Paul Karrenbrock (* 19. Februar 1892 in Essen, Rheinprovinz; † 1966 in Düsseldorf) war ein deutscher Jurist und Wirtschaftsberater in der deutschen Industrie. Mit dem Ziel der Umgestaltung Deutschlands zu einem Ständestaat war er 1934 bis 1935 wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Ständewesen in Düsseldorf.

Wirken Karrenbrock war ein Sohn des selbständigen Essener Malermeisters Friedrich Karrenbrock.Karrenbrock, Friedrich. In: Deutscher Wirtschaftsführer. 1929, S. 1093 Sein Vater wurde 1912 Obermeister der Maler-Innung Essen, ab 1916 war er Stadtverordneter. Nach dem Besuch des Gymnasiums am Burgplatz in Essen studierte Paul Karrenbrock Rechtswissenschaft. Um 1920 promovierte er zum Dr. jur.Mitteilung von Karrenbrocks Schwester Lore (1895–1928) an ihren Geliebten Walther Rathenau. In: Walther Rathenau: Briefe 1871–1922. Hrsg. von Alexander Jaser, Clemens Picht und Ernst Schulin, 2006, ISBN 978-3-7700-1620-4, S. 1864, 2346 Danach wurde er Syndikus.Gymnasium am Burgplatz in Essen: Festschrift zur Jahrhundertfeier des Gymnasiums am Burgplatz in Essen. Baedeker, Essen 1924, S. 189, Nr. 1324 In den frühen 1930er Jahren arbeitete er als Syndikus für die Arbeitgeberverbände Deutscher Eisen- und Stahlindustrieller (Gruppe Nordwest)Metallwirtschaft, Metallwissenschaft, Metalltechnik. Jahrgang 1933, S. 201Hans Otto Eglau: Fritz Thyssen. Hitlers Gönner und Geisel. Siedler, München 2003, ISBN 3-8868-0763-0, S. 157 und als wissenschaftlicher Berater des Vereins zur Wahrung der gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen in Rheinland und Westfalen in Düsseldorf. Er hatte intensive Kontakte zu der von Otto Wagener geleiteten Wirtschaftspolitischen Abteilung der NSDAP und zum Nationalsozialistischen Kampfbund für den gewerblichen Mittelstand, den im Gau Düsseldorf der NSDAP-Funktionär und Gauwirtschaftsberater Josef Klein anführte. Zum 1. Oktober 1931 trat er selbst der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 667.007).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/19361223 Im gleichen Jahr wurde Karrenbrock Gesellschafter im „Erneuerungs-Verlag“, einem seit 1929 in Berlin-Wilmersdorf ansässigen Verlag, der ab 1931 aus finanziellen Mitteln der Großindustrie gefördert wurde, um die Idee eines Ständestaats nach dem Konzept des Wiener Nationalökonomen Othmar Spann zu propagieren. Geschäftsführer des Verlags wurde Wilhelm Longert, der von 1933 bis 1939 an der Deutschen Hochschule für Politik dozierte.

Karrenbrock hatte in den 1920er Jahren die Ständestaat-Idee Othmar Spanns und dessen Bewegung kennengelernt und sich für sie begeistert. Im Rückblick auf eine Veranstaltung Spanns in der Kartause Gaming, an der er 1927 teilgenommen hatte, empfand er es als deren Bestrebung, „eine neue Generation hervorzubringen, den neuen deutschen Menschen zu erziehen“.Bundesarchiv Berlin, SD-Report: Der Spannkreis. Gefahren und Auswirkungen. Berlin 1936, R 58, Nr. 497, S. 47 (Notizen von Paul Karrenbrock, Juni 1931). Zitiert nach: Tamara Ehs: Der „neue österreichische Mensch“. Erziehungsziele und studentische Lager in der Ära Schuschnigg 1934 bis 1938. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. 62. Jahrgang, Heft 3 (Juli 2014), S. 387 (PDF) Sein eigenes Ständestaat-Konzept legte Karrenbrock 1932 in der Schrift Recht und Wirtschaft in der ständischen Ordnung dar. Ansätze des Spannschen Universalismus übernehmend, griff er dabei stark auf Ideen des Staatstheoretikers Adam Müller von Nitterdorf zurück. Einfließen ließ er außerdem Gedanken des Staatsrechtslehrers Lorenz von Stein.Die ständische Gesellschafts- und Rechtsordnung. In: Lorenz von Stein: Gegenwart und Zukunft der Rechts- und Staatswissenschaft Deutschlands. Verlag der J. G. Cotta’schen Buchhandlung, Stuttgart 1876, S. 180 ff.; Die Rechtsprincipien der ständischen Ordnung. In: Lorenz von Stein: Die Volkswirthschaftslehre. Wilhelm Braumüller, Wien 1878, S. 495 f.

Besonderen Anklang fand Spanns Bewegung zum Aufbau eines Ständestaats bei Fritz Thyssen, dem Aufsichtsratsvorsitzenden des Montankonzerns Vereinigte Stahlwerke in Düsseldorf, der sich entschloss, die Verbreitung des Konzepts finanziell zu fördern. Wie Ludwig Grauert, bis 1931 Vorstandsmitglied der Arbeitgeberverbände Deutscher Eisen- und Stahlindustrieller (Gruppe Nordwest), war Thyssen – allerdings im Gegensatz zu den meisten Führungskräften in der deutschen Großindustrie – der Meinung, dass eine berufsständische Ordnung für seinen Industriezweig von Vorteil wäre. Der Korporatismus des von Benito Mussolini umgestalteten Italiens stand ihm dabei als Beispiel vor Augen.Heinrich August Winkler: Unternehmerverbände zwischen Ständeideologie und Nationalsozialismus. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 17. Jahrgang, 4. Heft (Oktober 1969), S. 349 (PDF)

Um die Idee eines Ständestaats und den Aufbau einer ständischen Wirtschaftsordnung an führende Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Wirtschaft, Kultur und Politik heranzutragen, wurde am 5. und 6. Mai 1933 unter Leitung von Klein mit Vertretern der Wirtschaft und des Gauwirtschaftsamts Düsseldorf im Stahlhof die Gründung eines Instituts für Ständewesen erörtert. Referate hielten Spanns ehemaliger Assistent, der Nationalökonom Walter Heinrich, und Karrenbrock in seiner Funktion als wissenschaftlicher Beirat im Gauwirtschaftsrat Düsseldorf. Wenige Tage zuvor hatte er mit Spann die Angelegenheit in Wien besprochen. Am 19. Mai 1933 besuchten Spann und Heinrich Reichskanzler Adolf Hitler in Berlin, um ihm das Projekt vorzutragen. Am gleichen Tag sprach auch Thyssen wegen der Gründung des Düsseldorfer Instituts bei Hitler vor. Letzterem gelang es, Hitler zur Zustimmung zu bewegen. Eine Woche später gab Klein die Gründung des Instituts offiziell bekannt. Mit einem Festvortrag von Heinrich wurde am 23. Juni 1933 im Wilhelm-Marx-Haus das Institut für Städtewesen eröffnet. Vorstand war Klein, Vorsitzender des Kuratoriums war Thyssen, Hauptdozent und wissenschaftlicher Leiter wurde Heinrich, Karrenbrock dessen Stellvertreter. Geschäftsführer wurde der Düsseldorfer NSDAP-Stadtverordnete Kurt Dornow (* 1900), Kurt Petersen (* 1905) leitete Pressestelle. 1934 übernahm Karrenbrock Heinrichs Amt. In Lehrgängen und Wochenendseminaren dozierten neben Klein, Heinrich, Karrenbrock und Petersen auch Hans André, Wilhelm Andreae, Erwin von Beckerath, Peter Berns, Friedrich Bülow, Ernst Ferber (1906–1944), Roman Hädelmayr, Karl Gottfried Hugelmann, Hans Riehl, Friedrich Völtzer und Wilhelm Wernet (1901–1984).Institut für Ständewesen Düsseldorf 1933 bis 1936, Webseite im Portal agso.uni-graz.at (Archiv für Geschichte der Soziologie in Österreich, Reinhard Müller, Juli 2012)

Konflikte mit Führungskräften der NSDAP führten zur Schließung des Instituts für Ständewesen im Oktober 1935 und im Juni 1936 zu dessen Auflösung. Nach Auffassung nationalsozialistischer Behörden gab es Gegensätze zum Parteiprogramm der NSDAP. So meinte Wilhelm Keppler, der Kommissar für Wirtschaftsfragen in der Reichskanzlei, dass die im Düsseldorfer Institut vertretenen Auffassungen über die korporatistische Reorganisation Deutschlands sich schlechterdings nicht mit den Vorstellungen Hitlers deckten.Martin Broszat: The Hitler State. The foundation and the development of the internal structure of the Third Reich. Routledge, 2013, ISBN 978-0-582-48997-4, S. 1854 (Google Books)Martin Broszat: Der Staat Hitlers. Grundlegung und Entwicklung seiner inneren Verfassung. Edition Recontre, Lausanne 1969, S. 226 (PDF) Zudem hatte der NSDAP-Reichsorganisationsleiter Robert Ley im August 1933 zwei Schulen für Wirtschaft und Arbeit für die von ihm geleitete Deutsche Arbeitsfront (DAF) gegründet, die mit dem Düsseldorfer Institut konkurrierten. Ende 1934 nahmen Angriffe der DAF auf das Institut weiter zu. Besonders tat sich dabei der DAF-Schulungsleiter Max Frauendorfer hervor.

Den baldigen Anlass zur Schließung des Instituts boten eine Artikelserie in Spanns Zeitschrift Ständisches Leben und die im Eigenverlag Karrenbrocks herausgegebene Schrift Die Lösung der Judenfrage in Deutschland, die im Juli 1935 an 300 Persönlichkeiten verschickt worden war. Darin hatten das Institut und Karrenbrock abweichend von der in der Schrift Der Mythus des 20. Jahrhunderts dargestellten Rassentheorie der NSDAP die Auffassung vertreten, dass talentierte Juden nicht ausgeschlossen werden sollten.Andreas Huber: Gesellschaftslehre zwischen Krucken- und Hakenkreuz. Einfluss und Wirken des Kreises um Othmar Spann. In: Andreas Kranebitter, Christoph Reinprecht (Hrsg.): Die Soziologie und der Nationalsozialismus in Österreich. Transcript, Bielefeld 2019, ISBN 978-3-8376-4733-4, S. 184 (Google Books) Karrenbrock wurde Ende 1935 verhaftet, seine Wohnung durchsucht. Ende 1936 wurde er aus der NSDAP ausgeschlossen. Ein Geheimbericht des Sicherheitsdienstes des Reichsführers SS befand nach der Untersuchung des Falls 1936: Das Institut für Ständewesen sei zum „Sammelpunkt gegnerischer Kräfte“ geworden, in seiner Ausrichtung habe es den Einfluss von Reaktion und Liberalismus in der deutschen Wirtschaft gestärkt.Justus Beyer: Der Spannkreis. Gefahren und Auswirkungen. Geheimbericht des Sicherheitsdienstes des Reichsführers-SS, Berlin 1936, S. 41

Veröffentlichungen (Auswahl) Soziale Theorie des Kapitalismus. Besprechung der Schrift Soziale Theorie des Kapitalismus (1929) von Eduard Heimann. In: Der Arbeitgeber, 20 (1930), Heft 5, S. 123–127 (Teil 1), Heft 6, S. 149–155 (Teil 2). Soziale Betriebspolitik. In: Der Arbeitgeber, 20 (1930), Heft 23, S. 645. Theorie einer bürgerlichen Sozialpolitik? In: Ruhr und Rhein Wirtschaftszeitung, 11 (1930), S. 154–159. Soziale Frage und ständische Ordnung. In: Ruhr und Rhein Wirtschaftszeitung, 12 (1931), S. 469–471, 486–489. Nationaler Sozialismus? Zur sozialen Programmatik der national-bündischen Bewegung (= Sonderdruck der Zeitschrift Ständisches Leben, Blätter für organische Gesellschafts- und Wirtschaftslehre, hrsg. von Othmar Spann, Wien, 1. Jahrgang (1931), Heft 2, S. 208–228). Erneuerungs-Verlag, Berlin 1931. Recht und Wirtschaft in der ständischen Ordnung (= Bücherei des Ständestaats, hrsg. von Wilhelm Longert, Jahrgang 1932, Heft 6). Erneuerungs-Verlag, Wien/Berlin 1932. Hitler und die Deutsche Aufgabe. Der Bruderkamp zwischen Präsidialregierung und NSDAP als antiparlamentarische Volksbewegung. Erneuerungs-Verlag, Berlin 1932. Die Wiederkunft der organischen Ordnung. In: Der Arbeitgeber, 22 (1932), Heft 2, S. 36–39. Ständische Wirtschaft auf dem Marsche. Brauchbarkeit und Unbrauchbarkeit der vorhandenen Organisationen. In: Ständisches Leben, 3. Jahrgang (1933), Heft 5, S. 81. Ständische Wirtschaft auf dem Marsch. In: Stahl und Eisen, 53 (1933), S. 554–558. Die Erfüllung der wirtschaftlichen und sozialen Revolution. In: Braune Wirtschaftspost. 3. Jahrgang (1934), S. 420 ff. Alte Verbände und wirtschaftliche Neuordnung. Ein Rückblick und Ausblick. In: Braune Wirtschaftspost, Heft 29 (19. Januar 1935). Die Lösung der Judenfrage in Deutschland. Zugleich eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Gedankenwelt des „Mythos“. Selbstverlag, Düsseldorf 1935. Widerstand und neue Staatsidee. In: Eckart, 27 (1958), Heft 8, S. 283–291.

Literatur Paul Karrenbrock und der völkische Berufsständestaat (1932). In: Sascha Bohn: Die Idee vom deutschen Ständestaat. Ständische, Berufsständische und Korporatistische Konzepte zwischen 1918 und 1933. Diplomica Verlag, Hamburg 2011, ISBN 978-3-8428-5838-1, S. 49–52 (Google Books). Klaus-Jörg Siegfried: Universalismus und Faschismus – Das Gesellschaftsbild Othmar Spanns. Zur politischen Funktion seiner Gesellschaftslehre und Ständestaatskonzeption. Europaverlag, Wien 1984, ISBN 978-3-2035-0495-7, S. 205. John Haag: The Spann circle and the Jewish question. In: Leo Baeck Institute Yearbook (London), 18. Band (1973), S. 93–126.

Weblinks Paul Karrenbrock, Datenblatt im Portal agso.uni-graz.at (Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich)

Einzelnachweise

Kategorie:Wirtschaftsjurist Kategorie:Sachbuchautor Kategorie:NSDAP-Mitglied