Afghanistan. Das verwundete Land ist eine vierteilige deutsche Dokumentarserie aus dem Jahr 2020. Die von LOOKSfilm produzierte Serie von Mayte Carrasco und Marcel Mettelsiefen zeichnet die jüngere Geschichte Afghanistans von den 1960er Jahren bis in die Gegenwart nach und hebt dabei insbesondere die Perspektiven afghanischer Frauen hervor.
Die deutsche Erstausstrahlung erfolgte am 7. April 2020 auf Arte. Die Serie wurde 2021 mit dem Publikumspreis der Marler Gruppe des Grimme-Preises ausgezeichnet. Der Archive Producer Manuel Heller erhielt für seine Archivrecherche den Jane-Mercer-Award der FOCAL International Awards.
Inhalt Die Dokumentarserie folgt in vier Teilen dem politischen und gesellschaftlichen Wandel Afghanistans von den 1960er Jahren bis in die Gegenwart. Ausgehend von einer Phase relativer Stabilität und gesellschaftlicher Öffnung in Kabul zeigt sie die kommunistische Machtübernahme, den Einmarsch der Sowjetunion und den Bürgerkrieg rivalisierender Mudschaheddin-Gruppen. Weitere Folgen thematisieren den Aufstieg der Taliban, den Einsatz westlicher Truppen nach den Anschlägen vom 11. September 2001 und den erneuten Machtgewinn der Taliban. Anhand von Zeitzeugenberichten und Archivaufnahmen werden politische Umbrüche, Kriege und ihre Auswirkungen auf die afghanische Zivilbevölkerung, insbesondere auf Frauen, dargestellt.
Episoden
Filmfassung 2020 entstand auf Basis der Serie die 90-minütige Dokumentarfilmfassung Afghanistan. Unser verwundetes Land. Der Film blickt aus der Perspektive von sechs Afghaninnen auf rund 40 Jahre Krieg und verbindet ihre Lebensgeschichten mit Archivmaterial aus den 1960er Jahren bis in die 2010er Jahre. Die Fernsehfassung wurde am 6. Juli 2020 im Ersten ausgestrahlt.
Produktion Die Serie wurde 2018 und 2019 von der Leipziger Produktionsfirma LOOKSfilm realisiert. Sie entstand als internationale Koproduktion von LOOKSfilm, NDR/Arte, Al Jazeera Documentary Channel, Česká televize und Format TV, in Zusammenarbeit unter anderem mit DR, Knowledge Network, NRK, Toute l’Histoire und VPRO. Regie führten Mayte Carrasco und Marcel Mettelsiefen, das Drehbuch stammt von Carrasco, Mettelsiefen und Claire Billet; als Co-Autor und Series Producer war Lucio Mollica beteiligt. Für die Serie wurden umfangreiche Interviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen geführt und Archivmaterial aus Afghanistan, Europa und weiteren Regionen ausgewertet.
Rezeption Die vierteilige Dokumentarserie wurde von der deutschsprachigen Presse überwiegend positiv besprochen.
Die taz bezeichnete die Reihe als Vierteiler mit „spannenden Protagonist*innen“ und hob den „beeindruckenden Fundus von Bildern“ hervor. Den Filmemachenden gelinge es, „eine soghafte Wirkung zu erzeugen, weil sie die Elemente sehr gekonnt miteinander verweben“; viele der auf Archivbildern gezeigten Akteurinnen und Akteure hätten sie für Gespräche gewinnen können, oder sie hätten „Bilder gefunden, die die Interviewäußerungen optimal illustrieren“. Durch die Serie werde nachvollziehbar, warum so viele Menschen in Afghanistan unter Depressionen leiden.
Die FAZ betonte, die Dokumentation bilde „ein breites Spektrum von Akteuren“ ab und nicht nur „eine schmale, prowestliche Elite“. Auf eindrückliche Weise zeige der Film, „wie alle neuen Machthaber, ob Kommunisten, Mudschaheddin oder Taliban, Hoffnungen weckten. Die bis heute niemand erfüllt“. In einem späteren Beitrag würdigte die FAZ, die Dokumentarserie zeige mit „großer Materialfülle und zahlreichen Interviewpartnern, darunter vielen weiblichen Zeitzeugen“, dass Afghanistan „eine reiche und bewegte Geschichte lange vor den aktuellen Schreckensereignissen“ gehabt habe, die zuvor „nur kursorisch dargestellt“ worden sei. Besonders hervorgehoben werden die Gespräche mit afghanischen Politikerinnen, „die im Widerstand gegen die islamistischen Kräfte ihr Leben riskierten“ und bis zur Taliban-Machtübernahme die Zukunft des Landes mitgestaltet hätten, sowie die „multiperspektivisch montierte“ Erzählweise mit Beiträgen von afghanischen Politikerinnen und Intellektuellen, Taliban-Führern, russischen Militärs, CIA-Agenten, Dschihadisten, Kriegsreportern, Journalisten und Dichtern. Die Zeitung betonte zudem, Mettelsiefens und Carrascos „jahrzehntelange Kenntnis und Nähe zu diesem Land“ sei unverkennbar.
Auch die 90 minütige Filmfassung Afghanistan. Unser verwundetes Land erhielt positive Resonanz. Der Spiegel charakterisierte sie als Film, der die wechselhafte Geschichte Afghanistans als „Königreich, Hippie-Paradies, Kalifat“ aus der Sicht von Frauen erzählt, und hob hervor, dass „die faszinierend vielseitigen, aus Fernsehprogrammen, Archiven und Fotosammlungen stammenden Originalbilder ausschließlich Gespräche mit Frauen ein[rahmen]“, zugleich aber anmerkte: „Aber ganz ohne Männerstimmen geht es anscheinend doch nicht“. Qantara.de schrieb, der Film blicke „auf 40 Jahre Krieg mit den Augen derer, die am meisten unter ihm leiden – die Frauen Afghanistans“.
Auszeichnungen Die Serie gewann 2021 den Publikumspreis der Marler Gruppe im Rahmen des 57. Grimme-Preises. Die Jury würdigte „einen detailreichen historischen Exkurs, wie die Zuschauer*innen ihn eher selten zu sehen bekommen“ und hob „das sehr gut ausgesuchte, in großen Teilen nie gesehene Filmmaterial“ sowie die Multiperspektivität der journalistischen Sicht hervor, die „sehr unterschiedliche Eindrücke von den handelnden Akteuren“ ermögliche und vorschnelle Urteile erschwere. Besonders überzeugend sei herausgearbeitet, wie die militärische und dann auch die individuelle Gewalt in allen Phasen des Konflikts zum Selbstzweck werde. Selten sei dem interessierten Publikum „der verhängnisvolle Zusammenhang der Verstrickung fremder Mächte in innenpolitische Konflikte einer Region klarer in der Bildsprache, spannender im Aufbau und analytischer in den Aussagen vor Augen geführt worden“, wobei die Dokumentation zugleich Zurückhaltung in der Bewertung übe. Ausgezeichnet wurden dabei Mayte Carrasco, Marcel Mettelsiefen, Claire Billet und Lucio Mollica.
Für die Archivrecherche erhielt der Archive Producer Manuel Heller bei den FOCAL International Awards 2021 den Jane Mercer Researcher of the Year Award.
Darüber hinaus war die Produktion bei mehreren internationalen Branchenpreisen nominiert, darunter die Rockie Awards, die Realscreen Awards und der Rose d’Or.
Weblinks Afghanistan. Das verwundete Land auf der Website von LOOKSfilm
Einzelnachweise
Kategorie:Dokumentarreihe Kategorie:Filmtitel 2020 Kategorie:Deutscher Film Kategorie:Fernsehsendung der 2020er Jahre Kategorie:Geschichte (Afghanistan) Kategorie:Frauen (Afghanistan) Kategorie:Frauenfilm