Frank Wagner (* 27. August 1958 in Kaiserslautern; † 1. Juni 2016 in Berlin) war ein deutscher Kurator der Gegenwartskunst. Ab 1985 war er u. a. im RealismusStudio der neuen Gesellschaft für bildende Kunst aktiv.
Leben und Wirken Wagner studierte Kunstgeschichte, Germanistik und Philosophie in Berlin, wo er ab 1977 lebte. In seiner Karriere als freier Kurator konzipierte er allein oder in Arbeitsgruppen über einhundert Ausstellungsprojekte, von denen viele durch Publikationen begleitet wurden, die er mit herausgab oder für die er Texte verfasste.
Bekannt ist Frank Wagner insbesondere für seine Ausstellungen zu kritischer Kunst, AIDS, Gender- und LGBTQI*-Themen. Insbesondere mit der Kunstszene und der ACT-UP-Bewegung in New York pflegte er ab Mitte der 1980er-Jahre enge Kontakte.
Künstlerinnen, wie Alfredo Jaar, Félix González-Torres, Marlene Dumas oder Hannah Wilke, waren noch vor ihrem internationalen Durchbruch in einer seiner Ausstellungen zu sehen.Vgl. Julie Ault, Bird of Paradise. Frank Wagner (1958–2016). In: Texte zur Kunst, Nr. 104, Dezember 2016, S. 227f.Archiv: Frank Wagner. In: ngbk.de. Im Verlauf seiner Karriere stellte er über 900 Künstlerinnen aus, darunter Monica Bonvicini, Hanne Darboven, Rineke Dijkstra, Stan Douglas, Valie Export, Nan Goldin, General Idea, Robert Gober, Vera Frenkel, Gran Fury, Group Material, Hans Haacke, Jenny Holzer, Sanja Ivekovic, Barbara Kruger, Marlene McCarty, Mark Morrisroe, Michaela Melián, Cady Noland, Katharina Sieverding, Wolfgang Tillmans, Yoko Ono und Jeff Wall.
Als Protagonist der Berliner Kunst- und Kulturszene verhalf Wagner institutionsübergreifend dem künstlerischen Nachwuchs zur Sichtbarkeit und war vielen Künstlerinnen zeitlebens ein Mentor. Der enge Kontakt zu Kunsthochschulen wie u. a. der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, der Kunsthochschule Weißensee Berlin oder Muthesius Kunsthochschule Kiel waren ihm ebenso ein Bedürfnis wie das Kuratieren der jährlichen Ausstellungen der Arbeitsstipendiatinnen für bildende Kunst der Senatsverwaltung für Kultur und Europa (2008–2016).
Seine Ausstellungen verfolgten häufig experimentelle kuratorische Ansätze und stellten Fragen zu gesellschaftlichen Machtverhältnissen, wie etwa Rassismus, Kolonialismus, Faschismus, Homophobie und marginalisierter Sexualität.TIES, TALES AND TRACES | Dedicated to Frank Wagner, Independent Curator. (PDF; 0,8 MB) In: ngbk.de, 2019.
Mit „Vollbild AIDS. Eine Kunstausstellung über Leben und Sterben“ (nGbK/Bahnhof Westend, Berlin, 1988/1989) kuratierte Frank Wagner die erste umfassende Ausstellung in Europa zum Thema HIV/AIDS, noch bevor der AIDS-Aktivismus in Europa Fahrt aufnahm oder die internationale Kunstwelt erreichte. Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit der Deutschen AIDS-Hilfe e.V., Berlin, und der Deutschen AIDS-Stiftung „Positiv leben“, Köln, und wurde anschließend durch das Kulturzentrum Dampfzentrale, Bern, und die Fondation Deutsch in Belmont-sur-Lausanne übernommen.
In der Pressemitteilung heißt es:
Es folgten Ausstellungen wie „Übers Sofa – Auf die Straße! Kunst und schwule Kultur im AIDS-Zeitalter“ (nGbk, Berlin, 1990) oder „Love Aids Riot Sex“ (nGbK, Berlin, 2013/2014). Die kuratorische Auseinandersetzung mit Krankheit und Tod spielten auch eine Rolle in der von Wagner initiierten Reihe „Unterbrochene Karrieren“ (nGbK/Arsenal/Haus am Kleistpark/Filmtheater in den Hackeschen Höfen, Berlin, 1997–2003) über Akteurinnen wie den Fotografen Mark Morrisroe, die Künstlerin Hannah Wilke, den Berliner Architekturhistoriker Christian Borngräber oder den Filmemacher und Filmverleih-Gründer Manfred Salzgeber.Frank Wagner ist tot. In: siegessaeule.de, 3. Juni 2016
Im gesamten Verlauf von Frank Wagners kuratorischer Karriere war der Kunstverein neue Gesellschaft für bildende Kunst (nGbK) ein zentraler Ankerpunkt. Nach seinem Eintritt 1979 war er unter anderem Teil der kuratorischen Arbeitsgruppen der Ausstellungen „Inszenierung der Macht – Ästhetische Faszination im Faschismus“ (Kunstquartier Ackerstraße 71–76/Arsenal-Kino, Berlin, 1987) und „GEWALT/Geschäfte“ (nGbK/Kunstamt Kreuzberg – Bethanien/Schwules Museum, Berlin, 1994/95). Ab 1985 war er in der Arbeitsgruppe RealismusStudio aktiv, der er bis zu seinem Tod angehörte.Ingo Arend: Liebe, Sex und Tod. Über den Kurator Frank Wagner (1958-2016). In: ingo-arend.de, 8. Juli 2016.; ausführlich hierzu: RealismusStudio. Kuratorische Praktiken und künstlerisches Handeln, nGbK, Berlin 2017.
Das kollektiv verantwortete RealismusStudio verhandelte in der nGbK ab 1974 in wechselnder Besetzung Debatten um künstlerischen „Realismus“, den sie auf Fragen nach sozial engagierter Kunst und künstlerischem Weltbezug erweiterte und das Verständnis davon regelmäßig aktualisierte. Ab den 1990er-Jahren betraf dies zunehmend auch künstlerische Auseinandersetzung mit Neuen Medien. Als Kurator des 6. Monats der Europäischen Fotografie („Memory Lab. Die Wiederkehr des Sentimentalen. Fotografie konfrontiert Geschichte“, 2014) verantwortete er u. a. die zentrale Überblicksausstellung aller beteiligten Städte im Gropius-Bau-Berlin. Kurz vor seinem Tod, kuratierte er noch den Deutschen Pavillon der DUBAI Photo Exhibition – A Global Perspective mit dem Titel „The Self. Perception – Profession – Portrait“ (2016).
Am 1. Juni 2016 verstarb Frank Wagner in Berlin im Alter von 57 Jahren.
Sein Nachlass war Gegenstand der Gedenkausstellung „TIES, TALES AND TRACES. Dedicated to Frank Wagner, Independent Curator“ (KW Institute for Contemporary Art, Between Bridges, Berlin, 2019), kuratiert vom RealismusStudio in Kooperation mit Wolfgang Tillmans und Eugen Ivan Bergmann (Between Bridges).TIES, TALES AND TRACES | Dedicated to Frank Wagner, Independent Curator (1958–2016). In: kw-berlin.de, 2019. Neben Kunstwerken umfasst der Bestand u. a. mehrere Tausend Bücher, über 10.000 Fotos und andere Medien sowie Briefwechsel und Projektunterlagen. Die Bibliothek von Frank Wagner, bestehend aus ca. 4500 Büchern, wurde auf Initiative von Christin Lahr, Professorin für Medienkunst, 2016 der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig überlassen und dort unter dem Namen „Frank Wagners LIB“ in den Bestand der Hochschulbibliothek integriert. Den kuratorischen Nachlass mit Kunstwerken und Dokumenten erhielt das Archiv der Avantgarden – Egidio Marzona (ADA) in Dresden.
Ausstellungen (Auswahl) „Inszenierung der Macht. Ästhetische Faszination im Faschismus“, neue Gesellschaft für bildende Kunst/„Kunstquartier Ackerstraße“, Berlin, 1987 „Vollbild AIDS. Eine Kunstausstellung über Leben und Sterben“, neue Gesellschaft für bildende Kunst/Bahnhof Westend, Berlin, 1988 „Übers Sofa – Auf die Straße! Kunst und schwule Kultur im AIDS-Zeitalter“, neue Gesellschaft für bildende Kunst, 1990 „Marlene McCarty – Mund Verkehr: In die Hose gegangen“, neue Gesellschaft für bildende Kunst, 1992 „David Wojnarowicz – Ein Gedenkraum / A Memorial Exhibition“, KW Institute for Contemporary Art, 1992/1993 „Getting to kNOw you“, Künstlerhaus Bethanien, Berlin, 1993 „Sie nennen es Liebe“, Künstlerhaus Bethanien, Berlin, 1993 „Der telematische Raum I + II“, zweiteilige Ausstellung, neue Gesellschaft für bildende Kunst, Berlin, 1995/1996 „Mark Morrisroe 1959-1989. Eine Retrospektive“ (in der Reihe „Unterbrochene Karrieren“), neue Gesellschaft für bildende Kunst, 1997 „Chironex fleckeri oder Momente in der Schwebe (Mulholland Drive). Eine sequenzielle Ausstellung“, neue Gesellschaft für bildende Kunst/Akademie der Künste, Berlin, 2003 „VALIE EXPORT – Mediale Anagramme“, neue Gesellschaft für bildende Kunst/Akademie der Künste, Berlin, 2003 „Das achte Feld. Geschlechter, Leben und Begehren in der Kunst seit 1960“, Museum Ludwig, Köln, 2006 „Félix González-Torres“, neue Gesellschaft für bildende Kunst/Hamburger Bahnhof, 2006 „Just Different!“, Cobra-Museum, Amsterdam, 2008 „Love Aids, Riot Sex I + II“, zweiteilige Ausstellung, neue Gesellschaft für bildende Kunst, Berlin, 2013/14
Publikationen (Auswahl) LOVE AIDS RIOT SEX – eine Fährte im RealismusStudio seit 1988. In: 40 Jahre NGBK, Berlin 2009. (ngbk.de, PDF) o.T. In: Vollbild Aids, Ausst.-Kat. nGbK Berlin 1988 Unmittelbare Vergangenheit - Unterbrochene Karrieren. Christian Borngräber, Wolfgang Max Faust, Manfred Salzgeber. Ihre Ideen, ihr Einfluss, ihre produktive Exzentrik. In: Unmittelbare Vergangenheit - Unterbrochene Karrieren. Christian Borngräber, Wolfgang Max Faust, Manfred Salzgeber: Drei Kulturvermittler der achtziger Jahre, Ausst.-Kat. nGbK, Berlin 1999.
Literatur Julie Ault: Bird of Paradise. Frank Wagner (1958–2016). In: Texte zur Kunst. Nr. 104, Dezember 2016, S. 227 f.
Weblinks Ingo Arend: Im Netzwerk der Verbindungen. taz, 11. Februar 2019 Inger Wold Lund: Modern Death Masks. Kunstkritik, 21. Februar 2019
Einzelnachweise
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