Bei Mehrsprachigkeit (auch Polyglossie, Multilingualismus) in der Literatur (auch literarische Mehrsprachigkeit) handelt es sich um die bewusste oder auch unbewusste Umsetzung des soziolinguistischen Phänomens Mehrsprachigkeit in literarischen Werken. Sprache bleibt dabei immer Ausdruck von Kultur. Multilinguale Texte gehen bis in die Antike zurück, sie finden sich vom Mittelalter über die Frühe Neuzeit bis in die Moderne und können unter anderem politische Entwicklungen, ständische Unterschiede oder Migrationserfahrungen widerspiegeln.
Formen der Mehrsprachigkeit Texte können unterschiedlich stark durch mehrsprachige Einflüsse geprägt sein. Man spricht von latenter (oder impliziter) Mehrsprachigkeit, wenn Werke zwar oberflächlich einsprachig erscheinen, jedoch beispielsweise Produkt einer Übersetzung sind und dadurch trotzdem anderssprachige Logiken enthalten. Beispielhaft dafür sind Werke der türkisch-stämmigen Autorin Emine Sevgi Özdamar, die ihre Texte mit impliziten Einflüssen aus dem Türkischen bewusst anreichert. Dem gegenüber steht die manifeste (oder explizite) Mehrsprachigkeit, die durch Verwendung von Worten, Phrasen oder Passagen in mehreren Sprachen hervortritt.
Nicht nur der Einsatz verschiedener Nationalsprachen, sondern auch von Dialekten oder Soziolekten kann bereits als Mehrsprachigkeit gesehen werden, was die Frage aufwirft, ob Einsprachigkeit als Gegensatz zur Mehrsprachigkeit in der Literatur überhaupt existiert.
Basisverfahren literarischer Mehrsprachigkeit Sprachwechsel/Sprachmischung Sprachwechsel liegt vor, wenn unterschiedliche Sprachen klar voneinander getrennt in einem Text auftreten, während Sprachmischung eine Vermengung sprachlicher Elemente innerhalb derselben Einheit bezeichnet. Beide Verfahren lassen sich mit linguistischen Konzepten wie Code-Switching oder Kontaktsprachen in Verbindung bringen, werden in der Literatur jedoch bewusst ästhetisch eingesetzt.
Bereits in der Antike und im Mittelalter finden sich vielfältige Formen von Sprachwechsel und Sprachmischung, etwa im Zusammenspiel von Latein und Volkssprachen. In der Frühen Neuzeit verstärken sich diese Tendenzen im Zuge gesellschaftlicher Veränderungen wie dem Buchdruck. In der Moderne tritt zwar die Idee nationaler Einsprachigkeit stärker in den Vordergrund, doch bleibt Mehrsprachigkeit weiterhin ein wichtiges literarisches Gestaltungsmittel.
Figurenrede Mehrsprachigkeit in der Figurenrede taucht in literarischen Werken dann auf, sobald Figuren aufeinandertreffen, die unterschiedliche Sprachen sprechen. In solchen Konstellationen wird sprachliche Diversität unmittelbar sichtbar, etwa durch Dialoge in unterschiedlichen Sprachen, Übersetzungen, Sprachwechsel oder Verständigungsschwierigkeiten zwischen den Figuren. Die Verwendung verschiedener Sprachen in der Figurenrede kann dabei unterschiedliche Funktionen erfüllen: Sie kann zur Charakterisierung von Figuren beitragen, soziale und kulturelle Zugehörigkeiten markieren, Machtverhältnisse sichtbar machen oder die Authentizität einer dargestellten Lebenswelt erhöhen.
Zitat und Anderssprachigkeit Ein Zitat enthält immer Worte, die ursprünglich von jemand anderem stammen. Deshalb ist es – in einem übertragenen Sinn – immer „fremdsprachig“: Es bringt eine fremde Stimme, eine fremde Ausdrucksweise oder eine fremde Perspektive in den eigenen Text ein. Zitate kommen in literarischen Texten sowohl im Haupttext als auch im Peritext, z. B. in Motti und Widmungen, vor.
Mehrschriftlichkeit In literarischen Werken lässt sich zwischen thematisierter (erzählter) und gezeigter Mehrschriftlichkeit unterscheiden. Thematisierte Mehrschriftlichkeit findet sich in Texten, die über mehrschriftliche Phänomene, über den Wechsel zwischen Schriftsystemen etc. sprechen. Gezeigte Mehrschriftlichkeit meint die sichtbare Vermischung mehrerer Schriften innerhalb eines Textes.
Durch die Kombination unterschiedlicher Schriftsysteme können kulturelle Unterschiede, historische Entwicklungen und Grenzüberschreitungen sichtbar gemacht werden. Fremde Schriftzeichen erzeugen häufig einen Verfremdungseffekt und konfrontieren Leser mit den Grenzen ihrer eigenen Lesekompetenz.
Die Literaturwissenschaftlerin Monika Schmitz-Emans unterschiedet mehrere Ebenen der Mehrschriftlichkeit in literarischen Texten: Mischung unterschiedlicher Schriftarten und Schriftsysteme, wie etwa Alphabet- und Silbenschriften. Kombination verschiedener Alphabete wie des Lateinischen, Griechischen oder Kyrillischen. Variationen innerhalb eines Schriftsystems, durch unterschiedliche Schriftarten, Größen und typografische Gestaltung. Mischung verschiedener Schreibmedien wie der Handschrift, Druckschrift und der digitalen Schrift. Verwendung alternativer Zeichensysteme wie Brailleschrift, Morsecode oder Flaggensignale (z. B. in Hans Magnus Enzensberger: Das Wasserzeichen der Poesie, 1985), die die herkömmlichen Alphabetzeichen ersetzen sollen. Kryptographische Schriften und Geheimcodes, die mit gewöhnlichen Texten kombiniert werden können (z. B. in Jules Vernes Voyage au centre de la terre, 1864). Fantasiesprachen und -schriften, die utopische oder fiktionale Welten repräsentieren (z. B. in J. R. R. Tolkien: „Herr der Ringe“, 1954/55). Hybride Formen zwischen Schrift und Bild, etwa kunstvoll gestaltete Initialen.
Gattungsspezifische Verfahren literarischer Mehrsprachigkeit Mehrsprachigkeit im Drama am Beispiel des Horribilicribrifax Teutsch von Andreas Gryphius mini|hochkant|Titelblatt eines Drucks aus dem Jahr 1665 Mehrsprachigkeit findet sich bereits im Drama des 17. Jahrhunderts, z. B. im Scherzspiel Horribilicribrifax Teutsch von Andreas Gryphius aus dem Jahr 1663, in dem es um die standesgemäße Partnerwahl geht. Die Mehrsprachigkeit beginnt bereits beim Namen des Autors, der seinen Namen Andreas Greif latinisiert zu Andreas Gryphius.
Auch der Titel des Werks wurde unterschiedlich interpretiert. Die verbreitete Übersetzung und Deutung des Titels stammt vom lateinischen horribilis cribrum und lautet somit schrecklicher Siebmacher. Eine andere Deutung lautet, dass in einem Stück mit fehlerhafter Sprache auch der schrechlicke Schreiberling als Übersetzung von horribilis scribifax denkbar sei.
Eine weitere Besonderheit des Stücks ist die sprachliche Gestaltung: „Dem Stück, das unmittelbar nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges entstand […], liegt eine negative Konzeption der Sprachmischung zugrunde, die an die rhetorisch barocke Sprachauffassung gebunden ist, wonach die Rede Ausdruck des Charakters ist […].“ Dabei werden verschiedene Sprachen, eine Zaubersprache (Cyrilla) und Dialekte vermengt. Bei den Sprachen handelt es sich um Deutsch, Italienisch, Französisch, Spanisch, Altgriechisch, Latein und Hebräisch. In den deutschen Sprachpassagen werden zudem Soziolekte und Funktiolekte verwendet. Sprachen und Sprachniveau wechseln dabei in aufeinanderfolgenden Sätzen oder sogar Satzteilen. Die Grenzen der Sprachen lassen sich daher auch nicht zwischen verschiedenen Figuren ziehen, „denn der Sprachwechsel ist bisweilen so ausgeprägt, dass der Eindruck entsteht, die Figuren sprächen eine eigenständige, neue Sprache.“
Die Sprachmischung dient zudem als komisches Gestaltungsmittel. Wiederholt entstehen Missverständnisse zwischen den Figuren, weil Äußerungen unterschiedlich interpretiert werden. Fehlgeleitete Kommunikation findet sich bspw., wenn die Figur die alte Cyrille versucht, die lateinischen Sätze des Sempronius als deutsche Sätze zu begreifen, sodass die beiden Figuren nicht in der gleichen Sprache miteinander kommunizieren. Latein wird an dieser Stelle als Ausdruck für Gelehrsamkeit genutzt. Allerdings setzt Gryphius dieses Element auch ein, um Figuren durch die Sprache gebildet wirken zu lassen, obwohl sie dies nicht sind.
Mehrsprachigkeit in Erzähltexten am Beispiel Herkunft von Saša Stanišić Saša Stanišić floh 1992 als Jugendlicher mit seiner Familie aus seiner Heimatstadt Višegrad nach Heidelberg. In seinem 2009 erschienenen Buch Herkunft thematisiert der Autor seine eigenen Migrationserfahrungen. Herkunft ist primär auf Deutsch geschrieben, enthält aber zudem implizite und explizite Mehrsprachigkeit.
Explizite Mehrsprachigkeit kommt vor, wenn Wörter aus dem Serbokroatischen – der Muttersprache des Autors – und aus dem Englischen verwendet werden. Ein Beispiel ist das serbokroatische Wort Poskok, welches sich mit „Hornotter“ übersetzen lässt. Die explizite Mehrsprachigkeit wird hier verwendet, um bestimmte subjektive Emotionen, die mit dem Wort Poskok assoziiert werden, zu transportieren. Diese sind nicht allein an die Bedeutung des Wortes geknüpft, sondern vielmehr an den Klang der Sprache der Kindheit. Durch die Verwendung des muttersprachlichen Wortes wird die Angst deutlich, die in der Begegnung der Schlange steckt. Um diese auch an die Leser zu vermitteln, die das Serbokroatische nicht verstehen, verwendet Stanišić zunächst nicht die deutsche Übersetzung, sondern Paraphrasen. Mit diesen umschreibt er die Situation der Begegnung mit der Schlange und die damit einhergehenden Emotionen. Anschließend nähert er sich der Übersetzung durch eine partielle Übertragung: Das in poskok enthaltene Substantiv skok bedeutet „Sprung“ und vermittelt das angsteinflößende Bild, die Schlange springe einem möglicherweise an den Hals.
Diese kleinteilige Herangehensweise findet nicht in allen Fällen expliziter Mehrsprachigkeit Verwendung. So werden z. B. patriotische Lieder, die damals in Jugoslawien gesungen wurden, unterhalb des serbokroatischen Zitats direkt ins Deutsche übersetzt – ohne vorherige emotionale Vermittlung.
Explizite Mehrsprachigkeit hat in Herkunft somit besonders kreative und emotionale Funktion. Im Gegensatz zur expliziten Mehrsprachigkeit vermittelt die implizite Mehrsprachigkeit die Lebensrealität von geflüchteten Personen. So spricht Saša mit seiner Mutter in Deutschland in der Öffentlichkeit nicht mehr die eigene Muttersprache, da sie dafür in der Vergangenheit zurechtgewiesen wurden.
Mehrsprachigkeit in der Lyrik am Beispiel von Franz Daniel Pastorius mini|hochkant|Franz Daniel Pastorius, Relief von 1897 Mehrsprachigkeit tritt in Franz Daniel Pastorius' Lyrik vor allem in seinen Handschriften auf. Seine gedruckten Werke sind hingegen tendenziell einsprachig. Insgesamt verwendet er sieben Sprachen, die sowohl als Sprachwechsel wie auch als Sprachmischung auftreten: zum einen Volkssprachen wie Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch und Niederländisch, zum anderen Gelehrtensprachen wie Griechisch sowie Latein. Pastorius’ Nutzung von Mehrsprachigkeit ist historisch bedingt: Sie diente dem transatlantischen Kulturtransfer im Rahmen der Kolonisation Nordamerikas, im besonderen Pennsylvanias. Pastorius’ mehrsprachige Lyrik sollte eine neue Gemeinschaft mit gemeinsamer Sprache ansprechen und somit größtmögliche Teilhabe garantieren.
Ein Beispiel für solch durch mehrsprachige Lyrik ermöglichte Teilhabe ist Pastorius’ Handschrift Beehive. Die eigentlich nicht zur Publikation vorgesehene Sammlung appelliert an die Lesenden, sich kritisch mit den in den Gedichten thematisierten politischen Zuständen auseinanderzusetzen. Beispielhaft hierfür steht ein Gedicht, welches sich mit dem Konflikt um Unabhängigkeit und Einbürgerung beschäftigt und sowohl inhaltlich „Rückbezug auf Aspekte von Staat und Politik“ als auch formal Bezug auf verschiedene Traditionen nimmt. So wird der für englische Lyrik typische fünfhebige Jambus in Kombination mit dem für das Englische ungewöhnlichen Haufenreim genutzt. Pastorius' Lyrik nutzt Mehrsprachigkeit dementsprechend nicht nur auf wörtlicher Ebene, um eine möglichst große Gruppe anzusprechen, sondern auch auf formaler Ebene – es verbinden sich also explizite und latente Mehrsprachigkeit. Diese Mischung verschiedener Sprachtraditionen bezieht nicht nur eine große Gruppe an Lesenden ein, sondern entwirft den Zusammenhalt der sich neu bildenden Nation.
Sonderform der homophonen Übersetzung