mini|Das „flammend sich hin und her wendende Schwert“ als feuriges Rad (Wiener Genesis) Das „sich wendende/sich drehende/zuckende“ Flammenschwert () ist ein Motiv aus der Paradieserzählung im Buch Genesis der Hebräischen Bibel. Es ist eine nach der Vertreibung des Menschen aus dem Garten Eden gemeinsam mit den Cherubim aufgestellte Wächterinstanz, die den Zugang zum Garten und insbesondere den Weg zum Baum des Lebens versperrt . Arie van den Born: Schwert, Flammenschwert. In: Herbert Haag (Hrsg.): Bibel-Lexikon, 2. Aufl., Tübingen 1968, Sp. 1563f., hier: Sp. 1563. Andreas Michel: Baum der Erkenntnis / Baum des Lebens (2015). In: Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet (Zugriff am 15. Juni 2026).
In der Rezeptionsgeschichte findet sich die Vorstellung, die Cherubim trügen dieses Schwert.Matthias Exner: Flammenschwert. In: Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte, Bd. IX, München 1993, Sp. 693–744. Sie ist allerdings mit dem Bibeltext nicht vereinbar; Cherubim sind dort nie mit einem Schwert ausgestattet. Vielmehr handelt es sich um zwei voneinander unabhängige Motive: die Cherubim einerseits und das zuckende Flammenschwert andererseits.Arie van den Born: Schwert, Flammenschwert. In: Herbert Haag (Hrsg.): Bibel-Lexikon, 2. Aufl., Tübingen 1968, Sp. 1563f., hier: Sp. 1563.
Exegese Die hebräische Phrase ist schwierig und bietet daher Ansatzpunkte für verschiedene Interpretationen.
Da das Verb „brennen, glühen“ bedeutet, kann für das sonst nicht bezeugte Substantiv die Bedeutung „Flamme“ angenommen werden.Gesenius. 18. Aufl. 2013, S. 598. Das Synonym bedeutet sowohl „Flamme“ als auch „Speerspitze, Klinge (des Kurzschwertes)“,Gesenius. 18. Aufl. 2013, S. 597. vielleicht angeregt dadurch, dass das Schwert eine ähnliche Form hat wie eine Flamme. Diese Doppeldeutigkeit kann auch für das Substantiv lahaṭ vermutet werden. Die Constructus-Verbindung lahaṭ haḥæræv kann folglich sowohl mit „Flamme des Schwertes“ als auch mit „Schneide des Schwertes“ übersetzt werden. Nur auf den ersten Blick ist die Übersetzung „Schneide des Schwertes“ plausibler. Denn ugaritische und akkadische Texte kennen die Vorstellung flammender und bewaffneter göttlicher Wesen, wobei auch an eine schwertförmige Gestalt des göttlichen Wesens gedacht sein kann.Alice Wood: Of Wings and Wheels, Berlin/Boston 2008, S. 53 f. hammithapækhæt ist ein Partizip Hitpael des Verbs „umwenden, umstürzen“;Gesenius. 18. Aufl. 2013, S. 283. die Exegeten verweisen auf das „rollende“ Brot in – hier wird im hebräischen Original ebenfalls das Verb hāfakh verwendet. Als Femininum Singular bezieht sich hammithapækhæt eindeutig auf haḥæræv das Schwert.Alice Wood: Of Wings and Wheels, Berlin/Boston 2008, S. 53 f. Für die gesamte Phrase ergibt sich als relativ wörtliche Übersetzung: „die Flamme des zuckenden Schwertes“ (Zürcher Bibel und Elberfelder Bibel).Vgl. Gesenius. 18. Aufl. 2013, S. 284: „das blitzende Schwert (eigtl.: das sich windende Schwert).“ Die Einheitsübersetzung 2016 bietet „das lodernde Flammenschwert“, die Lutherbibel 2017 „das flammende, blitzende Schwert“.
Die Zuordnung der Cherubim und der „Flamme des zuckenden Schwertes“ bleibt unsicher. In der älteren Exegese wurden zwei Interpretationen vorgeschlagen: In altorientalischer Ikonographie können Blitze Attribute von Gottheiten sein. Diesem Interpretationstyp folgte beispielsweise Gerhard von Rad: Neben den Cherubim „(also nicht in ihrer Hand!) ist die Flamme des zuckenden Schwertes genannt, worin man ohne Zweifel eine mythische Vergegenständlichung des Blitzes sehen muß (vgl. ).“Gerhard von Rad: Das erste Buch Mose. Kap. 1−12,9 übersetzt und erklärt (= Das Alte Testament Deutsch, Band 2). 3. durchgesehene Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1953, S. 79. Umberto Cassuto sah in den Cherubim einerseits die aus dem Alten Orient bekannten Kompositwesen mit Wächterfunktion, andererseits die Winde; das Flammenschwert bezeichne folglich die hierhin und dahin zuckenden Blitze, die aus den Wolken „wie ein scharfes Schwert, geführt von der Hand der Cherubim“ aufscheinen.Umberto Cassuto: A Commentary on the Book of Genesis. Band 1, Magnes Press, Jerusalem 1961, S. 176. (Neuhebräisches Original Jerusalem 1944, mehrere Auflagen) Es handelt sich um eine magische Waffe JHWHs. Hermann Gunkel vertrat in seinem klassischen Genesis-Kommentar diese Deutung: „Die Flamme des sich drehenden Schwertes, von den Malern dem Kerub in die Hand gegeben, ist in Wirklichkeit ein Wesen für sich, eine Art Dämon; es ist beseelt oder nach hebräischem Ausdruck: es hat einen ‚Geist‘… . Auch die Propheten reden von Jahves Schwert als einem selbständigen dämonischen Wesen Jes 27,1 34,5 Jer 47,6 Ez 21,8ff. … Ein solches Schwert ist um so furchtbarer, als man sich nicht dagegen verteidigen kann. … Diese Vorstellung vom Flammenschwert ist mythologischer Natur und stammt ebenso wie die Keruben irgendwoher aus der Fremde.“Hermann Gunkel: Genesis, übersetzt und erklärt (= Göttinger Handkommentar zum Alten Testament). 5. Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1922, S. 25 (Digitalisat)
Claus Westermann folgte Gunkels Interpretation insofern, als er in dem „zuckenden Flammenschwert“ eine gegenüber den Cherubim selbständige, aus anderer Überlieferung stammende Vorstellung sah. Er verwies auf sumerische Mythen, in denen von Waffen wie von selbständigen Wesen die Rede ist, und auf das „Racheschwert Gottes“ als einer personifizierten Waffe in den biblischen Prophetenbüchern. „Der hebräische Ausdruck ‚das zuckende Flammenschwert‘ läßt an einen Blitz denken, und der Blitz begegnet häufig als Waffe eines Gottes; beides geht ineinander über.“Claus Westermann: Genesis, 1. Teilband. Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 1974, S. 374.
Neben diesen beiden Haupttypen wurden weitere Deutungen vertreten. Marcus Antonius van den Oudenrijn brachte die Flamme mit den Seraphim in Verbindung und nahm eine militärische Wache unter einem Seraphen an, der den Namen „Flamme des zuckenden Schwertes“ getragen habe.Marcus Antonius van den Oudenrijn: De zonde in den tuin. Een exegetische studie over Genesis II 4b-III,24, Roermond 1939, S. 128: „In der traditionellen Angelologie unserer Theologen gelten diese Seraphim als Engel des höchsten Chores. Nun begegnen wir sowohl im Alten als auch im Neuen Testament wiederholt der Vorstellung, dass die Engel ein Heer bilden unter dem Kommando bestimmter Engel als Kriegsobersten ... Und so sollten wir hier noch am ehesten an eine militärische ‚Wache‘ von ‚Cherubim‘ unter Befehl eines bestimmten ‚Seraphen‘ denken, der den Eigennamen oder den Ehrentitel ‚Flamme des zuckenden Schwertes‘ führt. Solch ein Name oder Ehrentitel ist in den semitischen Sprachen für einen Heerführer nicht undenkbar, es lasen sich Analogien z. B. im Arabischen und im Äthiopischen anführen.“ Adrianus van den Born dachte an das rächende Schwert Gottes, das in der prophetischen Literatur als eigenständige Größe begegnet (; ; ; ). Die Flamme würde dann das Aufflammen oder Aufblitzen dieses Schwertes bezeichnen.Arie van den Born: Schwert, Flammenschwert. In: Herbert Haag (Hrsg.): Bibel-Lexikon, 2. Aufl., Tübingen 1968, Sp. 1563f. Zum Sprachlichen vgl. insbes. Murray H. Lichtenstein: The Fearsome Sword of Genesis 3:24. In: Journal of Biblical Literature 134/1 (2015), S. 53–57. Ronald S. Hendel deutet das Schwert als Waffe eines Feuerwesens, das wie die Keruben als Tabuwesen die Welt Gottes von der Welt der Menschen scheidet.Ronald S. Hendel: “The Flame of the Whirling Sword”: A Note on Genesis 3:24. In: Journal of Biblical Literature, Band 104/4 (1985), S. 671–74. Murray H. Lichtenstein versteht die flammenartige Erscheinung des Schwertes als Lichtreflex einer sich rasch bewegenden Klinge und bringt dieses Bild mit den rotierenden Sicheln persischer Streitwagen in Verbindung, die dem Verfasser der Passage als Vorbild gedient haben könnten.Murray H. Lichtenstein: The Fearsome Sword of Genesis 3:24. In: Journal of Biblical Literature, Band 134/1 (2015), S. 53–57.
Nahum Sarna betont in seinem Genesis-Kommentar (1989), dass das feurige, sich immerzu wendende Schwert neben den Cherubim, nicht in ihrer Hand, eine zweite Wächterinstanz sei. Der bestimmte Artikel hier wie bei den Cherubim deute an, dass dieses Schwert eine den Israeliten bekannte Vorstellung gewesen sei, obwohl es in der Hebräischen Bibel kein zweites Mal vorkommt.Nahum Sarna: The JPS Torah Commentary, Genesis. Jewish Publication Society, Philadelphia u. a. 1989, S. 30.
Georg Fischers Kommentar (2018) stellt eine Bewachung nicht nur des Baumes, sondern auch des Weges dorthin fest. Die beiden Wächterinstanzen sind „die Kerubim und die Flamme des sich hin und her wendenden Schwertes“. Das Partizip hammithapækhæt „deutet zusätzlich die extreme Beweglichkeit des Schwertes in alle Richtungen an. So scheint unmöglich zu sein, an dieser doppelten Sicherung vorbei den Park zu betreten, ohne tödlich getroffen zu werden.“Georg Fischer: Genesis 1–11. Herder, freiburg/Basel/Wien 2018, S. 266.
Antike Übersetzungen Septuaginta Im 3. Jahrhundert v. Chr. wurde die Genesis als erstes Buch des Pentateuch von einem jüdischen Gelehrten, wahrscheinlich in Alexandria, ins Griechische übersetzt. Der hebräische Text seiner Vorlage wurde von ihm in Gen 3,24 anders gegliedert als später von den Masoreten festgelegt; so kam er zu folgender Übersetzung (Unterschiede zum Masoretischen Text kursiv): „Und er warf Adam hinaus und siedelte ihn gegenüber dem Gartenpark der Üppigkeit an und er stellte die Cherubim und das flammend sich hin und her wendende Schwert auf, um den Weg zum Baum des Lebens zu bewachen.“Deutsche Übersetzung: Septuaginta Deutsch.
Vulgata Die frühen lateinischsprachigen Christen nutzten die Vetus Latina, eine Tochterübersetzung der Septuaginta.
Hieronymus übersetzte dagegen im frühen 5. Jahrhundert den hebräischen Text: eiecitque Adam et conlocavit ante paradisum voluptatis cherubin et flammeum gladium atque versatilem ad custodiendam viam ligni vitae „Und er warf Adam hinaus und stellte vor dem Lustgarten die Kerubim und ein flammendes und bewegliches Schwert auf, um den Weg zum Baum des Lebens zu bewachen.“Deutsche Übersetzung: Michael Fieger, Widu-Wolfgang Ehlers, Andreas Beriger (Hrsg.): Biblia sacra vulgata, Lateinisch-deutsch, Band 1. De Gruyter, Berlin / Boston 2018, S. 33
Rezeptionsgeschichte Jüdische Leser Hellenistisches Judentum Philon von Alexandria kommentierte in De Cherubim die Septuaginta-Übersetzung von Gen 3,24. Er erwog, dass die Cherubim die Umlaufbewegung der Himmelssphären bedeuten, das flammend sich hin und her wendende Schwert stehe für die Sonne, „denn diese ist eine Verdichtung vielen Feuers und das schnellste aller Dinge, so dass an einem Tage die ganze Welt von ihr umkreist wird“. Philon favorisierte aber eine andere Interpretation: „Es wurde mir gesagt, dass bei dem einig einzigen und wirklich seienden Gott zwei oberste und erste Kräfte sind, die Güte und die Allmacht; mit der Güte habe Gott das All geschaffen, mit der Allmacht beherrsche er das Geschaffene; ein Drittes aber, das beide zusammenführt und zwischen ihnen vermittelt, sei die Vernunft, denn durch die Vernunft sei Gott sowohl Herrscher als gütiger (Vater). Die Cherubim seien nun Sinnbilder der beiden Kräfte Herrschermacht und Güte, Sinnbild der Vernunft aber das flammende Schwert; denn schnell beweglich und glühend heiss ist die Vernunft, und besonders die des (göttlichen) Urhebers, weil er allem voraus war, vor allem gedacht werden muss und am Ende aller Dinge offenbar sein wird.“Philon von Alexandria: De Cherubim, übersetzt von Leopold Cohn. Marcus, Breslau 1919, S. 177−179. (Wikisource)
Qumran-Literatur