mini|Francesco Aiello, 2016 Francesco Aiello, genannt Ciccio (* 1. August 1946 in Vittoria), ist ein italienischer Politiker, Lehrer und Autor. Seit 2021 ist er erneut Bürgermeister seiner Heimatstadt Vittoria. Das Amt hatte er bereits in mehreren früheren Amtsperioden inne; insgesamt wurde er siebenmal zum Bürgermeister gewählt beziehungsweise vom Gemeinderat im Amt bestätigt. Von 1981 bis 1995 gehörte er während dreier Legislaturperioden der Assemblea Regionale Siciliana, dem Parlament der Autonomen Region Sizilien, an. Zwischen 1992 und 1993 sowie erneut 2012 war er Regionalminister für Landwirtschaft und Forsten Siziliens.

Aiello ist seit 1970 in der sizilianischen Politik tätig und bekleidete im Verlauf von mehr als fünf Jahrzehnten Ämter als Gemeinderat, Bürgermeister, Regionalabgeordneter und Mitglied der sizilianischen Regionalregierung. Seine politische Laufbahn wurde wiederholt von italienischen Medien wie L’Unità, Il manifesto, La Repubblica, Il Foglio und der Nachrichtenagentur Agenzia Giornalistica Italia porträtiert.

Zu den Ereignissen, durch die er über die lokale Ebene hinaus bekannt wurde, gehörten seine Reaktion auf das Massaker von San Basilio am 2. Januar 1999, nach dem er von der italienischen Regierung den Einsatz des Heeres verlangte, sowie die von ihm angeführte Protestaktion von Landwirten aus dem Raum Ragusa in Rom im Jahr 2002.

Herkunft, Ausbildung und Lehrtätigkeit

Nach eigener autobiografischer Darstellung war Aiellos Großvater mütterlicherseits Landwirt, während sein Vater im Stadtteil San Giovanni von Vittoria ein Obst- und Gemüsegeschäft betrieb, in dem Aiello seit seiner Kindheit mitarbeitete, um seine Familie zu unterstützen; nach seinen Angaben verband er die Arbeit im Geschäft mit seiner schulischen Ausbildung. Er erwarb an der Universität Catania einen Abschluss in Lettere – Literatur- und Geisteswissenschaften – und unterrichtete Italienisch und Latein am humanistischen und am naturwissenschaftlichen Gymnasium in Vittoria.

Politische Laufbahn

Anfänge und erste Amtszeiten als Bürgermeister

Aiellos politische Laufbahn begann im Partito Comunista Italiano (PCI). 1970 wurde er erstmals in den Gemeinderat von Vittoria gewählt. Am 16. Februar 1978 wurde er im Alter von 31 Jahren erstmals Bürgermeister. Er blieb bis zum 9. April 1981 im Amt. Eine weitere Amtszeit dauerte vom 15. Oktober 1988 bis zum 23. Januar 1989.

Die von einer PCI-PSI-Koalition geführte Gemeindeverwaltung ließ in dieser Zeit unter anderem Kindertagesstätten und eine Familienberatungsstelle errichten und das kommunale Wasserleitungsnetz erneuern. Ein Artikel in L’Unità bezeichnete Aiello 1980 als den „Professoren-Bürgermeister“ und hob seine regelmäßige persönliche Präsenz in den Stadtvierteln hervor.

Tätigkeit in der Sizilianischen Regionalversammlung

1981 wurde Aiello erstmals in die Assemblea Regionale Siciliana gewählt. Er gehörte ihr während der IX., X. und XI. Legislaturperiode bis 1995 an.

In der XI. Legislaturperiode wurde er in den von Giuseppe Campione geführten Regionalregierungen zweimal zum Regionalminister für Landwirtschaft und Forsten ernannt. Er übte das Amt vom 16. Juli 1992 bis zum 21. Dezember 1993 aus. Vom 31. Mai bis zum 25. Oktober 2012 übernahm er dasselbe Ressort erneut in der von Raffaele Lombardo geleiteten Regionalregierung.

Während seiner parlamentarischen Tätigkeit legte Aiello Gesetzesentwürfe zu landwirtschaftlichen Themen vor, darunter den Entwurf Nr. 729/1994 über die angewandte Forschung in der Landwirtschaft. Weitere Initiativen betrafen den Schutz des lokalen Kulturerbes, den Feigenkaktus und die sizilianische Jugendstilarchitektur.

Zu seinen Vorschlägen gehörte außerdem der Gesetzentwurf Nr. 10/1991, mit dem der Ortsteil Scoglitti zu einer eigenständigen Gemeinde erhoben werden sollte. Der Entwurf wurde im Regionalparlament nicht abschließend behandelt. Das Ziel einer möglichen kommunalen Selbstständigkeit Scoglittis wurde später in Artikel 7 der am 3. August 2007 verabschiedeten Satzung der Stadt Vittoria aufgenommen. In der mit Gemeinderatsbeschluss Nr. 8/2014 verabschiedeten Fassung der Satzung war diese Bestimmung nicht mehr enthalten; Scoglitti wird darin als Ortsteil (frazione) von Vittoria bezeichnet.

In der X. und XI. Legislaturperiode war Aiello erster Unterzeichner von acht Gesetzesentwürfen, 84 parlamentarischen Anfragen, 45 Interpellationen, zwei Anträgen und fünf Tagesordnungsanträgen.

Kandidaturen für das italienische und das Europäische Parlament

1994 kandidierte Aiello erfolglos für das italienische Parlament. Bei der Europawahl in Italien 1999 trat er für die Democratici di Sinistra im Wahlkreis Italienische Inseln an. Er stand auf dem dritten Listenplatz, erhielt jedoch kein Mandat.

Rückkehr an die Spitze der Stadt Vittoria

1995 legte Aiello sein Mandat in der Regionalversammlung nieder und kandidierte erneut für das Bürgermeisteramt in Vittoria. Bei der Wahl am 14. Mai 1995 wurde er mit 18.170 Stimmen beziehungsweise 63,26 Prozent bereits im ersten Wahlgang gewählt.

1997 wurde er mit 19.594 Stimmen und 71,21 Prozent, 2002 mit 16.620 Stimmen und 52,93 Prozent jeweils im ersten Wahlgang wiedergewählt. Am 12. Oktober 2005 trat er infolge einer politischen Krise innerhalb der Mehrheit im Gemeinderat zurück.„Vittoria, si dimette il sindaco Aiello“. In: La Sicilia, 13. Oktober 2005. Anschließend wurde Salvatore Campo als außerordentlicher kommissarischer Verwalter eingesetzt.

Das Massaker von San Basilio und die Forderung nach einem Armeeeinsatz

Am 2. Januar 1999 wurden in einer Bar in Vittoria fünf Menschen getötet. Das als Massaker von San Basilio bezeichnete Verbrechen stand im Zusammenhang mit einem Konflikt rivalisierender Mafiaorganisationen um die Kontrolle wirtschaftlicher Tätigkeiten rund um den Obst- und Gemüsegroßmarkt von Vittoria.

Das Massaker ereignete sich während Aiellos Amtszeit als Bürgermeister. In den folgenden Tagen forderte er die italienische Regierung auf, Einheiten des italienischen Heeres zur Sicherung des Gebiets zu entsenden. Zu diesem Zeitpunkt stand Aiello aufgrund wiederholter Drohungen bereits unter Polizeischutz.

Im Januar 2026 berichteten Medien über weitere Einschüchterungsversuche gegen Aiello und die Stadtverwaltung von Vittoria.

Debatte um Stadtplanung und den „Palio di Vittoria“

2002 veröffentlichte der Journalist Carlo Ruta das Dossier sul Palio di Vittoria, eine Untersuchung über die Stadtplanungspolitik der Gemeindeverwaltung und die im selben Jahr erfolgte Wiedereinführung eines örtlichen Pferderennens.

Das Dossier kritisierte unter anderem einen mutmaßlichen Interessenkonflikt eines von der Stadtverwaltung eingesetzten Beraters für Verfahren zur nachträglichen Legalisierung von Bauvorhaben. Nach Rutas Darstellung soll der Berater zugleich privat zahlreiche entsprechende Verfahren bearbeitet haben, darunter auch solche zugunsten von Personen mit Verbindungen zur örtlichen Kriminalität.

Die Wiedereinführung des Pferderennens wurde zudem von Tier- und Umweltschutzorganisationen wie LAV, Legambiente und dem WWF kritisiert. Sie verwiesen auf mögliche Tiermisshandlungen und auf das Risiko einer Einflussnahme durch illegale Wettstrukturen im Umfeld der sogenannten Zoomafia. Die Angelegenheit wurde auch im italienischen Parlament und von Organen der parlamentarischen Mafia-Bekämpfung behandelt.

Aiello wies die gegen seine Verwaltung gerichteten Darstellungen zurück und ordnete sie in den politischen Konflikt über Mafia, Antimafia-Politik und die Verwaltung des Gebiets von Vittoria ein. Die Auseinandersetzung blieb Gegenstand politischer und journalistischer Kontroversen. Soweit aus den angeführten Quellen hervorgeht, wurden aufgrund der im Dossier dargestellten Sachverhalte weder gegen Aiello noch gegen andere darin genannte Personen Strafverfahren eingeleitet; strafrechtliche Verurteilungen sind ebenfalls nicht dokumentiert.

Jahre in der Opposition und Rückkehr 2021

mini|Francesco Aiello und der US-Marineoffizier Vianni Paquian bei einer Gedenkveranstaltung zur Operation Husky in Scoglitti, 2025.

Nach seinem Rücktritt als Bürgermeister wurde Aiello 2006 über die Liste der Democratici di Sinistra erneut in den Gemeinderat gewählt. 2008 verließ er nach einem Konflikt mit der örtlichen Parteiführung den Partito Democratico und gründete das Movimento di Azione Democratica, mit dem er im Gemeinderat der Opposition angehörte.

Bei der Kommunalwahl 2011 kandidierte Aiello erneut für das Bürgermeisteramt. Er wurde dabei von der von Raffaele Lombardo geführten Partei Movimento per le Autonomie unterstützt. Das Bündnis führte zu Spannungen innerhalb des örtlichen Mitte-links-Lagers, da der Partito Democratico mit Giuseppe Nicosia, einem früheren stellvertretenden Bürgermeister unter Aiello, einen eigenen Kandidaten aufstellte.

Während des Wahlkampfs erhob Aiello Vorwürfe über mutmaßliche Verbindungen zwischen der organisierten Kriminalität und der städtischen Müllentsorgung. Nicosia wiederum kritisierte die Zusammenstellung und Führung von Aiellos Wahlliste. Aiello erreichte im ersten Wahlgang 20,99 Prozent und belegte den dritten Platz.

Bei der Kommunalwahl 2016 gelangte Aiello in die Stichwahl, unterlag dort jedoch dem von bürgerlichen Mitte-rechts-Listen unterstützten Giovanni Moscato. Aiello erhielt 44,84 Prozent der Stimmen.

Die von Moscato geführte Stadtverwaltung wurde 2018 wegen des Verdachts auf Einflussnahme der organisierten Kriminalität aufgelöst. Bis zur Wahl 2021 wurde die Stadt von dem kommissarischen Verwalter Filippo Dispenza geführt. Im Jahr 2024 wurden Moscato und die weiteren angeklagten früheren Kommunalpolitiker in dem aus den damaligen Ermittlungen hervorgegangenen Strafverfahren vollständig freigesprochen.

Bei der Kommunalwahl 2021 kandidierte Aiello mit der Bürgerliste Aiello Sindaco. Unterstützt wurde er vom Partito Democratico, vom Partito Socialista Italiano und von der Liste Cento Passi per la Sicilia. Die städtische Wasserversorgung gehörte zu den im Wahlkampf behandelten Themen.

In der Stichwahl setzte er sich mit 14.261 Stimmen beziehungsweise 56,02 Prozent gegen den Mitte-rechts-Kandidaten Salvo Sallemi durch, der 43,98 Prozent erhielt. Im April 2026 kündigte Aiello an, mit hoher Wahrscheinlichkeit für eine weitere Amtszeit kandidieren zu wollen.

Bürgermeisterwahlen und Amtszeiten

Amtszeit Beginn Ende Politische Zugehörigkeit Wahlergebnis 1. 16. Februar 1978 9. Juli 1980 Partito Comunista Italiano Vom Gemeinderat gewählt 2. 9. Juli 1980 9. April 1981 Partito Comunista Italiano Vom Gemeinderat im Amt bestätigt 3. 15. Oktober 1988 23. Januar 1989 Partito Comunista Italiano Vom Gemeinderat gewählt 4. 17. Mai 1995 1. Oktober 1997 Partito Democratico della Sinistra Im ersten Wahlgang mit 18.170 Stimmen (63,26 %) gewählt 5. 1. Oktober 1997 27. Mai 2002 Partito Democratico della Sinistra Im ersten Wahlgang mit 19.594 Stimmen (71,21 %) gewählt 6. 27. Mai 2002 12. Oktober 2005Rücktritt Democratici di Sinistra Im ersten Wahlgang mit 16.620 Stimmen (52,93 %) gewählt 7. 27. Oktober 2021 amtierend Bürgerliste und Mitte-links-Bündnis In der Stichwahl mit 14.261 Stimmen (56,02 %) gewählt

Politische Einordnung zwischen historischer Linker und lokaler Unabhängigkeit

Aiellos politische Entwicklung wurde in der italienischen Presse als Übergang von einem Vertreter der traditionellen kommunistischen Linken zu einem weitgehend parteiunabhängigen Akteur der lokalen Bürgerpolitik beschrieben. L’Unità bezeichnete ihn in den 1980er Jahren wegen seines pragmatischen Verwaltungsstils und seiner Präsenz in den Stadtvierteln als „Professoren-Bürgermeister“. Spätere Porträts in La Repubblica und Il Foglio bezeichneten ihn unter anderem als capopopolo, also als volkstümlichen politischen Anführer, und als „letzten Kommunisten“.