mini|Heinrich Böll Im Lande der Rujuks ist der Titel einer 1956in Unberechenbare Gäste. Heitere Erzählungen. Die Arche Zürich. veröffentlichten satirischen Erzählung von Heinrich Böll, in der die Erforschung indigener Völker parodiert wird.H. M. Waidson: Die Romane und Erzählungen Heinrich Bölls. In: Werner Lengning (Hrsg.): Der Schriftsteller Heinrich Böll. Ein biographisch-bibliographischer Abriß. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 38.

Inhalt Der Erzähler stellt zuerst seinen Lehrer, den Ethnologen James Wodruff, vor: Dieser hat den „Volksstamm [der Rujuks] entdeckt, seine Sprache, seine Sitten, seine Religion erforscht, hat zwei Expeditionen auf eine unwirtliche Insel südlich Australiens geleitet“, ein Buch „Volk nahe der Arktis“ verfasst und gilt als Begründer der Rujukforschung.Heinrich Böll: Im Lande der Rujuks. In: Nicht nur zur Weihnachtszeit. Satiren. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 66. Trotz seinen großen Fähigkeiten ist Wodruff nur einem kleinen Kreis von Spezialisten bekannt und der einzige Lehrstuhlinhaber dieser Disziplin. In den letzten 30 Jahren hat er nur zwei Studenten unterrichtet, einer von ihnen ist der Erzähler, der sich als Besitzer eines Landhauses in der Eifel und als Inhaber eines Obstgutes am Rhein ein 18-jähriges Rujuk- und Medizin-Studium leisten konnte, um bei der dritten Expedition als Arzt bei den Rujuks zu leben und deren Forschung weiterzuführen.

Als der Erzähler zur Reise aufbricht, wird er vom altersschwachen Lehrer mit dem Ruf verabschiedet: „Bruwal doidoi duraboi!“ (Der Wind möge keine widerspenstigen Geister gegen dich senden). Er fliegt nach Sydney und erreicht mit einem Walfänger die Insel der Rujuks. Doch dort wird sein Gruß „Joi wuba, joi wuba, buweida guhal!“ (Vom Meer, vom Meer komme ich, euch zu helfen, Brüder!) nicht verstanden. Die einheimischen Fischer sprechen inzwischen eine Mischung aus Rujuk und Film-Englisch und verehren Zarah Leander, die der Erzähler anfangs für eine mythische Figur hält. Desillusioniert vertrinkt er in der Strandbar seine Travellerschecks, gibt die Forschung auf und kehrt mit dem nächsten Postboot zum Festland zurück.

Heute lebt der inzwischen 45-Jährige von der Obstzucht in der Nähe des Rheins und spricht nur noch aus Liebhaberei Rujuk-Lieder oder flucht in der Rujuk-Sprache, wenn er mit dem Großhändler um den Preis feilscht. Dem alten Wodruff schickt er hin und wieder eine Kiste Äpfel und schreibt auf die beiliegende Karte „Wahu bahui“ (Verehrter Meister, du irrst). Der antwortet mit dem Ausruf „Hugai“ (Abtrünniger).

Rezeption und Interpretation In der Rezeptionsgeschichte hat sich die Bewertung der literarischen Werke Bölls geändert.Reinhold Neven DuMont, 10. Juni 2009, WDR-Interview.Uwe Wittstock: „Bölls Theaterstücke und Gedichte sind nichts wert.“ In: Die Welt, 15. Juli 2010, Interview mit Marcel Reich-Ranicki.Ulrich Greiner: Der Schriftsteller des Mitleids. Wir sollten ihn wieder lesen: Heinrich Böll. Der Abschluss der 27-bändigen Kölner Ausgabe ist ein guter Anlass. In: Die Zeit, Nr. 5, 27. Januar 2011. Im Zentrum des Interesses stehen nicht mehr seine als zeitgebunden empfundenen Romane, sondern seine metaphorische kleine Prosa. Mit dem „Blick für das einzelne, auf eine charakteristische Situation, […] bisweilen sogar mit der Akzentuierung einer scheinbar nebensächlichen Banalität“, werde von Böll „Parabelhaftes“ angestrebt: „Von Anfang an suchte er das Gleichnis, die Überhöhung.“ Viele seiner frühen Arbeiten seien zudem Ausdruck einer „fast antikisch anmutenden Schicksalsmächtigkeit“.Hans Schwab-Felisch: Der Böll der frühen Jahre. In: Werner Lengning (Hrsg.): Der Schriftsteller Heinrich Böll. Ein biographisch-bibliographischer Abriß. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 168, 169.

Böll gilt als ein wichtiger Vertreter der deutschsprachigen Kurzgeschichte, die er in einem Interview mit Reich-Ranicki 1967 als „die schönste aller Prosaformen“ bezeichnet.in: Heinrich Böll: Aufsätze – Kritiken – Reden II. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 225.

Ein Beispiel für seine Satiren ist die 1956 veröffentlichte „leichtherzige“H. M. Waidson: Die Romane und Erzählungen Heinrich Bölls. In: Werner Lengning (Hrsg.): Der Schriftsteller Heinrich Böll. Ein biographisch-bibliographischer Abriß. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 38. Erzählung Im Lande der Rujuks, die in viele Erzählsammlungenz. B. In. Die Waage der Baleks und andere Erzählungen ( Union Verlag Berlin, 1959), Erzählungen. Hörspiele. Aufsätze ( Kiepenheuer & Witsch Köln, 1961), Nicht nur zur Weihnachtszeit. Satiren. (Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1966), Die Erzählungen (Insel-Verlag Leipzig, 1966) aufgenommen wurde.

In der Rezeption werden die inhaltlichen und stilistischen Elemente der Erzählung.H. M. Waidson: Die Romane und Erzählungen Heinrich Bölls. In: Werner Lengning (Hrsg.): Der Schriftsteller Heinrich Böll. Ein biographisch-bibliographischer Abriß. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, u. a. Die Erzählungen (1966), S. 38. – Übersteigerung ins satirisch Groteske, Ironie, schwarzer Humor – meist im Zusammenhang mit anderen Satiren und Grotesken analysiert und interpretiert.Werner Lengning (Hrsg.): Der Schriftsteller Heinrich Böll. Ein biographisch-bibliographischer Abriß. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, u. a. Die Erzählungen (1966), S. 327.

Für die gesellschaftliche Umbruchphase in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und mit dem beginnenden wirtschaftlichen Wohlstand wird die „satirische Groteske“ als eine der beliebtesten Darbietungsformen zeitgenössischer Prosa zur Entlarvung der „Erbärmlichkeit des Realen“ bezeichnet: in ihr existiere „Unvereinbares im gleichen Raum“.Benno von Wiese: Einleitung zu Deutschland erzählt. Fischer Bücherei Frankfurt am Main, 1963, S. 11. Böll vertrete im Spektrum der Satire-Literatur eine besondere Stilart: die Verbindung von Kritik, moralischer Position und Groteske. Als „Moralist aus Güte“ scheue der Autor als „genaue[r] Beobachter seiner Zeitgenossen auch nicht den bitteren Humor, die maliziöse Satire auf die neu arrangierte Gesellschaft“.Friedrich G. Hoffmann und Herbert Rösch: Grundlagen, Stile, gestalten der deutschen Literatur. Hirschgraben-Verlag Frankfurt am Main, 1975, S. 350.

Für Korn steht Böll als Polemiker und heimlicher Moralist in seiner Zeit ziemlich allein da: Sein scharfes Auge sehe „die Abnormität im gesellschaftlichen Leben“. Weil jedoch die moralischen Traktate und Predigten nicht mehr wirken, gehe er Umwege. Er halte sich an das, was die Sprache sehr genau sage, Ver-rückte. Die Karikatur seiner Satire enthalte eine allgemeine Wahrheit, „weil die Normalen allesamt als mehr oder weniger ver-rückt erscheinen“. Indem er ins Groteske gesteigerte Geschichten erzähle, vermeide er, „aus klugem Instinkt“, den Zorn. Er habe die Lacher auf seiner Seite. Sein Stil sei forciert realistisch, die Ironie dosiert, die Absicht geschickt verkleidet. So treffe er wie absichtslos neuralgische Punkte: „schlimme Konstruktionsfehler unserer technisch organisierten verwalteten Welt […] groteske Missbildungen“.Karl Korn: Das Salz der Satire. In: Werner Lengning (Hrsg.): Der Schriftsteller Heinrich Böll. Ein biographisch-bibliographischer Abriß. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 65.66.

Kilchemann zählt Bölls satirische Erzählungen zu den besten in der zeitgenössischen Literatur.Ruth J. Kilchemann: Die Kurzgeschichte. Formen und Entwicklungen. W. Kohlhammer Verlag Stuttgart, 1967, S. 165. Hier verwirkliche Böll seine Ansicht, „dass das Wirkliche phantastisch sei“, und lasse „diese phantastische Wirklichkeit Gestalt werden, indem er dem Schein die Maske abreißt. Seine Angriffe auf die Auswüchse der Nachkriegsgesellschaft treffen gut gezielt ins Schwarze.“ Der Ausdruck sei „präzis und prägnant, die Waffe scharf geschliffen.“Ruth J. Kilchemann: Die Kurzgeschichte. Formen und Entwicklungen. W. Kohlhammer Verlag Stuttgart, 1967, S. 165.

Nach Rasch erzeugen Bölls Erzählungen „Unbehagen, Unruhe bei denen, die […] sich den erfolgverheißenden Spielregeln der gegenwärtigen Wirklichkeit ohne Vorbehalt anzupassen suchen […] Man spürt, dass im selbstzufriedenen Behagen ein Verlust enthalten ist, im Wohlstand eine Verarmung, im Erfolg Versäumnis. […] Wenn Bölls Menschen nicht wissen, woran es ihnen eigentlich mangelt, so wissen sie wenigstens, dass ihnen etwas fehlt, etwas Wesentliches, dass ihnen ein menschlich erfülltes Dasein vorenthalten bleibt […] Jede Erzählung Bölls setzt uns in Misstrauen gegenüber unserer Wirklichkeit, unseren Lebensverhältnissen. […] Bölls Dichtung entfaltet sich am Widerstand gegen diesen Anspruch der kompakten Realität, aus dem Spannungsverhältnis zu ihr entspringt der Funke erzählerischer Inspiration. Er erfindet Geschichten, einfache klar gebaute, von innerer Spannung vibrierende Stories, die gleichzeitig auch mehr sind: Enthüllungen, Bloßlegungen einer Wahrheit, auch Anklage und Protest – aber es ist stets ein dichterisch geformter, in der Gestalt der Erzählung eingeformter Protest, als Gleichnis darstellend“. Wolfdietrich Rasch: Lobrede und Deutung. In: Werner Lengning (Hrsg.): Der Schriftsteller Heinrich Böll. Ein biographisch-bibliographischer Abriß. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 10, 11.

Literatur Erhard Friedrichsmeyer: Die satirische Kurzprosa Heinrich Bölls. Chapel Hill 1981. Manfred Durzak: Die deutsche Kurzgeschichte der Gegenwart. Autorenporträts, Werkstattgespräche, Interpretationen. Stuttgart 2. Aufl. 1982. Harald Gerber: Erläuterungen zu Heinrich Böll. Kurzgeschichten, Erzählungen, Romane. Teil I. Krieg und Nachkrieg. Bange, Hollfeld/Ofr. 1987. Manfred Jurgensen: „Die Poesie des Augenblicks“. Die Kurzgeschichten, S. 43–60. In: Bernd Balzer (Hrsg.): Heinrich Böll 1917–1985 zum 75. Geburtstag. Lang, Bern 1992. Werner Bellmann (Hrsg.): Das Werk Heinrich Bölls. Bibliographie mit Studien zum Frühwerk. Westdeutscher Verlag, Opladen 1995. Werner Bellmann (Hrsg.): Heinrich Böll, Romane und Erzählungen. Interpretationen. Reclam, Stuttgart 2000.

Anmerkungen

Kategorie:Erzählung Kategorie:Werk von Heinrich Böll Kategorie:Literarisches Werk Kategorie:Literatur (Deutsch) Kategorie:Literatur (20. Jahrhundert)