Variationen über ein Rezitativ op. 40 ist eine Komposition für Orgel von Arnold Schönberg (1874–1951). Das Stück wurde 1941 komponiert und ist Schönbergs einziges vollendetes Orgelwerk.

Entstehung und Publikation Arnold Schönberg lebte im amerikanischen Exil, als der Organist und Dirigent William Strickland ihn 1941 im Namen des New Yorker Verlags H. W. Gray um einen Beitrag zur Reihe Contemporary Organ Series bat. Schönberg begann sofort mit der Komposition einer Orgelsonate in Zwölftontechnik, aber nachdem Strickland ihm mitteilte, dass man sich ein Variationswerk wünsche, brach er diese Arbeit wieder ab und schrieb stattdessen die Variationen über ein Rezitativ in freier Tonalität. Elemente aus dem Sonatenfragment verwendete er im folgenden Jahr in seinem Klavierkonzert.

Schönberg war nicht sehr vertraut mit dem Instrument und hatte zur Zeit der Komposition keinen Zugang zu einer Orgel, daher konnte er keine Angaben zur Registrierung machen. Außerdem notierte er wie in seinen Orchesterpartituren die tatsächlich klingenden Tonhöhen und überschritt dabei die Tastaturumfänge der Orgel. Für die Uraufführung am 10. April 1944 in New York erarbeitete Carl Weinrich, Organist und Musikdirektor an der Princeton University Chapel in New York, eine praktische Einrichtung des Stücks. Er ersetzte Schönbergs Klangnotation durch eine Griffnotation und verdeutlichte die tatsächlich klingende Oktavlage bei Bedarf durch Registrierangaben (wie 4' oder 16'). Schönberg konnte die Uraufführung nicht hören, wünschte aber ein baldiges Erscheinen des Werks. Deshalb stimmte er zu, dass es 1947 in Weinrichs Fassung mitsamt der von Weinrich für „seine“ Orgel entworfenen Registrierung bei Gray erschien. Im Nachhinein lehnte Schönberg die Registrierungsangaben Weinrichs ab, weil sie seiner Meinung nach die Struktur der Musik verunklaren würden. Sie erwiesen sich auch als zu sehr auf das konkrete Instrument in Princeton ausgerichtet und an anderen, insbesondere deutschen Orgeln aufgrund des geringeren Manualumfangs und der anders gearteten Disposition der Register als kaum praktikabel. Schönberg erreichte dennoch zu Lebzeiten keine Veröffentlichung seines originalen Notentextes mehr; dieser erschien erst 1973 in der Schönberg-Gesamtausgabe.

Form und Stilistik mini|Schönbergs op. 40: Thema und Beginn der ersten Variation Das Werk gliedert sich in das Thema, zehn Variationen, eine als Cadenza betitelte freie Überleitung und eine abschließende Fuge. Das Thema ist eine einstimmige Melodie von elf Takten, die aufgrund ihrer unregelmäßigen Phrasengliederung einen rezitativ-ähnlichen Charakter hat. Die Variationen sind ebenfalls jeweils elf Takte lang. Das Thema bildet ihre strukturelle Basis, ist aber nur noch stellenweise und unvollständig darin zu hören. Seine einzelnen Motive bilden das Material, das variiert und immer neu kombiniert wird.

Das Werk ist in erweiterter Tonalität komponiert und in freier Weise auf die Tonart d-Moll bezogen. Das Thema enthält zwar alle zwölf chromatischen Töne, nutzt diese aber nicht im Sinn der Reihentechnik, sondern mit freien Wiederholungen und Varianten ihrer Tongruppen. Als sein Ausgangspunkt und Zielpunkt ist der Zentralton d deutlich. Die Variationen bilden daraus ein komplexes polyphones Gewebe, dessen Harmonik sowohl traditionelle Dreiklänge als auch Quartenakkorde und freie Klangbildungen umfasst. Im Werk Schönbergs gehören sie zu einer Gruppe von nach 1936 entstandenen Werken, die versuchen, dem tonalen Komponieren noch neue Möglichkeiten abzugewinnen. Die Tonalitätsbehandlung ähnelt Schönbergs Werken aus der spättonalen Phase vor 1909, in denen die Tonalität extrem geweitet, aber noch nicht verlassen wird. Die Kompositionstechnik der Variationen steht besonders derjenigen der Kammersinfonie op. 9 von 1906 nahe.

Schönbergs Verhältnis zur Orgel Arnold Schönberg besaß nach eigener Aussage keine detaillierte Kenntnis des Instruments Orgel. Seine Ansichten zum Instrument äußerte er in dem unvollendeten Aufsatz „Die Zukunft der Orgel“ von 1906 oder 1907 und in mehreren Briefen aus späteren Jahren. Darin bezweifelte er grundsätzlich die Eignung der Orgel zur Darstellung moderner Musik. Anstelle einer Fülle an unterschiedlichen Klangfarben wünschte er sich nur wenige Register in 8'-Lage, die aber über sieben bis acht Oktaven ausgebaut und zu äußerster dynamischer Differenzierung „vom leisesten pianissimo bis zum größten fortissimo“ in der Lage sein sollten. Es ist wahrscheinlich, dass Schönberg ohne den Kompositionsauftrag des Verlags Gray nie für Orgel komponiert hätte, und es ist anspruchsvoll, seinen abstrakten Notentext für das Spiel einzurichten. Bernhard Haas nennt die Variationen op. 40 „gewiss alles andere als idiomatische Orgelmusik“.

In einem Brief an William Strickland aus dem Jahr 1941 erläuterte Schönberg seine Klangvorstellungen für das Werk, wobei er keine Orgelregister, sondern Orchesterinstrumente als Vergleich nannte. 1949 erarbeitete die Organistin Marilyn Manson für ihre Schallplattenaufnahme des Werks gemeinsam mit Schönberg eine Registrierung in der First Baptist Church in Los Angeles. Sowohl Schönbergs als auch Mansons Notizen zur Registrierung sind heute als wichtige Quellen für die Darstellung der Variationen verfügbar. Laut Manson wünschte Schönberg sich möglichst große Klarheit und Verständlichkeit der Stimmführung und der Form. Dazu sollte Manson die einzelnen Variationen unterschiedlich registrieren, aber innerhalb jeder Variation nur wenig Klangwechsel benutzen. Außerdem bevorzugte er Grundstimmen und ließ Manson Mixturen und scharf klingende Kombinationen nur an wenigen Stellen einbeziehen.

Notenausgaben Arnold Schönberg, Variations on a Recitative op. 40, H. W. Gray Publishers, New York 1947 (Erstdruck mit der Einrichtung des Stücks und Registrierungsangaben durch Carl Weinrich) Christian M. Schmidt (Hrsg.): Arnold Schönberg, Sämtliche Werke, Abteilung II, Reihe A, Band 5, Schott / Universal Edition 1973 Arnold Schönberg, Variationen über ein Rezitativ op. 40, Universal Edition, Wien 2024 (Praktische Ausgabe mit Textkorrekturen und der Einrichtung des Stücks durch Pier Damiano Peretti)

Literatur Jan Maegaard, Variationen über ein Rezitativ für Orgel op 40, in: Gerold Gruber (Hrsg.): Arnold Schönberg: Interpretationen seiner Werke, Band 2, Laaber 2002, S. 67–80. Gerhard Luchterhandt, Viele ungenutzte Möglichkeiten. Die Ambivalenz der Tonalität in Werk und Lehre Arnold Schönbergs, Mainz 2008. Darin Analyse der Variationen op. 40: S. 276–501. Bernhard Haas, Arnold Schönberg, Variationen über ein Rezitativ op. 40, in: Jon Laukvik (Hrsg.): Orgelschule zur historischen Aufführungspraxis, Teil 3: Die Moderne, Carus-Verlag, Stuttgart 2014, S. 229–241.

Weblinks

Werkeinführung von Eike Feß auf der Website des Arnold Schönberg Center, Wien Interview mit Pier Damiano Peretti zur Notationsproblematik und zur Neuausgabe 2024

Einzelnachweise

Kategorie:Werk von Arnold Schönberg Kategorie:Musik für Orgel