Hans Martin Schlobies (* 15. März 1904 in Heydekrug; † Januar 1950 in Kriegsgefangenschaft) war ein deutscher Orientalist, Sprachwissenschaftler, Dolmetscher und Diplomat.
Leben
Herkunft und Ausbildung Hans Schlobies wurde in Heydekrug in Ostpreußen geboren.
Im Jahr 1921 legte er im Alter von 17 Jahren das Abitur am humanistischen Gymnasium in Insterburg ab. Anschließend begann er ein Studium der orientalischen Sprachen.
Er studierte an der Albertus-Universität Königsberg, der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin und in Paris. Seine Schwerpunkte lagen auf dem Amharischen und dem Arabischen. Seine wichtigsten Lehrer waren der Assyriologe Bruno Meissner und Eugen Mittwoch.
Im Jahr 1925 wurde er in Berlin mit einer Dissertation über den akkadischen Wettergott zum Doktor der Philosophie promoviert.
Erste Jahre in Äthiopien und Südarabien Hans Schlobies arbeitete nach seiner Promotion im Jahr 1925 zunächst als Hauslehrer bei einer deutschen Familie in Abessinien in Äthiopien. Anschließend war er als kaufmännischer Angestellter bei einem deutschen Unternehmen in Addis Abeba tätig.
In den Jahren 1927 und 1928 war Schlobies als Dragoman bei der deutschen Gesandtschaft in Addis Abeba tätig. In dieser Funktion übernahm er Aufgaben als Dolmetscher und Übersetzer.
Von Addis Abeba aus unternahm Schlobies eine Reise nach Südarabien, insbesondere in das Gebiet des heutigen Jemen. Diese Region wurde neben Äthiopien zu einem seiner Forschungsschwerpunkte. Südarabien war für die Orientalistik aufgrund der dortigen Überreste vorislamischer Hochkulturen sowie der südarabischen Sprachen und Schriften von wissenschaftlicher Bedeutung.
Akademische Tätigkeit in Berlin Nach seiner Rückkehr nach Deutschland erhielt Schlobies ab 1930 Lehraufträge am Seminar für Orientalische Sprachen der Universität Berlin. Er unterrichtete dort Amharisch und Galla, die damals gebräuchliche Bezeichnung für die Oromo-Sprache, die von der größten Volksgruppe Äthiopiens gesprochen wurde.
Während seiner Lehrtätigkeit in Berlin reiste Schlobies 1933 zu einer zweiten Forschungsreise in den Jemen. Diese und weitere Forschungsaufenthalte in den Jahren 1928 bis 1930 sowie 1932 bis 1934 wurden von der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft finanziert. In deren Auftrag erforschte er orientalische Sprachen und sammelte wissenschaftliches Material.
Von seinem Aufenthalt im Jemen 1933 brachte Schlobies eine Sammlung wissenschaftlichen Materials nach Deutschland. In Sanaa dokumentierte er die altsüdarabischen Inschriftensteine und Altertümer aus der Sammlung des Königs Imam Yahya. Diese Objekte, darunter Bronzen aus den ersten nachchristlichen Jahrhunderten mit hellenistischem Einfluss, stammen aus der vorislamischen Zeit. Schlobies veröffentlichte einen Bericht über diese Funde im Juli 1934 in der Zeitschrift Forschungen und Fortschritte.
Diplomatische Karriere und wissenschaftliche Nebentätigkeit Gegen Ende des Jahres 1934 wurde Schlobies als wissenschaftlicher Hilfsarbeiter an das Auswärtige Amt berufen. Er studierte in dieser Zeit auch Jura, offenbar in Vorbereitung auf den Eintritt in den diplomatischen Dienst. Im Januar 1935 begann er als wissenschaftlicher Assistent in der Orientabteilung des Auswärtigen Amtes zu arbeiten, 1938 wurde er Legationssekretär und 1942 Legationsrat. Seine Dienstzeit im Auswärtigen Amt fiel in die Zeit des Nationalsozialismus.
Schlobies bearbeitete nebenberuflich in Zusammenarbeit mit Eugen Mittwoch die altsüdarabischen Inschriften aus dem Museum für Völkerkunde in Hamburg. Die Ergebnisse dieser Arbeit wurden in den Jahren 1936, 1937 und 1938 in der Fachzeitschrift Orientalia veröffentlicht. Seine wichtigste Arbeit auf diesem Gebiet ist, zusammen mit Eugen Mittwoch, die Edition der altsüdarabischen Inschriften im Ethnologischen Museum Hamburg.
Neben seiner Tätigkeit im Auswärtigen Amt führte Schlobies seine Lehrtätigkeit parallel zu seinen diplomatischen Aufgaben und Forschungsarbeiten fort.
Veröffentlichungen Neben den bereits erwähnten Arbeiten zur Bearbeitung der altsüdarabischen Inschriften aus dem Museum für Völkerkunde in Hamburg, die gemeinsam mit Eugen Mittwoch in der Zeitschrift Orientalia in den Bänden V (1936), VI (1937) und VII (1938) erschienen, verfasste Schlobies den Bericht über Bronzen aus den ersten nachchristlichen Jahrhunderten mit starkem hellenistischen Einfluss, der in Forschungen und Fortschritte, Jahrgang 10, Nummer 19, im Juli 1934 publiziert wurde. Diese Veröffentlichungen repräsentieren den sichtbaren Teil seiner wissenschaftlichen Arbeit, während der weitaus größere Teil seiner Forschungen unveröffentlicht in seinem Nachlass verblieb.
Widerstand gegen das NS-Regime Während seiner Tätigkeit im Auswärtigen Amt gehörte Schlobies ab 1940 einer Widerstandsgruppe um den Pfadfinderführer Walther Jansen an. Dieser Kreis bestand aus sechs bis acht Personen, die sich regelmäßig trafen. Die Zugehörigkeit ist unter anderem durch Berichte im Deutschen Bundestag dokumentiert.
Der Diplomat Wilhelm Melchers bezeugte später die Existenz dieses Kreises um Jansen ab 1940. Nach seinen Angaben gehörten der Gruppe neben Jansen auch Melchers selbst sowie Schlobies an, der zu dieser Zeit als Mitarbeiter und Vertreter von Melchers fungierte. Die drei Personen standen in täglichem Kontakt.
Kriegsende, Gefangenschaft und Tod Hans Schlobies geriet 1945 in Kriegsgefangenschaft. Während dieser Zeit erkrankte er an einer schweren Lungentuberkulose. Er starb im Januar 1950 im Alter von 45 Jahren in der Kriegsgefangenschaft an den Folgen seiner Tuberkuloseerkrankung.
Wissenschaftlicher Nachlass Sein Vermächtnis als Äthiopist verdankt sich vor allem den Materialien, die er sammelte und die heute in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften in Berlin aufbewahrt werden. Der äthiopische Teil umfasst Ge'ez-Manuskripte (hauptsächlich Zauberrollen), Karteikataloge amharischer Wörter, Personennamen und Pflanzennamen, arabische, Harari- und Sälti-Texte sowie linguistische Notizen unter anderem zu Oromo, Harari, Sälti und anderen Gurage-Sprachen, Argobba und Kemantney.
Schriften (Auswahl) Der akkadische Wettergott in Mesopotamien. Osnabrück: Zeller, 1972, Neudr. d. Ausg. 1925. Neue Dokumente zur altsüdarabischen Epigraphik. In: Orientalia 5. 1936. S. 57–63.
Literatur Maria Höfner: Hans Schlobies. In: Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft, Band 101. 1951. S. 15–17 (Digitalisat).
Weblinks Hans Schlobies. In: Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften. Hans Schlobies. In: Ewald Wagner: Islamische Handschriften aus Äthiopien. Afrikanische Handschriften, Teil 2. In: Aethiopica 2 (1999), 250–257. Hans Schlobies. In: Sewasew.
Einzelnachweise
Kategorie:Dragoman Kategorie:Deutscher Diplomat Kategorie:Sprachwissenschaftler Kategorie:Äthiopist Kategorie:Hochschullehrer (Humboldt-Universität zu Berlin) Kategorie:Person (Widerstand gegen den Nationalsozialismus) Kategorie:Deutscher Kriegsgefangener Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1904 Kategorie:Gestorben 1950 Kategorie:Mann Kategorie:Person (Auswärtiges Amt)