir für den Helden haben oder nicht“, in der Hamburgischen Dramaturgie sehe er die „Furcht, die der Zuschauer für sich selbst habe […] [als] unverzichtbare Ergänzung des tragischen Mitleids.“, hier S. 524

Ausgaben

Einzelnachweise

Kategorie:Literarisches Werk Kategorie:Literatur (Deutsch) Kategorie:Literatur (18. Jahrhundert) Kategorie:Sachliteratur Kategorie:Theaterwissenschaft Kategorie:Dramentheorie Kategorie:Werk von Gotthold Ephraim Lessing