mini|hochkant|Sandro auf dem Cover der Zeitschrift Radiolandia im Jahr 1973, fotografiert von Annemarie Heinrich
Sandro, auch bekannt als Sandro de América (* 19. August 1945 in Buenos Aires, als Roberto Sánchez Ocampo; † 4. Januar 2010 in Guaymallén, Mendoza), war ein argentinischer Sänger und Schauspieler.
Sandro gilt als einer der ersten Rockkünstler in Lateinamerika, der auf Spanisch sang. Er produzierte 52 Studioalben und spielte in zwölf Spielfilmen die Hauptrolle. Die Single Rosa, Rosa verkaufte sich bei ihrer Erstveröffentlichung zwei Millionen Mal und ist einer seiner bekanntesten Songs. Ein weiterer seiner Hits, Tengo, wurde vom Rolling-Stone-Magazin und dem Fernsehsender MTV auf Platz 15 der 100 besten argentinischen Rocksongs gewählt.
Biografie Kindheit und Jugend
Roberto Sánchez Ocampo wurde am 19. August 1945 in der Entbindungsklinik Ramón Sardá in Buenos Aires geboren. Er war das einzige Kind von Irma Nydia Ocampo und Vicente Sánchez, der in einer Fleischverarbeitungsfabrik arbeitete. Seinen eigenen Angaben zufolge wollten seine Eltern ihn bei der Anmeldung „Sandro“ nennen, was die Beamten des Standesamtes jedoch nicht zuließen. Außerdem soll sein Großvater väterlicherseits dem Volk der Roma angehört haben, weshalb er viele Jahre später den Spitznamen „Gitano“ erhielt. Die Familie lebte in einem bescheidenen Zimmer in einem Mietshaus im Industrievorort Valentín Alsina im Süden des Großraums Buenos Aires, wo er seine Kindheit und Jugend verbrachte. Dort besuchte er die Grundschule Nr. 3 „República de Brasil“.
Roberto war zehn Jahre alt, als der Rock ’n’ Roll 1955 in Argentinien Einzug hielt: Im Vorspann des Films Die Saat der Gewalt war Bill Haleys Rock Around the Clock zu hören. Der Song hatte eine große Wirkung auf die Jugend und war der erste Rock-’n’-Roll-Song, der die Nummer eins der landesweiten Charts erreichte. Auch er war von dieser neuen Musikrichtung begeistert, insbesondere von der Musik und den Auftritten von Elvis Presley. Von diesem Vorbild inspiriert, brachte er sich zusammen mit einem Jungen aus der Nachbarschaft nach und nach das Gitarrenspiel bei. Sie gründeten mehrere Rockbands mit verschiedenen Namen, bis sie schließlich im Jahr 1961 eine fünfköpfige Gruppe bildeten. Sie nannten sich „Los de Fuego“ und traten in den Clubs oder auf den Karnevalsveranstaltungen des Viertels auf. Roberto brach die weiterführende Schule, die er am Colegio "Mariano Moreno" angefangen hatte, ab und nahm Gelegenheitsjobs an, um zum Familieneinkommen beizutragen.
Durchbruch als Rock-’n’-Roll-Sänger
Nachdem der Künstleragent Mario Naón zum Manager der Band wurde, nahm er Änderungen an der Besetzung und am Namen der Band vor. So nahm Roberto Sánchez Ocampo den Künstlernamen „Sandro“ an, und ab 1963 hieß die Band „Sandro y Los de Fuego“. Vermittelt von Mario Naón, wurde die Band von Columbia Records unter Vertrag genommen, das in Lateinamerika unter dem Label CBS tätig war. CBS brachte Sandro mit dem Musikverleger und Texter Ben Molar (1915–2015) zusammen, einer Schlüsselfigur der argentinischen Musikindustrie, die an der Entstehung der „La nueva ola“ beteiligt war. Diese Bewegung bestand darin, amerikanischen Rock ’n’ Roll und Pop an die spanische Sprache und die lateinamerikanische Kultur anzupassen. Ben Molar war verantwortlich für die Übersetzung, Adaption und Verbreitung von Maurice Chevalier, Neil Sedaka, The Beatles, Paul Anka und zahlreichen anderen Künstlern in Südamerika. In den folgenden Jahren nahm Sandro eine Reihe von Molars Adaptionen von Rock-’n’-Roll-Hits auf.
So entstanden die Alben Sandro y Los de Fuego in 1964 und Al calor de Sandro y Los de Fuego im folgenden Jahr. Neben eigenen Songs enthielten sie Coverversionen auf Spanisch von Liedern, die ursprünglich von The Animals, The Beatles, Chuck Berry, Little Richard und anderen gespielt wurden. Der Song Hay mucha agitación, eine Coverversion von Whole Lotta Shakin’ Goin’ On von Big Maybelle, das durch Jerry Lee Lewis bekannt wurde, gehörte in den folgenden Jahren zu den meistgefragten Songs der Band.
Das Fernsehen spielte eine große Rolle bei der Verbreitung der „La Nueva Ola“-Bewegung. Insbesondere die Musiksendung El Club del Clan, die zwischen 1962 und 1964 wöchentlich auf Kanal 13 ausgestrahlt wurde, war bei Jugendlichen sehr erfolgreich. Zu den Versuchen anderer Sender, an diesem Erfolg teilzuhaben, gehörten die Musikeinlagen der von Nicolás „Pipo“ Mancera moderierten Fernsehsendung Sábados Circulares, die vor Publikum ausgetragen wurde und eine Einschaltquote von bis zu 82 Punkten erreichte. In dieser Sendung hatten „Sandro y Los de Fuego“ im August 1963 ihren ersten Auftritt, der sofort große Aufmerksamkeit erregte. Anders als die Mitglieder von El club del clan, die für eine stark abgeschwächte Version des rebellischen Potenzials des Rock ’n’ Roll standen, trat Sandro in schwarzem Leder gekleidet auf und untermalte die Songs mit Bewegungen, die als unsittlich empfunden wurden. Der Bruch mit den streng geltenden moralischen Normen bezüglich des Geschlechterverhaltens von Männern und Frauen mobilisierte kirchliche Organisationen, denen es gelang, Sandro wegen seiner „obszönen und pornografischen Bewegungen“ aus mehreren Sendungen zu verbannen. Dank des Drucks von Mancera, der damit drohte, die Sendung abzusetzen, konnte Sandro wieder auf den Bildschirm zurückkehren. Im Jahr 1964 waren sie die Abschlussnummer der Fernsehsendung.
Ab 1965 komponierte Sandro den Großteil seiner Lieder zusammen mit seinem neuen Manager Oscar Anderle (1926–1988) und konzentrierte sich zunehmend auf eine Karriere als Solist. Er wurde jetzt von einer neuen Band begleitet, die "Black Combo”, die aus professionellen Jazzmusikern bestand. Das 1966 erschienene Album El sorprendente mundo de Sandro enthielt neben neuen Songs, die mit der neuen Band aufgenommen worden waren, auch noch einige, die mit „Los de Fuego“ eingespielt worden waren. Im selben Jahr erschien das Album Alma y fuego, das auch in den Vereinigten Staaten veröffentlicht wurde. Schließlich nahm er 1967 mit dem "Black Combo" das Album Beat Latino auf, sein letztes mit Rock-Einflüssen.
Karriere als Sänger romantischer Balladen
In der zweiten Hälfte der 1960er Jahre begann Sandros Karriere als Solosänger. Er konzentrierte sich auf eigene Songs und entwickelte einen persönlicheren, melodischen Stil, der an die lateinamerikanische Ballade anknüpfte. Dieses in den 1960er- und 1970er-Jahren sehr erfolgreiche Genre kann als moderne Version des Boleros betrachtet werden. Es nahm Elemente des Rock ’n’ Roll sowie Orchestrierungen im Stil europäischer Balladen auf, wie sie beispielsweise von Paul Mauriat für Songs von Charles Aznavour umgesetzt wurden. Diese Neuinterpretation der Popballade fand zeitgleich in verschiedenen lateinamerikanischen Ländern statt. Deshalb fehlt ihr, anders als dem traditionellen kubanischen Bolero, eine klare geografische Wurzel. Das half Plattenfirmen, Radiosendern und Unternehmenssponsoren, den lateinamerikanischen Markt über nationale Grenzen hinweg zu vereinen.
1967 gewann Sandro mit dem Hit Quiero llenarme de ti das "Festival de la Canción de Buenos Aires". Im folgenden Jahr gewann er auch das Festival von Viña del Mar in Chile. Diese Wettbewerbe wurden im Fernsehen in mehreren lateinamerikanischen Ländern ausgestrahlt, wodurch sich ihm die Türen zum spanischsprachigen Musikmarkt öffneten. 1968 veröffentlichte er drei Alben, darunter La magia de Sandro, das seinen Hit Tengo enthält. Im nächsten Jahr folgte das Album Sandro de América, dessen Titel seither als weiterer Spitzname für ihn verwendet wird.
Sandro war 1970 der erste lateinamerikanische Künstler, der im Felt Forum des Madison Square Garden in New York auftrat. Das erste der beiden Konzerte am 11. und 12. April wurde live per Satellit in 16 Ländern im Fernsehen übertragen. Später trat er am 8. und 9. Oktober 1971, am 29. Februar 1976 sowie am 24. April 1977 erneut dort auf. Während seiner Reise für seine Auftritte im Oktober 1971 nutzte er die Gelegenheit, um am 10. November ein Konzert seines Idols aus Kindertagen, Elvis Presley, im Boston Garden zu erleben. Im Jahr 1971 versammelte er 60.000 Fans im Stadion von San Lorenzo. Im folgenden Jahr gab er Konzerte im Luna Park in Buenos Aires und im Maracanã-Stadion von Rio de Janeiro.
Bereits 1966 hatte Sandro eine Nebenrolle in einem Film gespielt, doch 1969 spielte er die Hauptrolle an der Seite von Soledad Silveyra in Quiero llenarme de ti unter der Regie von Emilio Vieyra, Film der fast gleichzeitig in Argentinien und in New York seine Premiere hatte. Unter den zehn folgenden Filmen mit ihm in der Hauptrolle sind insbesondere Gitano aus dem Jahr 1970, in dem er einen Angehörigen des Volkes der Sinti und Roma spielt, der eines Verbrechens beschuldigt wird, das er nicht begangen hat, sowie Muchacho und die Komödie Operación Rosa Rosa hervorzuheben. Bei dem Film Tu me enloqueces aus dem Jahr 1976 spielte Sandro an der Seite von Susana Giménez die Hauptrolle und führte Regie nach einem eigenen Drehbuch. Im Jahr 1984 warf er einer US-amerikanischen Produktionsfirma vor, eine Sequenz aus diesem Film mit dem Musikvideo Uptown Girl von Billy Joel plagiiert zu haben.
Trotz seiner großen Beliebtheit wurde Sandro anfangs von der argentinischen Rockszene abgelehnt, da er als rein kommerzielles Produkt ohne kreative Spontaneität betrachtet wurde. Deren Musik wurde vor allem von der Mittelschicht gehört, während zu Sandros Publikum auch die unteren Schichten gehörten. Mit seinem Bekenntnis zum sentimentalen und ausgesprochen kommerziellen Genre der Ballade wurde er in Argentinien zu einer Ikone des Geschmacks der unteren Schichten. Allerdings begünstigte der Erfolg von Sandro auch die Verbreitung dieser anderen Form des argentinischen Rocks, die damals als „Música Progresiva“ bezeichnet wurde. Er war zudem 1966 einer der Initiatoren von „La Cueva“ gewesen, dem legendären Rocklokal in Buenos Aires, in dem viele der Musiker auftraten, die später zu bedeutenden Vertretern des argentinischen Rocks werden sollten, darunter Moris, Pappo, Miguel Abuelo, Litto Nebbia, Los Gatos und andere.
Die letzten Jahrzehnte
Um 1982 war Sandro an der Produktion von zwei Telenovelas beteiligt. Zunächst trat er als Gastdarsteller und Sänger in der von Radio Caracas Televisión (RCTV) produzierten venezolanischen Telenovela De su misma sangre auf, deren Titelsong sein Lied Cuando yo te amo war. Danach spielte er zusammen mit der puerto-ricanischen Schauspielerin Gladys Rodríguez die Hauptrolle in der Telenovela Fue sin querer für den Sender Canal 2 Telemundo in San Juan, Puerto Rico. Die Sendung, deren Titelsong das gleichnamige Lied von Sandro war, wurde auch in den Vereinigten Staaten ausgestrahlt. Für diese Darstellung erhielt er den ACE-Preis der New Yorker Vereinigung der Unterhaltungskritiker. Während der sechsmonatigen Dreharbeiten auf der Insel gab er Konzerte im "Centro de Bellas Artes" und anschließend im "Roberto Clemente Coliseum" in San Juan.
In den 1980er Jahren entwickelte sich Miami zur Hauptstadt der lateinamerikanischen Musik. Während Alben mit lateinamerikanischen Balladen früher in Buenos Aires und anderen Hauptstädten des Subkontinents aufgenommen wurden, verlagerte sich die Produktion zunehmend nach Miami. In diesen Jahren ließen sich viele spanischsprachige Musiker in Miami nieder, darunter Julio Iglesias, José Luis „el Puma“ Rodríguez, Camilo Sesto und Palito Ortega, der einst die Hauptfigur des „Club del Clan“ gewesen war. Oscar Anderle versuchte, Sandro davon zu überzeugen, ihrem Beispiel zu folgen, um so den Einstieg in den US-Markt zu ermöglichen. Doch Sandro lehnte ab und bevorzugte es, in Buenos Aires zu bleiben.