mini|Gerd Uschkereit, 1990
Gerd Uschkereit (* 2. Oktober 1928 in Neidenburg (Ostpreußen) (heute: Nidzica in Polen); † 31. Dezember 2010 in Flensburg) war ein deutscher Maler, Grafiker und Kunstpädagoge, der über viele Jahrzehnte das künstlerische und akademische Leben in Flensburg prägte. Er lehrte als langjähriger Professor für Kunst und ihre Didaktik an der damaligen Pädagogischen Hochschule (PH) Flensburg (heute: Teil der Europa-Universität Flensburg).
Werdegang Kindheit und Jugend Gerd Uschkereit verlebte seine Kindheit und Jugend in Ostpreußen in Neidenburg. Sein Vater war Volksschullehrer, der die Konstruktions- und Bastelleidenschaft seines Sohnes unterstützte, denn er hatte in seiner Jugend selbst Fotoapparate, Radios und mit einem Freund ein Auto gebaut. Sohn Gerd baute schon als 13–14-jähriger Schüler flugfähige Flugzeugmodelle nach eigenen Konstruktionsplänen mit einer Flügelspannweite von bis zu drei Metern.Otto Beckmann: Von Nay bis Flensburg, Menschen und Schiffe in Studien und Druckgrafik von Gerd Uschkereit, in: Rede zur Ausstellung zum 80. Geburtstag in der Akademie Sankelmark, 3. Oktober 2008
In der finalen Phase des Zweiten Weltkrieges 1943–1945 wurde er als Jugendlicher direkt von der Schulbank weg als HJ-Marinehelfer nach Pillau (heute: Baltijsk) eingezogen. Bei einer Wette gegen die Kameraden der Parallelklasse schaffte er es, nach einer Woche Bedenkzeit, einen Winkel nur mit Zirkel und Lineal zu dreiteilen. Er schickt die Näherungslösung an den Dekan der mathematischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin. Der bescheinigte ihm die Richtigkeit der Lösung und attestierte, dass die Griechen die Näherungslösung genauso gelöst hatten.
Nach kurzer britischer Kriegsgefangenschaft gelangte er mit der Familie im Jahr 1949 nach Rendsburg in Schleswig-Holstein. Gemeinsam mit seinem Vater baute er erst einmal Möbel für die Familie. Sohn Gerd erledigte die ihm aufgetragene Konstruktion eines Bücherschranks nach den Regeln des Goldenen Schnitts. An der Herderschule in Rendsburg holte er sein Abitur nach.
Erste Ausbildung in Flensburg Vor seinem Kunststudium absolvierte Uschkereit statt an der Universität von 1949 bis 1951 an der Pädagogischen Hochschule (PH) Flensburg eine fundierte Ausbildung zum Mathematik- und Physiklehrer. Gleichzeitig lebt er an der PH sein Interesse für die Kunst aus. Die naturwissenschaftliche und logische Grundausbildung beeinflusste zeitlebens seine präzise Herangehensweise an Druckgrafiken und die methodische Planung von Unterricht. Schon vor dem Examen kann er sich die Aufnahme an die Hochschule für Bildende Künste (HFBK) in Hamburg sichern.
Landeskunstschule in Hamburg Nach der Ausbildung an der Pädagogischen Hochschule in Flensburg ging er zum Studium der Malerei und Kunstgeschichte von 1951 bis 1955 an die Landeskunstschule in Hamburg (heute: Hochschule für bildende Künste Hamburg, HFBK). Seine akademischen Lehrer in Hamburg waren prägende Figuren der Kunstszene. Viele von ihnen waren als junge Künstler der Hamburger Sezession während der NS-Zeit ab 1933 systematisch an den Rand gedrängt und verboten worden. Nach 1945 bauten diese Professoren die Hamburger Kunstschule völlig neu auf und knüpften direkt an die Ideen der klassischen Moderne und des Expressionismus an. Für Uschkereit war diese Zeit ein enormer Befreiungsschlag: Er lernte dort die Verbindung von handwerklicher Disziplin und freier, moderner Bildfindung.
Uschkereit studierte bei den Professoren Willi Breest (1891–1952), Ernst Wilhelm Nay (1902–1968) und Karl Kluth (1898–1972), bei dem er nach dem Weggang von Nay sein Examen machte.
Willi Breest stand in frühen Jahren unter dem Eindruck des Expressionismus und der Berliner Avantgarde. Im Laufe der 1920er und 1930er Jahre verlagerte sich sein Schwerpunkt hin zur architekturbezogenen Malerei und dekorativen Wandgestaltung. An der HFBK leitete er die Abteilung für Dekorationsmalerei. Seine Arbeiten zeichneten sich durch eine strukturierte, flächige und konstruktive Komposition aus, die eng auf die moderne Architektur jener Zeit abgestimmt war.
Neben den Professoren unterrichteten zeitweise ergänzend junge Maler als Gastdozenten, von denen ganz besonders Ernst Wilhelm Nay einen besonderen Einfluss auf den Kunststudenten Uschkereit ausübte. Nay wusste ihn mit seiner Art zu begeistern, die Malerei neu zu definieren: sich vom Gegenstand zu lösen, die Farbe als reinen Gestaltungswert zu nehmen, rhythmische Spannungen zu erzeugen, oder allein durch die Distanzwerte der Farbe ein Bildgelände mit Höhen und Tiefen ähnlich einer Landschaftsaufsicht zu schaffen. Durch ihn zogen die Gedanken einer autonomen Farbgestaltung ohne jegliche gegenständliche Bindung in seine Vorstellungen ein.
Karl Kluth war ein wichtiges Mitglied der Hamburger Sezession, das nach dem Krieg eine Professur für Malerei in Hamburg übernahm. Er war bekannt für seinen expressiven Stil und die Vermittlung einer freien, vom Licht getragenen Farbauffassung. Die Bildauffassung von Kluth findet man bei Uschkereit in seinen vielen Hafenbildern.
Diese Professoren vermittelten Uschkereit nicht nur handwerkliche Präzision, sondern führten ihn nach den Jahren der NS-Diktatur und des Krieges gezielt an die Ideen des Expressionismus und der klassischen Moderne heran. Gerd Uschkereits Lebensweg war stark von den Brüchen des Zweiten Weltkriegs und dem anschließenden kulturellen Wiederaufbau im Norden geprägt. Seine Jahre in Hamburg stellten dabei die entscheidende Weichenstellung für sein späteres Schaffen dar.
Nordseegymnasium in St. Peter-Ording Nach dem Studium in Hamburg kam Uschkereit im Jahr 1955 als junger Kunsterzieher als Referendar nach Flensburg wurde aber kurz darauf an das Nordseegymnasium in St. Peter-Ording versetzt. Hier begegnete er Erich Duggen (1910–1989) und fand in ihm ein Vorbild in der künstlerischen Auseinandersetzung mit der norddeutschen Naturlandschaft. An dem Gymnasium konnte er vielfältige kunstpädagogische Erfahrungen sammeln. Zusammen mit Kollegen wie Erich Duggen gehörte er zu einer festen Gruppe von Malern und Kunsterziehern, die St. Peter-Ording zu einem wichtigen schleswig-holsteinischen Künstlerort machten. Seine Arbeiten spiegelten die Dynamik der rauen Natur und das maritime Leben der Region wider. Seine künstlerischen Erfolge und seine schulischen Erfahrungen brachten ihm schließlich den Ruf an die Pädagogische Hochschule in Flensburg.
Pädagogische Hochschule in Flensburg mini|Gerd Uschkereit, 2001 Im Jahr 1960 erhielt Gerd Uschkereit einen Ruf für eine Dozentenstelle an der PH Flensburg. Er knüpfte die Zusage an die Bedingung, dass die PH Räume für Kunst- und Werkerziehung erhält, wie er sie in St. Peter-Ording am Nordseegymnasium hatte. So wird der Trakt schließlich auch gebaut. 1970 wird er zum Professor für Kunst und Werkdidaktik berufen und wirkte bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1992 PH Flensburg. Er bildete gezielt künftige Kunstlehrer aus. Über diese Generationen von Studierenden gelangten seine künstlerischen Ansätze, der Fokus auf handwerkliche Solidität und die visuelle Ausdrucksfähigkeit direkt in die Schulen des Landes Schleswig-Holstein. Aus seiner Flensburger Schule gingen zahlreiche namhafte norddeutsche Künstler und Grafiker hervor, die er entscheidend in ihrer Frühphase förderte.
Uschkereits pädagogischen Ansätze und Konzepte Gerd Uschkereits Pionierarbeit in der Werkdidaktik bestand ab den späten 1960er Jahren vor allem darin, das bis dahin rein handwerklich-praktische „Knabenwerken“ theoretisch zu fundieren und zu einem wissenschaftlich reflektierten, akademischen Lehrfach weiterzuentwickeln. Als Mitherausgeber des wegweisenden Standardwerks „Ansätze zur Werkdidaktik seit 1945“ (1968) schuf er gemeinsam mit Kollegen ein theoretisches Fundament, das die Werkpädagogik in der Bundesrepublik revolutionierte. Seine Pionierleistung ruht auf vier tragenden Säulen:
Strukturierung der Fachgeschichte und Systematisierung Vor Uschkereits wissenschaftlicher Aufarbeitung nach 1945 existierten im Fach „Werken“ kaum strukturierte, übergreifende Didaktikmodelle. Mit der Veröffentlichung der „Ansätze zur Werkdidaktik“ (1968) unternahm er die erste umfassende historische und systematische Bestandsaufnahme des Faches nach dem Zweiten Weltkrieg. Er half dabei, das Fach aus der Nische der reinen Freizeitbeschäftigung oder der bloßen „Arbeitserziehung“ zu lösen und es als vollwertige, reflektierte Universitätsdisziplin an den Pädagogischen Hochschulen zu verankern.
Konzept der materialen und funktionalen Ästhetik Gerd Uschkereit überwand die traditionelle Trennung von Kunstunterricht (Schönheit, Geist) und Werkunterricht (Nutzen, Handwerk). In seinem Flensburger Modell etablierte er einen Pionieransatz, bei dem technische Konstruktion und künstlerische Formgebung Hand in Hand gingen. Ein Werkstück durfte nicht bloß funktionieren; es musste in Materialwahl, Haptik und visueller Formqualität überzeugen. Er machte didaktisch nutzbar, dass das Lösen technischer und materialer Probleme (z. B. beim Holz- oder Metallwerken) die kognitive Problemlösungskompetenz von Schülern nachhaltig schult.
Emanzipation und Demokratisierung des Werkunterrichts In den 1950er und frühen 1960er Jahren war der Unterricht in Schulen noch strikt geschlechtergetrennt: Jungen gingen in den Werkraum, Mädchen zum Textilunterricht. An der PH Flensburg leistete Uschkereit Pionierarbeit durch das Aufbrechen von Rollenbildern, indem er das Fach für alle Studierenden öffnete und interdisziplinäre Werkstätten konzipierte. Er etablierte die Erkenntnis, dass der Umgang mit Werkzeugen, Technik und Material ein universelles menschliches Kulturgut ist, das unabhängig vom Geschlecht vermittelt werden muss.
„Flensburger Werkstatt-Modell“ als Lehr-Lern-Labor Uschkereit übertrug die offene Atelier- und Werkstattstruktur der Kunstakademien auf die Lehrerbildung. Er schaffte starre Übungsfolgen ab und ersetzte sie durch komplexe, forschende Werkprojekte. Studierende mussten eigene Entwürfe von der Skizze über den Materialtest bis zum fertigen Objekt durchdringen. Er forderte den Lehrer als reflektierten Praktiker. Sein Konzept verhinderte, dass die Werkdidaktik zu einer reinen „Theoriewissenschaft“ verkam. Er bewies, dass exzellente Didaktik nur aus der eigenen, meisterhaften Beherrschung des Materials entstehen kann. Obwohl er Struktur und Planung lehrte, ermutigte er seine Studenten im kreativen Prozess stets zum Experimentieren und zur Einbeziehung des Zufalls (z. B. in der Druckgrafik oder Aquarellmalerei), um starre Denkmuster aufzubrechen.
Durch diese theoretische und praktische Pionierarbeit sorgte Gerd Uschkereit dafür, dass die schleswig-holsteinischen Lehrpläne der Folgejahrzehnte das „Werken“ nicht als isolierte Bastelstunde begriffen, sondern als essenziellen, ganzheitlichen Lernbereich an der Schnittstelle von Kunst, Technik und Alltagskultur.
Künstlerischer Schwerpunkt Als freischaffender Künstler war er vor allem für seine Landschaftsdarstellungen bekannt, die eng mit der Natur und dem Licht Schleswig-Holsteins verbunden sind. Seine Werke, darunter Aquarelle und Grafiken, sind bis heute in regionalen Sammlungen vertreten – wie etwa in der Kunstsammlung der Gemeinde St. Peter-Ording. Der künstlerische Schwerpunkt von Gerd Uschkereit lag in der figürlichen Malerei und der grafischen Komposition. Seine Werke bewegen sich im Spannungsfeld zwischen Expressionismus und strukturierter Abstraktion. mini|Gerd Uschkereit, Bootswagen/Bornholm, 1991/99 Zentrale Facetten seines Werks Mensch und Figur: Das menschliche Gesicht und der Körper standen im Zentrum seiner Arbeiten. Er reduzierte Formen auf das Wesentliche, um psychologische Tiefe und existenzielle Fragen auszudrücken.
Landschaft und Natur: Besonders geprägt durch seine Wahlheimat an der Nordseeküste (St. Peter-Ording), verarbeitete er maritime Motive, Küstenlinien, Häfen und Naturstrukturen in oft melancholischen Stimmungen.