mini|hochkant=1.2|Narrenturm von Süden (November 2025) Der Narrenturm im 9. Wiener Gemeindebezirk Alsergrund ist ein fünfstöckiger Ringbau, der von 1783 bis 1784 unter Kaiser Joseph II. errichtet wurde. Bis 1869 war das Gebäude als öffentliche psychiatrische Anstalt in Verwendung. Nach wechselnder Nachnutzung beherbergt es seit 1971 die Pathologisch-anatomische Sammlung, die 2012 in das Naturhistorische Museum eingegliedert wurde.

Gebäude Bezeichnung Die allgemeinen zeitgenössischen Bezeichnungen für das Gebäude lauteten im 18. und frühen 19. Jahrhundert „Irrenhaus“Für das „Irrenhaus“ werden die entsprechenden Nutzungsanordnungen von Joseph II. an seinen Leibarzt Joseph Quarin vom 10. April 1784 wörtlich wiedergegeben von L.: Der Wiener Narrenthurm. In: Neue Freie Presse, 29. Dezember 1865, Morgenblatt, S. 1 f. (Digitalisat auf anno.onb.ac.at, abgerufen am 4. November 2025). und „Tollhaus“Das Hauptspital in Wien. In: Neues Magazin für Aerzte, Bd. 7, 1785, Viertes Stück, S. 317–334, hier S. 327, Kapitel „Das Tollhaus“ (Digitalisat auf digitale-sammlungen.de, abgerufen am 4. November).. Doch schon der mutmaßlich ausführende Baumeister Joseph Gerl bezeichnete es in seinen Lageplänen nicht nur als „Das Narren Haus“, sondern auch spezifisch als „Der neue Narrenthurn“.Serie von fünf Gesamtlageplänen des neuen Allgemeinen Krankenhauses, variierend signiert: „Jos: Gerl. Baumeister del:“, „Fer. Lander: Sc.“, bzw. „Landerer fec:“, 1784 (Digitalisate Österreichischen Nationalbibliothek, abgerufen am 18. November 2025); Planausschnitt hier. Auch der früh verwendete Begriff „Irrenturm“Johann Alexander Brambilla: Rede auf den Tod des Kaisers Joseph II., gehalten in dem Versammlungssaale der K. K. Josephinischen medizinisch-chirurgischen Akademie im April MDCCXC. Ignaz Alberti, Wien 1790, S. 24 (Digitalisat auf Google Books, abgerufen am 2. November 2025). spielte auf seine Höhe an und setzte sich als Bezeichnung im internen Sprachgebrauch der Anstalt durch. Hingegen ist im allgemeinen Sprachgebrauch und Volksmund seit jeher überwiegend der Begriff Narrenthurm bzw. Narrenturm in Gebrauch.

Von der ungewöhnlichen Rundform und dem Bauherrn leitete sich in Wien die scherzhafte Bezeichnung „Kaiser Josephs Gugelhupf“ ab, die ab 1848 nachweisbar ist. Daraufhin wurde der „Guglhupf“ in Wien sogar generell zur volkstümlichen Bezeichnung für eine psychiatrische Anstalt.

Entstehung in der Wiener Gesundheitsreform 1784 mini|Das Großarmenhaus vor der Umnutzung zum Allgemeinen Krankenhaus am Wiener Vogelschauplan (Joseph Daniel Huber, 1778). Der für den Narrenturm abgerissene Contumazuhof ist im unteren rechten Bildviertel zu sehen. Der Narrenturm, der als „architektonische Besonderheit“Dankwart Leistikow: Hospitalbauten in Europa aus zehn Jahrhunderten. Ein Beitrag zur Geschichte des Krankenhausbaues. C. H. Boehringer Sohn, Ingelheim am Rhein 1967, S. 82. gilt, wurde von Kaiser Joseph II. im Zuge einer Neuordnung des Wiener Gesundheitssystems angeordnet und finanziert. Joseph II. ließ die bisher bestehenden öffentlich und dezentral geführten Wiener Krankenhäuser schließen und zentralisierte das Krankenhauswesen am Standort des bestehenden Großarmenhauses in der Alser Straße, dessen Klienten gegen fortlaufende Geldzahlungen entlassen wurden. Das derart konzipierte Allgemeine Krankenhaus sollte neben mehreren Krankenabteilungen und einer Gebärabteilung auch eine psychiatrische Abteilung unter einem Direktorat vereinigen.Daniel Vitecek: Der Wiener Narrenturm. Die Geschichte der niederösterreichischen Psychiatrie von 1784 bis 1870. Springer Fachmedien Wiesbaden, Wiesbaden 2023, ISBN 978-3-658-39049-5, S. 59–65, hier S. 4 (Ebook).

Die Bauarbeiten begannen im Jahr 1783, nachdem die vorher am Gelände stehenden Gebäude des „Contumazhofs“ abgerissen worden waren. Zeitgleich mit dem Narrenturm wurde das anliegende Militärspital mit dem Josephinum errichtet.

Gebäudenutzung mini|Der freistehende Narrenturm im ursprünglichen Bauzustand von 1784. Hinter dem Turm liegt das gleichzeitig errichtete Militärspital, rechts vom Turm das zum Allgemeinen Krankenhaus umgenutzte und umgebaute ehemalige Großarmenhaus. (Joseph Schaffer, 1787) Die Erstbelegung des Narrenturms erfolgte am 2. April 1784 mit der Übersetzung von psychisch kranken Patienten aus den zum damaligen Zeitpunkt noch bestehenden Trakten des Contumazhofes. Die weitere Belegung des von ihm „Irrenhaus“ genannten Gebäudes hatte Joseph II. selbst in einer detaillierten Anordnung geregelt. Vom 10. bis zum 19. April 1784 wurden 109 psychisch Kranke, die bisher in anderen Wiener Spitälern untergebracht gewesen waren, in den Turm transferiert.Die kaiserliche Anordnung, ein Handschreiben von Joseph II. an seinen Leibarzt Joseph Quarin veröffentlichte der anonyme Autor L.: Der Wiener Narrenthurm. In: Neue Freie Presse, 29. Dezember 1865, Morgenblatt, S. 1 f. (Digitalisat auf anno.onb.ac.at, abgerufen am 4. November 2025). Auszugsweise zitiert auch Wilhelm Lorenz: Der Wiener Irrenthurm. Ein Beitrag zur Geschichte des niederösterreichischen Irrenwesens. In: Psychiatrisch-Neurologische Wochenschrift, Jg. 4, 1902/1903, Nr. 24, S. 273–277, hier S. 274 f. (Digitalisat auf archive.org, abgerufen am 9. November 2025). Am 20. April 1784 erfolgte erstmals die Überstellung von psychisch kranken Militärangehörigen aus Pest in das Erdgeschoß des Turms. In Folge bildete jedes Stockwerk eine eigene, nach Geschlechtern getrennte Abteilung jeweils für ruhige, unruhige oder unreine Patienten.Die vermutliche Anordnung der Abteilungen im Narrenturm um 1800 beschreibt Daniel Vitecek: Der Wiener Narrenturm. Die Geschichte der niederösterreichischen Psychiatrie von 1784 bis 1870. Springer Fachmedien Wiesbaden, Wiesbaden 2023, ISBN 978-3-658-39049-5 (Ebook, Abschnitt 5.2.4, S. 86–132, hier S. 13 von 39, mit Abbildung 5.2): „Im Erdgeschoß befand sich die Abteilung für irre Militärpersonen, im 4. Stock die Abteilung für unruhige und unreine Männer. Im 1. und 2. Stock lagen die Abteilungen für ruhige Männer und Frauen, im 3. Stock die Abteilung für unruhige und unreine Frauen. In späteren Zeiten wurde das Erdgeschoß als allgemeine Männerabteilung geführt.“

Der Turm wurde bis 1869 zur Unterbringung von psychisch Kranken verwendet. Ab diesem Jahr bis 1993Informationstafel im Eingangsbereich des Narrenturms (Stand Februar 2026) wurde er als Dienstunterkunft für Krankenhauspersonal, Lager und Werkstätte genutzt.Pathologisch-anatomische Sammlung im Narrenturm, auf nhm.at, abgerufen am 2. November 2025. Ein 1902 geplanter AbrissDas Inneres des Wiener Narrenturms. In: Illustrierte Zeitung (Wien), Jg. 31, 1902, Nr. 229 vom 20. August 1902, hier S. 3 (Digitalisat auf anno.onb.ac.at, abgerufen am 16. November 2025). des Narrenturms wurde nicht vollzogen.

Seit 1971 beherbergt der Turm die 1796 durch den damaligen Krankenhausdirektor Johann Peter Frank begründete Pathologisch-anatomische Sammlung Wien, die seit 2012 in die wissenschaftliche Anstalt Naturhistorisches Museum Wien (nhm) eingegliedert ist.

Architektenfrage Nicht abschließend geklärt werden konnte bisher, von wem der architektonische Entwurf des Narrenturms stammt. In der Literatur liegen dazu widersprüchliche Angaben vor. Lange wurde Hofarchitekt Isidore Canevale als Hauptverantwortlicher angenommen, da er den Gesamtplan für das Allgemeine Krankenhaus und das Josephinum entwarf.Vgl. Dehio-Handbuch. Die Kunstdenkmäler Österreichs: Wien. Bearbeitet von Justus Schmidt, Hans Tietze u. a. Sechste, verbesserte Auflage, Verlag Anton Schroll & Co, Wien / München 1954, S. 147: „vielleicht nach Entwurf Carnevales“. Als Entwerfer in Frage kam auch Joseph Gerl, doch war dieser wohl nur der ausführende Baumeister und Bauunternehmer,Jekaterina Medvecka: Architect on the Imperial Throne or Fools’ Tower by Joseph II. Diplomarbeit am Institut für Kunstgeschichte, Bauforschung und Denkmalpflege der TU Wien, Wien 2017, S. 94 (Digitalisat auf repositum.tuwien.at, abgerufen am 2. November 2025; englisch). der auch den Umbau des benachbarten Großarmenhauses bewerkstelligte.Hellmut Lorenz: Das Alte Allgemeine Krankenhaus in Wien. Baugestalt und Baugeschichte. In: Alfred Ebenbauer, Wolfgang Greisenegger, Kurt Mühlberger (Hrsg.): Historie und Geist (= Universitätscampus Wien. Band 1). Verlag Holzhausen, Wien 1998, ISBN 3-900518-97-1, S. 37–60, hier S. 50. Der Autor ist Kunsthistoriker sowie Spezialist für Baugeschichte und bezeichnet Gerl hier als „etwas biederen, aber erfahrenen Baupraktiker“. Der Medizinhistoriker Dieter Jetter schrieb die Pläne dem Arzt und ersten Direktor der neuen Gründung Josef von Quarin zu.

Vor dem Hintergrund der ungesicherten Architektenfrage hat die schon 1790 vom kaiserlichen Leibarzt Giovanni Alessandro Brambilla veröffentlichte Nachricht Gewicht, dass Kaiser Joseph II. selbst diesen ungewöhnlichen Bau entwarf. Joseph II. beteiligte sich auch an der Planung anderer von ihm angeordneter Bauwerke, die durch das Hofbauamt unter Isidor Canevale ausgeführt wurden.

Bautypologie und Theorien zur Baugestaltung mini|Frühe Fotografie des Narrenturms, mit Originalfenstern und einem Teil der Einfriedungsmauer von 1796 Der Narrenturm ist ein Beispiel für den seltenen Bautyp eines Ringbaus. Die architektonischen Vorbilder des originellen Bauentwurfs sind bisher nicht näher erforscht. Autoren des 20. Jahrhunderts brachten unter anderen Festungs- und Gefängnisbauten wie die Pariser Bastille (14. Jahrhundert) oder das Castell de Belver (14. Jahrhundert) auf Mallorca sowie Kranken- und Zuchthäuser wie das Rasphuis in Gent (ab 1773), das Hôtel-Dieu in Lyon (1637–1764) oder das Pariser Hotel des Invalides (1670–1676) mit dem Narrenturm in Verbindung. Zu solchen anderen europäischen Ringbauten, als deren gemeinsames Vorbild teilweise die römische Engelsburg diskutiert wird,Peter Ruderich: Der Nassanger bei Lichtenfels. Untersuchungen zu Form und Funktion eines einmaligen Profanbaus des 17. Jahrhunderts. In: Markus Hörsch, Peter Ruderich (Hrsg.): Beiträge zur Fränkischen Kunstgeschichte, Bd. 1/2, 1995/1996. Bamberg 1995, ISBN 3-926946-28-8, S. 180–191, hier S. 186. liegen in der bisherigen Literatur zum Narrenturm keine Vergleiche vor.

Der dänische Reiseschriftsteller Adolph Schack von Staffeldt deutete die Architektur des runden Narrenturms 1796 als „ein Symbol der Tollen“ nach der Redensart „tourner la tête“. In ähnlicher Hinsicht wurde in der Literatur auch darauf hingewiesen, dass ein Turm in der abendländischen Kultur aufgrund des Turmbaus zu Babel symbolisch für Verwirrung stünde. Dieser Denkschule nach wurde der Turm als „Kunstbau“ aufgefasst, wobei dessen Nutzbarkeit sogar hinter seinem idealen Erscheinungsbild zurücktrat.Eine der berühmtesten Darstellungen der biblischen Geschichte, Pieter Bruegels Großer Turmbau (1563) befand sich in der kaiserlichen Kunstkammer.

Giovanni Allesandro Brambilla vertrat bereits 1790 die Auffassung, dass der Narrenturm nach einem medizinisch-therapeutischen Gestaltungsgrundsatz entworfen worden sei. Brambilla schilderte die Fallgeschichte eines melancholischen Wundarztes, der dadurch geheilt wurde, dass er aus einem Massen-Krankensaal in ein Einzelzimmer verlegt worden sei. Joseph II. habe daraufhin die Vereinzelung von psychisch Kranken als heilendes Prinzip erkannt und im Narrenturm baulich umgesetzt. Der Medizinhistoriker Dieter Jetter spekulierte 1961, dass der Narrenturm absichtlich zur Maximierung von Zugwinden wie ein Schornstein gestaltet worden sei, um krankmachende „Miasmen“ von den Patienten abzuziehen. Der Autor Alfred Stohl führte 2000 den Entwurf auf esoterisch-kosmisch-numerologische Prinzipien zurück, die von Joseph II. im Bau eingeschrieben worden seien, um heilend auf die Kranken einzuwirken. So sei etwa die Anzahl von 28 Zellen je Geschoß auf den Mondkalender zurückzuführen als bauliche Versinnbildlichung der früheren Bezeichnung „Mondsüchtige“ für psychisch Kranke.