Glyn Wendy Humphreys (* 28. Dezember 1954 in Ormskirk; † 14. Januar 2016 in Hong Kong) war ein britischer kognitiver Neuropsychologe und Watts Professor of Experimental Psychology an der Oxford University.Magdalena Chechlacz; Celine R Gillebert: A tribute to professor Glyn Humphreys auf National Library of Medicine, abgerufen am 15. Juni 2026.John Duncan: Humphreys, Glyn William, 1954–2016 auf The British Academy, abgerufen am 15. Juni 2026.
Leben Er wuchs er in Aughton in West Lancashire auf. Sein gleichnamiger Vater war Dozent für Gebäudemanagement an der University of Liverpool, seine Mütter hieß Dorothy (geb. Cross). Nach der Grundschule erhielt er ein Stipendium für die Merchant Taylors’ Boys’ School in Crosby. Bereits als Teenager hatte er sich ehrenamtlich in einem Hospiz für psychisch kranke Kinder engagiert und hat außerdem in der Camphill Community für Menschen mit Lernschwierigkeiten in den North York Moors gearbeitet. Er erwarb 1976 einen Bachelor-Abschluss an der University of Bristol in Psychologie, danach promovierte er 1980 hier zum Ph.D. in Psychologie.
Seine erste Dozentenstelle erhielt er am Birkbeck College in London. 1988 übernahm er dort die Stelle als Abteilungsleiter, kurz darauf wechselte er als Abteilungsleiter an das Brain and Behavioural Sciences Centre innerhalb der School of Psychology der University of Birmingham. 2011 übernahm er die Leitung der Psychologie-Abteilung am Cognitive Neuropsychology Centre in dem Department of Experimental Psychology der University of Oxford. Zuletzt war er hier Watts-Professor of Experimental Psychology und Leiter des Fachbereichs Experimentelle Psychologie an der Universität Oxford.
Werk Er leistete bedeutende Beiträge zum Verständnis der kognitiven und neuronalen Mechanismen der visuellen Wahrnehmung, der Aufmerksamkeit, der Handlungssteuerung, des Gedächtnisses, der Sprache und der sozialen Kognition. Seine Untersuchungen zum Mechanismus der visuellen Suche und Selektion in verschiedenen Bezugssystemen basierten auf Daten neuropsychologischer Patienten mit Neglect, Apraxie und Simultanagnosie. Er erkannte, dass die Verknüpfung spezifischer Muster von Hirnschädigungen mit Defiziten in bestimmten kognitiven Prozessen ein wirkungsvolles Instrument darstellt, um allgemeine Theorien über die normale menschliche Kognition zu überprüfen. Ungewöhnlich war sein Vorgehen, Patienten an zahlreichen gesellschaftlichen Veranstaltungen teilnehmen zu lassen, darunter seine berühmten Weihnachtsfeiern, und in das Leben seiner Forschungsgruppe zu integrieren.
Seine neuropsychologischen Grundlagenuntersuchungen an Patienten mit Hirnverletzungen führte er in Form funktioneller Bildgebungsstudien und computergestützter Modellierung durch. Sein Modell der selektiven Aufmerksamkeit und Identifikation (SAIM) der visuellen Aufmerksamkeit veranschaulicht, wie die neuropsychologische Untersuchung von Aufmerksamkeitsdefiziten bei Patienten mit Hirnverletzungen in Kombination mit Hirnaktivitätsdaten die computergestützte Modellierung der visuellen Aufmerksamkeit beeinflussen kann. Neben Aufmerksamkeit und Bewusstsein galt ein frühes Forschungsinteresse der Wahrnehmung von Buchstaben und Wörtern. Vor der Einführung von Laborcomputern verwendete er das Tachistoskop, um eine präzise Kontrolle über die Reizdarbietung und dessen Zeitpunkt zu erreichen. Er wandte beispielsweise das tachistoskopische Vorgehen an, um zu untersuchen, wie Buchstabenidentitäten die Worterkennung beeinflussen. In seinem „Vier-Felder-Verfahren“ begann jeder Durchgang mit einem sinnlosen Reiz als „Maske“, gefolgt von einer kurzen Buchstabenfolge oder einem „Prime“, einem kurzen Wort, das die Probanden nach Möglichkeit identifizieren sollten, und schließlich wieder der Maske. Unter diesen Umständen waren sich die Probanden des Primes weitgehend nicht bewusst, dennoch wurde das Wort besser erkannt, wenn der Prime einige Buchstaben mit dem Wort gemeinsam hatte. Diese Experimente, die in den Anfängen der Kognitionspsychologie durchgeführt wurden, sind aufgrund ihrer Erkenntnisse über abstrakte Buchstabenkodierung, Worterkennung und Bewusstsein bis heute wichtig. Er verwendete auch die Methode der transkraniellen Magnetstimulation (TMS), um die gängige Auffassung über die komplementären Rollen des linken und rechten Parietallappens bei der Aufmerksamkeitsselektion zu widerlegen.
Später wandte er sich zunehmend der klinischen Anwendung neuropsychologischer Erkenntnisse zu. So veröffentlichte er den BCoS (Birmingham Cognitive Screen), ein umfassendes Screening-Verfahren für neuropsychologische Beeinträchtigungen, und er begann, dessen Anwendung im britischen Gesundheitswesen (NHS) und international aktiv zu fördern. Das Verfahren dient auch zur Überprüfung der Wirksamkeit einer Schlaganfallrehabilitation. Von der kürzeren Version, dem OCS (Oxford Cognitive Screen), erwartete er, dass er sich international als Standardinstrument zur Schlaganfalldiagnostik etablieren würde, wobei das Verfahren bereits in etwa einem Dutzend Ländern weltweit eingesetzt wird. Zum Zeitpunkt seines Todes arbeitete er an einer tabletbasierten Version, um die Belastung durch Papier- und Bleistifttests für klinische Neuropsychologen und Ergotherapeuten zu reduzieren.
Ehrungen/Positionen 2013 bis 2016: Distinguished Professor-Professur an der Universität Hongkong 2015: Lifetime Achievement Award der British Psychological Society 2014: Vorsitzender des Research Excellence Framework-Gremiums für Psychologie, Neurowissenschaften und Psychiatrie 2013: Donald-Broadbent-Preis der Europäischen Gesellschaft für Kognitive Psychologie 2012 bis 2014: Präsident der British Neuropsychology Society 2011: Sonderprofessur der Chinesischen Akademie der Wissenschaften 2009: Mitglied der British Academy 2002 bis 2004: Präsident der Experimental Psychology Society 2002: Ehrenmitgliedschaft in der Belgischen Gesellschaft für Experimentelle Psychologie 1999: Präsidentenpreis der British Psychological Society 1998: Humboldt-Forschungsstipendium 1998: Leibniz-Vorlesung an der Universität Leipzig 1986: Spearman-Medaille der British Psychological Society Mitherausgeber der Zeitschrift „Neuropsychologia“ Gründung der Fachzeitschrift „Visual Cognition“ Herausgeber der Fachzeitschrift „Journal of Experimental Psychology: Human Perception and Performance“
Privates In Bristol hatte er bereits seine erste Frau Pauline geheiratet, doch die Ehe hielt nicht. 1981 lernte er am Birkbeck College in London seine späteren Ehefrau Jane Riddoch kennen, eine klinische Neuropsychologin, die damals gerade promovierte und später Professorin für kognitive Neuropsychologie an der University of Oxford wurdeProfessor Jane Riddoch. Emeritus Fellow auf St Hugh’s College der University of Oxford, abgerufen am 15. Juni 2026.. Die beiden heirateten 1984 und zogen Janes zwei Söhne aus erster Ehe, Iain und Alec, sowie ihre gemeinsame Tochter Katie groß. Ihr Privat- und Forschungsleben war eng miteinander verbunden und ihre Ideen wurden durch die vielfältigen neuropsychologischen Patienten, denen sie täglich in der Klinik begegneten, immer wieder neu angeregt. Er begeisterte sich für alle Arten von Wettkampfsport, von Strandspielen bis hin zu Cricketspielen, die er bis weit in seine Fünfziger hinein organisierte. Sein Leben lang verfolgte er unermüdlich die Erfolge und die Niederlagen des FC Everton. Als Amateurgitarrist und Blockflötenspieler organisierte er in seiner Jugend ausgedehnte Jam-Sessions im Elternhaus, und vierzig Jahre später spielte er immer noch Blockflöte und leitete den Nachbarschaftschor in Birmingham. Er verstarb mit 61 Jahren während eines Gastaufenthalts in Hongkong bei einem Lauf an einem Herzinfarkt.Experimental Psychology mourns the sudden death of Professor Glyn Humphreys auf University of Oxford vom 3. Februar 2016, abgerufen am 15. Juni 2026.
Publikationen (Auswahl) Monografien Mit M. Jane Riddoch: To See but Not to See: A Case Study of Visual Agnosia. Taylor & Francis Ltd, Abingdon-on-Thames 2027, ISBN 978-1-138-41155-5. Mit Jane M. Riddoch: BORB: Birmingham Object Recognition Battery. Psychology Press, New York, NY 2022, ISBN 978-1-00-014425-3. Mit Wai-Ling Bickerton; Jane M. Riddoch: BCoS Cognitive Screen: Examiner's Booklet B. Psychology Press, New York, NY 2012, ISBN 978-1-84872-110-4. Mit Wai-Ling Bickerton; Dana Samson; M. Jane Riddoch: BCoS Cognitive Screen. Taylor & Francis Ltd, Abingdon-on-Thames 2012, ISBN 978-1-84872-099-2. Attention, Perception and Action: Selected Works of Glyn Humphreys (World Library of Psychologists). Routledge, Abingdon 2016, ISBN 978-1-138-88953-8. Mit Rob Ellis: Connectionist Psychology: A Textbook with Readings. Psychology Press New York, NY 1999, ISBN 978-0-86377-786-8. Case Studies in the Neuropsychology of Vision. Taylor & Francis Ltd, Abingdon-on-Thames 1999, ISBN 978-0-86377-895-7 Mit Vicki Bruce: Visual Cognition: Computational, Experimental, and Neuropsychological Perspectives. Psychology Press, New York, NY 1989, ISBN 978-0-86377-124-8.
Herausgeberschaften Mit M. Jane Riddoch: Visual Object Processing: A Cognitive Neuropsychological Approach (Psychology Library Editions: Perception, Band 15). Routledge, Abingdon 2017, ISBN 978-1-138-20973-2. Mit Derek Besner: Basic Processes in Reading: Visual Word Recognition. Routledge, Abingdon 1990, ISBN 978-0-8058-0219-1.
Zeitschriftenartikel/Buchbeiträge Mit Maryem Torres-Quesada; Alicia Leiva; Juan Lupiáñez; María J. Funes: A process-specific approach in the study of normal aging deficits in cognitive control: What deteriorates with age? . In: Acta Psychologica, 2022, 227, 103625. Mit Jarrod Hollis; Peter M. Allen: Intermediate, Wholistic Shape Representation in Object Recognition: A Pre-Attentive Stage of Processing?. In: Frontiers in Human Neuroscience, 2021, 15. Mit Nir Shalev; Nele Demeyere: Manipulating perceptual parameters in a continuous performance task. In: Behavior research methods, 2017, 150, S. 1–12. Mit Ayla Barutchu; Charles Spence: Multisensory enhancement elicited by unconscious visual stimuli. In: Experimental brain research, 2017, S. 1–9. Mit Nir Shalev; Nele Demeyere: Manipulating perceptual parameters in a continuous performance task. In: Behavior research methods, 2017, S. 1–-12. Mit Nele Demeyere; M. J. Riddoch; E. D. Slavkova; K. Jones; I. Reckless; P. Mathieson: Domain-specific versus generalized cognitive screening in acute stroke. In: Journal of neurology, 2015, 263 (2), S. 306–315. Mit Jie Sui: More of me! Distinguishing self and reward bias using redundancy gains. In: Attention, perception, & psychophysics, 2015, 77 (8), S. 2549–2561. Mit Giles M. Anderson: Top-down expectancy versus bottom-up guidance in search for known color-form conjunctions. In: Attention, perception, & psychophysics, 2015, 77 (8), S. 2622–2639. Mit Progress Njomboro; Shoumitro Deb: Exploring social cognition in patients with apathy following acquired brain damage. In: BMC neurology, 2014, 14 (1), S. 1–11. Mit David Soto; Dietmar Heinke; Manuel J Blanco: Early, involuntary top-down guidance of attention from working memory. In: Journal of Experimental Psychology: Human Perception and Performance, 2005, 31 (2), S. 248–261. Mit Dana Samson; Ian A Apperly; Claudia Chiavarino: Left temporoparietal junction is necessary for representing someone else's belief. In: Nature neuroscience, 2004, 7 (5), S. 499–500. Mit Adam C. G. Cooper; Johan Hulleman; Peter Praamstra; Mark Georgeson: Transcranial magnetic stimulation to right parietal cortex modifies the attentional blink. In: Experimental brain research, 2003, 155 (1), S. 24–29. Mit Takatsune Kumada: Cross-dimensional interference and cross-trial inhibition. In: Perception & psychophysics, 2002, 64 (3), S. 493–503. Mit Jane M. Riddoch: One more cup of coffee for the road: object–action assemblies, response blocking and response capture after frontal lobe damage. In: Experimental brain research, 2000, 133 (1), S. 81–93.