Die Schlacht bei Vilnius fand am 8. August 1655 während des Russisch-Polnischen Krieges 1654–1667 statt. Die polnisch-litauischen Streitkräfte unter der Führung des Großhetmans von Litauen, Janusz Radziwiłł, wurden von der russischen Armee unter Zar Alexei von Russland besiegt. Es war das erste Mal, dass es einer fremden Macht gelang, das Vilniuser Schloss einzunehmen. Die darauf folgende sechsjährige Moskauer Besatzung führte zu einer starken Entvölkerung und zu einem langanhaltenden Niedergang der Stadt. Die Niederlage war einer der Gründe, warum Janusz Radziwiłł und mehrere andere litauische Magnaten im Vertrag von Kėdainiai das Großfürstentum Schweden übergaben.

Vorbereitung Nach dem misslungenen Angriff auf Mahiljou zogen sich die erschöpften und demoralisierten polnisch-litauischen Truppen hinter die Beresina zurück und schlugen ihr Lager in Minsk auf. Die Verluste der Rzeczpospolita (polnisch-litaunische Republik) während des Winterfeldzuges waren sehr schwerwiegend. Anfang Mai 1655 verließen beide Hetmane (Radziwiłł und Gosiewski) das Heer, um zum Sejm (polnisch-lituanisches Parlament) zu reisen. Ebenso gingen die Obristen Bogusław Radziwiłł (der die Befestigungsarbeiten in Slutsk überwachte) und Połubiński, der sich mit der Aufstellung einer königlichen Hussariastandarte beschäftigte. Auch zahlreiche andere Offiziere niedrigerer Ränge verließen die Armee.

Den Oberbefehl übernahm daher der Kommandeur einer Kosakenstandarte, Jan Bychowiec, der in der Hierarchie des litauischen Heeres niedrig stand. Infolgedessen erkannten viele Soldaten seine Autorität nicht an, und in den Reihen des Heeres nahm die Zuchtlosigkeit noch weiter zu – ganze Standarten verließen massenhaft das Lager und zogen plündernd durch die Umgebung.

Der durch eine Seuche geschwächte Moskauer Staat konzentrierte gegen die Rzeczpospolita nicht so große Kräfte wie im Vorjahr, seine Truppen überschritten nicht 30.000 Mann. Das Kosakenkorps unter Iwan Solotarenko zählte etwa 14.000 Soldaten. Angesichts des vollständigen Zerfalls der litauischen Armee spielte die geringere Stärke der zarischen Truppen keine Rolle. Die Moskauer rückten tief in das Gebiet der Rzeczpospolita vor, ohne unterwegs auf nennenswerten Widerstand zu stoßen. Auf den ruthenischen Gebieten des Großfürstentums Litauen nahmen die Moskauer Truppen im April Dubrouna, Kopyl und Orscha ein. Ende Juni besiegte Jurij Worotynski bei Baryssau die Kosaken des Wacław Pokłoński, und Fürst Trubezki rückte auf Słuck vor.

Unterdessen trat in Warschau der Sejm (19. Mai – 20. Juni 1655) zusammen. Im Rahmen seiner Beschlüsse wurde der König ermächtigt, das Aufgebot (pospolite ruszenie) einzuberufen, und es wurden Steuern für den Krieg bewilligt. Die nächsten Steuerzahlungen sollten jedoch erst am 1. Juli und die darauffolgenden am 1. November 1655 eingehen. Die Steuererhebung wurde zusätzlich dadurch erschwert, dass die Woiwodschaften Mszislau, Polazk, Smolensk, Witebsk sowie Teile der Woiwodschaften Minsk und Vilnius bereits von russischen Truppen besetzt waren. Man beschloss daher, einige Städte in Litauen zu befestigen.

Anfang Juli 1655 traf Radziwiłł am Sammelpunkt der Truppen ein, von denen sich tatsächlich nur 3880 Mann (litauische und polnische Reitereinheiten) versammelt hatten. Zusätzlich sollte noch der Adel aus dem Aufgebot eintreffen. Die Kampfmoral der Gesellschaft war jedoch schlecht; der litauische Adel glaubte nicht an einen Sieg über Moskau.

Radziwiłł stand den Truppen von Wassili Borissowitsch Scheremetew gegenüber, die in den Woiwodschaften Polazk und Vilnius stationiert waren. Die Einheiten von Iwan Solotarenko und Jakow Tscherkasski überschritten am 29. Juni die Beresina und nahmen die Straße nach Vilnius ein. Am 15. Juli kam es zu einem Gefecht zwischen den zarischen Truppen und den bei Minsk konzentrierten litauischen Streitkräften mit Verstärkungen aus der Krone. Nach der Niederlage wichen die Litauer in Richtung Kojdanów aus und zogen sich anschließend in Richtung Vilnius zurück.

Inzwischen befahl König Johann II. Kasimir angesichts der schwedischen Invasion den Krontruppen, Litauen zu verlassen und ins Königreich Polen zurückzukehren. Im Juli verließen auch die Tatarischen Einheiten Litauen. In den ersten Augusttagen verfügte Radziwiłł nur noch über 4.000–5.000 Soldaten. Die katastrophale Lage zwang die Eliten des Großfürstentums Litauen, eigenständig nach Auswegen zu suchen – man erwog einen Waffenstillstand mit Russland oder Vereinbarungen mit Schweden.

Am 3. August erhielten die wichtigsten Personen, die sich im Lager in Nemėžis bei Vilnius aufhielten, die Nachricht vom Einmarsch der schwedischen Truppen in Großpolen (21. Juli) sowie vom Verrat der polnischen Szlachta bei Ujście (25. Juli). Daraufhin nahmen Radziwiłł und ein Teil der litauischen Würdenträger Verhandlungen mit dem schwedischen König Karl X. Gustav auf, mit dem Ziel, Litauen unter den Schutz Schwedens zu stellen. Im Gegenzug verlangte man, dass der Zar Alexei I. über diesen Schritt informiert werde, was den Vormarsch seiner Truppen aufhalten sollte.

Die künftige litauisch-moskowitische Grenze wurde dabei durch die Forderung umrissen, die Offensive auf die Gebiete zwischen Memel, Dnepr und Beresina einzustellen. Sollten die Russen dem nicht nachkommen, erwartete man von den Schweden Hilfe bei der Rückgewinnung der verlorenen Gebiete oder zumindest Unterstützung bei der Verteidigung Vilnius. Am 4. August richtete Bischof Jerzy Tyszkiewicz ein Schreiben an Iwan Solotarenko mit dem Vorschlag von Friedensverhandlungen, bei denen Gesandte Kaiser Ferdinands III. als Vermittler auftreten sollten, sowie eines vorläufigen Waffenstillstands. Am 5. August wurde ein entsprechender Brief auch an Jakow Tscherkasski gesandt.

Am 6. August, als die Truppen von Solotarenko und Tscherkasski – auf Befehl des Zaren vom 21. Juli zum Vormarsch auf Vilnius – vor der Stadt erschienen, wurde ein weiteres Schreiben an das Lager des Zaren geschickt, diesmal von den Senatoren: Bischof Tyszkiewicz, Großhetman Radziwiłł und Feldhetman Gosiewski. Darin erneuerte man die Vorschläge zu Verhandlungen, zur Einstellung der Kampfhandlungen sowie zu einem gemeinsamen Vorgehen gegen den Feind, der zu diesem Zeitpunkt nur Schweden sein konnte.

Diese Vorschläge standen in offenem Widerspruch zu den Angeboten an den schwedischen König. Dies zeigt, dass es sich um verzweifelte Versuche handelte, das Land aus seiner Lage zu befreien. Zar Alexei antwortete jedoch, dass Litauen sich, wenn es Frieden wünsche, seiner Herrschaft unterwerfen müsse. Angesichts der Ablehnung eines Waffenstillstands floh Bischof Tyszkiewicz aus Litauen, während die Hetmane Radziwiłł und Gosiewski ihren Willen zum Widerstand demonstrieren wollten. Der Großhetman schlug vor, die Truppen hinter dem Fluss Wilia aufzustellen, die Verteidigung der Grünen Brücke zu organisieren und sich im Falle eines Misserfolgs nach Samogitien zurückzuziehen. Der Feldhetman hingegen zog es vor, sich sofort über Ponary und Grodno ins Königreich Polen zurückzuziehen.Henryk Wisner S. 170–196

Die Schlacht Die litauische Armee verließ am 7. August das Lager bei Nemėžis und zog in die westlichen Vororte von Vilnius. Am Morgen erreichten feindliche Truppen die Umgebung der Stadt. Die Moskauer Befehlshaber bereiteten sich vielmehr darauf vor, eine Schlacht östlich und südlich der Stadt zu schlagen, da sie erwarteten, dass Radziwiłł die Straßen nach Vilnius verteidigen würde. Das Verlassen des Lagers bei Nemėžis und die Konzentration der litauischen Truppen westlich von Vilnius, was auf die Absicht hindeuten konnte, die Stadt kampflos aufzugeben, überraschte Solotarenko und Tscherkasski. Durch den Angriff auf den Gegner wollten die Befehlshaber der russisch-kosakischen Truppen die am linken Ufer befindlichen Einheiten von den Übergängen abschneiden und sie anschließend vernichten. Zunächst war der Angriff auf die Brücke erfolgreich, und diese wurde von der Infanterie und der Reiterei besetzt. Später jedoch mussten sich die Moskauer Truppen infolge wirksamen Beschusses durch die litauische Infanterie und Dragoner vom rechten Ufer zurückziehen.

Im zweiten Abschnitt der Schlacht wurde die litauische Armee in zwei Teile zerschlagen. Der Feldhetman Wincenty Gosiewski, der zusammen mit einem Teil seiner Division bei der Brücke abgeschnitten wurde, musste gemeinsam mit Radziwiłł auf das rechte Flussufer übergehen. Auf dem linken Ufer verblieben neben dem dort zurückgebliebenen Regiment des Feldhetmans auch das Regiment von Jerzy Karol Hlebowicz. Zusammen zählten diese Truppen etwa 2.000 Soldaten. Nach der Schlacht zogen sie sich über Ponary in Richtung Kowno zurück und marschierten anschließend unter dem Druck der Moskauer Truppen in Richtung der Grenze zu Preußen. Dort wurde am 23. August eine Konföderation gebildet, die Radziwiłł aufgrund ausstehender Soldzahlungen und seines Übertritts auf die schwedische Seite den Dienst aufkündigte. Später stellte sich diese Gruppierung unter das Kommando von Paweł Jan Sapieha, einem Anhänger von Johann II. Kasimir.

Der zweite Teil des Heeres – die gesamte Infanterie, die Dragoner und die Artillerie sowie die übrige Reiterei (maximal 3.000 Mann) – marschierte mit beiden Hetmanen nach Kiejdany. Am 12. August verließ ein Teil der Truppen in Wieprz das Lager und verweigerte den weiteren Dienst aufgrund ausbleibender Soldzahlungen. Einige Tage später schlugen die verbleibenden Einheiten ihr Lager in Jaszwojnie, etwa ein Dutzend Kilometer von Kėdainiai entfernt, auf, wo sich auch das Aufgebot der nicht von den Russen besetzten Woiwodschaften sammelte. Am 17. August unterzeichnete Radziwiłł dort zusammen mit 435 Personen die Kapitulationsakte Litauens gegenüber Schweden.

Am Abend des 8. August lag die litauische Hauptstadt dem Feind offen – zur Verteidigung Vilnius waren keine regulären Einheiten zurückgelassen worden. Die vernachlässigten mittelalterlichen Befestigungen der Stadt sowie der Mangel an Truppen machten jeden Widerstand unmöglich. In den vorangegangenen Tagen waren Tausende Bürger, Adlige und Geistliche aus der Stadt geflohen. Die fliehende Menge zog in Richtung Preußen. Als erste drangen noch am 8. August die Truppen Solotarenkos in Vilnius ein und begannen ein Massaker an der Bevölkerung. Der 9. August ging als einer der tragischsten Tage in die Geschichte Vilnius ein. Den ganzen Tag dauerten Massenmorde an. Viele Häuser und Kirchen wurden vollständig niedergebrannt. Von 32 römisch-katholischen Kirchen blieben nur 4 erhalten; gewaltige Plünderungen wurden aus der Stadt fortgeschafft, Kirchenglocken wurden abgenommen, Kupfer von Dächern gerissen und die Lager der Kaufleute geplündert. Die Zerstörung wurde durch ein 17 Tage lang wütendes Feuer vollendet, das die Stadt in einen Trümmerhaufen verwandelte.

Folgen Am 10. August hielt Zar Alexei seinen feierlichen Einzug in Vilnius. Er fuhr durch die Stadt zum Schloss über ein mit rotem Tuch ausgelegtes Straßenstück in einer Kutsche, die von zwölf Pferden gezogen wurde. Für den Zaren war dies ein Tag des größten Triumphes, eine Vergeltung für die Demütigungen aus der Zeit der Großen Wirren und der zweijährigen Besetzung des Kremls durch polnisch-litauische Truppen. Um die Bedeutung dieses Ereignisses zu unterstreichen, nahm Zar Alexei am 13. September 1655 den Titel „Großfürst von Litauen, von Weißrussland, Wolhynien und Podolien“ an. Für Vilnius begann damit eine sechsjährige Periode der Moskauer Besatzung. Obwohl es gelang, die Stadt selbst am 11. Juli 1660 zu befreien, verteidigte sich die Moskauer Besatzung noch fast anderthalb Jahre lang in beiden Burgen. Erst am 3. Dezember kehrte ganz Vilnius zur Rzeczpospolita (die polnisch-litaunische Republik) zurück.