mini|hochkant|Rudolf Conzett, ca. 1961 Rudolf Conzett (* 7. Juni 1922 in Chur; † 29. Oktober 1987 in Zürich, heimatberechtigt in Schiers GR) war ein Schweizer Ingenieur, Geodät, Informatiker und ETH-Professor. Er gilt als Pionier der Informatik im Ingenieur- und Vermessungswesen und führte diese in die Ausbildung der Vermessungs- und Kulturingenieure der ETH ein.

Leben Rudolf Conzett, geboren 1922 in Chur als Sohn von Rudolf Paul Conzett, Postrevisor, und Carolina Conzett geb. Brun, wuchs in Chur mit einem Bruder und drei Schwestern auf. Er besuchte die Volksschule und die Kantonsschule Chur, welche er mit der Maturität abschloss.S. Conzett: Information zur Genealogie vom 13. Juli 2026.A. Melchior: Zum Gedenken: Rudolf Conzett, Zürich. In: Bündner Tagblatt vom 12. Dezember 1987, S. 14. Conzett absolvierte von 1942 bis 1947 ein Ingenieurstudium an der Abteilung für Kulturtechnik und Vermessungswesen der ETH Zürich. 1948 schloss er sein Studium als Vermessungsingenieur ETH mit Diplom ab.W. Fischer: Obituary Rudolf Conzett. In: Bulletin géodésique, Vol. 62 (1998), S. I-II Digitalisat.

Nach absolvierter Geometerpraxis erwarb er 1951 das Eidg. Grundbuchgeometer-Patent. Von 1951 bis 1952 war er Assistent von Fritz Kobold an der ETH Zürich. Von 1952 bis 1958 folgte eine Anstellung als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Firma Kern & Co. in Aarau. Während dieser Zeit erhielt er einen Lehrauftrag an der ETH Zürich. Er wurde 1956 zum nebenamtlichen Dozenten der Abteilung für Kulturtechnik und Vermessung der ETH berufen.H. Bühlmann, H.-G. Kahle, H. J. Matthias: Professor Rudolf Conzett in memoriam. In: Vermessung, Photogrammetrie, Kulturtechnik, Bd. 86 (1988), Heft 7. S. 299 Digitalisat. 1958 trat er eine Stelle als beratender Ingenieur bei der Firma Karl Weissmann Ingenieure in Zürich an. 1960 war er an der Gründung der Firma Digital AG Zürich beteiligt und wurde schliesslich Mitinhaber und Leiter dieser IT-Unternehmung.

1954 heiratete er Nina Jäger und gründete mit ihr eine Familie. Das Ehepaar hatte einen Sohn, Jürg Conzett (* 1956), der Bauingenieur wurde, sowie eine Tochter, die Volkskundlerin Silvia Conzett (* 1959).

1965 wurde Conzett Professor für Geodäsie an der ETH Zürich. Er war aktives Mitglied des Schweiz. Vereins für Vermessung und Kulturtechnik SVVK (heute Geosuisse) und der Schweiz. Photogrammetrischen Gesellschaft (heute Schweizerische Gesellschaft für Photogrammetrie und Fernerkundung SGPF). Er diente von 1978 bis 1984 als Chefredaktor der Fachzeitschrift Vermessung, Photogrammetrie, Kulturtechnik (heute Geomatik Schweiz). Die Schweiz. Naturforschende Gesellschaft SNG (heute Akademie der Naturwissenschaften Schweiz SCNAT) wählte ihn 1965 in die Schweiz. Geodätische Kommission SGK. In deren Auftrag vertrat er die Schweiz in der Subkommission RETRIG der Internationalen Assoziation für Geodäsie IAG.

Conzett trat am 30. September 1987, im Alter von 65 Jahren, als Professor der ETH in den Ruhestand. Er starb am 29. Oktober 1987 in Zürich an den Folgen eines Herzinfarkts.

Werdegang

Bereits während seines Studiums an der ETH Zürich war Rudolf Conzett zeitweise als Assistent bei Fritz Kobold tätig. 1948 schloss er sein Studium als Vermessungsingenieur ETH mit dem Diplom ab. Anschliessend absolvierte er eine zweijährige Geometerpraxis in St. Gallen und im Ingenieurbüro von Karl Weissmann in Zürich, wo er erste praktische Erfahrungen als Ingenieurgeometer in der amtlichen Vermessung sammelte. Von 1951 bis 1952 arbeitete er als Forschungsassistent von Fritz Kobold am Geodätischen Institut der ETH Zürich (heute IGP). Neben dem Einblick in die aktuelle geodätische Forschung bot ihm diese Tätigkeit auch Erfahrungen im Lehrbereich, von denen er später profitierte.

Nach Erlangung des eidgenössischen Grundbuchgeometer-Patents im Jahr 1952 trat er in die Entwicklungsabteilung der Firma Kern & Co. AG in Aarau ein. Dort befasste er sich mit der Entwicklung, Konstruktion und Prüfung neuer Vermessungsinstrumente.R. Conzett: Ein neuer selbstreduzierender KERN-Tachymeter mit senkrechter Latte. In: Vermessung, Kulturtechnik und Photogrammetrie, Bd. 52 (1954), Heft 5, S. 115–118. DOI: https://doi.org/10.5169/seals-210943; Heft 6, S. 143–151. DOI: https://doi.org/10.5169/seals-210949; Heft 7, S. 167–175. DOI: https://doi.org/10.5169/seals-210953 Zur Entlastung von Fritz Kobold, dem Hauptdozenten und Leiter des Instituts für Geodäsie und Topographie, wählte die Abteilung VIII für Kulturtechnik und Vermessung der ETH Zürich Conzett 1956 zum nebenamtlichen Lehrbeauftragten für ausgewählte Kapitel der Geodäsie.

1958 erhielt Conzett eine Anstellung als beratender Ingenieur bei der Firma Karl Weissmann Ingenieure in Zürich. In dieser aufstrebenden Unternehmung für Vermessung und Photogrammetrie (sie fusionierte 1972 mit Swissair Photo AG; heute BSF Swissphoto AG) befasste er sich im Auftrag von Privatbetrieben mit dem Innovationspotential der Informatik in der Vermessung und im Strassenbau. In Zusammenarbeit mit Karl Weissmann entwickelte er als Projektleiter neue Einsatzverfahren der Photogrammetrie, die durch die automatische Registrierung der Modellkoordinaten und den Einsatz von Computern ermöglicht wurden. So entstand in Zusammenarbeit mit dem Tiefbauamt des Kantons Zürich ein modulares Programmsystem zur elektronischen Berechnung von Strassenachsen bis hin zur Trassierung und Berechnung der Absteckungselemente und für die Übertragung des Achsverlaufs ins Gelände. Die innovative Entwicklung führte zur Überflutung des Ingenieurbüros mit Rechenaufträgen und in der Folge zur Gründung eines eigenen IT-Unternehmens mit Grosscomputer. Schliesslich wurde er Geschäftsführer dieser von ihm mitbegründeten Firma Digital AG Zürich, die als erster Betrieb dieser Art in der Schweiz fortschrittliche IT-Serviceleistungen für Bau- und Vermessungsingenieurbüros und -behörden anbot.P. Gfeller: Karl Weissmann 1912–1998 (Nekrolog). In: Vermessung, Photogrammetrie, Kulturtechnik, Bd. 96 (1998), Heft 10, S. 542 Digitalisat

Lehre und Forschung Auf Antrag von Fritz Kobold, dem Leiter des Instituts für Geodäsie und Photogrammetrie der ETH, bewilligte der ETH-Rat 1965 eine dritte Professur für Geodäsie.ETH Zürich: Schulratsprotokoll, Sitzung Nr. 8 vom 12. Dezember 1964, Traktandum Nr. 174. S. 738–741. DOI: https://doi.org/10.12683/eth-96144 Der Bundesrat wählte Rudolf Conzett 1965 zum ausserordentlichen Professor und 1969 zum ordentlichen Professor und zur Übernahme des neuen Amtes. Seine Lehrverpflichtung umfasste die Anwendung der Datenverarbeitung in der Vermessung, die Kartenprojektion sowie ausgewählte Kapitel der Geodäsie. Der Professur wurde eine Assistentenstelle zugeteilt.

Conzett, der sich sehr für angewandte Mathematik interessierte, besuchte nach seiner Ernennung zum Professor Vorlesungen an der ETH über Wahrscheinlichkeitsrechnung und mathematische Statistik bei Hans Bühlmann. Er erkannte, dass er diesen eher abstrakt-mathematischen Stoff als Grundlage für den Aufbau seiner eigenen Vorlesungen benötigen würde.

Die Schwerpunkte von Conzetts LehrtätigkeitF. Kobold: Entstehung und Entwicklung des Institutes für Geodäsie und Photogrammetrie 1855–1974. In. IGP-ETHZ-Mitteilung, Nr. 32, Institut für Geodäsie und Photogrammetrie ETHZ, Zürich 1982; S. 30–31. Digitalisat waren die Fehlertheorie, die Ausgleichungsrechnung (heute auch als Parameterschätzung bezeichnet), die Informatik in Geodäsie und im Vermessungswesen sowie die Kartenprojektionslehre.

Informatik, Fehlertheorie und Parameterschätzung

Zu Beginn der 1960er Jahre gewann die Datenverarbeitung in der Geodäsie und im Vermessungswesen an Bedeutung. Conzett gehörte zu den ersten Ingenieuren, die das Potential der Computeranwendungen in diesem Fachgebiet erkannten. Bereits als Leiter seiner Informatikfirma Digital AG in Zürich entwickelte er Software und erfolgreich erste IT-Dienstleistungen für das Vermessungswesen.

Als Professor für Geodäsie an der ETH befasste er sich verstärkt mit den rechenintensiven Arbeiten in den Fachbereichen Geodäsie und Landesvermessung, beispielsweise mit der Ausgleichung geodätischer Netze.R. Conzett: Über lineare Transformationen von Triangulationsnetzen. In: Vermessung, Photogrammetrie, Kulturtechnik, Bd. 73 (1975), Heft 3–4, S. 265–268. DOI: https://doi.org/10.5169/seals-227549 Er sah seine Aufgabe darin, die Studierenden mit den neuen Möglichkeiten der Informatik vertraut zu machen.

In seiner Lehrtätigkeit strebte Conzett insbesondere eine benutzerfreundliche Software, einen interaktiven Arbeitsmodus und modulare Programmstrukturen an. Er befasste sich mit der Optimierung geodätischer Netze hinsichtlich Zuverlässigkeit und Genauigkeit und mit der Datenhaltung und dem zweckmässigen Datenfluss von der Erfassung der Messwerte über deren Aufbereitung bis hin zum Data Processing.

In den folgenden Jahren erweiterte er seine Interessensgebiete durch Studien und Arbeiten über Datenbanksysteme (DBS), Landinformationssysteme (LIS) und geografische Informationssysteme (GIS).R. Conzett: Zum Begriff «Landinformationssystem». In: Vermessung. Photogrammetrie, Kulturtechnik, Bd. 78 (1980), Heft 9, S. 373–375. DOI: https://doi.org/10.5169/seals-230180 Rudolf Conzett ist es zu verdanken, dass an der ETH der Einstieg in die Disziplin der Geoinformationssysteme GIS gelang. Schon 1980 wies er in einem Vortrag an der ETH Zürich über LandinformationssystemeR. Conzett: Landinformationssysteme. Vortrag gehalten am Tag der offenen Tür vom 12. April 1980. In: Bericht Nr. 48 aus dem IGP, Institut für Geodäsie und Photogrammetrie der ETHZ, Zürich 1981. Digitalisat. und 1983 in einer PublikationR. Conzett: Landinformationssysteme. In: Vermessung, Photogrammetrie, Kulturtechnik, Bd. 81 (1983), Heft 5, S. 157–164. DOI: https://doi.org/10.5169/seals-231630 auf die grosse Bedeutung dieser Entwicklung für das Vermessungswesen hin. GIS wurde in der Folge als Fachbereich der Geodäsie anerkannt.A. Carosio: Das Institut für Geodäsie und Photogrammetrie der ETH Zürich von 1855–2008. In: IGP-Bericht, 308, Zürich 2009, ISBN 978-3-906467-88-7, S. 8, DOI: https://doi.org/10.3929/ethz-a-005970110 Ebenfalls wichtig war die Neukonzeption der Lehre der Fehlertheorie und Ausgleichungsrechnung. Diese liess sich auf den Grundlagen der modernen linearen Algebra leichter vermitteln und vor allem auf Basis der mathematischen Statistik wesentlich wirksamer anwenden.

Conzett stand der sich rasch entwickelnden Informatikwelt aufgeschlossen gegenüber. Ein Beispiel hierfür sind Versuche unter seiner Leitung zur Online-Datenübertragung vom Feld zum Grosscomputer, Jahre bevor das Internet zur Verfügung stand. Im Rahmen seiner Diplomvermessungskurse (DVK) 1972–1986B. Mohr, W. Stähli, C. Just, V. Cebis: Diplomvermessungskurs 1976. Kurzberichte, in: IGP Bericht, Nr. 5 Digitalisat, sowie Nr. 6–9, Institut für Geodäsie und Photogrammetrie der ETHZ, Zürich 1977. in Thusis (GR) gelang es, die geodätischen Messdaten über ein Terminal via Telefonleitung unter Verwendung des Netzwerkprotokolls TCP/IP ins Rechenzentrum der ETH Zürich zu übertragen.R. Conzett: Diplomvermessungskurs 1986, Verschiebungsmessungen am Heinzenberg, Photogrammetrisches Testfeld Heinzenberg, Verifikation von VPV-Operaten am Heinzenberg, Eichung der Distanzmesser. Bericht, Institut für Geodäsie und Photogrammetrie ETHZ, Zürich 1987, S. 10, Digitalisat So wurden z. B. anlässlich des DVK 1976 die Ausgleichung des geodätischen 3D-NetzesD. Schneider: Raumnetz Thusis. In: Vermessung, Photogrammetrie, Kulturtechnik, Bd. 76 (1978), Heft 1, S. 82–84. DOI: https://doi.org/10.5169/seals-229211 vom Einsatzort aus durchgeführt und die Resultate vor Ort überprüft. Rudolf Conzett gilt als ein Pionier der Informatik in der Geodäsie und im schweizerischen Ingenieurwesen.

Geodäsie, Landesvermessung und Kartografie