mini|300px|Strukturen antiker römischer Besiedlung bei Mühlthal am Inn Ad Enum bezeichnet eine römische, militärisch-zivile Siedlungsagglomeration bestehend aus Militärlager, Zollstation und Mithraeum Mühlthal am Inn bei Mühlthal, einem Ortsteil der Gemeinde Prutting im oberbayerischen Landkreis Rosenheim.

Lage, Quellen und Forschungsgeschichte mini|Ad Enum auf der Tabula Peutingeriana mini|Auszug aus dem Itinerarium Antonini in einer Speyerer Abschrift von 1542. In dem rechten, unteren Viertel die Strecke von Lauriacum über Pons Aeni nach Veldidena Das Gebiet von Mühlthal lag in antiker Zeit am westlichen Rand des Regnums (Reichs), respektive der späteren Römischen Provinz Noricum.Markus Handy: Keltisches Stammesreich oder römischer Klientelstaat? Das Regnum Noricum und seine „formative Periode“ unter Caesar und Augustus. In: Manfred Lehner und Bernhard Schrettle (Hrsg.): Zentralort und Tempelberg. Siedlungs- und Kultentwicklung am Frauenberg bei Leibnitz im Vergleich. Akten des Kolloquiums im Schloss Seggau am 4. und 5. Mai 2015. (= Studien zur Archäologie der Steiermark, 1). Phoibos, Wien 2016, ISBN 978-3-85161-163-2, S. 49–60 (Digitalisat). Der Aenus (Inn) bildete deren östliche Grenze zur Provinz Raetia und zugleich die Grenze zwischen dem gallischen und dem illyrischen Zollbezirk. Über eine Brücke waren die beiden Provinzen, Zollbezirke, beziehungsweise das Mühlthaler Siedlungsgebiet und die Siedlung Pons Aeni (Pfaffenhofen am Inn) miteinander verbunden. Dort kreuzten sich mehrere römische Fernstraßen, hauptsächlich diejenige, die von Augusta Vindelicum (Augsburg) nach Iuvavum (Salzburg) führte und die, die von Castra Regina (Regensburg) nach Veldidena (Innsbruck-Wilten) verlief. Römische Befunde und Funde waren dort wie auch am jenseitigen Innufer schon seit dem 16. Jahrhundert immer wieder festgestellt aber lange missinterpretiert worden.

Den ersten bekannten, wenn auch falschen Lokalisierungsversuch von Pons Aeni nahm der Chronist und Historiograph Johannes Turmair, genannt Johannes Aventinus (1477–1534), in einer 1518 erschienenen Schrift vor.Johannes Aventinus: Johannes Turmair’s, genannt Aventinus, sämmtliche Werke. Christian Kaiser, München ab 1881. Seine Gleichsetzung von Pons Aeni mit Altötting war jedoch willkürlich und falsch, entsprechende archäologische Funde oder Befunde konnte er dort nicht nachweisen. Der Humanist, Historiker und Verleger Markus Welser (1558–1614) folgte dennoch der Theorie Aventins, während der Mathematiker, Arzt, Kartograph und Heraldiker Philipp Apian (1531–1589) und später der Geograph und Historiker Philipp Clüver (1580–1622) den Fokus der Theorien auf das Kloster Altenhohenau bei Wasserburg am Inn richteten.

Der Beamte, Jurist und Historiker Johann Georg von Lori (1723–1789), 1759 Mitbegründer und Sekretär der „Churfürstlichen Akademie der Wissenschaften“, war derjenige, der sich von den bisherigen methodischen Sackgassen löste, indem er darauf hinwies, dass eine erfolgreiche Lokalisierung nicht nur am Schreibtisch erfolgen könne, sondern mit entsprechender Vermessung und Forschung im Gelände einhergehen müsse. Johann Georg Dominicus von Linprun (1714–1787), Jurist und ebenfalls Mitglied der Akademie, war es schließlich, dem 1763 zufällig die Entdeckung, Identifizierung und Vermessung eines größeren Teilstücks der römischen Straße von Augusta Vindelicum (Augsburg) nach Iuvavum (Salzburg) gelang.Johann Georg Dominicus von Linprun: Entdeckung einer römiſchen Heerſtraße bey Laufzorn und Grünewald: und daraus flüßende Erläuterungen der alten Geographie von Baiern. In: Abhandlungen der Churfürſtlich⸗baieriſchen Akademie der Wiſſenschaften. Zweyter Band. München, zu finden bey Franz Lorenz Richter, 1764, S. 93–139; . Der Beamte und Historiker Joseph von Stichaner publizierte 1808 sein zweibändiges Werk „Sammlung römischer Denkmäler in Baiern“.Joseph von Stichaner: Sammlung römischer Denkmäler in Baiern. München 1808 (Digitalisat Heft 1 und Digitalisat Heft 2). Darin veröffentlichte er auch die zahlreichen jüngeren Entdeckungen des Rosenheimer Landrichters Franz Josef Ignaz Johann von Kloeckel (1773–1823), dem im Jahr 1807 auf der Suche nach dem römischen Innübergang von Einheimischen viele antike Inschriften und die einige Jahre zurückliegende Entdeckung römischer Grabfunde auf der „Haunstatter Höhe“ nordwestlich von Rosenheim zur Kenntnis gebracht worden waren. Bei einer Nachuntersuchung berichteten ihm örtliche Bauern von reichhaltigen Scherbenvorkommen im Bereich von Westerndorf, rund 1,5 km weiter nordwestlich. Kloeckel leitete sofort Untersuchungen ein, die zur Entdeckung der Terra-sigillata-Töpferei von Westerndorf führten. Stichaner interpretierte die Fundkonzentration um Westerndorf und die benachbarten Orte Langenpfunzen und Pfaffenhofen als Hinweis auf die Position des römischen Innübergangs und stellte als Erster einen Zusammenhang von Pons Aeni mit dem für das Jahr 790 urkundlich überlieferten Ort Pontena (mittelalterlich: Pfünzen) her.

Seit den Standardwerken von Joseph von Hefner, Das römische Bayern in seinen Schrift- und BildmalenJoseph von Hefner, Das römische Bayern in seinen Schrift- und Bildmalen. Wolf, München 1852³ (Digitalisat. Textband) (Digitalisat. Bildband) und Die römische Töpferei in WesterndorfJoseph von Hefner: Die römische Töpferei in Westerndorf. Wolf, München 1862, (Digitalisat.) galt es ab der Mitte des 19. Jahrhunderts als erwiesen, dass Pons Aeni mit den links und rechts des Inns liegenden Ortschaften Langenpfunzen und Leonhardspfunzen identisch sei. Paul Reinecke gelang schließlich 1915 die Identifizierung eines Teilstücks der von Iuvavum kommenden römischen Fernstraße östlich des Inns und dabei insbesondere deren Abstieg südwestlich von Zaisering hinunter zum Inn nach Mühlthal. Mit dem angepeilten Zielpunkt dieses Abstiegs konnte die Position der Brücke ziemlich genau fixiert werden, womit Reinecke die Fundstelle auf dem „Kastenfeld“ bei Pfaffenhofen mit dem gesuchten Pons Aeni ansprechen konnte.Paul Reinecke: Kleine Schriften zur vor- und frühgeschichtlichen Topographie Bayerns. Lassleben, Kallmünz 1962, S. 26–30. Im Rahmen einer vollständigen Kartierung der römischen Fundstellen im Landkreis Rosenheim stellte Walter Torbrügge 1959 fest, dass sich die Fundstellen am raetischen Innufer auf Pfaffenhofen, Langenpfunzen und Westerndorf und auf der norischen Seite des Flusses auf den Bereich zwischen Leonhardspfunzen und Mühlthal konzentrierten. Er schloss daraus, wie zuvor schon Joseph von Hefner, dass es sich bei Pons Aeni um den Namen einer großen, sich beidseitig des Inns erstreckenden Siedlung handeln müsse.Walter Torbrügge: Vor- und Frühgeschichte in Stadt und Landkreis Rosenheim. Stadtarchiv Rosenheim, Rosenheim 1959.

Bereits Ende der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war in der Kirche von Prutting eine römische Inschrift geborgen worden, die mit dem römischen Mühlthal assoziiert wurde. Das Mithraeum wurde 1977 gefunden, in den Jahren 1978 bis 1980 durch die Archäologische Staatssammlung München unter der Leitung von Jochen Garbsch ausgegraben und bereits 1985 publiziert.Jochen Garbsch: Das Mithräum von Pons Aeni. In: Bayerische Vorgeschichtsblätter, Band 50, 1985, S. 355–462. Ein temporäres römisches Militärlager wurde schließlich 1985 entdeckt, 1995 durch das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege archäologisch untersucht und 1996 vorabpubliziert.Martin Pietsch: Ein neues römisches Lager am Innübergang bei Mühlthal. In: Das Archäologische Jahr in Bayern 1995. Theiss, Stuttgart 1996, ISBN 978-3-8062-1273-0, S. 99–101. Nachdem lange über die Lage von Pons Aeni spekuliert worden war, und darüber ob Ad Enum/Enensis mit diesem gleichbedeutend seinen, wurde durch die jüngeren Untersuchungen, auch mit geophysikalischen Methoden, festgestellt, dass es sich um zwei verschiedene Orte handelt, deren Gemeinsamkeit in dem Innübergang lag, der aufgrund topographischer Gegebenheiten durch die wildwasserartigen Eigenschaften des Flusses nicht überall möglich war und von daher in den Namen der Ortschaften explizit erwähnt wurde. Nur wenige römerzeitliche Innübergänge sind epigraphisch oder archäologisch überliefert oder nachgewiesen.Bernd Steidl: Stationen an der Brücke. Pons Aeni und Ad Enum am Inn-Übergang der Staatsstraße Augusta Vindelicum - Iuvavum. In: Gerald Grabherr, Barbara Kainrath (Hrsg.): Conquiescamus. Longum iter fecimus. Römische Raststationen und Straßeninfrastruktur im Ostalpenraum. Akten des Kolloquiums zur Forschungslage zu Römischen Straßenstationen, Innsbruck 2009. (= Ikarus 6). Innsbruck University Press, Innsbruck 2010, ISBN 978-3-902719-84-3, S. 71–110 (Digitalisat).

Archäologische Befunde Vicus Ad Enum

Die zivile Siedlung Ad Enum erstreckte sich am östlichen Ufer des Inns, also auf norischem Territorium.Vicus Ad Enum weitläufig um Das Gelände befindet sich am Rand des bis zu 50 m aufragenden Steilufers des Flusses, ist in mehrere terrassenförmige Flächen untergliedert und wird durch Wegtrassen untergliedert, die vermutlich zum Teil antiken Ursprungs sind. Mit ihrer Nord-Süd-Ausdehnung von rund 400 m war die Siedlung deutlich größer als Pons Aeni am westlichen, raetischen Ufer. Jedoch können mit den bisher vorliegenden Funden und Befunden noch keine verlässlichen Aussagen über die Siedlungsstruktur und ihre Chronologie getroffen werden. Das Fundmaterial stammt aus der Zeit vom 1. bis zum 5. Jahrhundert, mit einem leichten Schwerpunkt in der Spätantike. Auf der untersten Flussterrasse wurde ein Depotfund mit 1274 Münzen geborgen, dessen Terminus post quem auf die Zeit um 238/239 datiert.

Auslöser für die Entstehung von Ad Enum war die Errichtung des Innübergangs für die Straße von Augusta Vindelicum nach Iuvavum, zwei Orte, die beide schon in augusteischer Zeit angelegt worden sind. Daher kann angenommen werden, dass die Straße und die Innbrücke ebenfalls in diese Zeit zurückreichen. Der direkte datierende Nachweis für Ad Enum steht zwar noch aus, aber in dem südlich folgenden Etappenort Bedaium (Seebruck) wurden Bauhölzer dendrochronologisch analysiert und konnten auf die ersten Jahren des 1. Jahrhunderts datiert werden. Ad Enum scheint auf jeden Fall der ursprüngliche Ort an der Brücke gewesen zu sein, wofür schon die spätere Gründung von Pons Aeni spricht. Auch die Topographie des Geländes auf der östlichen Innseite war für die Anlage einer Brücken- und Zollstation deutlich günstiger. Innübergänge waren selten. Die nächste Querung flussaufwärts befand sich erst 110 km entfernt bei Veldidena (Innsbruck-Wilten), flussabwärts ist erst in einer Entfernung von 177 km in Boiodorum (Passau) eine Innbrücke anzunehmen. Wahrscheinlich kamen im frühen 2. Jahrhundert noch Übergänge 80 km flussaufwärts bei Töging und 120 km flussabwärts bei Braunau hinzu.HD068804 = Lupa 8882 = EPSG 657Karlheinz Dietz, Thomas Fischer, Veronika Fischer: Bayern zur Römerzeit. Archäologie und Geschichte. Pustet, Regensburg 2025, ISBN 978-3-7917-3520-7, S. 418 f.

Temporäres Militärlager

Seit 1985 hatte Otto Braasch auf dem Plateau der Hochterrasse oberhalb Mühlthals den doppelten Graben eines Militärlagers mit polygonalem Grundriss luftbildarchäologisch dokumentiert und 1995 wurde dieses Areal archäologisch sondiert.Temporäres Militärlager weitläufig um Durch seine Form spricht alles für eine Errichtung des Lagers in der frühen Kaiserzeit, auch wenn bislang kein datierendes Fundmaterial vorliegt. Martin Pietsch hielt eine Einordnung in den Kontext der Ereignisse des Vierkaiserjahres 69 für plausibel, als der norische Procurator Augusti Petronius Urbicus die Innbrücken abreißen ließ und seine Auxiliartruppen am Fluss gegen die Truppen des Vitellius in Stellung brachte.Tacitus: Historiae, I, 70. Das Lager wurde nur für kurze Zeit genutzt und umfasste eine Fläche von 360 m mal 140 m (≈ 5 Hektar).

Innübergang und Zollstation