mini|Villa ’t Hooge Nest (2024) Die Villa ’t Hooge Nest ist ein Haus am Driftweg 2 im Ortsteil Naarden der Gemeinde Gooise Meren in der niederländischen Provinz Nordholland. Das Gebäude diente während des Zweiten Weltkriegs und der Besetzung der Niederlande als eine Zentrale des Widerstands und als Versteck für jüdische Verfolgte.
Das Gebäude Die Villa wurde von dem aus der Region Zaan stammenden Architekten und Bauunternehmer Piet Molenaar im Auftrag des Sängers Dirk Witte als Wohnhaus entworfen und 1920 erbaut. Ursprünglich hieß sie „De Ark“ und erhielt erst später den Namen „’t Hooge Nest“ („Das hohe Nest“).
Das Haus inmitten eines weitläufigen Gartens und umgeben von Büschen und Bäumen wurde auf einem Hügel in einem abgelegenen Waldgebiet zwischen Naarden und Huizen in der Nähe des Gooimeers in der Region Het Gooi errichtet. Das freistehende quadratische zweigeschossige Ziegelgebäude mit Reetdach im Landhausstil verfügte im Erdgeschoss über drei Zimmer mit Küche und im ersten Stock über vier Zimmer mit Bad. Im Dachgeschoss befanden sich mehrere Bedienstetenquartiere.
Versteck während des Zweiten Weltkriegs mini|hochkant|Lien Brilleslijper, um 1938 Dirk Witte zog schon 1922 in die Villa „Solitude“ im Stadtteil Het Spiegel in Bussum und das Haus in Naarden wurde später verkauft. Während des Zweiten Weltkriegs war es im Besitz der zwei Schwestern Jansen aus Amsterdam, die es als Sommerhaus nutzten. Sie vermieteten es Anfang 1943 an die jüdischen Schwestern Janny und Lien Brilleslijper (Künstlername: Lin Jaldati), die auf der Suche nach einem ruhigen Wohnort waren, um als Jüdinnen und Widerstandskämpferinnen weniger Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Die abgeschiedene Lage des Hauses, das Fehlen direkter Nachbarn und der weite Blick auf sich nähernde Menschen machten das Haus besonders geeignet für diesen Zweck. Zudem lag der Eingang blickgeschützt auf der Rückseite des Hauses. Den Mietvertrag über 112,50 Gulden pro Monat unterschrieben die nichtjüdischen Lebenspartner der Schwestern, Eberhard Rebling und Bob Brandes.
Ab Februar 1943 lebten neben den Schwestern und ihren Familien und engen Verwandten zeitweise bis zu 25 Menschen im Haus, die sich dort vor dem Naziregime und dem drohenden Holocaust in den Niederlanden versteckten und ihre Widerstandsaktivitäten planten und koordinierten, auch wenn sich in der Nähe ebenfalls Villen von hochrangigen Angehörigen der Nationaal-Socialistische Beweging und NS-Führern befanden.
Um bei befürchteten Razzien und Hausdurchsuchungen Schutz suchen und belastendes Material verstecken zu können, wurden zahlreiche Verstecke im Haus eingebaut. Sie befanden sich in Zwischenböden, abgehängten Decken und Hohlräumen und Nischen hinter den Wänden. Zusätzlich gab es einen Fluchttunnel vom Haus in den Garten sowie optische und akustische Sicherungs- und Warnsysteme aus verdrahteten Glöckchen und Fahrradbeleuchtungen.
Nach anderthalb Jahren wurde die Gruppe am 14. Juli 1944 verraten und durch den SD verhaftet. Die Schwestern wurden zunächst in das Durchgangslager Westerbork gebracht, von dort in das KZ Auschwitz deportiert und im November 1944 in das KZ Bergen-Belsen. Nach ihrer Befreiung aus dem Lager am 15. April 1945 kehrten sie in die Niederlande zurück.
Spätere Nutzung mini|hochkant|Roxane van Iperen (2017) In späteren Jahren gehörte das Haus Fransje Sydzes-Westerman, einer ehemaligen Lehrerin. Von ihr kaufte die niederländische Juristin und Publizistin Roxane van Iperen mit ihrer Familie 2012 die renovierungsbedürftige Villa. Das Gebäude wurde umfassend saniert und mit neuen Durchbrüchen, Glasfassaden und einem Anbau zum Obstgarten hin umgebaut.
Nachdem während der Renovierungsarbeiten die baulichen Veränderungen und Gegenstände in den Verstecken gefunden wurden, wie Kerzenstummel, Notenblätter und Zeitungen des Widerstands aus dem Zweiten Weltkrieg, begann Roxane van Iperen zur Geschichte des Hauses zu forschen. Sie befragte Anwohner, sah Archive in Amerika und Israel ein und konnte durch den Kontakt zu den Verwandten den Nachlass der Schwestern Brilleslijper einsehen. Basierend auf ihren Recherchen schrieb sie ’t Hooge Nest über die Schwestern Brilleslijper und die Geschichte der Villa als Versteck. Das Buch erschien 2019 in den Niederlanden, wurde im selben Jahr mit dem Opzij-Literaturpreis ausgezeichnet und erschien 2020 auf Deutsch.
Literatur Roxane van Iperen: ’t Hooge Nest. Lebowski Publishers, Amsterdam 2018 (deutsch: Ein Versteck unter Feinden. Die wahre Geschichte von zwei jüdischen Schwestern im Widerstand. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2020, ISBN 978-3-455-00645-2)
Einzelnachweise ’t Hooge Nest - Roxane van Iperen. In: conserve.nl. Abgerufen am 6. Juni 2026
’t Hooge Nest Extension. In: donaldosborne.nl. Abgerufen am 6. Juni 2026
Kevin Prenger: Het bijzondere levensverhaal van twee bewoners van ’t Hooge Nest. In: Historiek vom 6. August 2024. Abgerufen am 5. Juni 2026
‚We verhuisden naar een villa in de bossen van Huizen, ’t Hooge Nest‘. In: inmijnbuurt.org. Abgerufen am 6. Juni 2026
Hanneloes Pen: Verzet in 't Gooi: in deze villa lieten 2 zussen tientallen Joden onderduiken. In: Het Parool vom 15. November 2018. Abgerufen am 6. Juni 2026
’t Hooge Nest. In: roxanevaniperen.nl. Abgerufen am 6. Juni 2026
Loes Gompes: Fatsoenlijk land ~ De onderduikers. In: rozenberg quarterly.com. Abgerufen am 6. Juni 2026
Ruth Vuilleumier: Das Geheimnis des Hohen Nests. In: Seniorweb Schweiz vom 30. Mai 2020. Abgerufen am 6. Juni 2026
Hiding place ’t Hooge Nest. In Traces of war. Abgerufen am 5. Juni 2026
John Schoorl: Roxane van Iperen dook in de fascinerende geschiedenis van haar Naardense villa, die in de oorlog diende als ‘commune van verzet’. In: De Volkskrant vom 20. November 2018. Abgerufen am 6. Juni 2026
Ammy Langenbach: ’t Hooge Nest’ door Roxane van Iperen. In Vrouwenbibliotheek Utrecht, November 2019. Abgerufen am 6. Juni 2026
Kategorie:Bauwerk in Noord-Holland Kategorie:Gooise Meren Kategorie:Niederländischer Widerstand 1940–1945 Kategorie:Jüdischer Widerstand gegen den Nationalsozialismus Kategorie:Judenrettung Kategorie:Villa in den Niederlanden Kategorie:Erbaut 1920