mini|Wappen der Biedermann von Turony, Ritterstand 1860, im Österreichischen Staatsarchiv Biedermann bzw. Biedermann von Turony (auch: Biedermann-Turony o. ä.) ist der Name eines österreichisch-ungarischen Industriellen-, Großgrundbesitzer- und Briefadelsgeschlechts. Der Stammort Turony ist eine Gemeinde im Süden Ungarns.
Geschichte Die ursprünglich jüdische Familie stammt aus Ungarn. Den Namen „Biedermann“ nahm sie aufgrund eines Erlasses von Kaiser Joseph II. aus dem Jahr 1780 an.Županič (2012), S. 138–140. Von einer verarmten Familie entwickelte sie sich zu einem bedeutenden Wirtschaftsimperium, das unter anderem Banken und Fabriken in Wien, Niederösterreich und Mähren betrieb. Die Familie war durch Heiraten mit einigen anderen bedeutenden jüdischen Familien vernetzt.Georg Gaugusch: Was einmal war – Das jüdische Großbürgertum Wiens 1800 bis 1938, Teil 1 (A–K). (= Jahrbuch der Heraldisch-Genealogischen Gesellschaft „Adler“ – Wien. Dritte Folge, Band 16). Amalthea, Wien 2011. Im Laufe der Zeit variierte ihre religiöse Ausrichtung zwischen dem Festhalten am Judentum und Konversion zum Katholizismus. Die Biedermanns gehörten damit zu jener Schicht jüdischer bzw. jüdischstämmiger Unternehmerfamilien, die im Vormärz und im 19. Jahrhundert die Modernisierung von Handel, Kreditwesen, Industrie und Großgrundbesitz in der Habsburgermonarchie maßgeblich mitprägten. Sie stehen neben anderen herausragenden jüdischen Familien wie Rothschild, Bleichröder, Eskeles, Königswarter, Todesco, Arnstein, Kaulla oder Hofmann, alles klassische Beispiele für den Weg vom tolerierten jüdischen Unternehmermilieu über Hof- und Staatsnähe, wirtschaftliche Nützlichkeit, Wohltätigkeit und teilweise Konversion hin zu Nobilitierung und Integration in die Adelsnetzwerke.
mini|links|Geschäftsräumlichkeiten des Großhandlungshauses M. L. Biedermann am Wiener Kohlmarkt (ca. 1830–1840) Die Stammfolge der Familie Biedermann beginnt mit Hayun Löb Freistadt († 1817), Sohn von Löb Freistadt, Händler in Preßburg. Dessen Sohn aus erster Ehe Michael Lazar Biedermann (1769–1843) kam mit 15 Jahren nach Wien, erlernte das Handwerk des Metallgraveurs und wurde Siegel-Spezialist. Nach einem erfolgreich erfüllten Auftrag zur Herstellung eines kaiserlichen Siegels durfte er 1792 dauerhaft in Wien leben, was in jener Zeit für einen Juden ein besonderes Privileg war. Um 1800 erhielt er die Erlaubnis in Wien ein Juweliergeschäft zu eröffnen. Wenige Jahre später (1808) durfte er auch Großhandel betreiben. Er besaß eine Textilfabrik in Telsch in Mähren, handelte mit Wolle und förderte die Zucht hochwertiger Schafe. Sein Unternehmen gehörte zu den größten Österreichs. Während der Frankreichkriege versorgte er das Reich mit Getreide und gewährte Kaiser Franz II. verschiedene zinslose Darlehen. Auch engagierte er sich für die jüdische Gemeinschaft, war einer der Gründungsväter der Israelitischen Kultusgemeinde Wien,Tina Walzer: Die jüdischen Gründungsmitglieder der Österreichischen Nationalbank 1816 und ihre Grabmäler am jüdischen Friedhof Währing in Wien, in: David: Jüdische Kulturzeitschrift, Ausgabe 112, 04/2017. und gründete zusammen mit Isaak Löw Hofmann (1759–1849) 1812 in Wien eine jüdische Religionsschule. Ferner unterstützte er Krankenhäuser, Stiftungen, Witwen- und Waisenfonds sowie Bildungsstipendien. Von seinen elf Kindern erlangten Simon Ritter Biedermann von Turony (1804–1864) und Gustav Michael (August) Biedermann von Üszögh und Mosgó (1819–1880) besondere Bekanntheit.
mini|links|Burgring 1, Wien, 1860, Wohnhaus von Simon Ritter Biedermann von Turony (1804–1864) Simon Biedermann war Großhändler, Industrieller, Großgrundbesitzer in Südungarn und Direktor der k. k. privilegierten Nationalbank. Er ließ sich am 16. September 1844 in Püspök römisch-katholisch taufen und empfing am 25. März 1860 den kaiserlich österreichischen Ritterstand mit Prädikat „von Turony“.AT-OeStA/AVA Adel HAA AR 74.37. Im selben Jahr erhielt er für seine Verdienste auch den Orden der Eisernen Krone III. Klasse.
Simons jüngerer Bruder Gustav Michael (August) Biedermann war Großgrund- und Gutsbesitzer in Ungarn und mit Elisabeth Rosalie Gumpel, Tochter des Bankiers Eduard Gumpel und der Henriette Güterbock, verheiratet. 1867 wurden er und seine Nachkommen in den ungarischen Adelsstand mit Prädikat „Biedermann de Üszög et Mosgó“ erhoben. 1896 wurde von dieser Linie in Mozsgó nach den Plänen des Architekten Ödön Lechner ein Schloss erbaut. 1917 abgebrannt, wurde es anschließend nach den Plänen Lechners wieder vollständig aufgebaut.
Ein weiterer Bruder Simons, Joseph Biedermann (1809–1867), wurde wie der Vater k. k. Hofjuwelier. Auch war er der Vertreter der Wiener Israeliten.Ernst Konau: Rastlos zieht die Flucht der Jahre. Josephine und Franziska von Wertheimstein, Ferdinand von Saar, 1997, S. 45. Anfang Mai 1848 kam der Fürst Alois II. von Liechtenstein zu ihm und überreichte eine bedeutende Geldsumme, bestimmt zur „schleunigsten Abhilfe“ gegen den Hunger der armen Juden in Pressburg, die durch das letzte Pogrom so stark geplündert wurden.Beim Pressburger Pogrom im April 1848 handelte es sich um eine schwere antijüdische Gewaltwelle während der Ungarischen Revolution von 1848. Joseph Biedermann ließ einen Vertrauensmann auf seine Kosten nach Pressburg reisen, um dort das Geld an beinahe 300 hungernde Menschen -„Witwen, Waisen, Alten, Kranken“- zu verteilen. Der Geldgeber aus dem Haus Liechtenstein wollte zunächst anonym bleiben; auf eindringliches Nachfragen der Pressburger Juden, die für ihn beten wollten, durfte sein Name dann aber doch genannt werden.Josef Wallstein: Ein Fürst Liechtenstein !, in: Oesterreichische Wochenschrift. Organ für die gesammten Interessen des Judenthums, Band 7, Wien 1890, S. 8 f. (Google Bücher). 1853 gab Joseph Biedermann selbst eine größere Summe Geldes an arme Familien, während seine Verwandten von der M. L. Biedermann und Comp. k. k. priv. Großhändler die gleiche Summe für hülfsbedürftige Arme, und nochmal das 1,5-fache für die Kinderbewahranstalten und Arbeitsschulen Wiens zukommen ließen.Wiener allgemeine Theaterzeitung. Centralblatt für Literatur, Kunst, Industrie, Geselligkeit, Conversation, Musik und Mode, Ausgabe 43, 23. Februar 1853, S. 2 f. (Google Bücher).
mini|Trostgasse 5, Baden (Niederösterreich), 2011, denkmalgeschützte Villa des Großhändlers Viktor Biedermann Ritter von Turony (1845–1905) und dessen Ehefrau Eugenie Matzer (1845–1898) Von Simons ältestem Sohn, Victor Ritter Biedermann von Turony (1845–1905), ebenfalls Großgrundbesitzer, und seiner ersten Ehefrau, der Theaterschauspielerin Eugenie Matzner (1845–1898), stammt eine heute unter Denkmalschutz stehende Villa in Baden (). Die Villa wurde 1882 von dem Badener Architekten und Stadtbaumeister Hugo Zimmermann dem Älteren (1849–1924) auf dem Grund der ehemaligen bürgerlichen Schießstätte in Baden errichtet.
Simons zweitältester Sohn Robert Simon Freiherr Biedermann von Turony (1849–1920) war ebenfalls Industrieller und Großgrundbesitzer sowie spanischer Konsul. Er erwarb Besitzungen in Mähren, darunter 1897 die Herrschaft Jevišovice, inklusive des Alten Schlosses Jevišovice und des Neuen Schlosses Jevišovice. Für seine wirtschaftlichen und wohltätigen Leistungen erhielt er zahlreiche Auszeichnungen. Kaiser Franz Joseph I. erhob ihn 1903 in den Freiherrenstand.AT-OeStA/AVA Adel HAA AR 74.38.
Simons jüngster Sohn, der Großgrundbesitzer Rudolph Biedermann de Turony (1854–1938), war ab 1889 verheiratet mit Else von Bleichröder, einziger Tochter des Gerson von Bleichröder, deutsch-jüdischen Bankiers und als Bankier Bismarcks und Vertreters der Rothschild-Banken am Finanzplatz Berlin eines der wichtigsten Privatbankiers seiner Zeit. Rudolph Biedermann de Turony wurde 1902 in den ungarischen Freiherrenstand erhoben. Fortan nannte er sich „Rudolph Baron Biedermann de Turony“. Rudolph und Else bewohnten um 1911–1920 die Biedermann-Bleichröder’sche Villa in der Wiener Rustenschacherallee 28 (damals: Prinzenallee; zuvor Kronprinzstraße). Sie wurde später abgerissen.Pratercottage am 28. Oktober 2014: Biedermann-Turony, Bleichröder und die Villa Rustenschacherallee 28, Teil I (Abgerufen am 25. Juni 2026.) Für Rudolph wurde in Szentegát ein großes Mausoleum errichtet. Auch ein geräumiges Schloss wurde von der Familie 1896 in Szentegát erbaut.
Auch Felix August Hermann Biedermann (1870–1928), der sich Felix Dörmann nannte, war Mitglied der Familie. Als Schriftsteller und Operettenlibrettist war er eine schillernde Persönlichkeit im kulturellen Leben Wiens um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Zwischen 1912 und 1914 versuchte er sich in verschiedenen Positionen auch beim noch jungen österreichischen Film. Er war in erster Ehe mit der Schauspielerin Maria Bubna-Littitz (1877–1923) verheiratet.
In der NS-Zeit gerieten bedeutende jüdische Familien in den Fokus der rassenkundlichen Interessen des Naturhistorischen Museums Wien. Auf dem Jüdischen Friedhof Währing wurden Gräber geöffnet und Gebeine zu „Forschungszwecken“ in das Museum verbracht, darunter jene von dreizehn Angehörigen der Familie Biedermann. Die Gebeine von Michael Lazar Biedermann, eines der Gründungsväter der Israelitischen Kultusgemeinde Wiens, konnten davor bewahrt werden. Die Kultusgemeinde ließ diese im August 1940 auf den Wiener Zentralfriedhof überführen, wo sie in einem Notgrab wiederbestattet wurden. Nach Kriegsende musste das Museum die noch auffindbaren Gebeine an die wiedererrichtete Kultusgemeinde zurückgeben. Die Überreste der exhumierten Biedermann-Familienmitglieder wurden schließlich gemeinsam in einem Schachtgrab beigesetzt; am Währinger Friedhof blieben die geplünderten Grabstellen zurück. Die Grabstätten der Familie Biedermann auf dem Währinger Friedhof sind beschädigt: Bedeutende Grabdenkmäler wurden entwendet, vandalisiert oder sind verwittert und überwachsen.
1945 wanderte ein Teil der Familie nach Brasilien aus, während die übrigen Nachkommen heute überwiegend in Deutschland leben, teilweise auch in der Schweiz, wie der Schriftsteller Nelio Biedermann (* 2003). Er verarbeitet in seinem Roman „Lázár“ (2025) die Geschichte seiner eigenen Vorfahren. Er erzählt über vier Generationen hinweg vom Leben, der Enteignung und dem gesellschaftlichen Niedergang der Adelsfamilie zwischen 1900 und dem gewalttätig niedergeschlagenen Budapester Aufstand von 1956. Seine Großeltern flohen nach den Ereignissen von 1956 in die Schweiz.
Persönlichkeiten Michael Lazar Biedermann (1769–1843), k. k. Hofjuwelier, Fabrikant, Großhändler und Begründer des Bankhauses M. L. Biedermann & Comp. Simon Ritter Biedermann von Turony (1804–1864), Großhändler, Direktor der k. k. privilegierten Nationalbank Felix August Hermann Biedermann / Felix Dörmann (1870–1928), Wiener Schriftsteller Nelio Biedermann (* 2003), Schweizer Schriftsteller.
Stammfolge
Ein weiteres Familienmitglied ist Nelio Biedermann (* 2003). Seine Großeltern väterlicherseits flohen nach der Niederschlagung des ungarischen Volksaufstandes durch die Sowjetunion in den 1950er Jahren in die Schweiz.
Wappen mini|Wappen der Biedermann von Turony, Freiherrenstand 1903, im Österreichischen Staatsarchiv Blasonierung des Ritterstand-Wappens von 1860 Geviert von Schwarz und Silber. Felder 1 und 4 mit fünf (2:1:2) auffliegenden goldenen Bienen; Felder 2 und 3 drei rote Schrägrechtsbalken. Zwei gekrönte Helme: I. mit schwarz-goldenen Helmdecken ein wachsender schwarzer rotbezungter Adler; II. mit rot-silbernen Decken ein wachsender silberner Schafsbock und ein silberner Flügel, bezeichnet wie die Felder 2 und 3.