Selbstermächtigung benennt eine Handlungsstrategie, mit der sich Menschen eine Wirkmächtigkeit aneignen, die sie zuvor nicht besaßen. In Abhängigkeit vom Verwendungszusammenhang und seiner Bewertung ist der Begriff neutral, positiv oder negativ konnotiert und wird fälschlicherweise oft mit dem des Empowerments gleichgesetzt.

Der Begriff Bei dem Ausdruck handelt es sich um ein Kompositum aus den Begriffen des Selbst und der heute bevorzugt als Empowerment bezeichneten Ermächtigung. Er wird in verschiedenen Kontexten verwendet und gelegentlich als Synonym für Empowerment verwendet, obwohl er von dessen Bedeutungsgehalt abweicht und semantisch darüber hinausgeht. Selbstermächtigung ist ein vielfältig verwendeter Begriff mit unter anderem psychologischen, soziologischen, politischen, philosophischen und theologischen Bedeutungsvarianten.

Der Begriff ist eingebettet in eine Vielzahl von Selbstbegriffen, zu denen Selbstgefühl und Selbstbewusstsein, Selbstwert und Selbsttäuschung, Selbstdisziplin und Selbstfürsorge, aber auch Selbstverwirklichung, Selbstwirksamkeitserwartung oder Falsches Selbst gehören. Mitunter wird in manchem Kontext im- oder explizit individuelle und gesellschaftliche Selbstermächtigung unterschieden.

Werden Selbstermächtigung und Empowerment gleichgesetzt, so geschieht dies in der Regel unhinterfragt und wird weder begründet noch definitorisch erläutert. In der Fachzeitschrift für Gesundheitsberufe Dr. med. Mabuse findet sich ein solches Beispiel in einem Artikel über traumasensible Hebammenarbeit für Schwangere, die sexualisierte Gewalt erlitten. Veröffentlicht wurde der Aufsatz im Jahr 2015 unter dem Titel Ein Weg zur Selbstermächtigung.

„Selbstermächtigung als anerkannten wissenschaftlichen Analyse-Begriff gibt es (noch) nicht.“ Als solcher findet er sich in nur zwei wissenschaftlichen Arbeiten: im Jahr 2007 in der Studie Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung von Michael Wild und 2009 in einer religionssoziologischen Studie von Christoph Bochinger und anderen. Beide Studien beschreiben den Begriff der Selbstermächtigung als kollektives Phänomen, das individueller Aneignung bedarf.

Begriffsgeschichte Erstmals erwähnt wird der Begriff der Selbstermächtigung im Jahr 1790 von Thomas Joseph von Haiden in seiner Schrift über die Emser Punktation. Zwar ist der Begriff laut dem Zentrum für digitale Lexikographie der deutschen Sprache (ZDL) im Deutschen „mindestens seit Ende des 18. Jahrhunderts belegt“, wird aber „bis zum letzten Drittel des 20. Jahrhunderts selten“ verwendet. In der Recherche seiner Wortgeschichte handelt das ZDL den Begriff gemeinsam mit dem „Nebenlemma“ der Selbstbemächtigung ab und vermerkt, dass Selbstermächtigung – anders als Selbstbemächtigung – „von den großen Wörterbüchern des 19. Jahrhunderts nicht gebucht“ werde. Die Erstverwendung des Begriffs Selbstbemächtigung stammt von Michel-Guillaume Jean de Crèvecoeur, der ihn im Jahr 1784 in einer seiner Schriften verwendete. Vor dem „Hintergrund der Entlehnung von Empowerment“ aus dem Englischen verbreitet sich der Begriff der Selbstermächtigung seit dem Ende des 20. Jahrhunderts. Selbstbemächtigung blieb als Synonym erhalten, ist aber zum Beispiel im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS) – anders als Selbstermächtigung – nicht als Stichwort gelistet. Die Wortverlaufskurve für den Begriff der Selbstermächtigung stieg laut dem DWDS-Zeitungskorpus in den 20 Jahren zwischen 2004 und 2024 auf das Zehnfache, zunächst moderat und ab 2015 steil.

Wie sich einer Wortverlaufskurve des Google Ngram Viewers entnehmen lässt, stieg die Begriffsverwendung im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts signifikant an. Dies sei in Verbindung mit der „Verbreitung von Wort und Konzept des Empowerments im deutschsprachigen Raum zu verstehen“.

Auch jenseits des Konzepts von Empowerment wird das Wort Selbstermächtigung in zeitgenössischen Publikationen verwendet. Im Jahr 2026 listet allein das Münchener Digitalisierungszentrum (MDZ) 342 Veröffentlichungen, die sich des Begriffs in unterschiedlichen Kontexten bedienen. Zu den dort genannten Autoren gehören beispielsweise der Philosoph Peter Koslowski mit seinem Text Der Mythos der Moderne, der Germanist Waldemar Fromm mit seiner Schrift über Franz Kafkas Poetik oder die Professorin für vergleichende Literaturwissenschaft Sabine Mainberger mit ihrer Schriftskepsis.

Die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) stellt unter dem Schlagwort 171 Artikel zur Verfügung (Stand: 2026). Der Begriff Selbstermächtigung wird beispielsweise in einem Artikel über die AMCHA, eine israelische Selbsthilfeorganisation für Shoah-Überlebende, verwendet, Wolfgang Benz befasst sich mit Verrohung, Hass und Gewalt im öffentlichen Diskurs, der fluter, das Jugendmagazin der bpb, berichtet über Rap als „Soundtrack der Selbstermächtigung“ gegen Unterdrückung, Rassismus und Armut und Steffen Mau setzt sich mit einer „Form der Selbstentmachtung in unmittelbarer zeitlicher Nähe zur Selbstermächtigung im Herbst 1989“ auseinander. Erwähnenswert scheint neben vielen weiteren auch Georg Seeßlen, der über Donald Trump „durch die Brille der Popkritik“ schreibt und ihm im Titel seines Essays die Begriffe „Outlaw, Clown, Selfmademan, Superheld und Störenfried“ zuweist.

Das von i.d.a. getragene und im Jahr 2018 gegründete Digitale Deutsche Frauenarchiv trägt zum Begriff der Selbstermächtigung bis Mai 2026 insgesamt 19 Texte zusammen. Darunter finden sich Blogartikel oder andere, die mit dem Begriff lediglich verschlagwortet wurden, aber auch eine Veröffentlichung der Literaturwissenschaftlerin Marion Kraft über Audre Lorde und die „afro-deutsche Frauenbewegung“, ein Artikel der Historikerin Irene Franken über Carola Möller oder eine Schrift der Kommunikationswissenschaftlerin Natasha A. Kelly über May Ayim.

Das Zeitungsportal zeit.punktNRW, das historische Zeitungen aus Nordrhein-Westfalen (NRW) online zur Verfügung stellt, wirft für den Begriff der Selbstermächtigung mit Stand 2026 insgesamt 216 Treffer aus, beginnend mit der Kölnischen Zeitung vom Juli 1867 und endend mit ihrer Ausgabe vom 22. Mai 1939. Darüber hinaus verwendeten viele andere Zeitungen des Bundeslandes den Begriff – insbesondere in den Jahren 1924 und 1936. In den Jahren nach 1933 wird der Begriff zumeist im Zusammenhang mit der „Selbstermächtigung der deutschen Wirtschaft“ verwendet, zum Beispiel von der Tageszeitung Die Glocke und der Nationalzeitung. Weil die Plattform es ermöglicht, sich Details zur Wortverwendung und Zeitungsausschnitte anzeigen zu lassen, wird deutlich, was es mit dieser häufig wiederkehrenden Formel auf sich hat. Wie dem Anzeiger und Tageblatt vom 9. November 1936 zu entnehmen ist, ging es darum „einer Auflösung der politischen Einheit und einer Vernichtung dessen, wofür der Nationalsozialismus gekämpft“ habe, entgegenzutreten. Weiter heißt es dort: „Der Beauftragte des Führers für die Durchführung des Vierjahresplanes der deutschen Wirtschaft, der preußische Ministerpräsident Göring, hat die deutsche Forschung aufgerufen zur Mitarbeit an dem Werk der wirtschaftlichen Selbstermächtigung des deutschen Volkes.“

Definitionen Eine Definition, auf die sich die an der Begriffsetablierung beteiligten Wissenschaften geeinigt hätten, lässt sich nicht finden. Dem Begriff werden in unterschiedlichen Zusammenhängen verschiedene Bedeutungen und Konnotationen zugemessen. Manche Wörterbücher stellen allgemeine Wortbedeutungen zur Verfügung, andere listen den Begriff nicht.

Laut dem Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS) bedeutet Selbstermächtigung „die Selbstbefreiung von (fremder) Herrschaft, Bevormundung und Fremdbestimmung und aktive selbstbestimmte Gestaltung der eigenen Lebensumstände“. Zeno.org, eine 2007 gegründete digitale Bibliothek, kennt den Begriff der Selbstermächtigung im Jahr 2026 ebenso wenig, wie der Duden oder das psychologische Lexikon der Dorsch.

Dem ZDL zufolge bedeute Selbstermächtigung in Anlehnung an Grimms Wörterbuch eine Autorisierung oder die „Ausstattung mit einer Vollmacht“. In politischen Kontexten wird bereits in Quellen des 19. Jahrhunderts darunter eine „eigenmächtige Machtübernahme“ verstanden und später ggf. auch mit Machtmissbrauch in Verbindung gebracht – wie beispielsweise im Juni 2012 im Zusammenhang mit der Wahl in Ägypten.

In der soziologischen Fachsprache gelten Selbstermächtigung und Empowerment als „bedeutungsverwandt“. Synonym sind sie indes nicht – trotz ihrer gemeinsamen Verwendung im sozialen Bereich. Auch sei „das semantische Spektrum von Selbstermächtigung gegenüber Empowerment insgesamt breiter“, denn sie bleibe nicht auf den sozialen Bereich beschränkt, sondern werde überdies auf „kulturgeschichtliche Prozesse der Menschheit“ bezogen und mit Emanzipation, Aufklärung und Modernisierungsprozessen in Verbindung gebracht.

Der Erziehungswissenschaftler Norbert Herriger bediente sich für seine Definition von Empowerment der beiden Begriffe Selbstermächtigung und Selbstbemächtigung:

Einige Wissenschaftler halten einen „anti-institutionellen Affekt“ für konstitutiv. Clemens Albrecht und seine Kollegen verstehen unter dem Begriff der Selbstermächtigung ein Deutungsmuster

Konnotationen Positiv besetzt ist der Begriff der Selbstermächtigung in sehr unterschiedlichen Feldern wie der Pädagogik, der Menschenführung, des Selbstmanagement und ähnlicher, auf die persönliche Lebensführung Einfluss nehmender Bereiche wie der Frauenemanzipation. Als konkretes, aber weniger bekanntes Beispiel kann die AMCHA gelten, eine Selbsthilfeorganisation von und für Überlebende der Shoah und ihrer Nachkommen, über die Lukas Welz als Vorsitzender der deutschen Zweigstelle im Mai 2021 berichtete: AMCHA und die Selbstermächtigung der Shoah-Vergangenheit. Die Zahl der Unterstützung- und Ratsuchenden nimmt zu und ist in nur zehn Jahren auf das Doppelte gestiegen. Die AMCHA – 1987 in Jerusalem gegründet – vertritt einen von Haim Dasberg geprägten psychosozialen Ansatz. Wie Welz schreibt, benötigen die Betroffenen nach wie vor einen Raum, „um selbstbestimmt und selbstermächtigt zu leben“. Das ist das Ziel der von AMCHA angebotenen Hilfe und Unterstützung.

Ein Beispiel für eine negative Bestzung des Begriffs findet sich auf Domradio, einem katholischen Multimediaportal. Dort kritisierte der Politologe Andreas Püttmann im Jahr 2023 die Proteste von Klimaaktivisten: „Mit Bürgern, die sich per Selbstermächtigung vom Gesetzesgehorsam dispensieren, ist kein Staat zu machen.“

Nicht selten wird der Begriff im Zusammenhang mit der NS-Zeit verwendet, wie es Michael Wildt in seinem Buch Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung tat. Selbstermächtigung sei „elementarer Bestandteil nationalsozialistischer Herrschaft“. Verwendet habe er diesen Begriff, „um zu zeigen, dass die entfesselte Gewalt der rassistisch aufgewiegelten Bevölkerung erst die Bedingung für die von den Nationalsozialisten geförderte Transformation der bürgerlichen Zivilgesellschaft in eine rassistische Volksgemeinschaft schuf – eine Gewalt, die besonders zu Beginn für die Nationalsozialisten problematisch wurde, weil sie gegen anarchische Alleingänge einschreiten musste und antisemitische Gewalt erst einer rechtlichen Grundlage bedurfte, die noch nicht vorhanden war.“

Wissenschaftliche Perspektiven Interdisziplinarität