mini|Gustav Ruhland (1910) Johann August Gustav Ruhland (* 11. Juni 1860 im damaligen Posthof zu Hessenthal (Spessart); † 4. Januar 1914 in Bad Tölz) war ein deutscher Nationalökonom und Agrarpolitiker. Im Auftrag Bismarcks machte er mehrere Studienreisen durch die damaligen Getreideproduktionsländer der Erde. Von 1893 bis 1895 war er Privatdozent für Nationalökonomie an der Universität Zürich, von 1898 bis 1901 ordentlicher Professor an der Universität Freiburg/Schweiz. Seit 1894 arbeitete er als wissenschaftlicher Berater für den Bund der Landwirte.

Er kritisierte sowohl den Kapitalismus, speziell den Wirtschaftsliberalismus und das damit verbundene Kreditwesen und Zinssystem, als auch den Sozialismus. Ruhland vertrat vielmehr eine „organische Mittelstandsauffassung“ (siehe sein Werk Volkswirtschaftliche Grundbegriffe).

Leben Elternhaus Der Geometer Johann Adam Ruhland (* 10. April 1823, † 10. Mai 1875) aus Königsstädten bei Groß-Gerau kaufte im Herbst 1858 das „Postanwesen in Hessenthal“ im Spessart. Mit seiner Frau Dorothea Henriette Luise Ruhland, geb. Stein aus Erbenheim bei Wiesbaden (* 29. Januar 1834, † 30. November 1898), hatte Ruhland 8 Kinder, vier Söhne und vier Töchter. Die beiden ältesten Töchter waren noch in Königsstädten geboren. Johann August Gustav Ruhland war das dritte Kind der Eheleute Ruhland und kam am 11. Juni 1860 als erstes der übrigen Geschwister in Hessenthal zur Welt. Einer seiner Brüder starb bereits 1866 im Alter von 1½ Jahren, ein anderer wanderte aus und starb 1917 in den USA.

Umwelt mini|Posthof Hessenthal zu Anfang des 20. Jahrhunderts Der Posthof in Hessenthal wurde nach dem Bau der Chaussee Aschaffenburg – Würzburg (ehemals Bundesstraße 8) zu Ende des 18. Jahrhunderts als Poststation errichtet. 1861 wurde Ruhlands Vater als Posthalter von Hessenthal die Postexpedition und Poststallhaltung auf Dienstvertrag verliehen. Der Poststall hatte Platz für 100 bis 120 Pferde. Zum Betrieb gehörten 73 ha landwirtschaftliche Fläche. Mit dem Bau der Eisenbahn durch den Spessart war aber bereits damals abzusehen, dass die Einnahmen aus dem Postbetrieb zurückgehen würden. Auch Ruhlands Eltern sahen diese Entwicklung voraus. Sie strukturierten den Hof um und erschlossen neue Einnahmequellen. Die Pferdeställe wurden als Rinder- und Milchviehställe genutzt und um Schweineställe erweitert. Eine Apfelweinkelterei und Obstbrennerei wurde eingerichtet. Die Wasserkraft des Kaltenbaches wurde für eine Ölmühle, eine Knochenmühle, ein Holzsägewerk und eine der ersten Dreschmaschinen genutzt.

Die Größe der landwirtschaftlichen Betriebe in der Umgebung lag indessen infolge der durch das Kurmainzer Landrecht und dessen Erbregelungen entstandenen Grundstücksaufteilung bei nur 4 ha. Hinzu kamen das hängige Gelände und die geringe Fruchtbarkeit der Böden. Die Hessenthaler mussten sich daher im weiten Umkreis einen Hinzuverdienst suchen.

Die Familie Ruhland war damals fremd in Hessenthal und eine der wenigen evangelischen Familien an der oberen Elsava. Bei der katholischen Geistlichkeit und Bevölkerung gab es daher anfangs Vorbehalte, bei den, wie es hieß, „Ketzern“ zu arbeiten. Die verhältnismäßig günstigen Arbeitsbedingungen auf dem Hof konnten aber bald Vertrauen schaffen.

Ruhlands Vater führte fortschrittliche Bewirtschaftungsmethoden ein und gab damit der Gemeinde gute Beispiele. Zugleich erwarb er einzelne Grundstücke und versuchte durch Grundstückstausch in das Eigentum großer zusammenhängender Flächen zu kommen. Nach seinem Tod vergrößerte Ruhlands Mutter den Betrieb nochmals um 26 ha. 1893 übernahm sein Bruder Otto die Betriebsführung. Obwohl ihm Gustav sein Erbteil überließ, musste Otto um die Erbansprüche der übrigen Geschwister erfüllen zu können, Anfang 1910 das Anwesen verkaufen.

Kindheit und Schule (1860–1879) mini|Das Kind Gustav Ruhland (rechts) mit seinen Schwestern Gustav Ruhland erhielt seinen ersten Unterricht im Posthof von einer Hauslehrerin. Aber statt im Unterricht zu sitzen, spielte er oft lieber mit seinem Freund Löffler aus Hessenthal. 1870 bis 1872 schickte ihn sein Vater in die Königliche Lateinschule nach Aschaffenburg. Doch sobald er konnte, war er wieder zuhause in Hessenthal. Die Zeugnisse waren dementsprechend; in der ersten Klasse war er der 26. von 28, in der zweiten der 22. von 26 Schülern. Anschließend schickte ihn sein Vater auf die mehr naturwissenschaftlich ausgerichtete Landwirtschaftliche Mittelschule in Nürnberg, Stadtteil Lichtenhof. Hier war Gustav Ruhland, obwohl einer der jüngsten, nach dem ersten Kurs 1872/73 der 6. von 24 Schülern. Zum 2. Kurs 1873/74 heißt es lapidar: „Im Laufe des Jahres ausgetreten“. Die Ursache scheint ein Jungenstreich gewesen zu sein. Ruhland war also in der zweiten Jahreshälfte 1874 wieder daheim in Hessenthal.

Im Mai 1875 starb sein Vater und im Herbst dieses Jahres ging Gustav nach Mainz, wo er bei einer Tante wohnte und die Scharvogel’sche Privatlehranstalt besuchte. Am 28. Mai 1877 hat er dort die Entlassungsprüfung mit „gut“ bestanden. In dieser Schule soll Ruhland an mehreren Raufereien beteiligt gewesen sein. Einmal half er dem jüngeren, schwächeren Mitschüler Karl Reis, dem Sohn von Philipp Reis, sich gegen eine Übermacht von Mitschülern zu wehren. Er soll dabei so zornig geworden sein, dass er einen um den anderen packte und eine Treppe hinunter warf. Der Rektor kam damals zu der Einschätzung, Ruhlands Handlungsweise sei eine Folge seines ausgeprägten Gerechtigkeitsgefühls und sah keinen Grund, ihn deswegen von der Schule zu verweisen.

Nach Abschluss der Realschule arbeitete Ruhland im Betrieb seiner Mutter. Sein Freund Löffler berichtete, Ruhland habe sich allen landwirtschaftlichen Arbeiten unterzogen „wie ein Knecht“.

Zum Wintersemester 1877/78 bezog Ruhland das Polytechnikum in Langensalza, kam dort aber mit seinem Geld nicht aus. Anfang 1879 brach er, angeblich wegen einer Liebschaft mit der Tochter des Direktors, sein Studium ab und wechselte zurück in die Landwirtschaft – zunächst als Volontär, später als Verwalter eines Betriebes in Thüringen. Dort lernte er eine Tochter eines Offiziers kennen und beschloss, die Offizierslaufbahn einzuschlagen. 1879 kam Ruhland als Einjährig-Freiwilliger zum zweiten Jägerbataillon in Aschaffenburg, hatte dort aber nach wenigen Monaten einen so schweren Reitunfall, dass er den Militärdienst beenden musste.

Hinter Pflug und Sense (1879–1883) Nach seiner Erholung im Elternhaus setzte er die landwirtschaftliche Tätigkeit in Thüringen fort, kehrte 1882 auf den Posthof zurück und übernahm dessen Bewirtschaftung nicht nur als Betriebsleiter, sondern offenbar auch als Mitarbeiter. Jeder Arbeit, die er vom Gesinde verlangte, soll er sich auch selbst gestellt haben. Dabei stellten sich ihm Fragen und ergaben sich Probleme, die er durch intensives Literaturstudium zu beantworten und zu bewältigen suchte. In den Arbeitspausen wälzte er oft Bücher, studierte Zeitungen, während die Arbeiter Brotzeit machten. Dabei kam er zu der Ansicht, die Besteuerung der Hessenthaler Brennereien als landwirtschaftliche Nebenbetriebe sei nicht sachgerecht. Mit umfassenden Gegenvorstellungen, die er bis vor das zuständige Bayerische Ministerium brachte, konnte er damals zur Lösung dieses Problems beitragen. In seiner Thüringer Praktikumszeit hatte er neue Methoden der Ackerbestellung erlernt und erlebte nun, dass deren Anwendung auch den Ertrag der eigenen Flächen steigerten und damit auch den erzielbaren Pachtzins und Grundstückspreis, den ein Übernehmer zu zahlen hätte. Mit dem Wunsch, sich als Landwirt selbständig machen zu können, empfand er die damaligen Erbrechtsverhältnisse, nämlich das damals in Hessenthal noch weiter geltende Mainzer Landrecht, besonders nachteilig.

Bereits 1882 verfasste er Abhandlungen wie „Gesellschaftliche Organisation des landwirtschaftlichen Personalkredits“ (s. Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik, Band 40, 1883) oder „Gedanken und Vorschläge über die Regulierung der Grundschulden“ und schickte sie auch an Albert Schäffle. Dieser beurteilte die Arbeiten als „großgedacht und weitblickend“ und spornte damit Ruhland zu weiteren Arbeiten an. Ruhland studierte das volkswirtschaftliche Schrifttum, wie es ihm in die Hände kam, fand darin aber keine Lösungen für seine Beobachtungen in der Praxis und entwickelte daher seine eigenen Ideen. So arbeitete und studierte Ruhland fleißig. Auch beim Geldausgeben soll er nicht kleinlich gewesen sein. Der Mutter gestand er jedenfalls immer wieder seine „Bücherschulden“.

In Anlehnung an den Buchtitel „Hinter Pflug und Schraubstock“ von Max Eyth, den er später kennen und schätzen lernte, nannte Ruhland diesen Lebensabschnitt „Hinter Pflug und Sense“.

Der junge Agrarpolitiker (1883–1885) mini|Der junge Agrarpolitiker Gustav Ruhland Nach seinem 23. Geburtstag 1883 eröffnete er seiner Mutter, dass er seinen Schwarm heiraten und den Hof in Hessenthal übernehmen wolle. Beides lehnte die Mutter ab, die damals noch für 6 Kinder sorgen musste. Es kam zu Auseinandersetzungen, an deren Ende Ruhland zwar noch daheim wohnen durfte, aber die Arbeit im landwirtschaftlichen Betrieb aufgab. Ruhland war damit weitgehend auf sich gestellt.

Nach Beendigung der Mitarbeit im elterlichen Betrieb verdiente sich Ruhland seinen Unterhalt mit dem Schreiben von agrarpolitischen Abhandlungen für Fachzeitschriften, die er nach Erscheinen auch an Albert Schäffle (1831–1903) schickte. Aus dem Konflikt zwischen dem Erlebten und den Theorien der Wissenschaft verfasste er seine Erstlingswerke „Agrarpolitische Versuche vom Standpunkt der Sozialpolitik“, „Über den Begriff der landwirtschaftlichen Brennerei“ und „Das natürliche Wertverhältnis des landwirtschaftlichen Grundbesitzes“. Bei diesen Arbeiten stand ihm Schäffle beratend und fördernd zur Seite. Schäffle hat dem jungen Schriftsteller damals auch empfohlen, sich neben der Nationalökonomie auch mit Philosophie zu beschäftigen, insbesondere mit Immanuel Kant und Friedrich Adolf Trendelenburg.

Ruhland suchte auch nach Lösungen, um der überall zu beobachten Notlage der Landwirtschaft zu begegnen. So stellte er in einigen benachbarten Dörfern mit der Hilfe der Ortsgeistlichen und der Bauern eine Liste zusammen, aus der hervorgeht, wie hoch die Belastungen der einzelnen Betriebe durch Hypothekendarlehen, sonstige Schulden, Steuern etc. lagen. Mit diesem Material reiste er zu Friedrich Wilhelm Raiffeisen nach Neuwied, mit dem er enge Beziehungen unterhielt.

In dieser Zeit warb Freiherr von Thüngen-Roßbach in Franken für eine Agrarreform und Ruhland zog dafür als eifriger und erfolgreicher Redner durch das Land.

1885 hielt Ruhland vor der damals in Tölz tagenden Wanderversammlung der bayerischen Landwirte das Referat über die Reorganisation des landwirtschaftlichen Kredits. Zur Untersuchung dieser Frage wurde eine Kommission gegründet und Ruhland zu deren Berichterstatter ernannt.

Studium und Promotion (1885–1887) München Die Kommission zur Untersuchung über die Reorganisation des landwirtschaftlichen Kredits tagte zumeist in München. Diese Gelegenheit nutzte Ruhland und schrieb sich für das Winterhalbjahr 1885/86 zum Studium der Naturwissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität in München ein. Da das Zeugnis des Polytechnikums in Langensalza nicht genügte, konnte er sich nur mit der kleinen Matrikel einschreiben. Im Sommersemester 1886 wechselte er dann zu den Staatswissenschaften. In dieser Zeit war es wohl, wie er seiner Tochter erzählte, dass er als Protestant begeistert an einer Kundgebung für Johann Michael Sailer, den früheren Bischof von Regensburg, teilgenommen hatte.

1886 erstattete Ruhland den Bericht der Kommission zur Reorganisation des landwirtschaftlichen Kredits an die in diesem Jahr in Augsburg tagende Wanderversammlung in der Schrift „Die Lösung der landwirtschaftlichen Kreditfrage im System der agrarischen Reform.“