Abigails Zeitreise (englischer Originaltitel Playing Beatie Bow) ist ein Jugendroman der neuseeländisch-australischen Schriftstellerin Ruth Park, der im Jahr 1980 beim Verlag Thomas Nelson veröffentlicht wurde. Die deutsche Erstausgabe in einer Übersetzung von Maria Rosken erschien 1988 beim Loewe Verlag.
Inhalt Die 14-jährige Abigail Kirk ist leicht reizbar und leidet nach wie vor darunter, dass ihr Vater sie und ihre Mutter vor vier Jahren wegen einer anderen Frau verlassen hat. Das Mädchen und ihre Mutter wohnen seither in einem Hochhaus im Sydneyer Stadtteil The Rocks, das der Vater, ein Architekt, entworfen hat. Gemeinsam mit dem vierjährigen Nachbarsmädchen Natty und deren älterem Bruder Vincent gehen die drei öfters zu einem Spielplatz, in dem andere Kinder ein Spiel mit einer leicht gruseligen Figur namens Beatie Bow spielen. So wie die schüchterne Natty spielt auch ein stoppelhaariges, geheimnisvolles Mädchen in seltsamen Kleidern am Rande des Spielplatzes nicht mit, sondern beobachtet lediglich fasziniert das Spiel der Kinder.
Als Abigail diesem Mädchen eines Tages neugierig folgt, landet sie plötzlich in einer fremden und dennoch bekannten Welt – sie findet sich im Sydney des Jahres 1873 wieder und wird dort von der Familie des stoppelhaarigen Mädchens, das den Namen Beatie Bow trägt, gesund gepflegt, nachdem es von Beaties Vater, der aufgrund einer Kriegsverletzung immer wieder Anfälle hat und unbedachte Handlungen setzt, verletzt worden ist.
Bei der Familie Bow handelt es sich um eine arme Einwandererfamilie, die von den schottischen Orkneys nach Neusüdwales ausgewandert ist und in der neuen Heimat einen Süßwarenladen betreibt. Anfangs kommt Abigail mit den ärmlichen Verhältnissen und den aus ihrer Sicht katastrophalen sanitären Bedingungen nur schwer zurecht, doch nach und nach lernt sie das Leben und die Menschen ihrer ‚Adoptivfamilie‘ schätzen und lieben.
Und Abigail ist offenbar nicht zufällig dort gelandet, denn schon bald stellt sich heraus, dass sie Die Fremde ist, die gekommen ist, um eine wichtige Tat zu vollbringen, die sicherstellen soll, dass in der Familie Die Gabe an die Nachkommen weitergegeben werden kann. Dabei handelt es sich einerseits um die Fähigkeit, die Zukunft vorherzusehen, und andererseits um eine heilende Kraft.
Neben der Großmutter hat es Abigail besonders Beaties Bruder Judah angetan, ein angehender Seemann, der mit seinen 18 Jahren wesentlich reifer und erwachsener wirkt als vergleichbare Jungen aus Abigails bisheriger Welt. Sie verliebt sich in den schönen Mann mit den blauen Augen, allerdings sehr zum Ärger von Beatie, denn in ihren Augen sei Judah seiner Kusine Dovey versprochen. Ihre Gefühle zu Judah stellen Abigail vor ein Dilemma: Einerseits hegt sie den Wunsch, in ihre frühere Welt und zu ihren Eltern zurückkehren zu wollen, andererseits spricht ihre Liebe zu dem jungen Mann dafür, im 19. Jahrhundert zu bleiben.
Als das Haus der Bows durch Beaties Vaters in einem neuerlichen Anfall in Brand gesteckt wird, rettet Abigail zuerst Dovey aus den Flammen und später auch noch Gibbie, den kränklichen Bruder von Beatie. Wie sich herausstellt, ist diese Rettungsaktion jene Tat, die Abigail vollbringen musste, um den Fortbestand der Gabe sicherzustellen. Judah kümmert sich nach ihrer Rettung liebevoll um die leichtverletzte Dovey und Abigail erkennt, dass sie Judah zwar immer lieben aber nie zum Mann haben werde können. Wer von den drei Geschwistern – Judah, Beatie oder Gibbie – laut einer Prophezeiung jung sterben werde, bleibt durch Abigails Rettungstat zwar weiterhin offen, doch alles spricht dafür, dass es der kränkliche Gibbie sein werde.
Gemeinsam mit Beatie gelingt es Abigail, wieder in ihre frühere Zeit zurückzukehren. Wie sich zeigt, ist diese in der Zwischenzeit stillgestanden: Abigail war offenbar lediglich zwischen zwei Uhrschlägen eines nahegelegenen Kirchturms in der anderen Zeit. Das Mädchen ist durch ihre Erlebnisse eine viel ruhigerer und nachdenklichere Person geworden und sträubt sich nicht länger dagegen, mit ihren Eltern, die sich wieder versöhnt haben, nach Norwegen zu gehen.
Als 18-jährige kehr Abigail mit ihren Eltern zurück nach Sydney. Als sie die Nachbarskinder Natty und Vincent besucht, trifft sie dort auf deren jungen Onkel Robert. Dieser ist ein Ebenbild Judahs und wie sich herausstellt, heißt er mit Nachnamen Bow. Abigail und Robert fühlen sich sofort voneinander angezogen, so als würden sie sich schon lange kennen. Abigail erzählt Robert von ihrer Zeitreise und als Robert ein paar Tage später ein Stammbuch seiner Vorfahren mitbringt, zeigt sich, dass er nicht ein Nachkomme Judahs ist, sondern von Gibbie abstammt, der im Unterschied zu Judah, der mit 21 Jahren bei einem Sturm auf hoher See ums Leben kommt, 70 Jahre alt geworden ist. Und Beatie hatte offenbar jene Ausbildung erfahren, die sie sich immer gewünscht hatte, denn sie wurde in ihrem späteren Leben eine gefürchteten Schuldirektorin.
Rezeption Nicholas Tucker schreibt in seiner Buchrezension: „Zeitreisen sind ein beliebtes Thema in Kinderbüchern, und Ruth Park ist sicherlich eine der besten auf diesem Gebiet. Sie spielt die Schrecken der Vergangenheit nicht herunter, zeigt aber auch ein paar Vorteile auf – vor allem das Fehlen von Waffen, die das 20. Jahrhundert in zwei grausame Weltkriege gestürzt haben. Abigails Zeitreise spielt hauptsächlich rund um den historischen Sydneyer Stadtteil The Rocks. Die liebevolle Wärme von Abigails Adoptivfamilie erinnert den Leser daran, dass das Bedürfnis des Menschen nach Liebe und Geborgenheit zeitlos ist.“ Anita C. Wilson schreib im School Library Journal: „Zu viele lose Fäden werden zu schnell aufgeklärt, doch die Geschichte besticht durch die gekonnte Verbindung eines zeitgenössischen Problemromans mit einem Fantasy-Element.“
Auszeichnungen Abigails Zeitreise wurde 1981 mit dem Children’s Book Council of Australia Book of the Year-Award ausgezeichnet.
Referenzen Abigails Zeitreise ist in dem literarischen Nachschlagewerk 1001 Kinder- und Jugendbücher – Lies uns, bevor Du erwachsen bist! für die Altersstufe 12+ Jahre enthalten.
Ausgaben
Adaptionen Das Buch wurde 1986 unter dem Titel Beatie Bow – Das Spiel mit der Zeit verfilmt. 2021 wurde die Geschichte von Kate Mulvany als Theaterstück adaptiert und von der Sydney Theater Company uraufgeführt.
Weblinks
Einzelnachweise
Kategorie:Jugendliteratur Kategorie:Literatur (Englisch) Kategorie:Literatur (20. Jahrhundert) Kategorie:Australische Literatur Kategorie:Literarisches Werk