mini|Die Villa von der Grabbeallee aus gesehen

Die Villa Vendsyssel in der Grabbeallee 35 im Ortsteil Niederschönhausen des Berliner Bezirks Pankow ist ein Baudenkmal. Sie entstand Ende des 19. Jahrhunderts und wurde um 1904 zu einer Fischräucherei umgebaut. Nach folgenden mehrmaligen Umnutzungen und Umbauten dient die Villa im 21. Jahrhundert Wohnzwecken.

Lage, Namensgebung und Weiteres mini|hochkant|Historisches Firmenschild der Lachsräucherei Die Villa Vendsyssel befindet sich an der Grabbeallee 35 in Berlin-Niederschönhausen, unweit des ehemaligen DDR-Regierungsviertels rund um den Majakowskiring. In westlicher Richtung reicht das Areal bis zum Gelände der Botschaft Togos und wird südlich vom Zingergraben begrenzt.

Die neuen Eigentümer benannten das Eigenheim nach umfassender Sanierung im Jahr 2000 in Anlehnung an die dänische Firma Vendsyssel, die die Villa ab 1904 um eine Lachsräucherei erweitert hatte, um während des Kaiserreiches die nahe Hauptstadt Berlin mit pazifischem Räucherlachs zu versorgen. (Der Name der Firma entstammt der Landschaftsbezeichnung, in welcher sie lag: Vendsyssel.) Zur Fertigstellung des ersten Bauabschnitts der totalen Sanierung der Villa konnten Interessenten den Königlichen Dänischen Räucherlachs in Berlin im Feinkostgeschäft Rogacki vom Brett erwerben.

Geschichte Die Villa samt Vorgarten und Zaun steht als Gesamtensemble unter Denkmalschutz. Die phasenweise Sanierung in den Jahren ab 1998 wurde auf dem 14. Denkmaltag des Bezirksamtes Pankow im Sommer 2000 als vorbildliches Beispiel für Sanierung eines Baudenkmals, Umbau und Fortentwicklung zu Wohnzwecken ausgezeichnet. Die damals zuständige Denkmalpflegerin Cornelia Reetz würdigte die Arbeit wie folgt: „Die Villa wurde auf der Grundlage restauratorischer Befunduntersuchungen behutsam saniert und zu zwei Wohneinheiten mit Gewerbeeinheit umgebaut. Spätere Überformungen wurden zurückgebaut. Neue feingliedrige Holz-Isofenster mit ursprünglicher Teilung und in originaler Farbigkeit wurden eingesetzt, Belegfenster erhalten. Stuckelemente und alle noch erhaltenen Originaldetails wurden aufgearbeitet. Die ehemalige Lachsräucherei – nach langem Leerstand und Brand stark geschädigt – wurde zu fünf Wohneinheiten umgebaut, wobei der alte Fachwerkabschnitt (einschließlich der beeindruckenden Schornsteinanlage, auch im Innenbereich) weitestgehend originalgetreu wiederhergestellt wurde. Authentischster Beleg ist das originale und aufgearbeitete Werbeschild. Der Mittelbereich in neuer Formensprache und zurückhaltendem Kontrast leitet zum anschließenden neu gestalteten ehemaligen Garagentrakt über.“Rede der Denkmalpflegerin zur Auszeichnung, PDF, abgerufen am 6. Juli 2026.

Architektur Von der Typologie her handelt es sich um eine italienische Turmvilla, wie sie seit der Renaissance durch Arbeiten des Architekten Andrea Palladio (1508–1580) bekannt sind. Maßgeblich durch Berlins berühmten Architekten Karl Friedrich Schinkel (1781–1841) in Berlin adaptiert, ist sie über Schinkels Schüler Friedrich Ludwig Persius (1803–1845) stilbildend für viele Villen in Potsdam geworden, das als Arkadien an der Havel gefeiert wird. Im Norden Berlins gibt es zwar nicht annähernd so viele derartiger Villen. Immerhin gab es in Folge der Reichsgründung 1871 großspurige Pläne, dies (in den bei Sommerfrischlern beliebten Barnim-Dörfern, in Kutschendistanz zur Berliner Stadtmitte gelegen) zu ändern. Eine dieser für die enorme Entwicklungs- und Wachstumsphase der Reichshauptstadt typischen Terraingesellschaften wurde auch jenseits der Pankebrücke in Niederschönhausen gegründet, um dort eine Villen-Siedlung namens Bismarcks-Ruhe zu errichten.

Die Bauakten der Zeit sind nicht erhalten, so dass unklar ist, welchem Architekt die Turmvilla auf der westlichen Straßenseite der Lindenstraße 18 zuzuschreiben ist.Kommentar: Im Adressbuch 1890 findet sich Pankow, aber keine Lindenstraße . Fest steht aber, dass es sich um eines der Musterhäuser der 1871 geplanten Villen-Siedlung handelt. Doch der ursprüngliche Bebauungsplan für gut 150 Parzellen ist überliefert und zeigt die mit Villen unterschiedlicher Art geplante Bebauung, so auch das Haus Horridoh an der Grabbeallee 39, zwei Hausnummern weiter, nördlich am einstigen Weg nach Niederschönhausen, das ebenfalls aus dieser Frühphase stammt. Sechs weitere Villen entlang der Lindenstraße wurden nach und nach bis Ende der 1890er-Jahre realisiert. Insgesamt sind aber nur wenige Grundstücke auf Grundlage des alten Bismarcks-Ruhe-Plans entstanden, der den Aufbruch ins Kaiserreich und dem Ende des Deutsch-Französischen Krieges markiert. Aus dem Stadtviertel zu Ehren Bismarcks wurde letztlich nichts, der historische Name ist heute weitgehend vergessen.

Historische Einordnung Die weiße Villa an der Grabbeallee 35 (ehemals Lindenstraße 18) in Berlin-Niederschönhausen wurde um das Jahr 1872 errichtet.Alte Zeitungsartikel, die als Futteral und Dämmung in den Holz-Zargen verwendet wurden und bei Sanierung der imposanten Doppeltüren frei gelegt werden konnten. Das unweit des Schlosses Schönhausen gelegene Grundstück wurde 1871 zwar von der Terraingesellschaft Bismarcks-Ruhe projektiert. Bauherr des Musterhauses war ausweislich der Grundbuchakten aber die Witwe Emilie Wolwé, die im August 1871 kurzfristig die 146,7 Ruthen große Parzelle am Fischergraben (heute Zingergraben) dem Maurermeister Eduard Kretschmer abkaufen und einem Dr. Mattner vor der Nase wegschnappen konnte. Bemerkenswert: Erst im Kontor des Notars wurde der Name der Käuferin in letzter Minute abgeändert. Das ist ersichtlich im erhalten gebliebenen Situations-Plan (siehe Abbildung). Die Terraingesellschaft verfolgte offenkundig allein das Ziel, die Villen zu errichten, verfügte jedoch weder über die Grundstücke noch hinreichend Liquidität für ein dermaßen anspruchsvolles Immobilienprojekt. Ob es eine Architekturabteilung gab oder nur befreundete Bau- und Handwerksbetriebe des Herrn Kretschmer tätig waren, ist bis heute unklar geblieben, weil die Original-Bauakten aus dem benachbarten Landkreis Barnim während der Kriegsjahre verloren gegangen sind.

Bereits 1873 musste die Terrain-Gesellschaft erkennen, dass ihr anspruchsvolles Vorhaben zu riskant war – sie geriet in Liquidation. Wie unzählige Immobilien-Gesellschaften in Berlin war sie 1873 in den Gründerzeit-Crash geraten und zum Opfer gefallen. Es blieb somit zunächst bei den nur zwei realisierten Villen entlang der Lindenstraße in Niederschönhausen – der Villa von Emilie Wolwé (heute Villa Vendsyssel) und dem benachbarten Haus HorridohHaus Horridoh, pankowerchronikdotde, abgerufen am 6. Juli 2026. (Grabbeallee 39), das sich unverändert im Privatbesitz befindet. Die Pläne für das Stadtviertel Bismarcks-Ruhe mussten indessen ad acta gelegt werden. Die Lindenstraße blieb Hauptachse von Pankow ins Dorf Niederschönhausen, die östlich auf das Schloss Schönhausen zuführende (spätere) Tschaikowskistraße derweil untergeordnet und wurde nicht zur Prachtstraße der Siedlung ausgebaut. Dagegen erhielt sie am 4. April 1936 zu Ehren des deutschen Dramatikers Christian Dietrich Grabbe anlässlich dessen 100. Todestages den neuen Namen Grabbeallee und die Parzellen wurden neu nummeriert.

Eigentumsgeschichte Erste Eigentümerin und damit wohl auch Bauherrin war Emilie Wolwé, nächster Besitzer wurde laut Grundbuch im Jahr 1880 der Berliner Hotelbesitzer Ferdinand Carl Ehlich. Ab 1903 gelangte das Haus an den Architekten Paul Herms, der eine weitere Bebauung auf dem Grundstück veranlasste. Herms stammte familiär aus einer Ziegelei-Dynastie, die sein Vater Wilhelm Herms in Halbe aufgebaut hatte (Vereinigte Dampf-Ziegeleien und Industrie AG). Im Berliner Adressbuch von 1911 wird er noch mit der Wohnung in der Lindenstraße 18 geführt. Er hatte die Villa gemäß Grundbuch aber im Jahr 1910 an Anna Deckelmann veräußert.Kommentar: Im 1912er Adressbuch ist bereits L. Deckelmann als Eigentümer einer Lachsräucherei in der Lindenstr. 18 ausgewiesen ([digital.zlb.de/viewer/image/34115495_1912/479/#topDocAnchor]). Paul Herms ist die Neugestaltung im Inneren der Villa zuzuschreiben. Dem Geschmack der Zeit entsprechend hat er an den Decken Stuck mit Jugendstil-Elementen anbringen lassen. Angenommen wird auch, dass er die Villa mit Backsteinen und Ziegeln aus der geerbten Ziegelei mit einer Remise samt Verwaltungsbau um ein Gewerbe-Ensemble ergänzt hat. Zunächst wohl für einen ausländischen Pächter, der Berlin mit Räucherlachs versorgen wollte. Bei diesem handelte es sich um den Entrepreneur Kristian Mikkelsen aus dem Örtchen Hjørring in der dänischen Provinz Vendsyssel. Mikkelsen hatte sich Ende des 19. Jahrhunderts in Nordamerika mit Fischfang, Lagerung und Lachsräucherei beschäftigt. Mit der Geschäftsidee pazifischen Räucherlachs ("Cured salmon") nach Europa zu exportieren, war er über Belgien in seine Heimat Dänemark zurückgekehrt und gründete dort 1898 die nach seiner Heimatprovinz benannte Vendsyssel Packing Co. mit Hauptsitz in Kopenhagen und fügte dieser ganz offiziell seinen Namen hinzu. Zu den Niederlassungen in Nordamerika und Frederikshavn kamen rasch auch Produktionsstätten in Deutschland hinzu – zunächst jene als Lachsräucherei aufgemauerte Remise im Dorf Niederschönhausen zur Versorgung des Berliner Marktes. (1920 wurde Niederschönhausen in das per Verwaltungsreform neu geschaffene Groß-Berlin eingemeindet und wurde Teil des Bezirks Pankow.)

Alte Unternehmensbroschüren der Firma Vendsyssel weisen aus, dass Deutschland in Zeiten des Kaiserreiches und später auch noch während der Weimarer Republik zu den Hauptabsatzorten in Europa für Vendsyssel-Lachs zählte. Wegen des Ersten Weltkriegs traten ab 1916 Lieferschwierigkeiten auf, die schließlich zur Unterbrechung der Geschäftigkeit bis nach dem Kriegsende führten und danach aufgrund währungsbedingter Schwierigkeiten in Folge der deutschen Hyperinflation bis 1923 anhielten. Die dänische Prokuristin in Niederschönhausen wurde daraufhin 1916 abgezogen. Doch bald versuchten die dänischen Inhaber Vendsyssels wieder durchzustarten und erwarben mit Hilfe der ihnen bekannten Anna Deckelmann das Grundstück. Deckelmann bewohnte mit ihrem Mann danach die Villa an der Lindenstraße 18 und überführte die Immobilie bereitwillig in den Firmenbesitz der Vendsyssel Lächsräucherei GmbH. Das geht aus einer Klage der Ehlich-Erben bzw. ihres Testamentsvollstreckers von 1924 hervor, der Deckelmann, dem Architekten Herms und der GmbH vorwarf, unter einer Decke zu stecken.

Noch heute erinnert (auf der Auffahrt, rechts der Villa) das markante hölzerne Original-Werbeschild an diese Lachsräucherei Vendsyssel GmbH. Bis Kriegsbeginn 1939 blieb die Firma im Geschäft. Nach Angaben von Zeitzeugen wurde zuletzt Lachs aus dem unteren Rhein bezogen, um ihn nach Mikkelsens Anweisungen kalt über Buchenholz in Berlin zu räuchern. Davon zeugen auf dem Grundstück erhaltene Reste der früheren Räucheröfen. Zu den Stammkunden gehörte vor allem das 1928 begründete Feinkostgeschäft Rogacki an der Wilmersdorfer Straße in Charlottenburg, das in Berlin exklusiv Vendsyssel-Räucherlachs vom Brett verkauft hat – sehr zum Bedauern des KaDeWe, dessen Inhaber sich vergeblich um Geschäftsbeziehungen in Pankow und Kopenhagen bemüht hatten. Selbst in den 1990er-Jahren war der vom Danischen Königshaus geadelte Vendsyssel-Lachs noch bei Rogacki am Frische-Tresen erhältlich, nunmehr aber aus Kopenhagen angeliefert.

In Berlin hatte Hermann Bufe, Inhaber einer Steingutfabrik aus Bad Schmiedeberg, die Vendsyssel GmbH zuletzt als Geschäftsführer geführt. Bufe habe nach Angaben seiner Nachfahren um 1925 Firmenvertreter der Vendsyssel-Gruppe auf der Weltausstellung in Paris kennengelernt und letztlich wohl 1926 wie ein Franchisenehmer das Geschäft samt Grundstück von den vorherigen Vendsyssel-Geschäftsführern in Berlin-Pankow übernehmen können.