Ingrid Mayr (* 11. Oktober 1939 in Graz; † 11. Oktober 2023) war eine österreichische Architektin im späten 20. und frühen 21. Jahrhundert. Im Rahmen eines gemeinsamen Architekturbüros mit Jörg Mayr realisierte sie zahlreiche Projekte mit dem Fokus auf Bauen im historischen Bestand, Gestaltung öffentlicher Plätze und Neu- als auch Umgestaltung sakraler Räume.
Leben Ingrid Mayr wurde 1939 als Ingrid Gilli Wittek-Saltzberg in Graz geboren, wo sie auch ihre Kindheit und Schulzeit verbrachte. Sie studierte nach der Matura 1957 an der Technischen Hochschule Graz Architektur und war dort u. a. gemeinsam mit ihrem späteren Ehemann und Büropartner Jörg Mayr Mitglied des Zeichensaal AZ 4 der Architekturfakultät. Sie erwarb 1966 ihr Diplom und arbeitete anschließend gemeinsam mit Jörg Mayr für das Architekturbüro seines Vaters Walter G. Mayr in Klagenfurt. Folgend war sie im Bauunternehmen Mayreder tätig, bis sie 1976 gemeinsam mit Jörg Mayr ihr Architekturbüro Ingrid und Jörg Mayr gründete. 1999, nach dem plötzlichen Tod ihres Partners, führte sie das Architekturbüro unter dem Namen Ingrid Mayr allein weiter. Sie verstarb am 11. Oktober 2023 an ihrem 84. Geburtstag. Ihr Nachlass befindet sich im Architekturarchiv Steiermark.
Werk und Rezeption Ingrid und Jörg Mayr realisierten Möbel, Konzeption und Gestaltung von Ausstellungen (Trigon), Um- und Neuplanung von Einfamilienhäusern, Bildungsbauten, Museen und Sakralbauten. Zudem gehörte auch die Revitalisierung historischer Bauten und die Gestaltung öffentlicher Räume zu ihrem Werk. Als Studierende bei Karl Raimund Lorenz (Gebäudelehre, TH Graz), Hubert Hoffmann (Städtebau, TH Graz) und Victor Winkler (Plastische Gestaltung, TH Graz) in einer Graz besonders prägenden Epoche, fanden Ingrid und Jörg Mayr eine zurückhaltendere Architektursprache als die parallel wirkende Grazer Schule. Anthroposophische Grundsätze und eine angemessene Konstruktion (d. h. Materialwahl, Farbgestaltung, Detailausbildung, Architekturform in Verbindung mit Aussage) prägten ihre Bauten.„Die eher unscheinbare zurückhaltende, zum Anonymen tendierende Architektur entwickelt vor allem in den Innenräumen eine selbstverständliche, angenehme und unprätentiöse Atmosphäre.“
Revitalisierungsprojekte mini|Ruine der Maßenburg mit neuem Aussichtsturm Beim Projekt Schlossbergkasematten wurde eine Fläche von 50 × 90 Metern in der Ruine mobil überdacht. Die historische Bausubstanz blieb meist unangetastet. Sie wurde durch filigrane, aufgesetzte Stahlkonstruktionen für wettergeschützte Veranstaltungen überdeckt.„Die architektonische Lösung nutzt das natürliche Gelände des Felseinschnitts auf optimale Weise, indem auf Schienen auflagernde, gekrümmte Deckenelemente über den gesamten Raum gefahren werden können, bei schönem Wetter aber als zusammengeschobenes Paket den Luftraum freigeben.“„Aus der Koexistenz von denkmalpflegerisch Sakrosanktem und frisch Implantiertem entstanden neue binnenräumliche Qualitäten. [S]ubtil gestalteten Nahtstellen zwischen Alt und Neu […].“Bei der Sanierung der Maßenburg wurde die Ruine instandgesetzt und der westlich mit einer modernen Aussichtsplattform versehen.
Sakrale Architektur mini|Grazer Synagoge, Innenraum mit blauen Stützen mini|Grazer Synagoge, Innenansicht der Kuppel Ingrid Mayr schuf sakrale Bauten und Innengestaltungen für verschiedene Religionen. Für den denkmalgeschützten Jüdischen Friedhof Graz in Graz-Wetzelsdorf entwarfen sie eine Zeremonienhalle. Im Inneren der Kuppel über dem zentralen Raum ordneten die Architekten ein Tragnetz an, dessen Stabelemente auf Punkte ausgerichtet sind. Unter der Kuppel und den sie umgebenden Dach liegt ein Lichtband, so dass beides über dem Raum zu schweben scheint. Ein filigran gestalteter Davidstern liegt vor dem Fensterband über dem Eingang.
Der Neubau der Synagoge Graz erinnert an den Vorgängerbau. Die Grössenverhältnisse der alten Synagoge wurden bei dem Entwurf für die kleinere, neue Synagoge übernommen. Das Gebäudevolumen für den Zentralraum besteht aus einem Würfel, zusammengesetzt mit einer Kugel. Sie bestimmen die äußere Erscheinung und den Innenraum des Neubaus. Die verglaste Kuppel wird von 12 dünnen, blauen Stahlsäulen getragen, die die zwölf Stämme Israels symbolisieren. Die Stahlsäulen sind oben paarweise über Bögen verbunden. In der Kuppel ergibt sich aus den Linien der Bögen ein Davidstern. In die Gläser der Kuppel sind hebräischen Texte eingraviert. „[S]pecific denomination [through features] to which this building is addressed. […] Beyond this features the architectural vocabulary is more generalised, but the religious purpose is strongly suggested by the centralised space surmounted by a [symbolical and archaic] hemispherical dome. […] widespread spiritual associations through its rational precision [is achieved] without producing an anachronistic building. The keys to it are the continuous clerestory and the exposed structure. […] a lightweight interlocking structure with its own logical and attractive geometric pattern, which brings structural forces visibly to the diagonally placed timber legs.“ Die Konfession, auf die dieses Gebäude ausgerichtet ist, wird durch die Architekturelemente verdeutlicht. Abgesehen von diesen Elementen ist die Architektursprache von Ingrid und Jörg Mayr allgemeiner gehalten, doch der religiöse Zweck ist durch den zentralen Raum, der von einer symbolischen und archaischen halbkugelförmigen Kuppel überragt wird, ablesbar. Weitreichende religiöse Assoziationen werden durch die rationale Präzision des Gebäudes geschaffen, ohne dass ein anachronistisches Bauwerk entsteht. Die Schlüssel dazu sind das durchgehende Oberlicht und die sichtbare Tragkonstruktion. Eine leichte, ineinandergreifende Konstruktion mit ihrem logischen und ansprechenden geometrischen Muster, die die statischen Kräfte sichtbar auf die diagonal angeordneten Holzstützen überträgt. „[D]er untere Teil des Gebäudes folgt den Grundmauern der alten Synagoge, deren Gestalt […] als Vorbild für den Neubau [aus Ziegelsteinen des ursprünglichen Bauwerks] diente. [Ingrid und Jörg Mayr] versuchten eine Neuinterpretation der Tradition.“Bei der Renovierung und Innenraumneugestaltung der Marienkapelle im Stift Rein, fertiggestellt 2007, wurde unter dem historischen, weiß gefassten Stuck der Decke, ein modernes Gestühl aus hellem Holz eingefügt. Die Möbel sind streng geometrisch, zeigen aber Motive historischer Kirchenausstattungen. Während des Baus wurden archäologische Funde gemacht, die nun in die Gestaltung des Kirchenraums einbezogen sind. Dies zeigt sich durch Glasschlitze im Boden, die die darunter liegende Grabkammer sichtbar machen.
Öffentliche Plätze mini|Jakominiplatz, Graz, von oben Nach einem 1. Preis beim Architekturwettbewerb 1993 wurde der Jakominiplatz 1995 bis 1996 vom Büro Mayr in Zusammenarbeit mit dem Büro fiedler.tornquist neu gestaltet. Der Platz wurde von PKW-Verkehr befreit und zu einer Fußgängerzone, in die der öffentliche Nahverkehr durch ein Shared-Space-Konzept eingebunden ist. Durch die zusammengefasste Gestaltung wirkt der Platz offener. Ein Teppich von Masten zur Befestigung der Oberleitungen wurde als durchgehendes Gestaltungsinstrument entwickelt. Die Masten tragen die Beleuchtungskörper, die nachts einen Lichthimmel erzeugen.„[…] richtungslosen Warte-Platz ohne Repräsentationsansprüche […]“
„Die Bäume zeichnen das ehemalige Kasernen-Geviert nach, fassen den Platz zu einer Einheit und geben ihm innerhalb der dicht bebauten Altstadt eine spezielle Eigenart.“
Werke von Ingrid und Jörg Mayr mini|Mobile Überdachung Schlossbergkasematten Graz mini|Israelitischer Friedhof Graz, Zeremonienhalle mini|Jakominiplatz Graz mini|Römerzeitmuseum Bad Waltersdorf
1978 Josef-Krainer-Haus, Graz
1978 Josef-Krainer-Haus, Graz 1980 Erweiterung Josef Krainer-Haus, Graz 1984 Umbau und Erweiterung Afro-Asiatisches Institut, Graz 1986 Wohnhaus und Atelier Mayr, Graz 1987 mobile Überdachung Schlossbergkasematten, Graz 1991 Zeremonienhalle der Israelitischen Kultusgemeinde, Graz 1992 Gestaltung Färberplatz, Graz 1994 Renovierung Leechkirche, Graz 1996 Gestaltung Jakominiplatz, Graz 1997 Umbau Stadtmuseum Graz 1998 Römerzeitliches Museum Bad Waltersdorf 1998 Um- und Zubau Steiermärkisches Landesarchiv, Graz 1998–1999 Revitalisierung und Aussichtsturm Maßenburg, Leoben 1998–1999 Caritas Schlupfhaus, Graz 1998–2000 Synagoge Graz
Werke von Ingrid Mayr 2000–2002 Zubau Volks- und Hauptschule St. Johann, Graz 2002 Zubau Schulschwestern Graz 2002 Kapelle Bischofhof, Graz 2003 Mausoleum Graz: Innenraumgestaltung 2006–2007 Stift Rein: Umbau u. Innenraumgestaltung Mariekapelle
Auszeichnungen und Ehrungen 1993 Geramb Medaille für gutes Bauen in der Steiermark – für die Zeremonienhalle in Graz 2001 Geramb Medaille für gutes Bauen in der Steiermark – für das Römerzeitliche Museum Bad Waltersdorf 2001 Geramb Medaille für gutes Bauen in der Steiermark – für die Revitalisierung Maßenburg Leoben Goldenes Ehrenzeichen des Landes Steiermark
Weblinks
Nachruf Ingrid Mayr. Architekturhistorikerin Antje Senarclens de Grancy erinnert an die Grazer Architektin Ingrid Mayr, die im November 2023 verstorben ist. Nachruf Katholische Kirche Steiermark Nachlass Ingrid Mayr (1939–2023) und Jörg Mayr (1938–1999) beim Architekturarchiv Steiermark
Literatur
Alois Kölbl, Wiltraud Resch: Wege zu Gott. Die Kirchen und die Synagoge von Graz. 2., erweiterte und ergänzte Auflage. Styria, Graz 2004, ISBN 3-222-13105-8, S. 170–172.
Einzelnachweise
Kategorie:Architekt (Österreich) Kategorie:Träger des Goldenen Ehrenzeichens des Landes Steiermark Kategorie:Österreicher Kategorie:Geboren 1939 Kategorie:Gestorben 2023 Kategorie:Frau