mini|Luftbild der Marienkirche Bissingen Die Marienkirche ist eine Saalkirche in Bissingen an der Teck im Landkreis Esslingen in Baden-Württemberg und gehört zur Evangelischen Kirchengemeinde Bissingen-Ochsenwang im Kirchenbezirk Kirchheim unter Teck der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.

Geschichte

Die Marienkirche in Bissingen geht auf einen mittelalterlichen Vorgängerbau zurück. In einem aus dem Jahr 1275 stammenden bischöflichen Verzeichnis werden für Bissingen zwei Pfarrkirchen erwähnt, eine 1568 abgebrochene Michaeliskirche sowie die Marienkirche, deren Vorgängerbau sich bereits am Standort der heutigen Kirche befand.

Bis 1453 lagen die Patronatsrechte über beide Pfarrkirchen beim Kloster St. Peter auf dem Schwarzwald, im Jahr 1468 wurden dann die beiden Pfarrkirchen zusammengelegt. Das Patronat war vermutlich von den Zähringern dem Kloster Sankt Peter geschenkt worden: Denn die Benediktinerabtei unterhielt zur Verwaltung seiner Besitzungen in Jesingen und den umliegenden Orten, die einer Stiftung von Herzog Konrad von Zähringen (um 1090 bis 1155) entstammten, eine 1284 erstmals genannte Propstei auf dem Gelände der heutigen Bissinger Kirche und des Pfarrhauses. 1453 veräußerte das Kloster den verschuldeten Hof und seine übrigen Güter im Tausch gegen den Kirchensatz in Bissingen an Württemberg. 1772 erfolgte der Neubau des Pfleghofes neben der Marienkirche. Von 1789 bis 1795 amtierte der letzte Abt von St. Peter als Klosterpfleger in Bissingen. 1806 wurde die Propstei durch Württemberg aufgehoben.Datenbank Klöster in Baden-Württemberg des Landesarchivs Baden-Württemberg kloester-bw.de, abgerufen am 2. Juli 2026.

In der Marienkirche stand 1452 ein Seitenaltar der Barbara und Johannes des Täufers, an den die Gemeinde eine Frühmesse stiftete.

Da sich die Marienkirche im 15. Jahrhundert in einem schlechten baulichen Zustand befand, wurde ein Neubau errichtet. Während Chor und Teile des Turms bereits aus den Jahren 1440/1441 stammen und damit die ältesten erhaltenen Bestandteile des spätgotischen Neubaus darstellen, wurde das neue Kirchenschiff im Jahr 1510 fertiggestellt.

Mit der Reformation in Württemberg wurde die Marienkirche 1534 evangelisch. Sie erhielt südlich am Chorbogen eine Predigtkanzel, gegenüber auf der Nordseite des Langhauses und im Westen eine Empore, die später noch durch eine Orgelempore im Chor samt Chorbestuhlung ergänzt wurde. Dadurch ist sie im Prinzip bis in die Gegenwart nach dem Bautypus einer Querkirche gestaltet.Ulrich Zimmermann: Die Predigtkirche und die Querkirche. Protestantischer Kirchenbau in Württemberg. Eine Studie zur Geschichte und Theologie des Kirchenraums und zur Entstehung zweier Kirchenbautypen. Ubstadt 2025, ISBN 978-3-95505-592-9, S. 137, 257, 273.

1824 wurde die Kirche umfassend umgebaut. Zur neuerlichen Vergrößerung der Zahl der Sitzplätze erhielt das Gebäude einen großen Anbau auf der Südseite für die neue große Orgel, die nun unnötige Chorempore wurde entfernt und die anderen Emporen wurden neu gestaltet. In diesem Zusammenhang entstand auch der Triumphbogen, und die Kirche erhielt eine klassizistische Innenausstattung.

1885 wurde das Turmdach abgetragen und durch den noch heute bestehenden neugotischen Turmabschluss ersetzt.Ellen Pietrus: Heinrich Dolmetsch. Die Kirchenrestaurierungen des württembergischen Baumeisters. Dissertation Universität Hannover 2003, veröffentlicht vom Regierungspräsidium Stuttgart, Landesamt für Denkmalpflege. In: Forschungen und Berichte der Bau- und Denkmalpflege in Baden-Württemberg. Band 13, Stuttgart 2008, S. 223.

Architektur und Ausstattung Der eingezogene Chor mit 3/8-Chorschluss ist im Inneren mit einer flachen Holztonne gedeckt. Im Chor ist ein im Dachschutt wiederaufgefundener Torso einer spätgotischen Christusfigur, die einst auf einem Palmesel aufsaß, an der Nordwand zu sehen.

Das Holztonnengewölbe über der Orgel ist himmelblau gestrichen mit goldenen Sternen.

Taufstein Zu den ältesten Ausstattungsgegenständen der Kirche gehört das eigenartig schief gearbeitete tiefe Taufbecken aus romanischer Zeit mit schönem Rundbogenfries.

Altar Der Tischaltar der Marienkirche stellt mit der Jahreszahl 1542 nach dem Altar in der Schlosskirche Hohentübingen von 1535 das europaweit zweitälteste Zeugnis aus protestantischer Zeit dar. Er ist – als Ersatz des gotischen, üblicherweise reliquienbestückten Block- und Hauptaltars – bewusst evangelisch als „Tisch des Herrn“ ohne Retabel gestaltet, um beim Abendmahlsgottesdienst das Mahl „in beiderlei Gestalt“ (Brot und Wein) in so genannter „Doppeladministration“ vorne und hinten spenden und empfangen zu können. Daher wurde das Altarkreuz auch als Bekrönung des Bogens nach oben gesetzt.

Altargitter Der Altar ist umgeben von einem reich verzierten Altargitter. Das wohl in der Mitte des 17. Jahrhunderts angebrachte und aufwändig geschmiedete Gitter vor, hinter und mit einem Bogen über dem Altar mit an den Ecken aufragenden Blütenspitzen ist eine seltene Erscheinungsform kirchenräumlicher Kleinarchitektur und kommt in dieser Form fast ausschließlich im württembergischen Remstal und im Gebiet zwischen Schönbuch und Albhochfläche vor, zum Beispiel in Beutelsbach, Bad Urach,Monika Ingenhoff-Danhäuser: Das Altargitter. In: Friedrich Schmid: Die Amanduskirche in Bad Urach. (Hrsg.) i. A. des Vereins zur Erhaltung der Amanduskirche e.V., Sigmaringen 1990, S. 121–127 Balingen, Kirchheim unter Teck, Nürtingen und Weilheim an der Teck. Wegen gelegentlicher, ebenfalls geschmiedeter pflanzendekorativer Überwölbung legt sich die Gattungsbezeichnung „Altarlaube“ nahe, wie sie z. B. in der Martin-Luther-Kirche zu Trossingen gebräuchlich ist. Diese Altarlauben in sorgsam floraler, heiterer, ja spielerischer Gestaltung stellen eine in evangelischen Kirchen ungewohnte Betonung des Altars dar und haben keine Vorläufer in vorreformatorischer Zeit und keine Parallelen im späteren katholischen Kirchenbau. Ihre Besonderheit und ihre in Vergessenheit geratene, heute bisher unbekannte Bedeutung weisen in die Frühgeschichte des entstehenden württembergischen Pietismus mit seiner ungewöhnlichen Symbolkunst und Emblematik. Ihre verborgene Botschaft wird derzeit erforscht.

Kanzel Die auf das Jahr 1885 datierte Kanzel ist im neugotischen Stil gestaltet und zeigt die Bildnisse und Symbole der vier Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Diese werden von Figuren des Mose und Johannes des Täufers eingerahmt.

Chorfenster Der Künstler Gerhard Dreher aus Weilheim-Ochsenwang entwarf vier farbverglaste Chorfenster, die 1988 von der Glaswerkstatt Dr. H. Oidtmann verwirklicht wurden. Sie waren zum Gedenken an den im Krieg gebliebenen Bruder Gerhard gestiftet worden von Heinz Dangel.Gerhard Dreher: Glas – Holz – Wellpappe. 1954–1994. Katalog anlässlich einer Ausstellung zum 70. Geburtstag von Gerhard Dreher und Gisela Dreher-Richels im Forum Kunst, Weilheim/Teck, Dezember 1995 bis Januar 1995. (Hrsg.) Jürgen Faust; Weilheim/Teck und Metzingen 1994 (mit Werkverzeichnis).

Orgel

Eine erste Orgel errichtete Johann Ludwig Goll vor 1750 auf einer Chorempore.

Nachdem 1824 der Süd-Anbau an das Kirchenschiff errichtet worden war, baute Johann Victor Gruol der Ältere auf der Seitenempore eine neue Orgel mit zunächst 20 Registern auf zwei Manualen und Pedal. 1836 wurde die Orgel von Johann Victor Gruol dem Jüngeren um zwei Register erweitert.

1880 wurde die Orgel umgebaut und umintoniert. 1926 wurde sie durch die Orgelbaufirma Link ausgereinigt und um ein weiteres Register ergänzt. 1967 fand eine Restaurierung durch die Orgelbaufirma Rensch statt. 1998 fand eine weitere Ausreinigung statt und 2018 wurde ein neues Gebläse eingebaut.

Das Instrument gilt als die bedeutendste und am besten erhaltene historische Orgel in der Region.

Literatur

Weblinks

Die Marienkirche auf der Website der Kirchengemeinde Bissingen-Ochsenwang Informationen zur Orgel auf Organ Index

Einzelnachweise

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