Bei der örtlichen Orientierungsstörung (engl. orientation of place) wird der aktuelle Aufenthaltsort nicht oder nur ungenau gewusst. Es handelt sich um ein psychopathologisches Symptom. Die örtliche Orientierung darf nicht mit der räumlichen Orientierung (engl.: spatial orientation) verwechselt werden.Uwe Henrik Peters: Lexikon Psychiatrie. 7. Auflage. Elsevier, München 2017, ISBN 978-3-437-15063-0, S. 420
Beschreibung Die Störung der örtlichen Orientierung tritt bei z. B. Bewusstseinsminderung und fortgeschrittenen Demenzen auf. Sie ist bei leichteren hirnorganischen Krankheitszuständen nur dann besonders störbar, wenn der Kranke in eine fremde Umgebung gebracht wird.Christian Scharfetter: Allgemeine Psychopathologie. Eine Einführung . 8., unveränderte Auflage. Thieme, Stuttgart 2020, ISBN 978-3-13-243844-6, S. 115. Mit der Schwere der Erkrankung sind die einzelnen Orientierungsthemen meist in einer bestimmten Reihenfolge betroffen: Es fällt zuerst die zeitliche Orientierung aus, dann die örtliche, dann die zur Situation und schließlich zur Person. „Die große Mehrzahl der Patienten kann also in akuten körperlich begründbaren Psychosen noch Namen, Wohnort mit Straße und Hausnummer, Geburtsdatum, Beruf und Zahl der Kinder richtig angeben, nicht aber Jahreszahl und Monat, Aufenthaltsort und Name des Gebäudes.“(Huber 2005)Gerd Huber: Psychiatrie. 7. Auflage. Schattauer, Stuttgart 2005, ISBN 3-7945-2214-1, S. 50.
Bei der Orientierung im Raum (nicht zum Ort) handelt es sich um die Fähigkeit, sich in den räumlichen Koordinaten der Umgebung zurechtzufinden. So findet ein Patient auf der Station in der Klinik z. B. sein Zimmer nicht wieder. Wenn umgangssprachlich davon die Rede ist, meint man meist den Verlust dieser Fähigkeit. Dieser Aspekt hat jedoch sehr viel mehr mit Gedächtnisfunktionen zu tun. Bei der Orientierung zum Ort hat man die Grunddaten immer parat.Achim Haug: Psychiatrische Untersuchung. 8. Auflage. Springer, Berlin 2017, ISBN 978-3-662-54665-9, S. 45
Wahnhafte Fehlorientierungen werden unter Wahn, nicht unter einer Orientierungsstörung eingeordnet.
Beispiele Ein Patient gibt an, dass er sich gerade in einem Hotel befinde, statt in einer Klinik.Rolf-Dieter Stieglitz, Achim Haug: Das AMDP-System (Manual zur Dokumentation des psychischen Befundes), 11. Aufl. 2023, S. 38, hogrefe ISBN 978-3-8017-3193-9.
Einordnung Im AMDP-System (System zur Erstellung des psychiatrischen Befundes) findet sich die örtliche Orientierungsstörung unter Nr. 6.
Diagnose Das Syndrom wird in der psychiatrischen Untersuchung, im Gespräch zwischen Arzt und Patient, diagnostiziert. Es ergibt sich manchmal aus dem Gesprächsverlauf. Es wird jedoch meist nicht ohne weiteres vom Patienten berichtet. Man kann dann z. B. folgende Fragen stellen: „Können Sie mir sagen, wo wir hier sind?“ „In welcher Stadt sind wir hier?“ (in größeren Städten: Stadtteil). Bei falschen Angaben muss der Patient Gelegenheit zur Korrektur erhalten, um Konzentrationsstörungen und Gedächtnisstörungen abzugrenzen. Die anfänglich falsche Antwort wird dann nicht gewertet.Erdmann Fähndrich, Rolf-Dieter Stieglitz: Leitfaden zur Erfassung des psychopathologischen Befundes. 6. Auflage. hogrefe, Göttingen 2023, ISBN 978-3-8017-3114-4, S. 67.
Abgrenzung (Differentialdiagnose)
räumliche Orientierung: Fähigkeit, sich im geometrischen Raum zurechtzufinden. autopsychische Orientierungsstörung (Orientierung zur Person): Unfähigkeit zu richtigen Angaben über die eigene Person (Name, Geburtstag, Beruf, Geburtsort). Zeitliche Orientierungsstörung: Datum, Wochentag oder Jahreszeit werden nicht gewusst. situative Orientierungsstörung: fehlende Erfassung der aktuellen Situation.
Behandlung Diese erfolgt im Rahmen der Behandlung der Grundkrankheit.
Literatur
Rolf-Dieter Stieglitz, Achim Haug: Das AMDP-System (Manual zur Dokumentation des psychischen Befundes), 11. Aufl. 2023, hogrefe ISBN 978-3-8017-3193-9.
Einzelnachweise Kategorie:Psychopathologisches Symptom