mini|Kühe in einem Melkkarussell mini|Zwangsfütterung für Produktion von Foie gras Die Tierethik ist eine Teildisziplin der Bioethik. Ihr Gegenstand sind die moralischen Fragen, die sich aus dem menschlichen Umgang mit Tieren ergeben. Hierbei stehen insbesondere Fragen nach der Legitimität der Nutzung von Tieren für menschliche Interessen im Mittelpunkt. Da Tiere einander wie Menschen durchaus Schmerzen zufügen bzw. einander verzehren und verdrängen, berühren Fragen der Tier- bzw. Bioethik auch Fragen nach der Menschen und anderen lebenden Wesen zugestandenen Rolle innerhalb der Welt.

Ansätze Ausgangspunkt einer Tierethik kann die anthropozentrische Auffassung sein, nach der der Mensch das „Maß aller Dinge“ sei, oder die pathozentrische Position, nach der die Leidensfähigkeit der Lebewesen das zentrale Kriterium für ihren Einbezug in die Sphäre der moralisch zu berücksichtigen sein sollte. Ebenso kann eine Tierethik auch auf einer biozentrischen Überzeugung aufbauen, nach der das Leben an sich, gleich welches, einen Eigenwert besitzt, der moralisch zu berücksichtigen ist. Die Ethik selbst bleibt jedoch in jedem Falle stets anthroporelational – sie ist vom Menschen für den Menschen entworfen.

In der anthropozentrischen Ethik werden nicht-menschliche Tiere und außermenschliche Natur als Objekte behandelt. Dennoch können auch in anthropozentrischen Konzepten bestimmte Handlungsgrundsätze gegenüber Tieren gelten. So ist eine grausame Behandlung von Tieren für Immanuel Kant deshalb nicht akzeptabel, weil diese die Menschen abstumpfen lasse und dadurch auch die Moral im Verhältnis zu anderen Menschen in Mitleidenschaft gezogen werde.Immanuel Kant: Die Metaphysik der Sitten. Zweiter Teil. Metaphysische Anfangsgründe der Tugendlehre, §17. Bei Kant bestehen allein dem Menschen gegenüber direkte Pflichten und den weiteren Tieren gegenüber nur indirekte Pflichten, die sich aus den Pflichten den Menschen gegenüber ableiten.

Wird die Frage, ob gegenüber nicht-menschlichen Tieren moralische Verpflichtungen bestehen, bejaht, können eine hierarchische und eine egalitaristische Auffassung unterschieden werden. Vertreter der hierarchischen Position sind der Auffassung, ein Einbezug der Tiere in die moralische Gemeinschaft schließe keineswegs die Nutzung von Tieren für menschliche Zwecke aus; siehe auch Krone der Schöpfung. Für Vertreter einer egalitaristischen Position dagegen sind die Vorrangstellung des Menschen und die daraus folgende Ungleichbehandlung gleichermaßen unbegründet.Vgl. Klaus Peter Rippe: Tierethik. In: Marcus Düwell, Klaus Steigleder (Hrsg.): Bioethik. Eine Einführung. Frankfurt am Main 2003. S. 405–412 und 405–406. In diesem Sinne (Einbezug des Tiers als Subjekt in die moralische Wertegemeinschaft bei gleichzeitigem Aufrechterhalten einer hierarchischen Sonderstellung des Menschen) argumentiert auch die Mehrzahl der Vertreter einer christlich-theologischen Tierethik.Vgl. Clemens Wustmans: Tierethik als Ethik des Artenschutzes. Chancen und Grenzen. Stuttgart 2015. S. 93–96. In jüngerer Vergangenheit bildete sich auch innerhalb der christlichen Ansätze eine Bewegung, die die Nutzung von Tieren und das hierarchische Mensch-Tier-Verhältnis ablehnt. Vertreter dieser Richtung im deutschen Sprachraum sind Eugen Drewermann, Rainer Hagencord und insbesondere Kurt Remele. Ein internationaler Vertreter ist Andrew Linzey.

Abgrenzung zu Tierschutz und Umweltethik Im Tierschutz wird davon ausgegangen, dass Tiere zum Nutzen des Menschen verwendet werden können, dabei jedoch eine mehr oder weniger artgerechte Behandlung erfahren sollen.

Beim Arten-, Natur- und Landschaftsschutz werden übergeordnete umweltethische Gesichtspunkte angenommen, aus denen heraus eine Verantwortung des Menschen für die gesamte Umwelt unter Einbeziehung auch von Pflanzen, niederen Wesen bzw. kulturräumlichen und geologischen Besonderheiten angenommen wird.

Die Tierethik wird als Teil einer umfassend gedachten ökologischen Ethik verstanden, da sie sich der Frage des Umgangs mit nicht-menschlichen Entitäten widmet. Die zentrale Frage der ökologischen Ethik, ob es nicht-menschliche Träger intrinsischer Werte gibt, ist zugleich eine leitende Fragestellung der Tierethik.Julian Nida-Rümelin: Tierethik I: Zu den philosophischen und ethischen Grundlagen des Tierschutzes. In: ders. (Hrsg.): Angewandte Ethik. Die Bereichsethiken und ihre theoretische Fundierung. Ein Handbuch (= Kröners Taschenausgabe. Band 437). 2., aktualisierte Auflage. Kröner, Stuttgart 2005, ISBN 3-520-43702-3, S. 514–539.

Geschichte Obwohl sich Tierschutzvorschriften bereits in der BibelVgl. Bernd Janowski/Ute Neumann-Gorsolke/Uwe Gleßmer (Hrsg.): Gefährten und Feinde des Menschen. Das Tier in der Lebenswelt des alten Israel. Neukirchen-Vluyn 1993 und tierethische Argumente in Vegetarismus- und Tiervernunftdiskussionen bei antiken PhilosophenVgl. Urs Dierauer: Tier und Mensch im Denken der Antike. Amsterdam 1977; Richard Sorabji: Animal Minds and Human Morals. The Origins of the Western Debate. London 1993 finden, entstand eine eigenständige Tierethik erst in der Neuzeit.Eintrag zur Tierethik. In: Marcus Düwell, Christoph Hübenthal und Micha H. Werner (Hrsg.): Handbuch Ethik. 2. Auflage. Stuttgart 2006. S. 288–291. S. 288.

Im Antiken Griechenland gab es vier verschiedene Sichtweisen zum moralischen Status der Tiere: Die Animisten glaubten, dass Menschen und Tiere Seelen teilten und austauschten, die Mechanisten glaubten, dass weder Tiere noch Menschen Seelen besaßen. Die Vitalisten glaubten, dass Menschen und Tiere Seelen besaßen, dass die tierischen Seelen jedoch inferior waren. Die vierte und weitaus größte Gruppe der antiken Griechen glaubte, dass Tiere zum Nutzen und Gebrauch durch den Menschen existierten.Gillespie, J. & Flanders, F. (2009): Modern Livestock and Poultry Production. Cengage Learning.

Ethische Überlegungen zum Umgang mit den Tieren sind ein Produkt der Moderne. Im Fahrtwind grundlegender Erneuerungen wie die Automatisierung der Webstühle oder der verbesserte Wirkungsgrad der Dampfmaschinen durch James Watt nimmt die Industrialisierung Tempo auf. Die Aufklärung führt die Menschen aus ihrer Unmündigkeit. Immanuel Kants Auslegung von „sapere aude“ als „habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“ wird zum Leitgedanken der Aufklärung.Immanuel Kant: Was ist Aufklärung?. In: Ernst Cassirer: Was ist Aufklärung? Ausgewählte kleine Schriften. Felix Meiner Verlag 1999. Die Menschen gehören zu einer moralischen Gemeinschaft, in der man keinem anderen etwas zufügt, von dem man selbst nicht möchte, dass es einem getan wird (goldene Regel). Tiere darf man bei Kant nicht quälen, weil andere Menschen Mitleids- oder Ekelgefühle bekommen könnten, Gefühle die man i. d. Regel selbst auch nicht haben möchte. Da ein rücksichtsloser Umgang mit Tieren verrohende Folgen für die Menschen haben könnte, der sich negativ auf den Umgang des Menschen miteinander auswirken könnte. Sein Ansatz stellt den Menschen in den Mittelpunkt. Tiere haben keinen Eigenwert und ihr Schutz ist einzig von der Einschätzung des Einzelnen abhängig.

Ein wichtiger Ausgangspunkt in der Debatte um die moralische Fragen der Mensch-Tier-Beziehung findet sich bei Jeremy Bentham.Vgl. Herwig Grimm, Samuel Camenzind, Andreas Aigner: Tierethik. In: Roland Borgards (Hrsg.): Tiere. J.B. Metzler Verlag, Stuttgart 2016, S. 78–97 In An Introduction to the Principles of Morals and Legislation (1789) formuliert er mit Blick auf die Vorwehen der französischen Revolution, dass der Tag kommen wird, an dem nicht nur alle Menschen, sondern auch Tiere in den Kreis der moralischen Gemeinschaft aufgenommen werden. Bentham stellt heraus, dass die Fähigkeit zu leiden die entscheidende Gemeinsamkeit zwischen Menschen und Tieren herstellt: „the question is not, Can they reason? nor, Can they talk? but, Can they suffer?“.Jeremy Bentham: An Introduction to the Principles of Morals and Legislation . The Collected Works of Jeremy Bentham. Hg. v. J. H. Burns, H. L. A. Hart. London 1996, S. 283

Henry Stephens Salt war der erste Denker, der die Frage „Haben Tiere Rechte?“ mit der Antwort „Zweifellos, wenn Menschen sie haben.“ bejahte.Jean-Pierre Wils: Tierethik. In: Jean-Pierre Wils und Christoph Hübenthal (Hrsg.): Lexikon der Ethik. S. 362–370. S. 367. In seinem 1892 erschienenen Manifest „Animal Rights Considered in Relation to Social Progress“ formuliert er eine Tierrechtsposition, die er als notwendigen Schritt einer gesellschaftspolitischen Weiterentwicklung des Menschen versteht.

„Während die englischsprachige Tierethikdiskussion unter den Einflüssen von Benthams Utilitarismus und Darwins Evolutionstheorie eine natürliche Verwandtschaft und die Aspekte empirischer Gleichheit von Menschen und Tieren betont und seit dem späten 18. Jahrhundert nach dem Emanzipations­modell argumentiert, steht die deutsche Tierethik im 19. Jahrhundert zunächst unter dem Einfluss Kants, dann unter dem der Schopenhauer’schen Mitleidsethik.“Heike Baranzke: Tierethik. In: Marcus Düwell, Christoph Hübenthal und Micha H. Werner (Hrsg.): Handbuch Ethik. 2. Auflage. Stuttgart 2006. S. 288–291. S. 288.

1902 erschien in der renommierten Zeitschrift Die Woche ein Artikel mit dem Titel „Der Tierschutz und die Frauen“. Der Autor stellt zwar fest, das Tier sei durch die Gesetzgebung nur sehr unzulänglich geschützt, kritisiert aber die Frauen, deren Mitgefühl für die Tiere zu weit ginge.Die Woche vom 8. November 1902, S. 2084. Der Autor Rudolf Neunzig meinte, Frauen fehlten naturwissenschaftliche Kenntnisse, und sie sollten „ihren thierschützerischen Sinn in ihrer Eigenschaft als Mutter und Hausfrau, als Erzieherin ihrer Kinder und Herrin des Gesindes suchen“.

Leonard Nelson stellt 1926 in Recht und Staat die Pflicht der Arbeiterschaft, sich gegen die Ausbeutung der Tiere zu engagieren, in den Zusammenhang einer KapitalismuskritikVgl. Leonard Nelson: Recht und Staat . Hamburg 1972, S. 376. Albert Schweitzer machte schon 1923 seine Kulturkritik insbesondere an der Mensch-Tier-Beziehung festVgl. Albert Schweitzer: Kulturphilosophie . München 2007.

Die Debatte und die akademische Auseinandersetzung um Tierrechte etabliert sich im 20. Jahrhundert erst in den 1970er Jahren. Seit dem Erscheinen von Animals, Men, and Morals: An Enquiry into the Maltreatment of Non-Humans (1971) von Godlovitch und HarrisStanley Godlovitch, Rosalind Godlovitch, John Harris: Animals, Men, and Morals. An Enquiry into the Maltreatment of Non-Humans. London/New York 1971 und Peter Singers Animal Liberation (1975) institutionalisiert sich die Tierethik Schritt für Schritt als wissenschaftliche Disziplin. Mittlerweile ist die Tierethik zu einem festen Bestandteil der akademischen Auseinandersetzung und der philosophischen Ethik geworden.Vgl. Herwig Grimm, Samuel Camenzind, Andreas Aigner: Tierethik. In: Roland Borgards (Hrsg.): Tiere. J.B. Metzler Verlag, Stuttgart 2016, S. 78–97 (hier: S. 79)

Als wichtigste Autoren zur Tierethik im deutschsprachigen Raum sind derzeit Jean-Claude Wolf, Ursula Wolf, Richard David Precht, Gotthard M. Teutsch und Helmut F. Kaplan zu nennen. Während der Australier Peter Singer und der US-Amerikaner Tom Regan in der Tradition des Utilitarismus und der kantischen Philosophie den Miteinbezug von Tieren in die Ethik diskutieren, fußt Ursula Wolfs Konzeption des generalisierten Mitleids auf der Mitleidsmoral Schopenhauers. Richard David Precht plädiert in Noahs Erbe (1997) und in Tiere denken (2016) für eine „Ethik des Nichtwissens“. Kaplans „einfache Ethik“ ist keiner bestimmten theoretischen Grundposition zuordenbar und darauf ausgerichtet, möglichst allgemeinverständlich zu sein. Einige Philosophen setzten sich auch für eine Ausweitung des Ansatzes von John Rawls auf nicht-menschliche Lebewesen ein.Vgl. Donald VanDeVeer: Of Beasts, Persons, and the Original Position. The Monist 62, 1979, S. 368–377.

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