Janny Brandes-Brilleslijper (* 24. Oktober 1916 in Amsterdam; † 15. August 2003 ebenda) war eine jüdische niederländische Widerstandskämpferin und Holocaust-Überlebende während des Zweiten Weltkriegs.

Werdegang Marianne „Janny“ Brilleslijper wurde als Tochter von Fijtje (geborene Gerritse) und Joseph Brilleslijper geboren und wuchs mit ihrer älteren Schwester Rebekka „Lien“ Brilleslijper (später bekannt als Lin Jaldati) (1912–1988) und ihrem jüngeren Bruder Jacob „Jaap“ (1921–1944) in Amsterdam auf. Ihre Eltern hatten in der Stadt einen Obst- und Gemüsehandel. Nach der Volksschule begann sie sich mit dem Kommunismus zu beschäftigen. Im Jahr 1939 heiratete sie den nichtjüdischen Cornelis Teunis „Bob“ Brandes (1912–1998), im selben Jahr kam Sohn Robert zur Welt und bis 1941 Tochter Liselotte Dolores.

Widerstand während der Zeit des Nationalsozialismus Während der Besetzung der Niederlande arbeiteten Janny Brandes-Brilleslijper und ihr Mann Bob im niederländischen Widerstand. In ihrer Amsterdamer Wohnung versteckten sie Juden, fälschten Ausweise und vervielfältigten die Widerstandszeitung Het Signaal. Bereits 1941 fanden Hausdurchsuchungen statt. Janny Brandes-Brilleslijper und ihr Mann sowie ihre Schwester und deren Lebenspartner Eberhard Rebling (1911–2008) begannen nach einem ruhigen Wohnort zu suchen, um als jüdisch Verfolgte und Widerstandskämpfer weniger Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

mini|Villa ’t Hooge Nest Anfang 1943 fand die Gruppe die Villa ’t Hooge Nest. Die abgelegenen Lage des Hauses in einem Waldgebiet zwischen Naarden und Huizen in der Nähe des Gooimeers in der Region Het Gooi, das Fehlen direkter Nachbarn und der weite Blick auf sich nähernde Menschen machten das Haus besonders geeignet für diesen Zweck. Zudem lag der Eingang blickgeschützt auf der Rückseite des Hauses. Den Mietvertrag über 112,50 Gulden pro Monat unterschrieben die Lebenspartner der Schwestern, Eberhard Rebling (1911–2008) und Bob Brandes.

Das freistehende zweigeschossige Ziegelgebäude verfügte im Erdgeschoss über drei Zimmer mit Küche und im ersten Stock über vier Zimmer mit Bad. Im Dachgeschoss befanden sich mehrere frühere Bedienstetenquartiere. Ab Februar 1943 lebten dort Janny Brandes-Brilleslijper, ihr Mann und die beiden Kinder, ihr Bruder Jaap, ihre Eltern, ihre Schwester Lien mit ihrem Partner Eberhard Rebling und deren Tochter Kathinka. Außerdem wohnten im Haus noch eine vierköpfige befreundete Familie von Janny Brandes-Brilleslijper und ihrem Mann, das Kindermädchen Paulina „Puck“ van den Berg-Walvis sowie Simon van Krefeld und Jetty Drijf. Zeitweise waren bis zu 25 im Haus untergebracht, die sich dort vor dem Naziregime und dem drohenden Holocaust in den Niederlanden versteckten und ihre Widerstandsaktivitäten planten und koordinierten, auch wenn sich in der Nähe ebenfalls Villen von hochrangigen Angehörigen der Nationaal-Socialistische Beweging und NS-Führern befanden.

Um bei befürchteten Razzien und Hausdurchsuchungen Schutz suchen und belastendes Material verstecken zu können, baute Jaap Brilleslijper zahlreiche verborgene Verstecke im Haus ein. Sie befanden sich in Zwischenböden, hinter Vertäfelungen, abgehängten Decken und Hohlräumen und Nischen hinter den Wänden. Zusätzlich gab es einen Fluchttunnel vom Haus in den Garten sowie optische und akustische Sicherungs- und Warnsysteme aus verdrahteten Glöckchen und Fahrradbeleuchtungen in den Zimmern. Trotzdem versuchten die Bewohner das Alltagsleben aufrecht zu halten, veranstalteten Tanzabende und Hauskonzerte, erlernten verschiedene Musikinstrumente und ließen die Kinder im Garten spielen. Als einziger Nichtjude der Familie Brandes konnte nur Bob Brandes offiziell arbeiten und fuhr mit dem Fahrrad zu seiner Arbeit im Lebensmittelverteilungszentrum in Weesp. Gemeinsam mit ihm reiste Janny Brandes-Brilleslijper im Rahmen ihrer Widerstandsarbeit unter falscher Identität regelmäßig nach Den Haag, Amsterdam und Utrecht und half bei der Beschaffung falscher Papiere für andere Untergetauchte. Um nicht aufzufallen, unternahmen sie und ihre Schwester die notwendigen Einkaufsfahrten für die Hausbewohner getrennt mit dem Fahrrad nach Huizen, Blaricum und Laren und kauften in verschiedenen Geschäften nur kleine Mengen Lebensmittel.

Verhaftung und Deportation Nach anderthalb Jahren wurde die Gruppe am 10. Juli 1944 von einer unter Druck gesetzten Informantin verraten und insgesamt 16 Personen durch den SD verhaftet. Nur der abwesende Rob Brandes entging der Aktion, und Janny Brandes-Brilleslijpers Kinder sowie ihre Nichte konnten bei Bekannten untergebracht werden und wurden von dort schnellstmöglich durch den Widerstand an sicheren Orten versteckt. Die Schwestern Brilleslijper und die meisten anderen ihrer Mitbewohner wurden zunächst in das Durchgangslager Westerbork gebracht, wo sie die Familie Edith und Otto Frank mit deren Töchtern Margot und Anne Frank trafen. Janny Brandes-Brilleslijper freundete sich bei der gemeinsamen Arbeit in der Batteriedemontage mit Anne Frank an. Am 3. September 1944 wurden die Familien Brilleslijper und Frank in das KZ Auschwitz deportiert.

Da die Alliierten immer näher rückten, entschlossen sich die Nationalsozialisten, Auschwitz zu räumen. Im November 1944 wurden Janny Brandes-Brilleslijper und ihre Schwester in das KZ Bergen-Belsen verlegt, wo sie Anne und Margot Frank wiedersahen. Die Schwestern Brilleslijper waren im KZ als Krankenschwestern tätig. Sie waren mit den Schwestern Frank in einer Baracke untergebracht und kümmerten sich besonders um sie bis zu deren Tod Anfang 1945. Am 15. April 1945 wurden die auf 28 Kilogramm abgemagerte Janny Brandes-Brilleslijper und ihre Schwester von den britischen Truppen aus dem Lager befreit.

Weiteres Leben Über Enschede kehrten Janny Brandes-Brilleslijper und ihre Schwester nach Amsterdam zurück, wo sie ihre Partner und Kinder wiedertrafen. Sie waren die einzigen Überlebenden der Familie. Mit Hilfe des Roten Kreuz nahm Janny Brandes-Brilleslijper Kontakt zu Otto Frank auf und informierte ihn über den Tod seiner Töchter. Sie lebte nach dem Krieg mit ihrem Mann weiterhin in Amsterdam, wo sie auch ihre Kinder aufzog.

In dem mit einem Emmy ausgezeichneten Dokumentarfilm Laatste Zeven Maanden van Anne Frank des niederländischen Filmemachers Willy Lindwer aus dem Jahr 1988 berichtete Janny Brandes-Brilleslijper über ihre Zeit in den Konzentrationslagern und die Begegnung mit Anne Frank. Im Jahr 1998 wurde sie Witwe. Sie starb im August 2003 im Alter von 86 Jahren in Amsterdam an Herzversagen und wurde auf dem Friedhof Zorgvlied beigesetzt.

Literatur Basierend auf den Recherchen der niederländischen Juristin und Publizistin Roxane van Iperen erschien 2019 ’t Hooge Nest über die Schwestern Brilleslijper und die Geschichte der Villa als Versteck. Sie hatte 2012 das Haus gekauft und nach im Zuge der Sanierung entdeckten baulichen Veränderungen und Gegenständen in den Verstecken begonnen zu forschen. Das Buch wurde im Jahr seiner Veröffentlichung in den Niederlanden mit dem Opzij-Literaturpreis ausgezeichnet und erschien 2020 auf Deutsch unter dem Titel Ein Versteck unter Feinden. Die wahre Geschichte von zwei jüdischen Schwestern im Widerstand.

Einzelnachweise Katja Iken: Die vergessenen Freundinnen von Anne Frank. In: Der Spiegel vom 3. Juni 2020. Abgerufen am 12. Juni 2026 ’t Hooge Nest - Roxane van Iperen. In: conserve.nl. Abgerufen am 12. Juni 2026 Kevin Prenger: Het bijzondere levensverhaal van twee bewoners van ’t Hooge Nest. In: Historiek vom 12. August 2024. Abgerufen am 11. Juni 2026 ‚We verhuisden naar een villa in de bossen van Huizen, ’t Hooge Nest‘. In: inmijnbuurt.org. Abgerufen am 12. Juni 2026 Cornelia Ganitta: Tun, was getan werden muss. In: Jüdische Allgemeine vom 17. Mai 2020. Abgerufen am 12. Juni 2026 J. Brandes-Brilleslijper, 86; Dutch Resister Gave Aid to Anne Frank in Nazi Camp. In: Los Angeles Times vom 20. August 2003. Abgerufen am 13. Juni 2026 Hanneloes Pen: Verzet in 't Gooi: in deze villa lieten 2 zussen tientallen Joden onderduiken. In: Het Parool vom 15. November 2018. Abgerufen am 12. Juni 2026 ’t Hooge Nest. In: roxanevaniperen.nl. Abgerufen am 12. Juni 2026 Roxane van Iperen: ’t Hooge Nest. Lebowski Publishers, Amsterdam 2018 (deutsch: Ein Versteck unter Feinden. Die wahre Geschichte von zwei jüdischen Schwestern im Widerstand. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2020, ISBN 978-3-455-00645-2) Loes Gompes: Fatsoenlijk land ~ De onderduikers. In: rozenberg quarterly.com. Abgerufen am 12. Juni 2026 Ruth Vuilleumier: Das Geheimnis des Hohen Nests. In: Seniorweb Schweiz vom 30. Mai 2020. Abgerufen am 12. Juni 2026 Hiding place ’t Hooge Nest. In Traces of war. Abgerufen am 12. Juni 2026 John Schoorl: Roxane van Iperen dook in de fascinerende geschiedenis van haar Naardense villa, die in de oorlog diende als ‘commune van verzet’. In: De Volkskrant vom 20. November 2018. Abgerufen am 12. Juni 2026 Ammy Langenbach: ’t Hooge Nest’ door Roxane van Iperen. In Vrouwenbibliotheek Utrecht, November 2019. Abgerufen am 12. Juni 2026

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