St. Stephan – Der lebende Dom (internationaler Titel: St. Stephen's – The Living Cathedral) ist ein österreichischer Dokumentarfilm des Regisseurs und Kameramanns Georg Riha aus dem Jahr 1997. Der Film entstand in Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für Unterricht und kulturelle Angelegenheiten und dem ORF für die Naturdokumentations-Reihe ORF-Universum. Anlässlich des 850. Geburtstags des Wiener Stephansdoms porträtiert die Dokumentation das berühmte Kirchengebäude nicht primär als Architekturjuwel, sondern als überraschend reichhaltiges Biotop für Tiere und Pflanzen.
Inhalt Die Dokumentation rückt den Wiener Stephansdom aus einer ungewöhnlichen ökologischen Perspektive in den Fokus. Statt das historische Bauwerk primär als architektonisches Denkmal darzustellen, inszeniert der Film die Kathedrale als ein lebendiges Biotop und einen artenreichen Naturraum inmitten des urbanen Zentrums. Die filmische Erzählung gleicht einer naturwissenschaftlichen Entdeckungsreise, die sich vertikal durch das gesamte Kirchengebäude bewegt – von den unterirdischen Katakomben und feuchten Fundamenten bis hinauf zur Spitze des 136 Meter hohen Südturms.
Ein zentraler Aspekt des Films ist die detaillierte Darstellung der unerwarteten Tier- und Pflanzenwelt, die sich an und in dem gotischen Gebäude angesiedelt hat. Auf den alten Steinen des Doms wachsen nicht nur mikroskopisch kleine Vielzeller, Moose und Flechten, sondern es schlagen sogar kleine Bäume und Sträucher in den Ritzen des Gemäuers ihre Wurzeln. So haben sich etwa an der Nordseite des Doms in einer Steilwand des Schindeldaches in 50 Metern Höhe und bei einer Neigung von 70 Grad mehrere Birken verwurzelt. Parallel dazu dokumentiert der Film das Leben verschiedener Tierarten, für die der Dom als geschützter Lebensraum dient. Hierzu zählen einheimische Raubvögel wie Falken, die die luftigen Höhen als Jagd- und Brutrevier nutzen, sowie exotischere Insektenarten, wie etwa den chinesischen Ailanthus-Spinner (Götterbaum-Spinner) – einen eindrucksvollen Riesenfalter, der sich am sakralen Bauwerk angesiedelt hat.
Eingerahmt wird die Naturdokumentation durch Szenen, die das Zusammenspiel von Mensch, Architektur und Natur verdeutlichen. Der Film beginnt mit den alljährlichen Wartungsarbeiten hoch oben am Turm, bei denen ein Spengler von einem ansässigen Falken beobachtet wird. Den Abschluss und das emotionale Finale bildet eine aufwendige Sequenz zum Jahreswechsel, die das festliche Treiben rund um die Kirche sowie das Läuten der geschichtsträchtigen Pummerin in der Silvesternacht einfängt.
Produktion und technische Innovationen Georg Riha setzte bei den Dreharbeiten stark auf selbst konstruierte Spezialgeräte und technische Innovationen, um dem Publikum eine schwerelose Bewegung im Raum und eine „entfesselte Kamera“ zu bieten.https://www.youtube.com/watch?v=L9y4kAsq6_o
Das CAMCAT-System Nach jahrelanger Entwicklungsarbeit kam bei dieser Produktion zum ersten Mal die ferngesteuerte Seilbahnkamera CAMCAT zum Einsatz. Die Generalprobe des Systems fand zuvor am Kraftwerk Dürnrohr in Niederösterreich statt, das mit einer Höhe von 210 Metern ein ideales Testobjekt war. Am Stephansdom wurde die Bergstation der Kameraseilbahn schließlich in einer Höhe von 108 Metern am Südturm befestigt. Die Plattform konnte sich auf Strecken von bis zu 1000 Metern mit einer Geschwindigkeit von bis zu 90 Kilometern pro Stunde erschütterungsfrei bewegen. Georg Riha steuerte das System mittels eines Joysticks, während das Sucherbild per Funk live in den mobilen Regieraum an der Rückseite der Kirche übertragen wurde. Um die Substanz der 850 Jahre alten Fassade zu schützen, arbeiteten die Tragseile mit minimaler Zugkraft. Viele der Aufnahmen an der Außenwand wurden in einem knappen Zeitfenster von weniger als einer halben Stunde im magischen Abendlicht durchgeführt.
Fesselballon und Hubschrauber Für Aufnahmen aus großer Höhe wurde der von Riha entwickelte Fesselballon CAMBLIMP verwendet. Der Ballon schwebte in einer Höhe von knapp 300 Metern direkt über der Spitze des Südturms und war bis über die Stadtgrenze hinaus zu sehen, was viele Schaulustige anlockte. Er war mit Seilen an drei Fahrzeugen am Boden befestigt, wodurch er sich zentimetergenau manövrieren ließ. Die Bildübertragung von der Plattform unter dem Ballon erfolgte über eine Lichtleitung direkt in die Kommandozentrale. Zusätzlich wurden klassische Flugaufnahmen mit einem Hubschrauber durchgeführt, der vom Parkplatz der Filmfirma in Tullnerbach startete. Die Kamera war hierbei in einem Gehäuse mit einem Kreiselstabilisator montiert, der die Vibrationen des Helikopters ausglich und somit ruhige Bilder garantierte.
Kräne, Masten und Schienenanlagen Für Aufnahmen der detailreichen Fassade nutzte das Team einen Lkw mit einem pneumatischen Aluminium-Teleskopmast, der auf bis zu 45 Meter Höhe ausgefahren werden konnte. An dessen Spitze befand sich ein ferngesteuerter Stativkopf, mit dem Perspektiven eingefangen wurden, die sonst nur von einem Gerüst aus möglich gewesen wären. Um die Kamera scheinbar schwerelos durch das frisch restaurierte Riesentor schweben zu lassen, nutzte Riha eine 40 Meter lange Aluminium-Schienenbahn, die in beliebigen Winkeln montiert werden konnte. Die Entwicklung des Geräts dauerte Jahre und der Aufbau vor dem Dom beanspruchte einen ganzen Tag für wenige Sekunden fertiges Filmmaterial.
Innenaufnahmen und Spezialeffekte Motion Control Im Kirchenschiff kam ein Motion-Control-System zum Einsatz. Dieser computergesteuerte Kameraroboter, der in Österreich zu dieser Zeit einzigartig war, erlaubte eine millimetergenaue Steuerung der Kamera durch den Raum. So war es möglich, selbst komplexeste Bewegungen mit menschlich unerreichbarer Präzision durchzuführen. Steadicam In den engen und dunklen Katakomben begleiteten die Kameraleute die Zoologen mit einer am Körper getragenen, gefederten Steadicam, um ruhige, fließende Bewegungen durch die Gänge realisieren zu können. Seilwinden Für eine vertikale Fahrt vom Altar bis zur Dachspitze des Doms wurden Seile durch eine Öffnung in 60 Metern Höhe (die normalerweise für schwere Lasten genutzt wird) in den Dachstuhl gespannt. Eine an den Seilen befestigte Kameraplattform konnte mit rechnergesteuerten Seilwinden auf und ab bewegt werden. Zeitraffer Um den Lauf der Zeit sichtbar zu machen, wurden 35-mm-Zeitrafferkameras installiert. Eine Kamera dokumentierte den Wandel der Jahreszeiten am Götterbaum neben dem Mesnerhaus. Eine weitere Kamera, montiert auf einem computergesteuerten Drehteller am südlichen Heidenturm, fotografierte im Januar 1997 jede Minute ein Bild, um die Bewegung der Sonne entlang des Horizonts zu verfolgen. Auch im Kircheninneren wurden Zeitraffer für diverse Lichtstimmungen eingesetzt.
Besondere Dreharbeiten außerhalb des Doms Für High-Speed-Aufnahmen von fliegenden Falken wich die Produktion auf den Militärflugplatz Langenlebarn aus. Dort kamen Greifvogelexperten mit trainierten Beizvögeln zum Einsatz. Kameramann und Falkner wurden auf den Dächern von fahrenden Autos festgeschnallt. Die Fahrzeuge fuhren mit Geschwindigkeiten von bis zu 80 Kilometern pro Stunde, um die Vögel im vollen Flug und auf gleicher Augenhöhe mittels Zeitlupe einzufangen, während der Falkner sie mit einem Federspiel anlockte.
Das Silvester-Finale Eine der aufwendigsten und logistisch schwierigsten Einstellungen des Films war für den Jahreswechsel zum 1. Januar 1997 geplant: Eine Kamerafahrt über den Dom genau zu Mitternacht, mit Blick auf die feiernden Menschen am Stephansplatz und das Silvester-Feuerwerk im Hintergrund. Diese Einstellung sollte das große Finale des Films bilden. Die Aufbauarbeiten begannen am 30. Dezember unter extremen Wetterbedingungen. Die Temperaturen waren nachts auf ein Rekordtief von minus 20 Grad gefallen. Acht Techniker mussten bei eisigem Wind steifgefrorene Kabel verlegen, Scheinwerfer positionieren und die Seilbahn justieren. Am Silvesterabend wurde um 18 Uhr zunächst eine Nahaufnahme der läutenden Pummerin gedreht. Das Schienengestell wurde dabei so präzise platziert, dass die schwingende Glocke haarscharf am Objektiv vorbeiglitt. Wenige Sekunden vor Mitternacht setzte sich die Seilbahn schließlich für die finale Fahrt über das Dach des Doms in Bewegung.
Erstausstrahlung 22. April 1997, 20.15 Uhr, ORF 2https://www.imdb.com/title/tt1289654/releaseinfo/?ref_=tt_dt_rdat
Rezeption und Auszeichnungen St. Stephan – Der lebende Dom gilt als zeitloser Meilenstein im Bereich der österreichischen Naturdokumentation. Bei seiner Erstausstrahlung im Rahmen der ORF-Reihe Universum sahen 1,519 Millionen Menschen zu.TV-Media, 19/97, QuotenWiener Zeitung, 24. April 1997, Fernsehen – HörfunkTV-Media, 40/97, S. 20 Damit erzielte der Film die bis dahin höchsten jemals gemessenen Einschaltquoten in der Geschichte dieses Formats. In der Folge wurde der Film in fast 60 Ländern weltweit ausgestrahlt. Auch bei Preisverleihungen und Fachfestivals wurde die Produktion vielfach gewürdigt. Zu den wichtigsten Auszeichnungen zählen: 1997: Gewinner der Romy in der Kategorie Beste Kamera für Georg Riha.http://web.archive.org/web/20190903165139/https://kurier.at/romy/archiv/romy-preistraeger-1997/248.211.576 1997: Auszeichnung mit dem Roc d’Argent beim Festival du Film de la Construction et du BTP. 1998: Spezialpreis beim "Festival de Television de Monte Carlo".Wiener Zeitung, 17. März 1998 1999: Natural Harmony Award beim Japan Wildlife Festival.https://www.yumpu.com/en/document/read/4016922/universum-catalog-2012-13-orf-contentsales/47
Veröffentlichung auf DVD ORF Enterprise und Warner Music Austria veröffentlichten den Film 2002 zum ersten Mal auf DVD. Es handelte sich dabei um eine vom ORF bearbeitete Fassung mit Victor Couzyn als Sprecher. Das Bildformat wurde fälschlicherweise von 16:9 auf 4:3 gestaucht. Die DVD enthielt als Extra ein 30-minütiges Making-of.https://www.ofdb.de/fassung/210134,320182,St-Stephan-Der-lebende-Dom/
Die Originalversion des Films mit Sprecher Bruno Ganz erschien erstmals 2011 in der Edition Der österreichische Film der Zeitung Der Standard (Nr. 187) auf DVD. Als Bonus war ein Making-of des Films enthalten.https://www.derstandard.at/story/1316389980646/st-stephan-der-lebende-dom
Weblinks
Bilder, Trailer und Informationen bei rihafilm.com
Einzelnachweise
Kategorie:Stephansdom Kategorie:Filmtitel 1997 Kategorie:Dokumentarfilm Kategorie:Fernsehfilm (ORF) Kategorie:Deutscher Film Kategorie:Österreichischer Film