Marie Sophie Katherine Bruns (* 17. Oktober 1858 in Hannover; † 14. August 1932 in Bad Tölz) war Krankenschwester, Oberin, Vorstandsmitglied im Evangelischen Diakonieverein Berlin-Zehlendorf und Besitzerin sowie Leiterin einer Privatklinik in Göttingen.

Leben Marie Bruns war die Tochter des späteren promovierten Professors für Mathematik und Naturwissenschaften, Johann Gilges Bruns, Konrektor am städtischen Lyzeum I in Hannover. Die Mutter war Katharina Martha Bruns geborene Barth. Der Großvater mütterlicherseits betrieb ein Kontor für die Einfuhr von Überseeprodukten in Emden. Die Kusine von Marie Bruns war die spätere Oberin Anna Margarethe van Delden, beide Mütter entstammten der Familie Barth.Margarete Czwalina: Unsere Frau Oberin van Delden. Berlin-Zehlendorf 1940. Marie Bruns wuchs mit zwei jüngeren Schwestern in einem evangelisch-lutherischen Elternhaus auf und konnte die höhere Töchterschule besuchen. Der Vater verstarb als Marie 26 Jahre alt war.Hannoversches Tagblatt, 11. September 1884: Professor Dr. Gilges Bruns gestorben.Hannoversches Tagblatt, 14. September 1884: Beerdigung des Professors Dr. Gilges Bruns.

Ein Jahr später verließ sie ihre Mutter, um auf eigenen Beinen zu stehen. Sie ging in die Niederlande, wo sie in Stellung ging bei einer jungen Frau, die an Epilepsie litt.Traudel Weber-Reich: «Wir sind die Pionierinnen der Pflege ...» Krankenschwestern und ihre Pflegestätten im 19. Jahrhundert am Beispiel Göttingen. Hans Huber, Bern/Göttingen/Toronto/Seattle 2003, S. 268–281. Neben Englisch und Französisch lernte Marie Bruns nun auch noch Holländisch. Sie hatte zu diesem Zeitpunkt keine pflegerische Ausbildung, sondern brachte sich das nötige Wissen autodidaktisch bei. Am 1. Juli 1889 trat sie eine Stelle als „Oberwärterin“ in der Irrenanstalt der Stadt Köln an, die damals über 100 Betten verfügte.

Aufgrund eines eher spärlichen Gehalts wechselte sie bereits ein Jahr später, ebenfalls in leitender Position, in die Irrenanstalt in Bremen an, dem späteren „St. Jürgen Asyl.“ Der dortige Anstaltsdirektor, Jean Paul Friedrich Scholz (1831–1907) verfolgte einen Reformansatz im Sinne des No-restraint-Systems zur „Emanzipation der Irren“. Er wünschte sich eine Krankenschwester, die nicht an den abergläubischen Vorstellungen vom „dämonischen Besessensein“ der Geisteskranken festhielt. Bruns erhielt in Bremen ein höheres Gehalt und sogar eine eigene Dienstwohnung. Auf privater Basis wurde mit dem Henriettenstift Hannover eine Rentenversicherung für sie abgeschlossen. Oberin Bruns holte ihre pflegerisch begabte Cousine Anna Margarethe van Delden zu sich in die Irrenanstalt. Es kam zu einer zweijährigen Zusammenarbeit, bis van Delden ihrerseits als Oberin ins Städtische Krankenhaus Elberfeld wechselte. Im Oktober 1894 begann ein Ausbildungskurs in „psychischer Krankenpflege“ im St. Jürgen Asyl, den Marie Bruns leitete.

Im September 1895 wagte Bruns den Schritt in die Selbstständigkeit und erwarb die Privatklinik Goßlerstrasse 5 in Göttingen von Mathilde Reich. Die Bezirksregierung Hildesheim erteilte die amtliche Konzession zum Betrieb dieser Privatklinik Goßlerstrasse 5 mit Kapazität von 30 Krankenbetten. Bruns trug hier weiterhin den Titel Oberin, sie entwarf eine Tracht ähnlich derjenigen der Mutterhausschwestern. Die Schwester Elisabeth Bruns fungierte bald als Mitinhaberin.Archiv Evangelischer Diakonieverein Berlin-Zehlendorf, H275: Friedrich Zimmer an Marie Bruns, Schreiben vom 26. April 1904.

1895 trat Bruns dem Evangelischen Diakonieverein in Berlin-Zehlendorf bei. Der Gründer und evangelische Theologe Friedrich Zimmer versprach, sich der Frauenfrage widmen zu wollen und hatte Verbindungen zur Frauenbewegung.Friedrich Zimmer: Frauennot und Frauendienst. Der Ev. Diakonieverein und seine Zweiganstalten. 6. Auflage. Berlin-Zehlendorf 1901.Archiv Evangelischer Diakonieverein Berlin-Zehlendorf: Marie Bruns an Vorstand des EDV, Schreiben vom 30. April 1905. Bruns zählte zu den Gründungsmitgliedern der Verbandsschwesternschaft Diakonieverein Berlin-Zehlendorf (EDV) und animierte das von ihr eingestellte Personal, ebenfalls in diese Verbandsschwesternschaft einzutreten. Der EDV anerkannte die Privatklinik Goßlerstrasse 5 als Arbeitsfeld der Diakonieschwesternschaft. Zwischen Bruns und Zimmer wurde ein spezieller Kooperationsvertrag geschlossen. Die Rolle von Bruns als Besitzerin der Klinik und Arbeitgeberin in selbstständiger Stellung blieb in diesem Vertrag unangetastet.

Innerhalb des EDV stieg Bruns zur Bezirksoberin für den Bezirk Göttingen auf. Im Verwaltungsrat war sie die Vertretung van Deldens, sie war Mitglied der Oberinnenkonferenz und wurde 1904 deren Vorsitzende. 1904 bestand Zimmer auf einem neuen Kooperationsvertrag, in dem er Bruns keine Sonderrechte mehr einräumen wollte und der eine stärkere Reglementierung der Rechte Bruns’ vorsah. Dieser neue Vertrag sollte binnen einer Woche gegengezeichnet werden, ohne dass der alte Vertrag vorher gekündigt worden war. Bruns wehrte sich erfolgreich gegen diesen neuen Kooperationsvertrag. Dieser habe mit Frauenförderung nichts mehr zu tun, argumentierte sie. Ihr ginge es vor allem um ein gehobenes Ansehen der Krankenschwestern und dies sei mit dem neuen Vertrag nicht zu realisieren. Trotz dieses Erfolgs löste Bruns zwei Jahre später, 1906, alle Bindungen zum EDV.

Sie verkaufte die Privatklinik an Annemarie Bandelow, ihres Zeichens ebenfalls Verbandsschwester des EDV. Die Hälfte der aufgenommenen Hypothek war abbezahlt, Bruns war wirtschaftlich erfolgreich gewesen.Stadtarchiv Göttingen: Einwohnermeldekarte Marie Bruns. Es war ihr eine Kooperation mit drei Professoren der Göttinger Universitätsklinik gelungen. Bruns verließ Göttingen und ging, finanziell gut gestellt, zunächst auf Reisen, bevor sie Mutter und Schwester Elisabeth nach Bad Tölz folgte. Mit Elisabeth zusammen führte sie in Bad Tölz die Kurpension „Villa Frisia“. Im Ersten Weltkrieg arbeitete Bruns als Oberin im „Vereinslazarett Lechhausen“ in Augsburg. Danach kehrte Bruns, die sich sowohl Pflege- als auch Leitungskompetenz autodidaktisch erworben hatte, nach Bad Tölz zurück, wo sie ihren Lebensabend im heutigen Josefsstift verbrachte.

Literatur Friedrich Zimmer: Der evangelische Diakonieverein. In: Die christliche Welt 8, Nr. 35, 1894. Friedrich Zimmer: Das erste Jahrzehnt des Ev. Diakonievereins. Eine Denkschrift zum 11. April 1904. Berlin 1904. Traudel Weber-Reich: «Wir sind die Pionierinnen der Pflege ...» Krankenschwestern und ihre Pflegestätten im 19. Jahrhundert am Beispiel Göttingen. Hans Huber, Bern/Göttingen/Toronto/Seattle 2003, S. 156, S. 158, S. 268–281.

Weblink Kalliope-Verbund: Marie Bruns

Einzelnachweise

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