mini|Italienische Besatzungsgebiet in Frankreich Die italienische Besetzung Frankreichs war die Besetzung von Teilen Südostfrankreichs und Monacos durch das Königreich Italien zwischen 1940 und 1943. Sie bestand parallel zur deutschen Besetzung Frankreichs und verlief in zwei Phasen. Nach der deutschen Besetzung der bislang unbesetzten Zone des Vichy-Regimes im Rahmen von Unternehmen Anton im November 1942 wurde die italienische Besatzungszone erheblich ausgeweitet. Nach dem Sturz des faschistischen Regimes in Italien und dem Waffenstillstand von Cassibile zogen sich die italienischen Truppen im September 1943 aus Frankreich zurück; die verlassenen Gebiete wurden anschließend von der deutschen Wehrmacht bis zur Befreiung Frankreichs im Jahr 1944, insbesondere im Zuge der Operation Dragoon, besetzt.
Geschichte Die erste italienische Besetzung französischen Territoriums erfolgte im Juni 1940 und wurde im November 1942 ausgeweitet. mini|Italienische Soldaten des San-Marco-Regiments im besetzten Frankreich, 1942 Der deutsche Westfeldzug gegen die Beneluxstaaten und Frankreich begann am 10. Mai 1940; Mitte Mai standen deutsche Truppen bereits auf französischem Boden. Anfang Juni evakuierten britische Streitkräfte während der Schlacht von Dünkirchen ihre Truppen aus Nordfrankreich. Am 10. Juni 1940 erfolgte die Kriegserklärung Italiens an Frankreich und Großbritannien. Zehn Tage später begann die italienische Armee ihren Angriff auf Frankreich. Zwei Tage nach der Niederlage Frankreichs unterzeichneten Italien und Frankreich am 24. Juni 1940 den französisch-italienischen Waffenstillstand. Darin wurde eine italienische Besatzungszone festgelegt.
Diese erste, dem Königreich Italien zugewiesene und faktisch annektierte Besatzungszone umfasste 832 km² und hatte 28.500 Einwohner.Militärgeschichtliches Forschungsamt: Germany and the Second World War – Volume 2: Germany's Initial Conquests in Europe, S. 311. Die größte Stadt innerhalb der ursprünglichen italienischen Besatzungszone war Menton. Die wichtigste Stadt innerhalb der 50 km breiten entmilitarisierten Zone entlang der früheren Grenze zum italienischen Vallo Alpino war Nizza.
Im November 1942, im Zusammenhang mit Unternehmen Anton und der deutschen Besetzung der bis dahin unbesetzten Zone Frankreichs, weitete die italienische Armee ihre Besatzungszone aus. Die Königlich Italienische Armee übernahm die Kontrolle über Toulon und die gesamte Provence bis zur Rhône sowie über die Insel Korsika, die von italienischen Irredentisten beansprucht wurde. Nizza und Korsika sollten – ähnlich wie Menton 1940 – Italien einverleibt werden, um die Forderungen italienischer Nationalisten und irredentistischer Gruppen wie der italienischsprachigen Kreise in Nizza und auf Korsika zu erfüllen. Dazu kam es jedoch wegen des italienischen Waffenstillstands im September 1943 nicht mehr; danach übernahmen deutsche Truppen die italienischen Besatzungsgebiete.
Der genaue Umfang der tatsächlich von Italien besetzten Gebiete in Südostfrankreich ist in der Forschung umstritten. Eine Studie zur Postgeschichte der Region kam anhand zensierter Post zu dem Ergebnis, dass Italien den östlichen Teil Frankreichs bis zu einer Linie Toulon–Gap–Grenoble–Chambéry–Annecy–Genf kontrollierte. Westlich dieser Linie seien italienische Besetzungen nur punktuell oder vorübergehend gewesen.
Italienische Besatzungspolitik Die italienische Besatzungsarmee in Südfrankreich bestand im November 1942 aus vier Infanteriedivisionen mit 136.000 Soldaten und 6.000 Offizieren. Auf Korsika standen weitere 66.000 Soldaten und 3.000 Offiziere. Im August 1940 errichtete die Königlich Italienische Marine außerhalb der italienischen Besatzungszone einen U-Boot-Stützpunkt in Bordeaux. Von Bordeaux Sommergibile – kurz BETASOM – aus nahmen 32 italienische U-Boote an der Atlantikschlacht teil. Bis September 1943 versenkten diese U-Boote 109 alliierte Handelsschiffe mit insgesamt 593.864 Tonnen sowie 18 Kriegsschiffe mit rund 20.000 Tonnen. Elf dieser U-Boote gingen verloren.Walter Ghetti: Storia della Marina Italiana nella seconda guerra mondiale, S. 26.
Die italienische Besatzungspolitik in Südostfrankreich war von mehreren, teils widersprüchlichen Zielen geprägt. Einerseits verfolgte das faschistische Italien territoriale Ansprüche, insbesondere auf Nizza, Korsika und Teile der französischen Alpenregionen. Andererseits versuchte die italienische Militärverwaltung, die besetzten Gebiete mit vergleichsweise begrenztem Verwaltungsaufwand zu kontrollieren und Konflikte mit der französischen Bevölkerung möglichst einzudämmen. Die Besatzung beruhte daher auf militärischer Kontrolle, politischer Einflussnahme und punktueller Italianisierung, blieb aber weniger umfassend institutionalisiert als die deutsche Besatzung in Nord- und Westfrankreich. Bis zum Sommer 1943 gab es in Frankreich kaum bewaffneten Widerstand der Résistance gegen die italienische Besatzung. Auch das Vichy-Regime, das Südfrankreich verwaltete, verhielt sich gegenüber Italien vergleichsweise kooperationsbereit und hoffte auf Zugeständnisse, die Deutschland in seiner eigenen Besatzungszone nicht gewährte.
In den 1940 besetzten Gebieten, vor allem in Menton, wurden italienische Verwaltungsstrukturen etabliert. Die italienische Seite behandelte die Stadt faktisch als annektiertes Gebiet und band sie enger an die eigenen Behörden an. Nach der Ausweitung der Besatzungszone 1942 blieb die Lage komplexer: In vielen Gebieten bestanden französische Verwaltungsstrukturen des Vichy-Staates fort, während die italienische Armee die militärische Kontrolle ausübte. Dies führte zu einem Nebeneinander von italienischen Besatzungsorganen, französischen Behörden und lokalen Machtinteressen.
Flucht von Juden ins italienische Besatzungsgebiet Ein besonderes Merkmal der italienischen Besatzung war die Haltung gegenüber jüdischen Flüchtlingen und französischen Juden. Obwohl das faschistische Italien seit 1938 selbst antisemitische Gesetze erlassen hatte, verweigerten italienische Militär- und Polizeistellen in Südostfrankreich wiederholt die Zusammenarbeit mit deutschen und vichyfranzösischen Stellen bei der Deportation von Juden. Viele Tausend Juden begaben sich in die italienische Besatzungszone, um der Verfolgung zu entgehen. Nach November 1942 sollen zahlreiche der in Frankreich verbliebenen Juden dort Zuflucht gesucht haben, was allerdings auch teilweise von den faschistischen Behörden unterbunden wurde.
Der italienisch-jüdische Bankier Angelo Donati spielte eine wichtige Rolle dabei, italienische zivile und militärische Behörden davon zu überzeugen, Juden vor französischer Verfolgung zu schützen. Er rettete mehreren Tausenden Personen so das Leben.
Im Januar 1943 verweigerten die Italiener die Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten bei der Erfassung der Juden in der von ihnen kontrollierten französischen Besatzungszone. Im März verhinderten sie die Deportation von Juden aus ihrem Gebiet. Der deutsche Außenminister Joachim von Ribbentrop beklagte gegenüber Mussolini, italienischen Militärkreisen fehle ein angemessenes Verständnis der „Judenfrage“.
Nach dem italienischen Waffenstillstand von Cassibile besetzten deutsche Truppen am 8. September 1943 die frühere italienische Zone und begannen mit brutalen Razzien. Alois Brunner, der für Judenangelegenheiten zuständige SS-Funktionär, leitete Einheiten zur Aufspürung von Juden. Innerhalb von fünf Monaten wurden etwa 5.000 Juden festgenommen und deportiert.
Italienische Gebietsansprüche mini|298x298px|Plan A: Annexion von Nizza und Korsika sowie militärische Besetzung bis zur Rhône. Plan B: Annexion von Nizza, Korsika und französischen Alpengebieten; Schaffung der Provinz Alpi Occidentali mit Briançon/Brianzone als Hauptstadt. Neben Nizza und Korsika erhob Italien weitere territoriale Ansprüche gegenüber dem besiegten Frankreich. 1940 erarbeitete die italienische Waffenstillstandskommission für Frankreich (Commissione Italiana d'Armistizio con la Francia, CIAF) zwei detaillierte Pläne für die Zukunft der besetzten französischen Gebiete. Plan A sah eine italienische Militärbesetzung bis zur Rhône vor, wobei Frankreich – mit Ausnahme Korsikas und Nizzas – seine territoriale Integrität behalten sollte. Plan B, vorgeschlagen von Senator Francesco Salata, dem Leiter einer Abteilung des Istituto per gli Studi di Politica Internazionale für italienische Gebietsansprüche, umfasste die italienische Annexion der Alpes-Maritimes einschließlich des Fürstentums Monaco sowie von Teilen der Départements Alpes-de-Haute-Provence, Hautes-Alpes und Savoie. Das Gebiet sollte als neue italienische Region Alpi Occidentali verwaltet werden; Briançon sollte unter dem italienischen Namen Brianzone Provinzhauptstadt werden.
Literatur
Weblinks
Einzelnachweise
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