Die Stelzenrallen (Mesitornithidae) sind eine aus nur drei Arten in zwei Gattungen bestehende Familie rallenartiger Vögel. Sie kommen endemisch auf Madagaskar vor und werden von der IUCN als gefährdet eingestuft. Ihr Bestand wird auf 154.000 Individuen geschätzt (2021).Callaghan, C.T., Nakagawa, S., & Cornwell, W.K. (2021). Global abundance estimates for 9,700 bird species. Proceedings of the National Academy of Sciences. 118 (21), e2023170118, doi:10.1073/pnas.2023170118.
Merkmale Körperbau Stelzenrallen sind ausgesprochene Bodenbewohner mit kurzen, runden Flügeln und sehr kräftigen Beinen und Füßen. Die Körperlänge beträgt etwa 30 cm, wovon etwa die Hälfte auf den Schwanz entfällt. Der Kopf erscheint im Vergleich zum Körper recht klein, der an der Basis kräftige Schnabel ist bei den beiden Arten der Gattung Mesitornis wenige Zentimeter lang und nur schwach nach unten gebogen, bei der Halbwüsten-Stelzenralle erreicht der Schnabel etwa Kopflänge und weist eine deutliche, sichelförmige Biegung auf. Stelzenrallen haben keine Bürzeldrüse, ebenso wenig wie einen Kropf. Sie besitzen infolge der fehlenden Bürzeldrüse Puderdunen.
Färbung Die drei Arten sind alle mehr oder minder braun befiedert, der Anteil der grauen und weißen Befiederung, die vor allem an Bauch und Brust vorkommt, variiert. Zwei der drei Arten, die Kurzfuß-Stelzenralle und die Halbwüsten-Stelzenralle, zeigen dunkle Flecken auf dem ansonsten hellen Brust- und Bauchgefieder. Das Auge ist von einem schmalen Ring nackter Haut umgeben, hinter oder unmittelbar über dem Auge verläuft ein heller Streifen entlang des Halses zum Nacken. Die Färbung der Beine ist blass rot oder olivefarben. Einen Geschlechtsdimorphismus zeigt lediglich die Halbwüsten-Stelzenralle.
Bewegung Stelzenrallen halten den Rücken stets parallel zum Erdboden, der Kopf wird beim langsamen Laufen von zwei Arten nach vorn gestreckt und bildet dann mit der Wirbelsäule eine Linie. Nur die Halbwüsten-Stelzenralle trägt den Kopf zeitweise etwas höher als den restlichen Körper. Die Schwanzfedern werden äußerst selten aufgerichtet, sie bilden mit Kopf und Körper eine Linie und tragen so zum stromlinienförmigen Eindruck der Vögel bei. Der Gang erscheint niemals hastig, Stelzenrallen rennen nur, wenn Gefahr droht oder Beute verfolgt wird. Charakteristisch für die Bewegungen der Stelzenrallen sind ein je nach Art unterschiedlich stark ausgeprägtes Nicken des Kopfes nach jedem Schritt und ein kurzes Wippen der Schwanzfedern. Generell fliegen alle drei Arten nur selten, lediglich zur Flucht oder zum Erreichen eines sicheren Schlafplatzes auf einem Baum werden die Flügel mit schnellem, lautem Flügelschlag eingesetzt. Das Flugvermögen ist nur gering ausgeprägt, Stelzenrallen legen daher selten mehr als 20 bis 30 Meter in der Luft zurück.
Stimme Die Tiere verfügen über eine große Bandbreite an Lauten, die einzeln als Signale zur Kommunikation innerhalb einer Gruppe eingesetzt werden können, jedoch auch zu Gesängen ausgebaut werden. Männchen und Weibchen der Kurzfuß-Stelzenralle und der Einfarb-Stelzenralle singen ein von den Männchen initiiertes, etwa 30 Sekunden andauerndes Duett, bei dem sie verschiedene Partien singen. Während Männchen auch allein kürzere Strophen vortragen, singen Weibchen fast niemals allein. Singende Stelzenrallen bringen Gruppen in benachbarten Territorien dazu, ebenfalls einen Gesang anzustimmen. Zudem singen manchmal nur die Weibchen benachbarter Gruppen einander zu.
Der Gesang der Einfarb-Stelzenralle besteht aus sehr lauten, oft wiederholten und ineinander übergehenden Rufen, die wie „hütjühütjühütjü“ klingen. Am häufigsten ist der Gesang in den frühen Morgenstunden kurz vor und nach Sonnenaufgang zu hören, nicht selten wird er noch nach dem Aufwachen am Schlafplatz angestimmt. Im Laufe des Tages nimmt die Häufigkeit des Gesanges ab, nach dem späten Vormittag schweigen die Vögel gänzlich bis zum nächsten Morgen. Während der Brutsaison singt vor allem die Halbwüsten-Stelzenralle häufiger und länger als außerhalb der Brutzeit, eine wie „züzüzü zizizizizi ürr“ klingende Lautfolge wird dann zu 30 bis 45 Sekunden andauernden Strophen aneinandergereiht. Im Laufe einer Strophe geht das zunächst hörbare „züzüzü“ in ein „zizizi“ über. Man geht davon aus, dass das „ürr“ von einem zweiten Individuum beigesteuert wird, auch diese Art singt folglich ein Duett. Da die Kurzfuß-Stelzenralle die in allen Aspekten am besten erforschte Stelzenralle ist, sind weitere Lautäußerungen vor allem von dieser Art bekannt. Jungvögel rufen ihre Eltern während der Nahrungsaufnahme mit einem schwätzenden Kontaktruf, der wie „pop-pop-pop“ klingt, adulte Vögel halten untereinander mit einem wie Zähneklappern klingenden, für etwa fünf Sekunden andauernden „bub-bub-bub“ Kontakt. Auch zur Begrüßung zwischen Individuen wird dieser Laut eingesetzt. Nach einer Verpaarung wird eine kurze, sehr laute und wie „quiiquiiquii“ klingende Lautäußerung abgegeben.
Einfarb-Stelzenrallen halten untereinander mit einem leisen „tschuck“ Kontakt. Über die Lautäußerungen der Halbwüsten-Stelzenralle ist wenig bekannt, von Küken dieser Art geäußerte Laute ähneln den Rufen von Hühnerküken. Der Alarmruf aller Stelzenrallen ist ein zischender oder zwitschernder, scharfer Ton.
Verbreitung und Lebensraum mini|Verbreitung der Mesitornithidae: Kurzfuß-Stelzenralle: grün; Einfarb-Stelzenralle: orange; Halbwüsten-Stelzenralle: blau Alle Stelzenrallen leben endemisch auf Madagaskar, wo sie in den zunehmend rarer werdenden bewaldeten Gebieten und trockenen Buschsavannen vorkommen. Es werden sowohl dichte Primärwälder als auch lichte Sekundärwälder und offenere, baumbestandene Gebiete bewohnt. Plantagen und andere durch Menschenhand angelegte Pflanzungen werden von Stelzenrallen gemieden. Der bevorzugte Aufenthaltsort der Arten der Gattung Mesitornis ist dichter Wald, die Halbwüsten-Stelzenralle besiedelt die offenere Landschaft. Ursprünglich wurden die drei Arten der Stelzenrallen als allopatrisch angesehen, denn jedes Ökosystem des madagassischen Tieflandes schien nur von einer anderen Art bewohnt zu sein. Die Einfarb-Stelzenralle schien ausschließlich in den östlich gelegenen Feuchtwäldern zu existieren, die Kurzfuß-Stelzenralle nur in den westlichen Trockenwäldern und die dritte Art, die Halbwüsten-Stelzenralle, in den offeneren Spiny forests des Südwestens. Diese Einteilung kann jedoch nur bedingt aufrechterhalten werden, da 1990 im östlichsten Teil des madagassischen Feuchtwaldes ein Paar der Kurzfuß-Stelzenralle entdeckt wurde, die folglich zusammen mit Mesitornis unicolor ein Habitat bewohnt. Weitere Nachweise in diesem Habitat existieren jedoch nicht. Stelzenrallen sind weitgehend standorttreu. Alle Arten kommen jeweils nicht im gesamten Areal des vorhandenen und geeigneten Habitats vor. Dies liegt möglicherweise an der schlechten Flugfähigkeit, auf Grund derer breite Flüsse nicht überquert werden können. Areale mit einer dicken Laubschicht und spärlichem Bodenbewuchs werden von den Vögeln mit Vorliebe besucht, da sie dort als bodenlebende Insektenfresser üppige Vorkommen ihrer Beuteorganismen vorfinden.
Streifgebiet und Zugverhalten Kurzfuß-Stelzenrallen verteidigen Territorien, die 2 bis 15 Hektar groß sind. Während eines Tages legen die Vögel innerhalb ihres Territoriums Wegstrecken zwischen 500 Metern und einem Kilometer zurück. Die Schlafplätze werden oft gewechselt, teilweise jedoch wiederholt genutzt. Für die zwei weiteren Arten nimmt man vergleichbare Werte und Verhaltensweisen an.
Nur die Einfarb-Stelzenralle unternimmt Wanderungen. Sie wandert im Winter vermutlich in Höhenlagen unter 500 m und lebt zur Brutzeit in höher gelegenen Gebieten.
Lebensweise Alle Arten der Familie Mesitornithidae gelten als scheu und vorsichtig und sind daher im Großteil ihres Verbreitungsgebietes nur schwer zu beobachten, am seltensten zu beobachten und am schlechtesten erforscht ist die Einfarb-Stelzenralle, die in sehr geringen Populationsdichten vorkommt und deren Habitat in weiten Teilen unzugänglich ist.
Aktivität Die stärkste Aktivität zeigen Stelzenrallen in den frühen Morgenstunden und am frühen Abend. Während der heißen Mittagsstunden ruhen die Tiere an einem schattigen Ort. Alle drei Arten halten sich fast ausschließlich auf dem Boden auf, Bäume werden nur aufgesucht, um dort zu schlafen oder zu nisten. Wenn möglich, klettern die Vögel zum Aufsuchen ihres Brut- oder Schlafplatzes über Rankpflanzen oder niedrigere Vegetation in einen Baum, sehr selten nur fliegen sie hinauf. Über das Komfortverhalten der Stelzenrallen liegen keine Informationen vor.
Soziales und antagonistisches Verhalten Stelzenrallen bilden je nach Art aus mindestens einem Brutpaar und zeitweise dessen Nachwuchs bestehende Gruppen. Im Falle der Kurzfuß-Stelzenralle besteht ein Verband in der Regel aus den offenbar lebenslang monogam lebenden Elterntieren und den Jungtieren der letzten Brut. Halbwüsten-Stelzenrallen bilden größere Gruppen, deren genaue Zusammensetzung jedoch bislang nicht erforscht ist. Auch Einfarb-Stelzenrallen leben in Paaren, die jedoch nur selten ein Jungtier bei sich führen. In den Gruppen spielt der Kontakt unter den Individuen eine große Rolle, die Vögel betreiben gegenseitige Gefiederpflege und schlafen gemeinsam. Vor allem bei der Kurzfuß-Stelzenralle kommt es immer wieder vor, dass Gruppenmitglieder sich um größere Beutetiere streiten. Gruppen verteidigen Territorien, die sich mit denen benachbarter Gruppen überschneiden können. Bei einem Zusammentreffen der Gruppen kann es zu Territorialkämpfen kommen, während derer die Tiere nacheinander hacken und treten sowie zum Imponieren senkrecht in die Höhe flattern.
Oft werden Stelzenrallen von kommensalistisch lebenden Arten wie dem Haubendrongo begleitet. Diese Arten fressen die den Stelzenrallen entkommenen Invertebraten und jagen ihnen gelegentlich auch Futtertiere ab, was sie dann zu Nahrungsparasiten macht. Andere Vögel halten sich regelmäßig in der Nähe von Stelzenrallen auf, obwohl sie mit ihnen anscheinend nicht interagieren. Es wird vermutet, dass die Tiere gegenseitigen Nutzen aus der besseren Überwachung der Umgebung und somit aus dem besseren Schutz vor Prädatoren ziehen.
Bei Bedrohung durch einen Prädator, im Falle der Stelzenrallen vor allem durch Madagaskarhabicht und Mensch, fliehen die Tiere in dichte Vegetation oder verharren bewegungslos an ihrem Standort. Halbwüsten-Stelzenrallen lösen, wenn sie sich bedroht fühlen, gelegentlich die Gruppenstruktur auf, fliehen in verschiedene Richtungen und verharren schließlich regungslos. Eine weitere Fluchttaktik besteht darin, auf einen Ast zu fliegen und sich dort flach und bewegungslos gegen die Rinde zu pressen. Die auf Madagaskar lebenden Madagaskar-Mangusten – wie der Schmalstreifenmungo und der Ringelschwanzmungo – werden von Stelzenrallen nicht als Gefahr angesehen. Die Vögel ändern ihr Verhalten beim Auftauchen eines dieser Tiere kaum und gehören offensichtlich nicht zu deren Beutespektrum.
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