Ferdinand von Sommer (* 1800 oder 1802 vermutlich in Coevorden; † 23. Juni 1849 in Atapupu oder Fialarang) war ein niederländischer oder deutscher Mathematiker, Nautiker und Hochschullehrer. Zwischen 1833 und 1838 sowie zwischen 1842 und 1844 lehrte er als Privatdozent an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität. Darüber hinaus wirkte er zeitweise auch als Journalist, Schriftsteller, Missionar, Arzt und Universalgelehrter mit vorgeblichen oder tatsächlichen Kenntnissen in den Fachgebieten Astronomie, Medizin, Metallurgie, Geologie, Markscheidewesen und Philosophie. Er selbst bezeichnete sich dabei als „wandernden Privatdozenten“. In den letzten fünf Jahren seines Lebens prospektierte er für die britischen und niederländischen Kolonialgesellschaften Rohstoffvorkommen in Australien und Indonesien.

Leben Herkunft, Familie und Ausbildung Seine Biographie ist nur lückenhaft rekonstruierbar, was unter anderem darauf zurückzuführen ist, dass er „in seinen schriftlichen Eingaben so viele unterschiedliche und sich zum Teil widersprechende Angaben gemacht“Kurt-Reinhard Biermann: Auf den Spuren des mathematischen Glücksritters Ferdinand von Sommer. In: Forschungen und Fortschritte. Band 41, Heft 8, 1967, S. 235–238. hat. Dies beginnt bereits bei seinem Geburtsjahr, für das je nach Quelle 1800 oder 1802 genannt werden. Als Geburtsort nannte von Sommer zeitweise „Converden in Brabant“ (eine solche Ortschaft ist allerdings nicht nachzuweisen) und ein anderes Mal „Coverden in Holland“, womit vermutlich Coevorden in der heutigen nordostniederländischen Provinz Drenthe gemeint ist.

Die Familie gehörte ursprünglich zum niederen Landadel aus dem Südosten Deutschlands. Vater Franz Joseph von Sommer (1769–1832) stammte jedoch aus Holzminden im Herzogtum Braunschweig. Er war Offizier, der anfangs in niederländischen, dann in westphälischen und schließlich in braunschweigischen Diensten stand. Mutter Anna Bernardina Clara Antonetta von Werlein war in Münster geboren. Ferdinand hatte mindestens drei Geschwister. Das Adelsprädikat „von“ durfte die Familie seit 1620 führen.Alexandra Ludewig: The mysterious Dr Ferdinand von Sommer (~1800–49): Western Australia’s first government geologist. In: Historical Records of Australian Science. Band 36, № 1, April 2025. Im Jahr 1827 erkannte der braunschweigische Herzog Karl II. diese Erlaubnis an und erneuerte sie. In der Zeitschrift Forschungen und Fortschritte wurde allerdings 1967 spekuliert, dass diese Nobilitierung einzig darauf zurückzuführen sei, das Ferdinands älterer Bruder Carl eine vertrauensvolle Anstellung „bei diesem völlig verkommenen Fürsten [...] besaß“.

Als der Vater 1813 im Rang eines Majors an die Königlich Westphälische Militärakademie in Braunschweig kam, besuchte auch Sohn Ferdinand diese Lehranstalt. Dies war damals eine für zwölfjährige Jungen übliche Ausbildung. Gesichert ist, dass er am 9. April 1818 am Collegium Carolinum in Braunschweig immatrikuliert wurde und als Studienfach Kameralistik angab. Später hieß es, er habe während dieser Zeit vorwiegend mathematische Studien betrieben. Am 26. Oktober 1819 schrieb er sich als Mathematikstudent an der Georg-August-Universität in Göttingen ein. Dort zeigte er besonderes Interesse an den elementaren Vorlesungen Bernhard Friedrich Thibauts. In den Göttinger Studentenverzeichnissen wurde von Sommer bis zum Sommersemester 1821 gelistet. Eigenen Angaben zufolge sei er anschließend 1824 an der Reichsuniversität Löwen in den Niederlanden durch den dortigen Rektor Franz Joseph Adelmann und den Dekan Michel Gloesener zum Dr. phil. promoviert worden.

In Berlin traf Ferdinand von Sommer die ebenfalls in Coevorden geborene Caroline Wilhelmine Lindow, die Tochter eines Berliner Kaufmanns. Der gemeinsame Sohn Carl Friedrich Wilhelm kam im Juli 1836 zur Welt. Das Paar war zu diesem Zeitpunkt nicht verheiratet, doch von Sommer wurde bei der Taufe als Vater anerkannt. Am 14. September 1838 heirateten beide in London – mutmaßlich, weil verheiratete Missionare bessere Konditionen auf ihre Reisen erhielten. Bis 1843 folgten noch die drei weiteren Kinder Clara, Franz Ferdinand (starb nach wenigen Wochen) und Wilhelm. Von Sommer war mindestens fünfsprachig: Neben seinen Muttersprachen Niederländisch und Deutsch beherrschte er auch Englisch, Französisch und Latein fließend.

Konflikt mit Gauß, erste Reisen und berufliche Anfänge mini|Nachdem von Sommer in Göttingen Vorlesungen von Carl Friedrich Gauß gehört hatte, erging er sich in mehreren öffentlichen Falschaussagen bezüglich des gegenseitigen Verhältnisses. Er schickte Gauß einen von ihm verfassten mathematischen Aufsatz, bei dessen Lektüre sich der Professor allerdings wie im „Irrenhaus“ fühlte.

Ab Juni 1822 stand von Sommer – mittlerweile nach Braunschweig zurückgekehrt – in einem kurzen Briefwechsel mit seinem ehemaligen Göttinger Professor Carl Friedrich Gauß. Er schickte ihm Ideen für einen Aufsatz und behauptete, eine allgemeine Lösung für Gleichung fünften Grades gefunden zu haben, was eine mathematische Sensation gewesen wäre. Gauß zeigte sich skeptisch, da von Sommers mathematische Deduktion seiner Ansicht nach mangelhaft war. Dem Wunsch nach Abfassung eines Vorwortes konnte er dann aufgrund eigener Reiseverpflichtungen nicht nachkommen. Stattdessen erhielt er anschließend lediglich eine Kopie der fertigen Publikation System der topisch-arithmetischen Combinationslehre und der allgemeinen Auflösung aller Gleichungen zugesendet. Auch dort fanden sich allerdings keinerlei Beweise für von Sommers großspurige Behauptungen. Gauß zeigte sich sowohl hinsichtlich des Inhaltes als auch der Diktion der Schrift irritiert und enttäuscht. Seine Fassungslosigkeit brachte er gegenüber mehreren Freunden und Kollegen, unter anderem dem Astronomen und Arzt Heinrich Wilhelm Olbers, zum Ausdruck und verglich von Sommer mit dem geschmähten und verspotteten Mathematiker Josef Hoëné-Wronski.

Einige Monate später lebte von Sommer Anfang 1823 in Hamburg auf und hielt dort astronomische Vorträge. Der im benachbarten Altona ansässige Heinrich Christian Schumacher schrieb am 4. März 1823 einen Brief an seinen Freund Carl Friedrich Gauß und informierte diesen darüber, dass von Sommer behaupte, ein Verwandter und enger Freund von Gauß zu sein und mit diesem in einem regelmäßigen Briefwechsel zu stehen. Darüber hinaus habe Gauß sich ihm gegenüber unlängst für die kombinatorische AnalysisDie „kombinatorische Analysis“ (auch „Kombinationslehre“ genannt) war eine auf Carl Friedrich Hindenburg (1741–1808) zurückgehende Teildisziplin der Mathematik. Sie beschäftigte sich mit der symbolischen Umformung endlicher oder unendlicher Zeichenketten, also mit der Untersuchung der Struktur von Formeln in ihrer gegenseitigen Abhängigkeit. Meyers Konversations-Lexikon schrieb 1907, dass gegen Ende des 18. Jahrhunderts fast alle deutschen Mathematiker der sogenannten kombinatorischen Schule angehört hätten, ebendiese Schule und ihre Arbeiten aber „heutzutage [...] mit Recht der Vergessenheit anheimgefallen“ seien. ausgesprochen. Nur fünf Tage später erwiderte Gauß in einem Brief, dass von Sommer zwar in Göttingen studiert habe, während dieser Zeit allerdings nur ein einziges Mal bei ihm gewesen sei, um ein Empfehlungsschreiben seines Vaters abzugeben.Kurt-Reinhard Biermann: Die Mathematik und ihre Dozenten an der Berliner Universität 1810–1933. Stationen auf dem Wege eines mathematischen Zentrums von Weltgeltung. Akademie-Verlag, 1988, ISBN 3-05-500402-7, S. 69–72. Weiterhin erläuterte er Schumacher die Umstände des Briefwechsels aus dem Vorjahr und machte noch einmal deutlich, dass er sich bei der Lektüre des Aufsatzes wie im „Irrenhaus“ gefühlt habe. Er habe von Sommer gegenüber nie die kombinatorische Analysis erwähnt und sei auch nicht mit ihm verwandt. Als Beispiel für von Sommers Geisteshaltung führte Gauß noch dessen brieflichen Hinweis an, dass die Anwendung seiner (= von Sommers) Formel auf den konkreten Fall unter seiner Würde würde.

Die genaue Chronologie sowohl der beruflichen Tätigkeiten als auch der Aufenthaltsorte Ferdinand von Sommers in den darauffolgenden Jahren ist nicht klar. Sehr wahrscheinlich hielt er sich Anfang 1826 in Griechenland auf und nahm dabei im Rahmen der dortigen Revolution gegen das osmanische Reich als Philhellene auf Seiten der verteidigenden Griechen an der dritten Belagerung der Küstenstadt Mesolongi teil.Laut Kurt-Reinhard Biermann (1967) diente von Sommer Anfang 1826 während der Verteidigung von Mesolongi unter Alexandros Mavrokordatos. Letzterer gehörte allerdings zu den Kommandeuren während der ersten Belagerung von Mesolongi, die von Oktober bis Dezember 1822 dauerte. Seinen eigenen Aussagen zufolge habe er – um sich „mit der Nautik praktisch bekannt zu machen“ – mit einem Handelsschiff „verschiedene Reisen im Atlantischen und Mittelländischen Meer“ unternommen. Ihm sei es daraufhin gelungen, bei dem im Hafen von Maó auf der Baleareninsel Menorca stationierten niederländischen Geschwader als Ausbilder der Eleven und jüngeren Offiziere angeheuert zu werden. Daraufhin diente er zwischen Juli 1826 und Ende 1828 auf der Fregatte Rupel, deren Aufgabe zumeist daraus bestand, niederländische Handelsschiffe im Mittelmeer zu eskortieren.

Bekannt ist außerdem, dass er von Braunschweig aus Kontakt mit Alexander von Humboldt aufnahm, der „in seiner Gutmütigkeit tatsächlich eine Schrift Sommers am 12. März 1827 in der Pariser Akademie vorgelegt hat“. Am 1. Januar 1830 reichte Sommer dann seine Schrift Nova, omnis omnino aequationis solutionem complectens ratio, in sex primis gradibus praevia hac disceptatiuncula probatus ab inventore bei der Preußischen Akademie der Wissenschaften in Berlin ein – es handelte sich hierbei um eine erweiterte Version des Manuskriptes, das bereits acht Jahre zuvor Gauß abgelehnt hatte. Diesmal äußerten sich sowohl August Crelle, Enne Heeren Dirksen und Friedrich Theodor Poselger als auch Jabbo Oltmanns, Johann Albert Eytelwein und Johann Carl Fischer in Gutachten ablehnend. Johann Franz Encke wies nach, dass von Sommers Annahmen auf zwei Irrtümern beruhten, die sein Resultat „ganz chimärisch“ machten. Er teilte ihm daraufhin am 11. März 1830 mit, dass die Resultate nicht als allgemein richtig anerkannt werden könnten, wie er „wohl bei genauerer Erwägung selbst feststellen werde“.

Als im September 1830 der Herzog von Braunschweig Karl II. während gewalttätiger Bürgerproteste aus dem Amt gedrängt wurde, schadete dies auch dem Ansehen von Ferdinand von Sommers Familie, da sowohl sein Vater als auch sein Bruder als loyale Unterstützer des Herzogs bekannt waren. Ferdinand verlor die Sicherheit des heimatlichen Rückzugsortes und vermutlich auch finanzielle Unterstützung. Daraufhin verdingte er sich für etwa zwei Jahre als Schriftsteller und Journalist; er verfasste Artikel zu philosophischen Themen, Rezensionen und auch eine Artikelserie über Cholera. Insbesondere letztere deutete schon damals ein großes medizinisches Interesse an, das sich in den folgenden Jahren noch intensivieren sollte.

Habilitation in Berlin