Der silberne Krug (teilweise auch unter dem deutschsprachigen Titel Eine Flasche voll Silber, Originaltitel: A Jug of Silver) ist die vierte Episode innerhalb des Erzählbandes Baum der Nacht und andere Erzählungen von Truman Capote. Erstmals abgedruckt wurde der Text 1945 in der Zeitschrift Mademoiselle.Thomas Fahy: A Tree of Night and Other Stories. In: Thomas Fahy: Understanding Truman Capote. University of South Carolina Press, Columbia SC 2014. ISBN 978-1-61117-341-3. S. 16–42. Hier S. 17. Kurzbeschreibung Der Einzelhändler Ed Marshall reagiert auf neu aufgetauchte Geschäfts-Konkurrenz mit einer ungewöhnlichen Verkaufsaktion: Den genauen Inhalt eines mit Münzen gefüllter Vier-Liter-Glaskrugs sollen Kunden mittels durch Einkäufe erworbene Lose erraten dürfen. Bald tauchen der rätselhafte Junge Appleseed und seine Schwester Middy auf. Appleseed behauptet, das Geld im Krug von außen zählen zu können. Trotz anfänglicher Skepsis der Mitmenschen bleibt er beharrlich bei seiner Aufgabe. Drei Tage vor Ende der Aktion verkündet Appleseed eine konkrete Summe: 77,35 Dollar seien in dem Glaskrug drin. Am Heiligabend wird der verschlossene Lösungsumschlag geöffnet – und bestätigt Appleseeds Tipp. Als Gewinner erfüllt er den Wunsch seiner Schwester nach einem schönen Gebiss. Inhalt Der Einzelhändler Ed Marshall hat ein Problem: Direkt gegenüber von seinem eigenen Verkaufsgeschäft hat ein anderes aufgemacht, und dessen Besitzer ist nach Auffassung des Ich-Erzählers, eines Marshall-Neffen, „ein ganz gemeiner Kerl; er nahm meinem Onkel nämlich die Kundschaft weg“ durch eine sehr moderne Laden-Einrichtung. Doch Ed Marshall lässt sich das nicht bieten: Eines Oktobertags findet der Ich-Erzähler seinen Onkel Ed und den örtlichen Zahnarzt Hamurabi beim Weinzechen vor, obwohl Ed Marshall „weit und breit als Antialkoholiker“ gilt. Als die Vier-Liter-Flasche leer ist, verschwindet Marshall vorübergehend, kehrt nach einiger Zeit wieder. „Es war derselbe Weinkrug, bei Gott, aber er hatte sich inzwischen wunderbar verändert; denn er war jetzt bis zum Rand mit Fünf- und Zehn-Cent-Strücken vollgepfropft, die matt durch das dicke Glas schimmerten.“ Die Idee dahinter ist, „daß die Leute raten sollen, wieviel Geld da drin ist. Sagen wir zum Beispiel, du kaufst etwas für fünfundzwanzig Cent – gut, damit erwirbst du dir die Chance zu raten. Je mehr du kaufst, desto öfter darfst du raten. Und ich werde bis zum Heiligen Abend alle Zahlen in mein Hauptbuch eintragen.“ Dann vergleiche man die Hauptbuch-Wetteinträge mit der Lösung, die nur der Münz-Aushändiger von der Bank kennen würde und die in einem verschlossenen Umschlag hinterlegt ist. Die findige Idee Marshalls führt bei dessen Konkurrenten von jenseits der Straße zu Empörung, zu Protesten, zum Einschalter der Presse, zur Imitation: „So versuchte er, das mit dem Krug nachzumachen; aber weil er ein solcher Geizhals war, tat er nur Ein-Cent-Stücke hinein.“ Die Kundschaft wird ihm untreu, wechselt wegen der mit einem Einkauf verbundenen Gewinnchance zu Marshall zurück. Es kommt aber ab Mitte November auch jemand, der bisher kein Kunde war. „Er war in unserer Stadt nicht bekannt. Wenigstens konnte sich niemand erinnern, ihn je zuvor gesehen zu haben.“ Es ist ein aus Louisiana stammender, ärmlich erscheinender Junge namens Appleseed, wohnhaft auf einer Farm fünf Kilometer von der Kleinstadt entfernt, in seiner Begleitung seine nicht minder ärmlich wirkende, ältere Schwester Middy, ein Mädchen mit schadhaftem oder schandhaftem Gebiss, das sie nicht zeigen mag. „Eine Dame in Louisiana hat gesagt, daß ich sehn kann, was andre Leute nicht sehn können, weil ich mit ’ner Glückshaube auf die Welt gekommen bin“, behauptet Appleseed, der vorgibt, nun von außen das Geld im Vier-Liter-Glaskrug „zählen“ zu wollen, was Hamurabi zu der Gegenäußerung veranlasst: „Dann mußt du schon Röntgenaugen haben, mein Sohn, mehr kann ich dazu nicht sagen.“ Middy vertreibt sich derweil die Zeit mit dem Blättern in einer Zeitschrift namens Filmgeheimnisse, meint über einen darin abgebildeten Star: „Is diese Dame nich hübsch? Sieh doch nur, Appleseed, siehst du, was die für schöne Zähne hat? Die sind nich so durcheinander.“ Ihr Bruder reagiert mit den Worten „Mach dir man darum keine Sorgen mehr“.
Middy und Appleseed kommen nun immer wieder in Marshalls Laden. Appleseed „ging seiner Beschäftigung nach, das Kruggeld zu zählen, und er tat das mit großer und beharrlicher Sorgfalt. Jeden Tag kam er nun […] und konzentrierte sich auf den Krug, wobei er finster vor sich hinblickte und murmelte. Anfangs waren wir alle fasziniert, aber allmählich wurde es langweilig, und niemand kümmerte sich mehr um ihn.“ Hamurabi entwickelt eine Neigung, sich des Jungen anzunehmen und außerdem ein schlechtes Gewissen, meint: „Eine derartige Hoffnung in einem Menschen zu erwecken ist grausam, und es tut mir verdammt leid, daß ich anfangs mitgemacht habe.“ Appleseed ficht das nicht an, ebenso wenig wie die Zweifel daran, dass er das Kruggeld durch äußere Inaugenscheinnahme „zählen“ könne. „Es war drei Tage vor Weihnachten, als er plötzlich aus heiterem Himmel verkündete: ‚Nun, ich bin fertig. Ich meine, ich weiß jetzt, wieviel in der Flasche drin is.‘“ Appleseeds Behauptung: 77,35 Dollar. Ed Marshall verkauft für den Wetteinsatz von 25 Cent ein Duftwässerchen an Middy, „das Middy sofort aufmachte und sich zur Hälfte aufs Haar goß.“ Wie beabsichtigt kommt es am Heiligabend um vier Uhr nachmittags zur Auflösung: Die Teilnehmer an der Wette haben sich schick in Sonntagskleider geworfen, Ed Marshall moderiert das Event: „Nun hört mal alle her, in diesem Umschlag, den ihr hier in meiner Hand seht […] steht die Lösung drin, die bis zu diesem Augenblick noch niemand kennt, außer dem lieben Gott und der First National Bank“. In der mit Gier, Erwartung und Spannung aufgeheizten Stimmung kommt es bei der Umschlagöffnung kurz zu einem Tumult, so dass der Ich-Erzähler den Umschlag ergreift und die korrekte Flascheninhalts-Summe ausruft: 77,35 Dollar. Appleseed ist der Gewinner, und Middy kann nun ihren Wunsch erfüllt bekommen: „ein schönes weißes Gebiß“ mit dem Fernziel, ein Star wie jene in der Zeitschrift Filmgeheimnisse zu werden. Textanalyse Bei Der silberne Krug handelt es sich um eine in Ich-Form erzählte Kurzgeschichte. Ort der Handlung ist eine US-Kleinstadt im offenkundig in Alabama gelegenen fiktiven Wachata County. Als in relativer Nähe liegende Stadt taucht Cherokee auf, als nächste Großstadt Birmingham. Die Zeit der Handlung liegt wegen des öffentlichen Alkoholkonsums von Marshall und Hamurabi außerhalb der Prohibitionszeit und nach dem Abschluss der Rover-Boys-Buchreihe 1926 sowie nach dem Ersterscheinen der Zeitschrift Filmgeheimnisse 1928 (im Original: Screen Secrets) und somit frühestens 1933. Innerhalb des Jahres der Handlung umfasst die Berichtszeit die Wochen zwischen Mitte Oktober und Heiligabend. Themen Themen von Der silberne Krug sind der Erfindungsreichtum des Kapitalismus und dadurch verursachte Habgier. Hamurabis Gewissensbisse zeigen die moralische Kehrseite der geschäftlich erfolgreichen kapitalistischen Idee: „Eine derartige Hoffnung in einem Menschen zu erwecken ist grausam, und es tut mir verdammt leid, daß ich anfangs mitgemacht habe.“ Am Ende der Geschichte steht eine humanitäre Geste: Appleseeds Gewinn erfüllt Middys Wunsch nach einem falschen Gebiss. Eine Schlusspointe liegt darin, dass Hamurabi am Ende der Kurzgeschichte materiellen Gewinn oder zumindest Ruhm aus den Begebenheiten ziehen möchte: Er schreibt einen Bericht „und schickte ihn an verschiedene Magazine. Er wurde aber nie gedruckt. Ein Redakteur schrieb zurück: ‚Wenn aus dem kleinen Mädchen wirklich ein Filmstar geworden ist, läßt sich vielleicht etwas mit Ihrer Geschichte anfangen“: Die Wirklichkeit ist nur Berichterstattung wert, wenn sie nicht vom Scheitern, sondern von der Erfüllung des American Dream berichtet. Figuren (Auswahl) Appleseed: Dieser aus Louisiana stammende Zwölfjährige hat ein Halbblut als Mutter und ist ein „so nervöses, so ungewöhnliches Kind“, dass Hamurabi an der Geschäftsidee zur Rettung des Marshall-Ladens zu zweifeln beginnt. Appleseed „hatte ein schmales, wettergebräuntes Gesicht mit unruhigen grünen Augen, die einen sehr weisen und erfahrenen Ausdruck hatten. Er war klein und schmächtig“. Middy: Sie ist „ein ganz armselig aussehendes Kind. Sie war ein gutes Stück größer als ihr Bruder und sah auch älter aus: eine richtige Bohnenstange. Sie hatte kurzes, flachsblondes Haar, das aussah wie abgehackt, und ein blasses, erbarmungswürdiges kleines Gesicht. […] Irgend etwas mit ihren Zähnen stimmte nicht, und sie suchte es zu verbergen, indem sie den Mund immer fest zusammenpreßte wie eine alte Dame.“ Ed Marshall: Der Onkel des Ich-Erzählers ist ein „netter Mensch“ sowie ein „untersetzter Mann mit einem viereckigen, geröteten Gesicht und einem gezwirbelten, männlichen weißen Schnurrbart.“ Hamurabi: Der nach eigenen Angaben aus Ägypten stammende Zahnarzt ist „dunkelhäutig und fast zwei Meter groß. Die Mütter unserer Stadt steckten ihre Töchter hinter Schloß und Riegel und machten ihm selber schöne Augen.“ Ich-Erzähler: Abgesehen von seiner Funktion als Berichterstatter spielt dieser Neffe von Ed Marshall nur insofern eine Rolle, als dass er in dem Tumult bei der Gewinner-Verkündigung den Umschlag ergreift und die korrekte Flascheninhalts-Summe ausruft: 77,35 Dollar. Rezeption und Adaption Die 1958 unter der Regie von Heinz Schimmelpfennig unter dem Titel Das Glück sucht seine Kinder verfilmte Kurzgeschichte Der silberne Krug fand überwiegend positive Resonanz. „Heiter-komisch“ fand der deutsche Anglist Wolfgang G. Müller den Text mit seiner „glänzenden Schilderung des Kleinstadtmilieus“.Wolfgang G. Müller: Capote, Truman. In: Bernd Engler, Kurt Müller (Hrsg.): Metzler-Lexikon amerikanischer Autoren. Metzler, Stuttgart 2000. ISBN 3-476-01654-4. S. 119–122. Hier S. 120. Der Literaturwissenschaftler Thomas Fahy (Long Island University) entdeckte in der Erzählung „verschiedene Details, die an Märchen und Mythen erinnern“„various details that evoke fairy tales and myths“ – Fahy, A Tree of Night and Other Stories, S. 34. und bezeichnete Der silberne Krug als „ein modernes Märchen, das die nostalgischen Fantasien widerspiegelt, die Capotes Figuren typischerweise von kindlicher Unschuld hegen. Die Welt der Geschichte erscheint glänzend, bezaubernd und vor der Außenwelt bewahrt“.„a modern fairy-tale that reflects the nostalgic fantasies Capote's characters typically have about childhood innocence. The world of the story appears shiny, enchanting, and preserved from the outside world“ – Fahy, A Tree of Night and Other Stories, S. 35. Literatur Thomas Fahy: A Tree of Night and Other Stories. In: Thomas Fahy: Understanding Truman Capote. University of South Carolina Press, Columbia SC 2014. ISBN 978-1-61117-341-3. S. 16–42. Deutschsprachige Textausgaben Eine Flasche voll Silber. In: Clara Paul (Hrsg.): Die Wunder zu Weihnachten. Geschichten, die glücklich machen. Insel-Verlag, Berlin 2015. ISBN 978-3-458-36101-5. S. 159–179. Eine Flasche voll Silber. In: Clara Paul (Hrsg.): Ein ganz alltägliches Wunder. Geschichten von wahren und fast wahren Wundern. Insel-Verlag, Berlin 2014. ISBN 978-3-458-36041-4. S. 255–274. Eine Flasche voll Silber. In: Truman Capote: Baum der Nacht. Alle Erzählungen. Aus dem Amerikanischen von Ursula-Maria Mössner. Kein & Aber, Zürich 2014. ISBN 978-3-0369-5920-7, S. 30–53. Der silberne Krug. In: Linda Walz, Gerhard Seidl (Hrsg.): Wunderbare Weihnachten. Kabel, München 1999. ISBN 3-8225-0508-0. S. 129–145. Der silberne Krug. In: Truman Capote: Frühstück bei Tiffany. Gesammelte Erzählungen. Deutscher Bücherbund, Hamburg 1972. S. 129–147. Der silberne Krug. In: Truman Capote: Gesammelte Erzählungen. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1970. ISBN 3-498-09054-2. S. 36–52.